HInfo9: 1.000-Kühe-Stall und die Technischen Werke Schussental: Massentierhaltung, wenn sie denn genehmigt

Die Technischen Werke Schussental GmbH & Co. KG ist, zitiert nach Wiki, „ist eine in den Bereichen Energieversorgung, Wasser und Transport tätige kommunale Unternehmensgruppe aus dem Landkreis Ravensburg. Das Unternehmen ist 2001 aus der Fusion der Stadtwerke der im Schussental gelegenen Städte Ravensburg und Weingarten hervorgegangen. Beteiligt wurde außerdem die EnBW als finanzieller Partner. 2007 erfolgt die Gründung einer Netzgesellschaft TWS Netz GmbH als Tochtergesellschaft. Zu den Produkten der Technischen Werke Schussental gehören die Versorgung mit Strom, Erdgas, Wärme und Trinkwasser. Außerdem sind sie Dienstleister für die Bereiche Parkierung, ÖPNV und Bäder.“

Auf den Merkzettel: „Beteililgt wurde außerdem die EnBW als finanzieller Partner.“


Hoher Anspruch
Das Unternehmen wirbt mit dem nicht gerade unbescheidenen Anspruch „das Richtige tun“.
Das setzt voraus zu wissen, was denn das Richtige sei. Diese Frage zu beantworten ist nicht leicht; heute weniger denn je. Und vor allem – zumal auch hier wieder die EnBW mit von der Partie ist – „das Richtige tun“ – für wen?

Der Frage nach dem richtigen Tun für wen kommt der Betrachter, Verbraucher und Konsument dort ein Stück näher, wo er die Kooperation der TWS mit dem Gesamtpaket der Agrogasanlage Hahnennest (Ostrach, Landkreis Sigmaringen), firmierend unter Energiepark Hahnennest (EPH),  und dem von den identischen Unternehmern dort projektierten 1.000-Kühe-Stall beleuchtet. Die TWS werben mit dieser Kooperation und dem Anspruch einer „starken Partnerschaft für das Grundwasser“.

Grundwasser ist ein gutes Stichwort. Der BUND und die Grünen im Landkreis Sigmaringen etwa sorgen sich im Kontext mit dem 1.000-Kühe-Stall um die Qualität des Grundwassers.

Deren Sorge scheinen die TWS – siehe unten – nun so gar nicht zu teilen.

Noch einmal zur Verdeutlichung: Der „Energiepark Hahnennest“ und der 1.000-Kühe-Stall sind ein Gesamtpaket nicht zuletzt aufgrund der weitgehenden personellen Identität der Akteure wie sie hier gelistet sind (zu beachten sind die vielen Unternehmen und Firmen rund um Hahnennest, deren Liste noch viel weiter reicht): Simon Rauch und Georg Rauch mit der Rauch Agro GbR; Thomas Metzler mit der Metzler & Brodmann KG sowie der Bio-Agrar GbR, Edwin König, Egon und Felix Kaltenbach sowie die König KG.
Nachfolgende Presseauskunft der TWS bestätigt im Übrigen indirekt diese Einheit von Agrogasanlage und 1.000-Kühe-Stall. Sie wird darin nicht infrage gestellt.
*

Die Gretchenfrage
Die TWS möchten das Richtige tun? Die TWS kooperieren mit dem EPH? Die TWS engagieren sich für sauberes Grundwasser? Dann müssen sich die TWS auch fragen lassen, wie sie zu dem 1.000-Kühe-Stall und der nicht nur dort, sondern jetzt schon praktizierten Massentierhaltung der genannten Landwirte stehen.

Diese Frage wurde bisher von den einschlägig berichtenden Medien nicht gestellt. SaSe gibt sich die Ehre:

Wie verträgt sich die Kooperation zwischen der TWS, die auf Umweltschutz und Wasserqualität besonderen Wert legt und auch damit wirbt, und dem Energiepark Hahnennest mit dem jetzt zur Diskussion stehenden 1000-Kühe-Stall der Hahnennest-Unternehmer Rauch, Metzler, König und Kaltenbach.
(Presseanfrage an die Technischen Werke Schussental vom 26. Juli 2017)


Die TWS kommunizieren

Die Presseauskunft der TWS erfolgte prompt, umfassend und zeitnah. Nachstehend der volle und ungekürzte Wortlaut der TWS-Presseauskunft in Portionen, die ich mir in Nutzung des Bloggerinnen-Privilegs zu kommentieren erlaube:

[…]
vielen Dank für Ihre Anfrage zur Zusammenarbeit mit dem Energiepark Hahnennest. Diese hatten wir, die Technisch Werke Schussental GmbH & Co. Kg, und die Landwirte in Hahnennest Ende März dieses Jahres angekündigt. Hintergrund dafür sie die beachtlichen Möglichkeiten, die in der Kulturpflanze „durchwachsene Silphie“ hinsichtlich des Boden- und Grundwasserschutzes stecken. Thomas Metzler und Ralf Brodmann haben ein System der Aussaat entwickelt, das die Kultur der Silphie für Landwirte erst interessant macht. Denn die ganzjährige Begrünung von Ackerflächen mit der Silphie ist an etlichen Standorten eine Alternative zum derzeit dominierenden Mais und damit ein wichtiger Beitrag zum Grundwasserschutz. Diesen Ansatz unterstützt die TWS in ihrer Funktion als Trinkwasserversorger.
(Presseauskunft der Technischen Werke Schussental an Karin Burger vom 28.07.17)

Kein Widerspruch. Bis hierhin alles smart und kuschelig, solange man die – meine Meinung – völlig kritiklose Überfrachtung der neuen Modepflanze „Donau-Silphie“ mit allen möglichen Zukunftschancen akzeptiert. Die ethisch nicht ganz irrelevante Frage, warum eines der reichsten Industrieländer der Welt einen wachsenden Teil seiner Ackerböden mit einer Pflanze überzieht, die weder Mensch noch Tier verzehren können und die nur dazu dient, den desaströsen Energiehunger einer weit über ihre Verhältnisse und auf Kosten Anderer lebenden Gesellschaft zu stillen, wird ausgeschlossen.

Im Übrigen enthüllt sich auch hier wieder die Silphie als ökologisches Feigenblatt des Gesamtprojekts Hahnennest. Deren wissenschaftlich noch gar nicht bewiesenen Vorteile müssen alle anderen Hinkebeinchen des Projekts bandagieren.

Weiter in der TWS-Stellungnahme:

Zum Bauvorhaben des „Milchparks Hahnennest“ liegen uns keine detaillierten Informationen vor. Dennoch sind wir uns sicher, dass dieses Projekt ein ordentliches Genehmigungsverfahren durchläuft, bei dem alle Aspekte des Umwelt- und Naturschutzes, des Landschafts- und Tierschutzes sowie des Baurechts von Experten sorgsam geprüft werden.
(ibid.; Hervorhebg. SaSe)

*„… liegen uns keine detaillierten Informationen vor“. Warum nicht? Gut, die TWS mögen noch junges Gemüse in den Marktsegmenten sein, die sich zunehmend von ethischen Fragestellungen nicht mehr lossagen können. Andere Marktteilnehmer müssen das derzeit gerade bitter lernen. Es wird sich zeigen, wie Bürger und Verbraucher diese Distanzierung der TWS von den vielen heiklen Fragen zum Milchpark Hahnennest bewerten.

Und diese Fragen fangen mit dem befürchteten Verdrängungswettbewerb und den Existenzängsten umliegender kleinerer bäuerlicher Betriebe an, setzen sich über ökologische Fragestellungen und die von Experten befürchtete Grundwasserbelastung durch die 1.000 täglich ausscheidende Milchkühe fort und hört bei den Fragen der Tierschützer und Mitweltethiker nicht auf: Was passiert eigentlich mit den jährlich 1.000 Kälbern, die 1.000 Milchkühe bedingen?

Können die TWS darüber hinaus mehr als 30.000 Unterschriften gegen den Mega-Stall und den breiten, von diversen Parteien und Verbänden getragenen öffentlichen Widerstand ignorieren?


Tiefes Vertrauen in verwaltungsrechtliche Genehmigungsverfahren
Im Übrigen ziehen sich die TWS auf die Legalität und Sorgfalt verwaltungsrechtlicher Genehmigungsverfahren zurück. Wie brüchig die Validität solcher Verfahren sein kann, haben die Bürger in der Vergangenheit schon gelernt, wo plötzlich angesichts neuerer Erkenntnisse zum Beispiel „sorgsam geprüfte“ und ordentlich genehmigte Atomkraftwerke urplötzlich stillgelegt wurden. Und viele andere Beispiel mehr. Oder aktuellere Fälle.

Vielleicht ließe sich anoch viel mehr berechtigtes Vertrauen in die einschlägigen Genehmigungsverfahren – als Beispiel sei hier das Prüfverfahren nach Bundesimmissionsschutzgesetz für den „Milchpark Hahnnest“ beim Landratsamt Sigmaringen genannt -, wenn die dafür Verantwortlichen völlig unabhängig von anderen Interessen wären. Da wäre etwa Behördenleiterin Landrätin Stefanie Bürkle. Die Tatsache, dass sie parallel zu ihrer Landrätin-Tätigkeit  im Aufsichtsrat der EnBW sitzt, dürfte den meisten Bürgern im Landkreis Sigmaringen eher weniger geläufig sein.

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Bildzitat Screenshot "Der Aufsichtsrat der EnBW AG"

Bildzitat Screenshot „Der Aufsichtsrat der EnBW AG

Die EnBW jedoch ist mit dem Gesamtprojekt Hahnennest weiträumig über diverse Unternehmensbeteiligungen an der Erdgas Südwest und der Biomethangas Hahnennest GmbH (Erstes dazu siehe hier; Weiteres folgt) verknüpft.


Strenge Auflagen für Landwirte FRAGEZEICHEN
Die TWS verlautbaren des Weiteren:

Bekannt  ist uns, dass im Zuge der Umweltprüfung auch der Schutz des Grundwassers eine wichtige Rolle spielt. Hier setzt für alle Landwirte die novellierte Düngeverordnung neue Maßstäbe; sie ist am 2. Juni 2017 in Kraft getreten. Dort ist unter anderem festgelegt, wann und in welchen Rahmen Nährstoffe auf Felder und Wiesen gebracht werden dürfen. Die Regeln für das Ausbringen von wirtschaftseigenem Dünger (z. B. Gülle und Gärreste aus Biogasanlagen) und auch die gesamte Nährstoffbilanzierung sind jetzt noch enger gefasst als bisher. Diese Regeln gelten für alle landwirtschaftlichen Betriebe –  unabhängig von der Größe und Organisationsform.
(ibid.)

Diese neue Verordnung stand schon vor ihrem Inkrafttreten schwer in der Kritik – etwa der Wasserwirtschaft.
SaSe
verweist des Weiteren diesen Antwortteil an die gegen den 1.000-Kühe-Stall protestierenden Umweltschutzverbände.

Die Landwirtschaft trägt eine große Verantwortung beim Schutz des Grundwassers, insbesondere durch den sorgsamen Umgang mit stichstoffhaltigen Düngemitteln. Dass dies gerade in unserer Region nachweislich gelingt, belegt eine hohe Grundwasserqualität. Nitratbelastungen sind im Verantwortungsgebiet der TWS als Trinkwasserversorger kein Thema. Dafür, dass das auch künftig so bleibt, engagieren wir uns.
(ibid.)

Auch zu dieser Behauptung der TWS gibt es konträre Positionen – etwa die aus den Untersuchungsergebnissen der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg. Diese Positionen legen so ziemlich das Gegenteil nahe, wie etwa diese anschauliche Grafik auf der Webseite der Regierungspräsidien Baden-Württemberg illustriert. Gemäß der behördlichen Experten gehört ausgerechnet der Grundwasserkörper Oberschwaben, also der Tätigkeitsbereich der TWS, zu den gefährdeten Gebieten – hinsichtlich des Nitratgehalts.


Grundwasserneutrale Merkmale der Presseauskunft
An erster Stelle gebührt den TWS Dank für die rasche und umfassende Antwort. Die Stellungnahme trägt überdies noch weitere Merkmale der Gewichtigkeit.

Presseanfragen haben professionelle Journalisten an die entsprechenden Pressestellen der angefragten Behörden und Unternehmen zu richten. Und von dort erfolgt auch in der Regel die Antwort. Es gibt der erteilten Auskunft mehr Gewicht, dass im TWS-Fall nicht die Pressestelle selbst, sondern der Geschäftsführer Dr. Andreas Thiel-Böhm persönlich samt des gleichfalls unterzeichnenden Helmut Hertle (ebenfalls Geschäftsführer der TWS) Auskunft erteilen.

Beiden Herren war diese Angelegenheit auch so wichtig, dass sie sich nicht auf die Zuverlässigkeit der E-Mail-Kommunikation verlassen wollten und die Auskunft sicherheitshalber auch auf dem Postwege zustellen ließen. Das kommt gelegentlich, aber nicht sehr häufig vor.

Der recherchierenden Bloggerin bleibt nur die ziemlich mickelige Hoffnung, dass dieser professionelle und transparente Umgang der TWS mit „freier“ Presse den anderen beteiligten Unternehmen und (Kommunal-)Politikern ein leuchtendes Beispiel gibt.
Danach sieht es im Moment allerdings leider nicht aus.

Der Geschäftsleiter der Technischen Werke Schussental Dr. Andreas Thiel-Böhm im Fachgespräch:

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