HInfo20: 11. Gögginger Poetry-Slam: Multiple Essstörungen vor mütterlichem Publikum

Im ausverkauften Lindesaal in Göggingen schlägt Lena Stockhoff den Lokalmatador Andreas Rebholz

2017 ist ein Rekordjahr für No Stress, den Veranstalter des Gögginger Poetry-Slam. Der zehnte von Christian Biehler und Team ausgerichtete Dichterwettstreit (FAZ-Artikel über die Erfolgsgeschichte des Poetry-Slams in Deutschland)  lockte am Mittwoch nach Weihnachten 250 Zuschauer in den Gögginger Gasthof Linde. Dort versammelte sich ein eher junges Publikum, unkonventionell. Jeans und Pullover waren der dominierende Dresscode. Die Veranstaltung begann mit leichter Verzögerung, weil die Schlange vor der Abendkasse erst abgearbeitet werden musste. Schattenseite dieses unerwarteten Erfolges: Die Tonanlage war dem Ansturm nicht gewachsen. Die ersten Sitzreihen litten sichtlich unter der extremen Lautstärke, die notwendig war, um das Publikum im proppenvollen Saal allein von der Bühne aus zu beschallen und die Vorträge bis in die hinterste Reihe verständlich zu machen. Christian Biehler gelobt diesbezüglich für das nächste Jahr Besserung.

Moderiert wurde der gut durchorganisierte Abend von Martin Geier aus Fürth, einem Moderator-Profi der Branche. Geier hatte sofort einen Draht zum Publikum, das seinen Anweisungen für das Tuning der akustischen Publikumsbewertung brav Folge leistete.

Neun Slammer rangen in drei Wettbewerbsrunden um die Gunst eines Publikums, wie man es sich engagierter für eine solche Veranstaltung nicht wünschen kann: textsaugende Stille während der Vorträge und üppig belohnender Applaus danach. Der wurde insbesondere nach dem Auftritt des Lokalmatadors Andreas Rebholz auch einmal frenetisch.

Andrea Zuta (Nürnberg), Andreas Rebholz (Sigmaringendorf) und Mo aus Passau eröffneten den Dichterwettstreit. Zuta beschäftigte sich unter wiederholter Verwendung der arg gebeutelten Metapher des chinesischen Reissacks, umfallend, mit der hämmernden Abfolge schlimmer Nachrichten weltweit und deren grausames Schicksal des Vergessenwerdens. Damit war die Klimax politischer Texte für diesen Abend erreicht.
Ohne den abgegriffenen Sack Reis kam auch Andreas Rebholz in seinem lyrischen inneren Monolog zum Thema der eigenen Durchschnittlichkeit nicht aus.
Mo aus Passau verfügt über acht Jahre Erfahrung im Poetry-Slam. Sein Gedicht „Das Besinnlichkeitsmassaker“ griff das aktuelle Thema Weihnachten auf und führte mit dem Grinch, der Zahnfee und dem Rentier Rudolph auch fiktionale Elemente ein. Die einzigen dieses Abends.
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Obwohl das Publikum jeden einzelnen Poeten reich mit geklatschter Zustimmung beschenkte, gewann Andreas Rebholz klar den ersten Durchgang.
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Die Essstörungen-Runde
Auch für die zweite Runde erhalten blieb der gut konsumierbare Wechsel von Lyrik und Prosa. Der Altohrhase-Slammer Felix Kaden (Homepage) aus Erlangen – phänotypisch mit Reminiszenzen an Claus von Wagner – bediente wieder das Lyrik-Fach. Und er sorgte für den Lacher des Abends, als er sein Smartphone mit der Textvorlage demonstrativ in einer den Literaten besser schmückende Kladde „versteckte“. Dieser humorige Höhepunkt sollte einsam bleiben.
Als Profi um „Sex sells“ wissend, lud Kaden seine dann folgenden Betrachtungen der eigenen Essstörung mit jeder Menge schlüpfriger Anspielungen auf.
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Bitter-ernst wurde anschließend Dorothee Röder aus Zirndorf mit einem, wie sie selbst ankündigte, „sehr persönlichen Text“, der sich erneut mit dem Thema Essstörung und dem dazu gehörigen desaströsen Selbstbild befasste. Das war zweifellos der tragischste Moment des Abends, auch wenn Martin Hönl (Ditenhofen) seine Gedanken zu Burnout und Depression – jetzt wieder im Versmaß –  noch hinterher wuchtete und damit ein frohes neues Jahr in weite Ferne rückte. Abgesehen von seiner interessanten Interpretation, die aufmunternde Plattitüde „mein Goldjunge“ meine eigentlich „mein Goldesel“, schoben sich so kantige Zeilen in den Saal wie „die Seele ist dicht“, „so stirbst du allein“ (diese Vermutung wurde vormals schon von Hans Fallada aufgestellt), „im Kopf eine Maschine, im Herzen ein Kind“.
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Zum Ende dieser ersten Runde waren sich Publikum und der beohrte Schallpegelmesser Martin Geier einig: Siegerin sei Dorothee Röder.


Freundschaft – von „wahr“ bis „plus“
Die dritte Wettbewerbsrunde begann mit dem Auftritt des jungen Göggingers Marcel Siedensberger (22), der nicht verhindern konnte, dass seine Aufregung Atmung und Sprechtempo eroberte. Sein pathetisch schwerer Vortrag im Versmaß zur Heiligkeit von „wahrer Freundschaft“ erhielt ein ungewolltes Highlight durch einen Versprecher bei „und ich schrei es in die Welt hinaus“. Durch das Weglassen des spielentscheidenden „r“ im Verb, gekoppelt mit der Elimination von „e“ in „es“, bekam die hehre Botschaft plötzlich defäkalen Charakter. Enorme Fallhöhe. Doch das Publikum sah nach und belohnte Marcel reichlich für die überstandene Aufregung.

Die Poetry-Slammerin Stella aus Erlangen begann ihren Vortrag mit dem direkten Publikumsdialog und der Frage, ob sich Verliebte im Saal befänden. An diese nämlich richte sich ihr Beitrag nicht. Korrekt, denn anschließend ging es um den gesellschaftlichen Druck auf junge Menschen, beizeiten entsprechende Beziehungserfahrung vorweisen und sich zur Reproduktionsfrage fundiert positionieren zu können. Im betrüblichen Kontinuum zu den vorher schon thematisierten Essstörungen berichtete auch sie von Zuschriften aus der Rubrik „du bist mir zu dick“, persiflierte Dating-Apps und erklärte das Konzept von „Freundschaft plus“, das Sex ein- und jede sonstige Verantwortung ausschließt. Als ein sie abweisender Verehrer ihr ein Bild seiner Kronjuwelen schickt, findet sie aus der Opferrolle heraus und überschüttet den „Schrumpelkopf“-Inhaber mit aggressiver Häme. Das Publikum war hörbar begeistert.

Der Auftritt der ebenfalls 22-jährigen Lena Stockhoff bildete nach unbehaglichen Startschwierigkeiten den literarischen Höhepunkt des Abends. Der soziale Druck auf junge Menschen hinsichtlich ihres Beziehungsstatus muss wohl enorm sein. Denn ohne Not bekannte auch die Studentin aus Erlangen, diesbezüglich nicht der Norm genügen zu können. Das Publikum nahm es mit Humor. So lustig  sollte der Abend aber gar nicht werden. Stockhoff strafte diesen Mangel an doch gerade zuvor noch beschworener Freundschaft mit dem Hinweis auf die anwesende Tragik ab: „Ihr lacht, mir tut’s weh“.
Der folgende Prosa-Text jedoch machte diese peinsame Selbstentblößung wieder wett: eine Betrachtung der verschiedenen Familienrollen von stellenweise literarischer Qualität. Im Zentrum dieser stand „Oma Härter“, deren Name sich aus dem Komparativ von „das Leben ist hart“ ableite, wie Stockhoff erklärte. Die Begeisterung des Publikums suchte sich nach diesem Vortrag auch in Jubelrufen ein Ventil.


Ein Finale mit Publikumsveto
In der Schlussrunde trug Andreas Rebholz, der einzige Slammer dieses Abends mit Comedy-Ambitionen, ein humoriges Sittengemälde seiner Familie vor, das den Konflikt zwischen dem Vater und dem neuen Freund von Schwester Nadine sowie die unterschiedlichen Lebensumstände (Stadt/Land) der beiden Kombattanten thematisierte. Dabei war das Strickmuster der Pointen so abgegriffen und vorhersehbar wie ein Trillionen Mal umgefallener chinesischer Reissack: drei Dinge, die der Vater absolut nicht leiden könne, aber die – Überraschung! – Nadines Lover als Merkmale aufweist. Rebholz gab auch zu, seine Familie gleich mitgebracht zu haben. Der frenetische Applaus nach seinem Finalrundenbeitrag beseitigte diesbezüglich jeden Zweifel.

Dorothee Röder bestückte die Schlussrunde mit zwei erneut ich-bezogenen Texten, deren erster mit dem Titel „Wer ich bin“ deutliches Befremden bei dem sonst so großzügigen Publikum auslöste.
Stockhoff zeigte bei ihrem zweiten Auftritt noch einmal das ganz offensichtlich in ihr schlummernde literarische Potenzial mit einem Text über ihr Studentenleben in einer Wohngemeinschaft im Abgleich zum Leben allein. Hier blitzten ganz kurz neue Sichtweisen in unverbrauchter Sprache auf. Mit dem implizierten Lobpreis von Vielfalt wurde der Gögginger Poetry-Slam hier auch noch einmal ansatzweise politisch.

Der letzte und eigentliche Höhepunkt des Abends vollzog sich mit dem deutlichen Veto des Publikums zur Entscheidung der Ein-Mann-Jury Martin Geier. Der meinte zunächst am Applaus herausgehört zu haben, Andreas Rebholz sei der Gewinner des Abends. Damit aber zeigten sich die 250 zahlenden Gäste überhaupt nicht einverstanden. Nachdem Geier sich noch einmal zwei Applausmuster vorlegen ließ, endete der Wettbewerb in Harmonie zwischen Moderator und diesem äußerst bemerkenswerten, jeden Dichter belohnenden, tatsächlich mitgehenden, im Notfall aber dann doch widerspruchsbereiten Gögginger Publikum.

Die letzte Tragik des Abends, welche der drittplatzierten Dorothee Röder einen Korb voller Süßigkeiten bescherte, blieb – vorerst – unthematisiert.

 

Nachgesenft
Mich persönlich hat es schockiert, mit welchen Themen junge Menschen offensichtlich beschäftigt sind, will man den Beiträgen dieses Abends einen Hinweis darauf entnehmen. Die Texte entblößten multiple Essstörungen und sozialen Stress aufgrund von Minderwertigkeitsgefühlen als immerhin so dominierende Inhalte, dass sie auf offener Bühne vorgetragen werden. Einige Slammer versuchten ganz offensichtlich mit der eigenen Bedürftigkeit zu punkten.

Obwohl gut die Hälfte der „fahrenden Poeten“ (Selbstzuweisung eines Slammers im Pausen-Gespräch in der Raucherecke) dieses Abends über langjährige Veranstaltungserfahrung verfügt, fehlte den Darbietungen oft der professionelle Schliff im Vortrag. In zu vielen Fällen war das Sprechtempo viel zu hoch. Die  vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten über parasprachliche Mittel blieben völlig ungenutzt.

Eine weitere Werkprobe  von Mo! widerspricht meiner Bewertung und besingt die Macht der Sprache

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Kritikern der Veranstaltungsform Poetry-Slam werfen diesem Wettstreit unter anderem Oberflächlichkeit und Kommerzialisierung vor. Zitat dazu aus dem Wikipedia-Beitrag:

„Gerade in Deutschland wurde der Slam zum Sprachrohr eines affirmativen gesellschaftlichen Milieus. […] Die Lesezeit von meist fünf Minuten, die den Auftretenden für ihre Performance eingeräumt wird, führt zu Darbietungen, die ein Publikumsverständnis im Sekundentakt anstreben: schnell zugängliche, massentaugliche Instant-Sprechtexte. […] Slam-Prosa stellt eine Einverständnis heischende Textform dar, deren Hauptmerkmal darin besteht, dass sie ihre Mehrheitsfähigkeit intoniert. […] Der Performer, der den Genuss seines Größenselbst sucht, existiert erst durch den bestätigenden Blick des anderen. […] Vielen für den Live-Vortrag verfassten Texte eignet eine Unterkomplexität, die dem ungeschulten Ohr nicht bewusst wird. […] Die seriellen Rap-Rhymes, wie auch die Refrains und Repetitionsverfahren des spoken Word nähern sich dem Prinzip der Werbung an, demzufolge eine Botschaft nur oft genug wiederholt werden muss, um anzukommen. […] Konnte sich der Slam anfangs noch als Ausdruck literarischer und sozialer Dissidenz ausgeben, so ist er längst zu einem Mittel schulischer Didaktik geworden.“
(Wikipedia „Poetry Slam“, Zitat von Boris Preckwitz; Hervorhebg. SaSe)

Solche Kritiker fänden sich durch den Gögginger Poetry-Slam bestätigt. Den Texten dort fehlte jeder politische oder gesellschaftskritische Ansatz, von literarischem Gehalt oder durchgehendem Humor ganz zu schweigen. Es dominierte die Nabelschau – mit allen zur Depression führenden Folgeerscheinungen. Deshalb auch mein akribisches Protokoll der Publikumsreaktionen. Welcher Dichter würde sich mit dem anlegen wollen?

Hinzu kommt aus meiner Sicht ein sprachlicher Mangel. Den Beiträgen in Göggingen 2017 fehlte durchgehend eine originelle Sprache, neue Perspektiven, ungewöhnliche Vergleiche etc. Ansätze in diese Richtung zeigte lediglich Lena Stockhoff.

Aber ganz offensichtlich weiß dasselbe Publikum, das auch schwächere Beiträge karitativ und sozial ausgewogen honoriert, solche Ansätze zu würdigen. Deshalb war dessen Veto gegen die Rebholz-Entscheidung der eigentliche Höhepunkt des Abends.

Einen Sonderfall stellt der von mir als Lokalmatador diskriminierte Andreas Rebholz dar. Der junge Mann verfügt über überdurchschnittliche Bühnenerfahrung, tritt er doch schon seit seinem fünften Lebensjahr auf der Waldbühne des Theatervereins Sigmaringendorf e. V. auf (Berichterstattung dazu).  2016 wurde Andreas Rebholz mit dem Kleinkunst-Hauptpreis des Landkreises Sigmaringen ausgezeichnet. Er gilt als Shooting-Star der Slam-Szene in Baden-Württemberg. Und dieses Bewusstsein strahlt er – leider –  auch aus.

Und wie ein Star wird er in der (Regional)Presse behandelt. Es fehlt ganz offensichtlich die konstruktiv-kritische Begleitung einer ehrlichen Theaterkritik, wie sie hier in Ansätzen zu lesen ist. Bisher versteht es Rebholz auch nicht, seine umfangreiche Bühnenerfahrung in seinen Bühnenvortrag spürbar zu machen.

Und: Es ist weder professionell noch fair, zu einer Veranstaltung mit Heimvorteil die gesamte Familie plus mutmaßlich eigenen Fanclub mitzubringen, wenn der Gewinner des Wettbewerbs am Applaus gemessen werden soll. Denn diese Möglichkeit haben die anderen „reisenden Poeten“ nicht. Deshalb war es besonders wichtig und richtig, dass die Gögginger Veranstaltungsbesucher durch ihr Veto verhinderten, dass ein solches Kalkül aufging.

Es steht zu hoffen, dass der gemeinnützige Verein No stress seine für den Landkreis Sigmaringen wichtige Veranstaltungsreihe Poetry-Slam fortsetzt. Vielleicht wird es dem Veranstalter durch steigende Nachfrage und Anmeldungen auch möglich, hinsichtlich der sprachlichen und literarischen Qualität der Vorträge eine gewisse Auswahl zu treffen? Und vielleicht ermöglicht es ein Erfolg wie die Veranstaltung 2017 des Weiteren, die ausgelobten Preise (Platz 3: Korb mit Süßigkeiten, Platz 2: Amazon-Gutschein, Platz 3: eine Flasche Whisky) etwas sensibler auf die offensichtlich essgestörte Existenz nicht nur einzelner Poeten abzustimmen.

Wer das Krankheitsbild Essstörungen ernstnimmt, dabei aber den Exhibitionismus mit karitativem Engagement verhäkelt, kann sich den Umweg über die Poetry-Slam-Bühnen sparen und es direkt ins Fernsehen schaffen – wie dieses tagesaktuelle Beispiel unterhaltsam bebildert.

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