SaSe15: TV-Kritik ZDF Die Anstalt 28.04.2015: Botschaft durch ungewöhnliche Themenwahl – Feminismus

[Aktualisierung vom 03.05.15]

Die Erwartungshaltung des Publikums an die ZDF-Kabarettsendung Die Anstalt ist extrem hoch. Darüber hatte der Teamleiter „Kabarett und Comedy“ beim ZDF, Stephan Denzer, gerade erst dem Online-Fernsehmagazin Quotenmeter ein Interview gegeben (vgl. auch TS38/15),
Bisher scheint dieser Druck nicht zu schaden. Denn auch die neue Anstalt-Sendung schafft es zu überraschen: mit einem unbeliebten  Thema, mit einer im Fernsehen selten gesehenen Kabarettistin und dieses Mal ostentativ ohne den berühmten „emotionalen Moment“ im Finale. Treu bleibt sich das derzeit wohl erfolgreichste Fernsehkabarett mit der Konzentration auf ein (1) Thema. Das war am 28. April 2015 der Feminismus (hier in der Mediathek)! 

Die zwei politisch schärfsten  Kabarettistinnen
Warum auch immer, selbst Die Anstalt kommt dabei um gewisse Widersprüche nicht herum. Nicht drei Männer und (wenigstens) drei Frauen, sondern drei Männer und zwei Frauen beschäftigen sich kabarettistisch mit folgenden Aspekten:  dem Status quo des Feminismus in Deutschland (Trauergottesdienst als Eingangsszene), der Gebärfähigkeit und –bereitschaft unter Karrieredruck – also: Emanzipation und Kapitalismus, dem Bechdel-Test, der Entsolidarisierung im Feminismus und mit der Divergenz der Verdienstmöglichkeiten beider Geschlechter.

Neben dem Anstalt-Stammpersonal  Claus von Wagner und Max Uthoff traten auf: Christoph Sieber, Carolin Kebekus und Lisa Politt. Politt dürfte zumindest dem Fernsehpublikum eher unbekannt sein, obwohl sie eine hochdekorierte Kabarettistin mit 30 Jahren Bühnenerfahrung ist, die auch mehrmals mit Kabarett- und Kleinkunstpreisen ausgezeichnet wurde (vgl. dazu Dokument „zuSaSe15“ in der Rubrik <Hintergrundinfoa>).

Das Frauenduo bot mit scharfzüngiger, bei Kebekus stellenweise bekannt sprachlich derber Performance der männlichen Übermacht Paroli. Auch selbstkritische Töne, etwa zur Frauenquote der Sendung selbst, waren zu hören. Langweilig war ein Soloauftritt von Kebekus da, wo sie ihr bekanntes Thema "After-Baby-Body" aus ihrem eigenen Programm übernahm, das einigen Kabarettfreunden bekannt sein dürfte, – inklusive so provokanter Passagen wie "Ich- verlängere- meine-Fuckability-Spanne" und der "MILF" („mother I like to fuck“).


Gegengewicht zur Springer-Presse
Aktuelle Aufhänger und als solche auch zitiert waren zwei jüngere Artikel in DIE WELT (= Springer-Presse!): Andreas Rosenfelder am 10. April 2015: Sorry, aber der Feminismus ist mir komplett egal und Warum mich der Feminismus anekelt von Ronja Larissa von Rönne zwei Tage zuvor (08.04.2015).

Der im Rosenfelder-Artikel  artikulierten Gleichgültigkeit gegenüber dem Thema setzt das ZDF, Die Anstalt, ihr Engagement dafür in Form der gesamten Sendung entgegen. Das kabarettistische Stemmen gegen die Springer-Presse et al. (z. B. Random House) artikulierte sich im weiteren Verlauf der Sendung durch Anspielungen auf die namentlich genannten Damen Friede Springer und Liz Mohn.

Es sei schon an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass Die Anstalt damit ein zentrales Thema der Kabarettisten-Vereinigung Denkfunk.de aufgreift, hinter der das Gewerbeunternehmen PatchworX Media GmbH steht. Dazu passt auch der Gastauftritt von Christoph Sieber, einer der Denkfunk-Autoren.


Phantastische Inszenierungen bis ins Detail
Wieder gelang der Anstalt eine unterhaltsame Mischung aus Soloauftritten, pointierten Dialogen und lebhaften Spielszenen, die bis in die geniale Requisite hinein durchkomponiert waren. Wenn etwa Carolin Kebekus mit Christoph Sieber zur Darstellung der divergenten Berufskarrieren von Mann und Frau in  endlosen Runden die Bühne umkreist, baumeln ihr zwei an Fäden aufgehängte Baby-Puppen um den Hals und machen das Reproduktionshandicap für Frauen anschaulich.
Der Sarg aus der Eröffnungsszene hätte recht eigentlich den Aufkleber DIE WELT tragen sollen, wie im weiteren Verlauf der Sendung klar wurde. Darinnen: der totgesagte Feminismus. Tatsächlich aber erweist sich die Leiche – Lisa Politt – als recht lebendig und scharfzüngig. Nach dem Abgang der Männer entsteigt sie dem Sarg und enthüllt die Totsagungen des Feminismus als ebenso periodisch wiederkehrend wie unwahr.

Auch die Szenen, in denen die Frauen auf der Bühne die beiden Männer und Väter  Claus von Wagner und Max Uthoff mit hohem argumentativen und strategischen Aufwand zur Kinderbetreuung peitschen, gestalten das Thema unterhaltsam aus und deklinieren klassische Gegenargumente durch.
Seinen Bildungsauftrag erfüllt das ZDF und Claus von Wagner mit Erläuterungen zum Bechdel-Test, eine Art Lackmustest für die Frauenfeindlichkeit von Filmproduktionen.


Reaktionen auf Facebook
Thema und Akteure dieser Sendung beschäftigen die User auf den Facebook-Accounts von Die Anstalt und Claus von Wagner. Sie reiben sich an Carolin Kebekus und bezweifeln im Vorfeld, ob diese sich in die Sendung einfügen werde. SaSe meint: Ja, tat sie! Und zwar mehrfach und mit hervorragender schauspielerischer Leistung. Ein Poster räumt ein, die Sendung habe es geschafft, ihn für das Thema Feminismus zu begeistern. Es artikuliert sich aber auch Enttäuschung – gerade über diese Themenwahl.


Worthülsen und öffentliches Kommunikations-Blabla?
Die gestrige Anstalt-Sendung ist zweifelsohne ihrem Anspruch erneut gerecht geworden – mit einem überraschenden Thema, exzellenter Besetzung, einem abwechslungsreich durchgestalteten Bühnengeschehen und dem demonstrativen Verzicht auf den emotionalen Moment, für den die Kabarettsendung in den letzten Monaten Lorbeer eingesammelt hatte. Die kabarettistische Leistung und der Unterhaltungswert von Die Anstalt hängt also nicht an diesem.

Was ist denn nun dran an der Kritik vom Tagesspiegel (Holtzbrinck-Gruppe) an der Sendung allgemein:

Politische Worthülsen. Öffentliches Kommunikations-Blabla. Sätze, allgemein und nichtsagend. Sätze die jeder unterschreiben kann. Gegen die niemand was einwenden kann. Hochgejazzt als kritische Meinungsäußerung. Dem scheinbar dumpfen und unterhaltungsdauerberieselten Zuschauer knallhart vor die Birne geknallt.
(Der Tagesspiegel, Richard Weber 04.02.2015: Kabarett light taugt nicht als Frischzellenkur fürs Zweite)

Diese Kritik datiert Anfang Februar und liegt mithin vor den Highlights der Sendung vom 31. März 2015 und dem Kebekus-Auftritt von gestern. Weder die Sätze von der „Schweser Rabiata der Comedy-Szene“ (WAZ) noch die von Politt waren allgemein, nichtssagend und werden vermutlich von der Mehrzahl zumindest der Männer auch nicht unterschrieben. Nun gut, beide Damen sind nur Gäste. Die Kritik Webers bezieht sich auf die beiden Hauptprotagonisten von Wagner und Uthoff. Aber die kritische Meinungsäußerung wird nach diesseitiger Wahrnehmung auch nicht (von den Verantwortlichen) hochgejazzt, sondern vom Publikum und dort insbesondere dem jüngeren (vgl. Quotenmeter) als solche wahrgenommen und gelobt. Bisher sieht es eben doch ganz danach aus, als tauge die Kabarettsendung Die Anstalt sehr wohl als Frischzellenkur fürs ZDF, jüngst noch gekrönt durch den Grimme-Preis! Und spätestens seit der gestrigen Sendung ist zu lernen: Das gesellschaftspolitische Gegengewicht erfolgt auch durch die Themenwahl!


Heuer: Widersprüche statt Worthülsen
Die Widersprüche bleiben: etwa die Frauenquote bei Die Anstalt! Dann Kebekus‘ etwas unglückliche Wahl der "Pussy des Monats" in ihrer letzten PussyTerror-TV-Sendung (vgl. SaSe13). Sie verlieh die Negativauszeichnung an die Frauenzeitschrift EMMA – und zwar ausgerechnet auf der Grundlage eines Gast-Artikels einer bekannten Feministin, die nicht zur Redaktion der EMMA gehört. Alice Schwarzer gemeint, Luise Pusch getroffen!

Die Frauenquote von Die Anstalt wurde selbstkritisch-ironisch thematisiert, ist aber aufgrund des Sendekonzepts – Claus von Wagner und Max Uthoff sind für ihr Geschlecht schwerlich verantwortlich zu machen – nicht so aussagekräftig wie etwa die Frauenquote bei Denkfunk.de, das der Facebook-Account von Die Anstalt ausdrücklich likt und dessen Autor Christoph Sieber Gast in der Sendung ist.  

Auch hier ergibt sich wieder ein Zusammenhang mit der Springer-Presse und mit aktuellem Bezug: Vor drei Tagen erschien in der taz der Artikel Frauenfeindlicher Literaturbetrieb: Ich mache dich fertig. Darin berichtet die Journalistin Dana Buchzik von den An- und Übergriffen, die sie aufgrund ihres Artikels in DIE WELT über die männlich dominierte Longlist des Buchpreises 2014 erlitt. Die Frauenquote auf der Buchpreis-Liste (5 Autorinnen vs. 15 Autoren) ist vergleichbar der Frauenquote bei Denkfunk.de: 10 Autorinnen vs. 31 Autoren [Stand: 28.04.15 gemäß Veröffentlichung auf Autorenliste Denkfunk.de): frauenfeindlicher Systemkritik-Betrieb?

Solche Widersprüche torkeln dann doch wieder in Richtung des Worthülsen-Vorwurfs vom Tagesspiegel?


ZDF: Werbung für ein Gewerbenunternehmen mit Abo-Verkauf
Warum dokumentiert der Facebook-Account Die Anstalt so ausdrücklich sein Gefallen an Christoph Sieber und an Denkfunk (= PatchworX Media GmbH)? Dieser Account, so heißt es dort im "Info", sei "keine offizielle Seite des Fernsehens", doch vermutlich werden die wenigstens Seitenbesucher das überprüfen und den Unterschied wahrnehmen? Ganz abgesehen von der Frage, wer den Account denn bitte dann betreibt und was das heißen soll: "keine offizielle Seite des Fernsehens".

 

Ausschnitt aus Bildzitat Screenshot Facebook Die Anstalt:
Dieser (allerdings nicht vom ZDF selbst betriebene) Account  likt ausdrücklich und exklusive Denkfunk.de (= PatchworX Media GmbH)
und den Denkfunk-Autor Christoph Sieber.


Zu Gast in der Sendung waren auch Carolin Kebekus und Lisa Politt; die jedoch werden dort nicht erwähnt und mit dem Gefällt-mir-Lorbeeer bekränzt.

Aber auch das ZDF selbst praktiziert und duldet in diesem Kontext Werbung für das Gewerbeunternehmen mit Abo-Verkauf. Der Kabarettist und Denkfunk-Autor Tobias Mann durfte bei Markus Lanz in der Sendung vom 12. März 2015 ebenfalls Werbung für das Geschäftsmodell machen:


Claus von Wagner und Max Uthoff sind zwar als Denkfunk-Autoren nicht gelistet, stehen aber ebenfalls in Verbindung zu Denkfunk = PatchworX Media GmbH: Ihr Auftreten wird für ein exklusiv nur für Abo-Inhaber und damit Clubmitglieder zugängliches „Denkfunk-Festival“ im November 2015 in Nürnberg angekündigt.

Denkfunk tritt mit dem Anspruch auf,  Gegenöffentlichkeit herzustellen. Dieser Anspruch ist nach Meinung von SaSe aus folgenden Gründen zumindest zu hinterfragen: Die Denkfunk-Videos auf der Webseite sind nicht teilbar (keine Verbreitung, keine Gegenöffentlichkeit). Über den Inhalt diskutieren können auf der Denkfunk-Webseite nur privilegierte Abo-Inhaber, die sich dafür aber zuerst bei einem weiteren Gewerbeunternehmen, dem DigiStore24 (satirisch behandelt hier), registrieren lassen müssen. Jedes Denkfunk-Video ist mit vergleichsweise penetranter Werbung für eben dieses Abo versehen.

Kritische Fragen dazu sind offensichtlich nicht erwünscht. Wer sie stellt (was SaSe getan hat), dem weht ein eiskalter Wind entgegen. Die Glaubwürdigkeitsfrage wird weder von der 21 Jahre alten Geschäftsführerin von PatchworX Media GmbH noch von Christoph Sieber beantwortet. Bei der zweiten Nachfrage zu den Gesellschaftern der GmbH bricht PatchworX Media GmbH die Kommunikation ab.
Möglicherweise gibt es für all diese Fragen völlig vernünftige und einleuchtende Antworten. Warum werden sie nicht einfach gegeben?

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