SaSe21: Anny Hartmann: Bärinnenstarker Auftritt bei SWR „Spätschicht“ 22.05.2015

Halleluja, Mädels: Ab in die Kirche und die Dankeskerze entzündet! Das männerdominierte und frauenignorante Kabarett hat einmal wieder zwei durchgelassen: In der von Florian Schröder moderierten Kabarettsendung des SWR,  Spätschicht – Die Comedy Bühne,  durften am 22. Mai 2015 gleich zwei KabarettistINNEN auftreten: Mirja Boes und Anny Hartmann

Das hebt die FuaS (Frauenquote unter aller Sau) von Spätschicht nur wenig; eine FuaS übrigens wie im gesamten deutschen Kabarett (ausführlicher Artikel dazu folgt). Pro Sendung lädt Florian Schröder bei  im Schnitt fünf Gastauftritten höchstens eine (1), am 22. Mai dann mal zwei und im April 2015 – die ganz große Ausnahme – drei Frauen ein. Potz, Blitz und Regenwurm!
Oder auch gar keine: In den Sendungen vom 13. März 2015 und 12. Dezember 2014 waren die Herren das, was sie am liebsten sind: unter sich. Es gehört zur Verlogenheit des deutschen Kabaretts, dass diese Institution – bitteschön: als gesendete Kritik an den gesellschaftlichen und politischen Zuständen – noch nicht einmal die für die Aufsichtsräte der DAX-Unternehmen geforderte Frauenquote von 30 Prozent erreicht. Spätschicht schafft es mit Müh und Not gerade mal auf 24 Prozent für die letzten zehn Sendungen. Mit diesen 24 Prozent liegt das Kabarett im Ländle aber immer noch deutlich über den Quoten der einschlägigen Kabarettpreise, die das schäbige Spektrum von sieben (Deutscher Kleinkunstpreis) bis 17 Prozent (Stuttgarter Besen) abdecken.


Haar- und harmlos: Mirja Boes
Die charmante, attraktive und unterhaltsame Mirja Boes allerdings war mit ihrem Auftritt bei Florian Schröder kein Gewinn für das Kabarett, die Frauen oder (wenigstens) den gesellschaftlichen Diskurs. Sie schaffte es, das  Thema „Brasilien Waxing“ radikal zu enthaaren und dessen kulturelle, medizinische und ideologische Dimension komplett wegzurasieren. Kein Krümelchen der breiten Diskussion zu diesem bis in die Antike zurückreichenden Schönheitsideal , dessen problematische Aspekte (übersichtlich dargestellt bei Wiki) bei Boes nicht mehr vorkamen. Dabei böte allein schon die feministische Kritik an den Prozeduren, welche aus adulten Frauen präpubertäre Mädchen mache und damit pädophile Neigungen bediene, reichlich Stoff für die kabarettistische Bearbeitung.  So oder so, in die eine oder andere Richtung. Aber in der Boes-Version hat das deutsche Kabarett die Frauen eh am liebsten: „nett“ (im übelsten Sinne des Wortes), gut aussehend, charmant  und gern etwas schlüpfrig. Boes erfüllt das Soll. (Scham)Haar- und harmlos!

Eine (1) satirische Provokation im Herren-Kabarett des Ländles pro Sendung reicht. Den Part übernahm am 22. Mai 2015 in SWR-Spätschicht allein (gelassen), bärinnenstark und mit brillanter Themenwahl: Anny Hartmann!


Schnörkellose Konzentration auf Inhalte
Der Kabarettistin Anny Hartmann ist in Zeiten von PussyTerror TV hoch anzurechnen, dass sie die Bühne betritt, ohne sich auf High Heels im Leder-Miniröckchen (nicht nur) beim Publikum anzubiedern. Auf solche karrierefördernden und den eigenen ARD-Sendeplatz sichernde Hilfsmittel, welche die inhaltlichen Aussagen bis ins Koma konterkarieren,  verzichtet Hartmann. Sie hat inhaltlich so viel zu bieten, dass die Zuschauer genug damit beschäftigt sind, den von ihr aufbereiteten Fakten intellektuell hinterherzudenken. Und bei ihrem (zweiten) Spätschicht-Auftritt  weiß sie ihr Topic geschickt zu wählen! DAS zentrale Männerthema: Fußball und die Korruption bei der FIFA.

In der ARD-Mediathek ist der Sendemitschnitt bis zum Redaktionsschluss dieses Artikels noch nicht verfügbar. Aber es gibt einen Ausschnitt bei YouTube. Genießen Sie Hartmanns Auftritt hier (ab Videolaufmeter ab 3:35):



Anny Hartmanns Stilmittel sind vor allem Ironie und rhetorische Fragen. Unaufdringlich und gut aufbereitet inszeniert sie investigatives Kabaretts at its best! Zum Bespiel hinsichtlich der Voten einzelner Länder (Thailand, Saudi-Arabien) für die Fußballweltmeisterschaft 2006  in Deutschland, der Herkunft entscheidender FIFA-Akteure und der Verflechtungen zwischen dem Weltfußballverband und Interpol. Hartmann stehen nur sechs Minuten für ihren Auftritt zur Verfügung, aber diese füllt sie prall! Pur mit Inhalten.


„Eine der wenigen Frauen in Deutschland“ …
Hartmann kompensiert in der deutschen Kabarettistinnen-Szene die Rohrkrepierer  à la Gerburg Jahnke und Mirja Boes, die das typische und zu recht verschriene „Frauenkabarett“ betreiben. Deren einziges Thema: Männer, Männer, Männer, Cellulite, Männer, Bindegewebe, Männer und Brasilien Waxing. Zuzüglich ä bizzle Reproduktionsbeschwerlichkeiten (i. e. Schwangerschaftsstreifen, Dammriss, Stillen).

Wie politisch brisant dagegen die studierte Volkswirtin Hartmann ist, erkennt der geneigte Betrachter unschwer an der Abwesenheit einschlägiger Auszeichnungen und Preise. Die Liste für diese politische Kabarettistin ist schnell abgearbeitet: 2011 die St. Ingberter Pfanne für ihr Programm Humor ist, wenn man trotzdem wählt, dafür dito 2012  der Fränkische Kabarettpreis. Die Laudatio zu selbigem benennt Hartmanns Alleinstellungsmerkmal:

Sie ist eine der wenigen Frauen in Deutschland, die sich sicher und erfolgreich auf dem politischen Kabarettparkett bewegen.
Ein Abend mit Anny Hartmann garantiert Gesellschaftskritik mit hohen Unterhaltungswert und AH Effekt! Überraschend anders, weiblich, charmant!

(Laudatio Mäc Härder Fränkischer Kabarettpreis 2012 zu Anny Hartmann; Hervorhebg. SaSe)

An den Attributen „weiblich, charmant“ unschwer erkennbar ist das Geschlecht des Laudators (Mäc Härder)! Ohne diesen „Charme“ hätte Hartmann vermutlich gar keine Chance! „Charme“ ist ja wohl das Mindeste, was Mann von Kabarettistinnen erwarten kann, wenn die Schlüpfrigkeit (Boes, Kebekus) schon fehlt?
2014 sammelt Anny Hartmann noch den Mindener Stichling ein.


Viele Videos auf der Hartmann-Webseite
Die Solokünstlerin firmiert auch ausdrücklich unter dem Label „politisches Kabarett“. Ihre Botschaften sind frei von der gelegentlich unerträglichen moralischen Aufdringlichkeit und Selbstgefälligkeit zu vieler männlicher Kollegen in dieser Sparte.

Die  hochdringend Ӏ  professioneller  Ӏ Redigatur  bedürftige Hartmann-Homepage bietet in der Rubrik „Videos und Downloads“ übersichtlich arrangiert die Aufzeichnungen ihrer Auftritte. Deren Themen sprechen für sich selbst: TTIP, Flüchtlingspolitik und IWF, bedingungsloses Grundeinkommen. 2014 durfte sie unter dem Titel „Schwamm drüber“ im Pantheon-Theater ins Jahr zurückblicken:


 

 

Anny Hartmann ist leider Autorin beim Denkfunk.

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