SaSe13: TV-Kritik PussyTerror TV 18.04.15: Zschäpe-Parodie und EMMA als Pussy des Monats

„Da ist noch Luft nach oben“ diagnostizierte der SPIEGEL in seiner Fernsehkritik zur ersten Folge der zunächst nur auf drei Sendungen konzipierten neuen Show PussyTerror TV mit der Power-Comedienne Caroline Kebekus im WDR (siehe auch: SaSe5, SaSe6, SaSe7). Diese Luft wurde in Folge 2 am 18. April 2015 (Mediathek) wie folgt gefüllt: Stargast Katrin Bauerfeind, die auch Kebekus‘ Partnerin in drei Einspielern war und zum Schluss der Sendung eine beeindruckende Vorstellung ihres Könnens als Saxophon-Spielerin gab.  Als weiterer Gast war der 1Live-Moderator Ingmar Stadelmann angekündigt. In der in Süddeutschland zu empfangenden Sendeversion allerdings kam er nicht vor? 

“Running Gag“ dieses Mal und auch nicht origineller als die Variationen des Kümmert-Rücktritts bei der deutschen Vorausscheidung zum Eurovision Song Contest in der letzten Sendung: dem Tagesschau-Sprecher Jan Hofer in den Mund gelegte Gedichte in mehrfachen qualvollen Variationen. Ein richtiges Highlight der Sendung war der Auftritt des deutsch-afghanischen Comedian Faisal Kawasi (dessen Herkunft deshalb hier bei der Nennung expliziert wird, weil sie Thema seines Auftritts war; dieser Hinweis nur prophylaktisch gegen mögliche Rassismus-Vorwürfe). Gegen dessen kabarettistisch-komödiantische Leistung fiel der Einspieler mit Serdar Somuncu besonders drastisch ab, der schon in der ersten Folge nicht zu überzeugen vermochte. Ob sein Auftreten in der Sendung der Tatsache geschuldet ist, dass Kebekus und er von derselben Agentur betreut werden, lässt sich schon allein deshalb nicht klären, weil SaSe der Mailkontakt mit dieser nicht gelingen will.

Das Publikumsspiel „Deine Mudda“ war originell und hat das Publikum im Saal erkennbar und begründet von den Sitzen getrieben.


Spagat oder zwei Gleise?
Auch dieses Mal wieder zutiefst beeindruckend: Kebekus, die multitalentierte Powerfrau. Sie singt, sie tanzt, sie moderiert, sie schauspielert – egal, was sie macht, sie macht es mit einer ungeheuren Energie. Auch das Prollige. Der ständige Rückgriff auf das Unflat-Lexikon nervt – vermutlich nur Angehörige meiner Generation? Bei den Jungen scheint es – siehe Facebook – gut anzukommen. Auch der zweiteilige Einspieler „Junggesellinnenabschied“ konnte spontane Gründe zum Griff nach der Fernbedienung liefern: Kebekus und Bauerfeind gondeln in einer Stretchlimousine durch die Nacht und fixen männliche Singles, die nach Mitternacht allein auf der Straße unterwegs sind, mit so sexistischen Sprüchen an, ob sie noch nichts zum Ficken abgekriegt hätten. Na ja …

Und dann wird Kebekus wieder politisch, wie schon in Vorankündigungen zur Sendung bejubelt. Sie greift aktuelle Themen auf: die Verhöhnung von Frauenrechten im Iran, Ausländerfeindlichkeit, Tröglitz. In einem weiteren Einspieler parodiert sie die „Knast-Diva“ Beate Zschäpe – per Dauerflunsch! Gerade aus dieser Parodie aber hätte sich viel mehr herausholen lassen! Verschenkt – um des flachen Gags willen?

Politische Attacke hier, prollige Kaspareien und verschenkte Themen (Zschäpe) dort: Ist das der Spagat zwischen einem gewissen kabarettistischen Anspruch auf der einen Seite und der Bindung jüngerer Zuschauerkontingente auf der anderen oder fährt Kebekus einfach nur zweigleisig? Es ist fraglich, ob das bei der Spurbreite (unterhaltungs-)technisch überhaupt noch möglich ist.


Pussy des Monats – Alice Schwarzer gemeint, Luise Pusch getroffen
Und dann verlässt Kebekus den Bereich Unterhaltung und tritt bei einem Shitstorm-Opfer übel nach. Zur "Pussy des Monates" nominiert werden der Fußballverein Hamburger SV, Andreas Gabalier, der österreichische „Stern am Arsch der Volksmusik“, sowie die Frauenzeitschrift EMMA. Die wird dann auch zur "Pussy des Monats" gekürt.

Die Nominierung von EMMA begründet Kebekus mit einem umstrittenen Artikel dort vor dem Hintergrund der Germanwings-Katastrophe. Darin hatte die bekannte feministische Linguistin Professor Dr. Luise Pusch an die Lufthansa adressiert den Vorschlag gemacht hatte, die Frauenquote im Cockpit zu erhöhen. Also: Der Artikel stammt in Wahrheit von Pusch, nicht von Schwarzer! Es war ein Vorschlag, keine Forderung! Es war eine – von der Autorin zumindest als solche bezeichnete – Glosse. Es war ein völlig legitimer Diskussionsbeitrag einer Feministin zu einem aktuellen Thema.

Kebekus hatte die EMMA-Herausgeberin Alice Schwarzer schon häufiger und durchaus unterhaltsam attackiert und die Sache der Frauen mit argumentativer Tiefe vertreten – zum Beispiel in Sachen "After-baby-body"!

Auch die von Kebekus vorgetragene Begründung für die EMMA-Nominierung meint Alice Schwarzer und die Zeitschrift an sich: EMMA sei inzwischen selbst zu einem Missstand geworden, ein weiblicher Idiotenverein, verkommen zu einer zahnlosen verwirrten Hexe, die nur noch hilflos herumkeife. Mit genanntem Beitrag habe EMMA es geschafft, mit der BILD-Zeitung in Sachen Unprofessionalität und Geschmacklosigkeit gleichzuziehen.

Alles d’accord und legitim. Bloß: Der Beitrag, für den EMMA die Negativauszeichnung "Pussy des Monats" erringt, stammte von Pusch, die dafür einen zehn Tage währenden und vielleicht jetzt durch Kebekus neu entflammten Shitstorm kassiert hatte (siehe hier und hier). Diesen ausgelöst hatte wohl hauptsächlich ein Vorspann/Teaser zum Artikel in der EMMA, der tatsächlich von Alice Schwarzer selbst stammen soll und für den Pusch ihre Kollegin in Schutz nimmt (“Das geschah sicher nicht aus bösem Willen, sondern aus Eile”) – was einige Kommentatoren auf ihrer Webseite gar nicht verstehen.

Pusch hatte als renommierte Interessensvertreterin anlässlich einer bundesweiten Diskussion einen legitimen Beitrag geliefert. Pech für sie, dass dieser in der EMMA erschien und von Schwarzer auch noch plump einführend kommentiert wurde. Pusch wurde für diesen Diskussionbeitrag mit einem Shitstorm "bestraft", zu dem wohl Zuschriften wie diese gehörten:

Was fällt dir alten Schlampe eigentlich ein so eine SCHEISSE zu schreiben???????????????? Du dreckige Fotze hast noch weniger Gehirn als der Dreck unterm Fingernagel… Wenn ich dich sehen sollte würde ich dir sofort in deine hässliche Fresse treten und dich mit dem Kopf auf den Bordstein schlagen du Missgeburt. Hoffe du krepierst elendig vor dich hin oder wirst von einem LKW überfahren du Arschgeburt. Du bist es nicht wert in unserer Gesellschaft zu leben.
(zitiert von Luise Pusch Fembio.org, Aufräumen nach dem Shitstorm, 1. Teil; Hervorhebg von SaSe)

Und jetzt missbraucht Kebekus ihre Bekanntheit und einen Fernsehauftritt im WDR dazu, nachzutreten – gegen eine Autorin, die derartige Beschimpfungen und Attacken auf diesem Niveau über sich ergehen lassen musste? Kebekus mag Alice Schwarzer gemeint haben, aber sie hat Luise Pusch getroffen. Auf jeden Fall adelt sie Shitstormer wie den Autor des obigen Postings damit nachträglich, öffentlich und bundesweit!

Prost: Samstagabend-Unterhaltung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen!

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