Gastbeitrag Peter Groß: Wird das Dornier-Museum jetzt zum Gruselkabinett?

Mit freundlicher Genehmigung des Journalisten Peter Groß veröffentlicht SatireSenf nachstehend seinen Beitrag zu einer weiteren Steuerversenkungsidee am See. Sie ist in ihrer Schwachsinnsmorphologie zwar nicht vom Bodenseekreis initiiert, sondern von Ex-Außenminister Sigmar Gabriel (SPD). Sie wird aber – zumindest bisher –  im Bodenseekreis aufgeführt: die Ausstellung des Flugzeugs „Landshut“ im Dornier Museum Friedrichshafen seit dem 7. April 2019.

Im Oktober 1977 und mitten in der politisch gestaltungsmächtigen Phase des RAF-Terrors war die Boing 737-200 der Lufthansa „Veranstaltungsort“ eines in den deutschen Geschichtsbüchern markant verzeichneten Grauens für 91 Passagiere und Besatzung. Mit der Flugzeugentführung  wollten die Terroristen der palästinensischen Befreiungsorganisation PFLP ihre in deutscher Haft sitzenden Gesinnungsgenossen der Rote-Armee-Fraktion (RAF) freipressen. Das Vorhaben scheiterte an der Verweigerungshaltung der deutschen Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD). Die sensationelle und erfolgreiche Geiselbefreiung durch die Eliteeinheit GSG9 in Mogadischu „gilt als das auslösende Moment für den kollektiven Suizid der inhaftierten RAF-Spitze in der sogenannten Todesnacht von Stammheim, die wiederum die Ermordung Hanns Martin Schleyers zur Folge hatte“(Quelle).

Die inzwischen zeitgemäß verrottete Blechkiste, in der 91 Menschen sechs Tage lang die Hölle erlebten, wird heute vom Dornier Museum in Friedrichshafen in einer ganzseitigen Zeitungsanzeige mit Spiel und Spaß konnotiert. Mit dem Versprechen „Musik & Unterhaltung“ sowie „Kinderprogramm“ – mithin dem puren Vergnügen dort, wo vor 42 Jahren unter anderem die im Mittelgang vorgenommene Exekution von Kapitän Jürgen Schumann für „Unterhaltung“ sorgte, sollen ausreichend Besucher ins Museum gelockt werden, um die extremen Kosten für den Transport des Flugzeugs nach Deutschland und dessen Restaurierung zu deckeln. Die Landshut soll in Friedrichshafen restauriert und spätestens 2022 ausgestellt werden (BILD berichtet!).

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Mit diesem Plakat bewirbt das Dornier Museum Friedrichshafen die Eröffnungsveranstaltung zur Besichtigung des Flugzeugs "Landshut". Alle künstlerischen und kreativen Elemente des Plakats wurden zum Schutz der Bildrechte des Dornier Museums sowie des gestaltenden Künstlers / der gestaltenden Künstlerin unkenntlich gemacht. Die roten Umkreisungen des auf schieren Kommerz schielenden Marktgeschreis, das aus einem tiefernsten und bitteren Moment der deutschen Geschichte ein Unterhaltungsprogramm macht, stammen von der SaSe-Redaktion. Die Abbildung des Plakats erfolgt zum Beleg der im Text erhobenen Behauptungen. Plakat: Dornier Museum Friedrichshafen; Bearbeitung: Karin Burger

Mit dieser ganzseitigen Zeitungsanzeige bewirbt das Dornier Museum Friedrichshafen die Eröffnungsveranstaltung zur Besichtigung des Flugzeugs „Landshut“. Alle künstlerischen und kreativen Elemente des Werks wurden zum Schutz der Bildrechte des Dornier Museums sowie des gestaltenden Künstlers / der gestaltenden Künstlerin unkenntlich gemacht. Die roten Umkreisungen des auf schieren Kommerz schielenden Marktgeschreis, das aus einem tiefernsten und bitteren Moment der deutschen Geschichte ein Unterhaltungshappening bastelt, stammen von der SaSe-Redaktion. Die Abbildung der Anzeige erfolgt einzig zum grafischen Beleg der im Text erhobenen Behauptungen.
Plakat: Dornier Museum Friedrichshafen; Bearbeitung: Karin Burger

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Der Niedergang und die banale Kommerzialisierung einer im Ansatz durchaus diskussionswürdigen Idee zum puren Tourismus-Event und Unterhaltungs-Happening mit Kinderprogramm, Musik und Weißwurst-Frühstück kommentiert Peter Groß im nachstehenden Text.

Der Artikel wurde zuerst auf dem Blog Forum Langenargen veröffentlicht.

Ganz aktuell ergänze ich das Thema mit dem Hinweis auf den Südkurier-Artikel vom 17. April 2019  „Die SPD und das Gezerre um die Landshut“.  Er belegt den tiefen Fall des Geschichtsbewältigungskindes in den noch gar nicht finanzierten Brunnen.
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Friedrichshafen: Wird das Dornier Museum jetzt zum Gruselkabinett ?

von Peter Groß

Es scheint, man möchte an den Ufern des Bodensees auf keine Geschmacklosigkeit verzichten, wenn diese eine Steigerung der Touristenzahlen auch nur vermuten lässt. Nach jahrelangen Erfahrungen (seit 2013) mit dem Steuergeld-Versenkungsprojekt  Deutsche Bodensee Tourismus GmbH (DBT) ist deren Echt Bodensee Card vom Bund der Steuerzahler in der Publikation Der Steuerzahler Nr. 4/2019 erneut als „Fass ohne Boden“ kritisiert worden (TS35/19). Dem hätte man zugleich noch eine weitere Petitesse hinzufügen können: den Millionendeal der jetzigen schwarz-roten Koalition für die „Landshut“.

Wie des Öfteren publiziert, hatte der ehemalige Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) alle Hände voll zu tun, um sein Lieblingsprojekt durchzuboxen, die „Landshut“ nach Deutschland zu holen. Gegen den Rat der eigenen Fachleute, ohne richtigen Plan und ohne eine gesicherte Finanzierung schmiss er, wie man hört, alternativ- oder kompromisslos erstmalig 12 Millionen Euro auf den Tisch einer illustren Pokerrunde. Gabriel wunderte sich alsbald, dass der Friedrichshafener Oberbürgermeister Andreas Brand das Leckerli nicht schlucken wollte. Möglicherweise hatte Brand dabei auch die jahrzehntelangen Folgekosten im Auge? Vielleicht dachte er aber auch an die DBT? Selbst der Fluggeräteaussteller David Dornier mit seinem Dornier Museum schien nicht recht beglückt. Die Deutsche Welle (dw) konstatiert nach den Bewertungen einer damals Betroffenen: „Den Hype um das „tonnenschwere Alteisen, das ein Stück Zeitgeschichte und sogar Symbol des wehrhaften deutschen Staates sein soll, versteht sie [die damals Betroffene – Anmerkung P. G.] nicht“ (Quelle).

Es scheint, man weiß nicht recht umzugehen mit dieser Phase deutscher Geschichte. Die Zeit, als die Arbeiterbewegung noch zu den Guten gehörte und Gudrun Ensslin mit Bernward Vesper den Kleinverlag Studio Neue Literatur in Bad Cannstatt gründete. Das erste von zwei verlegten Büchern dort war: Gegen den Tod – Stimmen deutscher Schriftsteller gegen die Atombombe.

Das Völkchen der Linken war überschaubar. Die verkürzten ihre Jugendzeit in endlosen, bierseligen Diskussionen, halfen Deserteuren der US-Army auch mal nach Frankreich und durften zum Dank mit jenem Hippiekraut experimentieren, dessen Namen ich hier nicht nennen werde. Es gab Initiativen der Außerparlamentarischen Opposition (APO) gegen die physische und psychische Gewalt in Kinder- und Jugendheimen. Die Arbeitsergebnisse des 2008 gegründeten „Runder Tisch Heimerziehung“ führten schlussendlich zur Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels bundesdeutscher Geschichte in den 50er und 60er Jahren. So ziemlich alle Mitglieder der RAF waren in irgendeiner Art und Weise daran beteiligt, autoritäre und unterdrückerische Zustände in der damaligen Fürsorgeerziehung der Bundesrepublik Deutschland bekannt zu machen und abzuschaffen. Es waren auch Heimkinder, die im weiteren Verlauf ihrer Biografie zu Mitgliedern der Terrororganisation wurden.


Dauerausstellung oder nur einmal ins Cockpit der „Landshut“ schauen
RAF. „Terror im Südwesten“ heißt etwas reißerisch die Ausstellung im Stuttgarter Haus der Geschichte Baden-Württemberg die inzwischen nur noch im Internet besucht werden kann. .

2003 hat man die Berliner Ausstellung „Mythos RAF“ als Tabubruch bezeichnet und von einem Gipfel der Geschmacklosigkeit gesprochen. Dieser Bewertung schlossen sich umgehend Bundestagsabgeordnete von CDU, FDP und SPD an, auch weil das Projekt damals mit 100.000 Euro (!) aus dem Hauptstadt-Kulturfond gefördert werden sollte.

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Mit der „Landshut“ -Ausstellung gegen Versklavung, Terrorismus und Völkermord?
Die Zeitzeugin und damalige Lufthansa-Stewardess Gabriele von Lutzau äußert sich gegenüber der Deutschen Welle zum jüngsten Geschichtsbewältigungsversuch der Bundesregierung in Friedrichshafen so: „Mein Ziel war, dass die „Landshut“ zurückkommt, dass die Ausstellung in Friedrichshafen zu einem Dokumentationszentrum gegen den Terror wird“ (Quelle).

Sie führt weiter aus: „Ich stelle mir vor, dass im vorderen Teil der Maschine vielleicht die Bestuhlung wieder hergerichtet wird, die Küche und das Cockpit halbwegs restauriert werden, und dahinter dann ein Dokumentationszentrum entsteht. Da können dann auch Filme gezeigt werden. Dafür gibt es Spezialisten, die nichts anderes machen (Gabriele von Lutzau: Mit der Landshut gegen Terrorismus/dw/5.9.17).

Das wird eine Ausstellung für ein sehr begrenztes Publikum – fürchte ich. Die jüngeren Museumsbesucher sind durch PC-Spiele oder Virtual-Reality-Brillen ein deutlich anderes multimediales Angebot in Museen oder im Rahmen von Ausstellungen gewohnt.

Man möchte unterstellen, dass auch der heute 60jährige Sigmar Gabriel nicht umhinkönnen wird, die Welt der aktuellen Kriege, des Terrors und der Völkermorde zur Kenntnis zu nehmen und mit anderen Augen zu sehen? Im  April dieses Jahres begann vor dem Oberlandesgericht München der Prozess gegen eine IS-Rückkehrerin wegen des Vorwurfs von Kriegsverbrechen, der Beteiligung am Völkermord an den Jesiden und deren Versklavung. Offensichtlich ist: Es wird ein ganz neuer pädagogischer Ansatz benötigt, der meines Erachtens in Friedrichshafen nicht umzusetzen ist.


Vom Volksfestspektakel zum Gruselkabinett nach Bodensee-Art
Schon die Auftaktveranstaltung „Tag der offenen Tür im Dornier Museum“ war für mich ein pietätloses Spektakel, das mit Frühschoppen, Weißwurstfrühstück und musikalischer Unterhaltung durch den Musikverein Kehlen e. V. begann und später (im 20-Minuten-Takt) einen Blick ins Cockpit der „Landshut“ ermöglichte. Wie lange sich dieses Konzept hält, steht in den Sternen. Die diversen RAF–Ausstellungen behielten ihre Attraktivität jeweils nur kurze Zeit (Beispiel).

Die Eintrittspreise des Dornier Museum scheinen mir mit 11 Euro für Erwachsene und 10 Euro für Kinder nicht besonders profitabel zu sein? Ich bin versucht, ein „Dungeon“ genanntes Gruselkabinett zu empfehlen. Ein Familien-Sparticket (2 Erwachsene, 2 Kinder) kostet vor Ort 69 Euro.

Als touristische Attraktion könnte man in 90 Minuten eine Zeitreise erleben, die sowohl Wissenswertes über die Vergangenheit vermittelt als auch ein schaurig schönes „Vergnügen“ bietet. Detailliert und liebevoll gestaltete Kulissen, aufwendige technische Effekte, Stroboskoplicht und Drucklufttechnik sorgen für Todesangst-Stimmung und bewegen Gegenstände wie von Geisterhand. Ein extra komponierter Soundtrack wäre eine interessante Ergänzung. Es gibt Tondokumentationen, die beim Südwestrundfunk als „Aktuelle Berichterstattung zur Entführung der Lufthansa-Boeing“ (Länge 44´31) und als „Mogadischu – Funksprechverkehr mit der entführten „Landshut“ (Länge 1:38:41) archiviert sind. Kostümierte Schauspieler könnten als infantilisierte Terroristen-Reminiszenz einen gesundheitsverträglich abgemilderten und dennoch als authentisch behaupteten Eindruck vermitteln und die damalige Todesangst von Besatzung und Passagieren, das Besprühtwerden mit brandbeschleunigendem Alkohol und den verwehrten Gang zum Klo über mehrere Tage hinweg zum Miterleben nachspielen.

Nahezu alle am wirtschaftlichen Erfolg orientierten Museen bedienen sich heute dieser Methoden und erzielen ansehnliche Zusatzeinkünfte durch ein umfängliches Angebot von Publikationen, Filmen, Andenken und Bekleidung.

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