SaSe10: TV-Kritik zur satirischen Doku Springer und Süß: Der Schein des Geldes

Kommt so ein Grimme-Preis für die Ausgezeichneten eigentlich als Riesenüberraschung? Oder kann man hohe und höchste Nominierungen und tatsächlich abgepflückte Fernsehpreise auch strategisch angehen? Nehmen wir mal an: man kann. Besonders dann, wenn es schon eine erfolgreiche und (zumindest?) mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnete Vorlage gibt, die auch eine Grimme-Preis-Nominierung vorzuweisen hat. Und da ist es dann auch sehr praktisch, wenn die Sendung von einem Unternehmen produziert wird, das nicht nur für die Vorlage verantwortlich zeichnet, sondern auch  sonst ganze Berge von Preisen und Auszeichnungen vorweisen kann:  Preview Production


Reisende mit klugen Fragen und humorig-schlagfertigen Diskursen
Da reisen zwei: der Kabarettist Christian Springer und der Satiriker und quer-Moderator Christoph Süß. Sie reisen nicht aus purem Vergnügen, sondern weil sie kritisch sein wollen (vgl. Eingangsdialog in TS21/15). Sie reisen der Frage nach der Macht des Geldes hinterher. Selbstkritisch räumen sie gleich am Anfang ein, solches zu tun, weil sie dafür bezahlt werden.

Sie reisen in Jordanien, dümpeln im Toten Meer, besteigen Berge, besuchen Kloster, Museen, schlendern durch die Münchner Maximilianstraße, durch Regensburg, Frankfurt, Wien, Rom und interviewen einen ansehnlichen Pulk von Experten: Kulturhistoriker, Hirnforscher, Philologen, Wirtschaftsethiker, Pfarrer, Numismatiker und und und. Sie sprechen über Geld, die Geschichte des Geldes, Magie und Macht desselben, den Ursprung aus und den Konnex mit Glauben und Religion, über Opfer, Beglaubigung, Wachstumswahnsinn, Kredit, Zins und Zukunft. Die erhaltenen Auskünfte werden in humorigen Dialogen destilliert, durch im laufenden Film eingeblendete Karikaturen von Jan Pieper pointiert und auf einfache und dramaturgisch weiterführende Fragen im nachbereitenden Dialog herunter gebrochen.

Dazu eine Prise Allzu-Menschliches: eine unterhaltsam-leichte Spannung zwischen dem Hedonisten Christian Springer und dem Asketen Christoph Süß, der  – Tabubruch im Sinne der Argumentation – vor laufender Kamera raucht, dafür aber Eisbomben und anderen Verzehrgenüssen eher abhold ist. Da vibriert ein nicht nur von der phänotypischen Differenz der beiden Protagonisten lebender Spannungsbogen. Garniert wird das Ganze mit Tieren: ein Reitpferd hier, ein potenzielles Opferlamm dort, ein unsensibel überforderter Esel dann auch noch.


Die Suche nach dem korrekten Etikett
Was ist das? Eine „Kabarettisten-Doku“ (eher experimenteller SaSe-Terminus aus TS21/15)? Docutainment? Eine  „Docu-Comedy“ (Terminus auf Fernsehserien.de) ist es auf gar keinen Fall. Dieses satirische Leckerstückchen ist von Comedy so weit entfernt wie unser Geld von der Realwirtschaft.  Auf jeden Fall ist Der Schein des Geldes ein „besonders innovatives TV-Format“. Schließlich sind es diese „besonders innovativen TV-Formate“, welche am langen Ende die begehrten Preise erhalten (guckst du hier).  

Erinnerungen steigen auf: Zwei Reisende mit klugen Fragen, die Dramaturgie befördernden Dialogen, witzigen Kommentaren und …  „Tier“:  die bezaubernde kleine Hündin „Wilma“ von Henryk M. Broder. Treffer: Entweder-Broder – Die Deutschland-Safari (2010-2012). Und es ist nicht der Zufall, der es fügt: ebenfalls produziert von Preview Production GbR. Die Themen waren andere: Rassismus, Antisemitismus, Antiamerikanismus, Islamophobie, Integration, Religion und Verschwörungstheorie (von SaSe sauber abgeschrieben bei: Wikipedia).  Mit Erfolg:

FILME AUS DEM HAUSE PREVIEW sind „ausgezeichnet“: „Entweder Broder – Die Deutschland-Safari“ erhielt 2012 den Bayerischen Fernsehpreis, 2011 den puk-Journalistenpreis (Deutscher Kulturrat), wurde 2012 für den Deutschen Fernsehpreis nominiert und 2011 für den CIVIS-Medienpreis – und war als „besonders innovatives TV Format“ ausgewählter Teilnehmer des international renommierten TV Campus INPUT 2011 (Seoul).
(HP Preview Productions, Selbstdarstellung; Hervorhebg. von SaSe)

Das Strickmuster jedoch ist dasselbe.


Exquisite Massengeschmackuntauglichkeit
Die Dosis der mit satirischen Mitteln kohäsiv gemachten Wissensvermittlung ist irgendwas hinter dem graduierenden Adverb “mega-“.  Im Schnelldurchlauf, Teil 1 (Mediathek): Der historisch belegbare Zusammenhang zwischen Geld und Glauben/Religion, der von dem Germanisten Jochen Hörisch in seiner bitteren Konsequenz wie folgt charakterisiert wird: Heutzutage aus der Geldgemeinschaft exkommuniziert zu werden sei dramatischer und folgenreicher als in früherer Zeit aus der Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen zu sein.  

Es geht weiter zur Bedeutung des Opferritus innerhalb der Ordnung schaffenden Funktion von Religion. Immer wieder sind es insbesondere die Ausführungen der Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun, die jene staunen machen, welche nicht wussten, dass das Schuldkontingent des Ackerbauers das des Viehzüchters dramatisch übersteigt. You know: Der Kain (Ackerbauer) erschlug den Abel (Viehzüchter). Kausalkette: Geld – Schuld – Opfer.

Geld also ist aus dem Glauben entstanden, bedarf insbesondere in Krisenzeiten der Beglaubigung des Souveräns (Beispiel: „Die Spareinlagen sind sicher“ 2008  von Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück). Plötzlich erhält das Diktum „dran glauben müssen“  für jene, die im Glauben an das Geld weniger erfolgreich sind, eine völlig neue Etymologie. Sie sind der andere Bedeutungsaspekt von „Opfer“.  Christina bringt es erneut auf den Punkt: Die Schwächsten der Gesellschaft seien das versteckte Opfer (der Geldreligion). Durch ihre Existenz beglaubigen auch sie den Wert des Geldes.

Teil 2 (hier in der Mediathek) thematisiert dann die gemeinschaftsstiftende Funktion von Geld, seinen „demokratisierenden Effekt“ (von Braun).  Die Entstehung des Handels, der Zwang zur Bildung. Und immer persistiert: das spirituelle Problem des sündhaften Reichtums, das auf verschiedene Weise kompensiert wird.

Zeit ist Geld. Der Zeitforscher und Wirtschaftspädagoge Karlheinz A. Geißler erklärt in Klosterkulisse den Zwang zur Zeitmessung aus religiösem Kontext, die Erfindung der Uhr um 1300 in einem norditalienischen Kloster und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft: Zeit wird Geld. Zwei Illusionen, welche das gesamte System zum Zusammenbruch brächten, entfiele der Glaube an sie.

In Rauchergemeinschaft mit dem Philosophieprofessor Dr. Robert Pfaller kommen Springer und Süß  von dort zum Effizienzdruck in dieser Gesellschaft. Der österreichische Philosophieprofessor formuliert so herrlich paradoxe Einsichten wie die, dass die Verabsolutierung von Effizienz völlig ineffizient sei. Infam, so Pfaller, sei es, die Menschen einem Selbstökonomisierungszwang zu unterwerfen. Er fordert nichts weniger als die Revolution: „Vielleicht müssen wir brutal sein, damit das, was derzeit an Brutalität [durch das Finanzkapital – SaSe-Anmerkg.] geschieht, zu stoppen“.

Geld – Zeit – Zins: „Der Glaube an den Zins“ überschreibt den dritten und  letzten Teil (noch nicht in Mediathek verfügbar). Hörisch spricht über die Unendlichkeitsdrift, welche die Dynamik des Kapitalismus ausmache. Der Numismatiker Dr. Frank Berger erklärt die Entstehung des Kreditwesens. Die Regionalwährung Chiemgauer, die kein Wachstum mehr braucht, setzt ihr Konzept dagegen. Damit nicht einverstanden sind Professor Kai Carstensen und Wirtschaftsethiker Dr. Ulrich Thielemann. Sie vertrauen eher den Mechanismen, die anschließend der Hirnforscher Professor Christian Elger erklärt. Auswege aus diesem Dilemma beleuchtet abschließend der Sozialpsychologe Professor Dr. Harald Welzer, der Revolutionspotenzial dort sieht, wo drei bis fünf Prozent Minderheiten, die aber keiner Subkultur angehören dürfen, eine Gesellschaft verändern können.

Da bleibt auch den Protagonisten zwischen Eis, Zigarette, Wiener Würstchen, Klamotten und Wein zum Schluss nur noch die Frage nach der genauen Uhrzeit: „Wann ist jetzt Revolution?“


Gelungen und nominierungsparat
Anders als die ARD bei Entweder-Broder hat das Bayerische Fernsehen diesem „innovativen TV-Format“ weitaus humanere Sendezeiten eingeräumt: An Ostersonntag, Ostermontag und dem zwangsläufig folgenden Dienstag jeweils abends um 22.00 Uhr. Henryk M. Broder und der Politologe Hamed Abdel-Samad mussten seinerzeit auf Publikum zwischen Dunkel und Siehstmichnicht hoffen (23.30 Uhr und so).  Sind das Fernsehpreis-Effekte oder freie Kapazitäten bei einer Landesrundfunkanstalt? Wie auch immer, Sendung und Zuschauer tut’s gut.

Über Einschaltquoten zu Der Schein des Geldes ist (dieser Redaktion) nichts bekannt. Doch das vielzitierte  „breite Publikum“ dürfte eher nicht zur anvisierten Zielgruppe gehören. Elitefernsehen? Ja. Denn trotz des professionell applizierten satirischen Pattex zwischen den sperrigen Wissensblöcken, der gelungenen Dialoge der Satiriker in kleinteiliger Aufbereitung der von den Experten erhaltenen Wahr- und Weisheiten, trotz der witzigen und nicht flachen Kommentare zu diesen, der lustigen Spielszenen – das Thema ist kein leichtes. Aber schön und tröstlich, dass es solches Fernsehen noch gibt!

Kleiner Hinweis an Preview Production von einer diesbezüglichen Expertin: Die Esel-Szene war grenzwertig! Solche Scherze sind gefährlich, sofern Filmproduzenten nicht dadurch „breites Publikum“ erreichen wollen, weil Tierschützer einen Shitstorm lostreten.

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