SaSe26: Die Logorrhö des Jan-Philipp Hein in der SHZ: Antisemitismus-Vorwurf an das deutsche Fernsehkabarett

Den Artikel muss man&frau (mindestens) zweimal lesen: Der Kolumnist Jan-Philipp Hein veröffentlicht am 7. Juni 2015 in der Schleswig-Holsteinischen Zeitung seinen umfassenden Antisemitismus-Vorwurf an das das deutsche Fernsehkabarett: Darf Satire wirklich alles? Fernsehkabarett – Da wo der Antisemitismus blüht.

Schon die Metaphorik der Headline zeigt die Tendenz. Es geht nicht um die im Artikel dann beschriebenen Einzelphänomene, sondern das deutsche Fernsehkabarett ist ein Garten des blühenden Antisemitismus schlechthin.

Die windige Konstruktion dieses Vorwurfes an das deutsche Kabarett, namentlich auch an Volker Pispers und Georg Schramm, wird errichtet an dem Auftritt von Uwe Steimle in den Mitternachtsspitzen am 23. Mai 2015 (Mediathek). Unter Rückgriff auf einen höhnischen FAZ-Artikel 2009 über den als Polizeiruf-Kommissar geschassten Schauspieler wirft Hein der ARD Recycling und Therapie von Uwe Steimle gleichzeitig vor. Dann zitiert er folgenden Satz aus dem Steimle-Auftritt bei den Mitternachtsspitzen:

Wieso zetteln die Amerikaner und Israelis Kriege an und wir Deutsche dürfen den Scheiß bezahlen?“
(SHZ 07.06.15, Jan-Philipp Hein: Darf Satire wirklich alles? Fernsehkabarett – Da wo der Antisemitismus blüht; Zitat Auftritt Uwe Steimle aus Mitternachtsspitzen 23.05.15)

Und dieser Satz geht bei Hein auf wie ein gut gekneteter Hefeteig und gärt zu folgendem voluminösen Klops:

Der Satz gehört dechiffriert, weil er tiefe Einblicke in antisemitische Gedankengebäude zulässt. Das alles verbirgt sich hinter Steimles Showeinlage: Die Juden (Israel) setzen mal wieder die Welt in Brand. Die Mittel, das zu tun, pressen sie den Deutschen ab, die „den Scheiß bezahlen“. Warum das bezahlt wird, ist natürlich klar: Weil die Deutschen wegen des Holocaust ein schlechtes Gewissen haben, aus dem die Juden bekanntlich seit Jahrzehnten Profit schlagen. Um das nicht auch noch explizit sagen zu müssen, kleidet Steimle seine Gedanken in eine Frage
(ibid.)

Und in diesem Stil schreibt Hein munter fort:

Im komikorientierten Nachtprogramm der ARD gehen solche Einlagen an der Grenze zur Volksverhetzung hingegen als Geistesblitze durch. Das Publikum applaudiert begeistert und glaubt offenbar, einem Akt der Aufklärung beizuwohnen.
[…]

Keinem antisemitisch witzelnden Kleinkünstler wird sein Treiben zum Verhängnis. Im Gegenteil. Eine Portion Judenhass gehört im deutschen Kabarett, das ganz wesentlich und gebührenfinanziert von ARD und ZDF am Leben gehalten wird, zum guten Ton.
(ibid.; Hervorhebg. von SaSe)

Dann kommt Georg Schramm dran: Von ihm zitiert Hein eine Äußerung im Kontext der Stuttgart-21-Proteste:

„Das Volk würde liebend gern den Banken wieder zu dem Ansehen verhelfen, das sie einmal hatten, als man sie noch Geldverleiher nannte, als es noch ein dreckiges Handwerk war, das ein ehrbarer Christ gar nicht ausüben wollte.“
(Georg Schramm auf einer Protestkundgebung zu Stuttgart 21, zitiert nach SHZ Jan-Philipp Hein, 07.06.15: Fernsehkabarett – Da wo der Antisemitismus blüht)

In seiner Raserei unterlaufen Hein auch derbe sachliche Fehler, etwa wenn er behauptet, Schramm „darf regelmäßig im Fernsehen auftreten“, „meist in Die Anstalt beim ZDF". Quatsch mit Soße! Seit der Übernahme der Sendung im Frühjahr 2014 durch Claus von Wagner und Max Uthoff plus des genialen Texters Dietrich Krauß war Schramm kein einziges Mal Gast in Die Anstalt!

Überhaupt ist nach Hein die ARD die Spielwiese für Antisemiten schlechthin:

Wer den Juden ohne auf Israel zu kommen ein paar auf die Mütze geben will, kann das aber auch als Kabarett tarnen. Im deutschen Fernsehen ist dafür immer eine Bühne frei.
(ibid.)

Als nächste dann ist Volker Pispers dran, der „ARD-gemästete“. Dem neidet Hein den Applaus des Publikums bei seiner Kritik an den westlichen Reaktionen auf die Krim-Chose. Allerdings schimmert an der Stelle auch rasch durch, worum es eigentlich geht: um die von Pispers geübte Kritik an der imperialistischen Weltmacht USA.

Die Namen der des Antisemitismus beschuldigten Kabarettisten machen klar, woher der Wind weht: Volker Pispers und Georg Schramm – das sind die besten politischen Kabarettisten, die wir überhaupt haben! Jetzt also wird der Antisemitismus-Vorwurf nach links auch noch auf das Kabarett ausgeweitet. Da warten neue Aufgaben!


Die Leser-Kommentare erledigen die Causa Hein suffzient!
Die richtige Würze und verdiente Analyse erhält der „mutige“ Beitrag des Jan-Philipp Hein in den Leserkommentaren. Die lassen keinen Zweifel daran, wie dieser undifferenzierte, pauschalisierte und aus der Politik als konstruiert bekannte Antisemitismus-Vorwurf aufgenommen wird: „Verbreitung von Blödsinn“, „dem oberflächlichem Geschreibsel des Herrn Hein“, „Heuchelei“, „als Kolumnist natürlich nur drittklassig“, „seinen niedergetippten Anfall von Logorrhoe“, „einen derartigen Unsinn eines „Kolumnisten“ hier lesen zu müssen“ etc.

Über diese empörten Etiketten hinaus wird Heins Argumentation aber auch analysiert:

Wer nebenbei, wie der Autor Hein, "die Juden" als prinzipielles Opfer einstuft, sollte vielleicht sein eigenes Weltbild überprüfen und sich die Frage stellen, ob seine Sicht nicht umgekehrten "Rassismus" darstellt (um bei diesen unpräzisen -Ismen zu bleiben).
[…]
Er ist nicht an einer konstruktiven Auseinandersetzung interessiert, sondern bezeichnet kategorisch alles als antisemitisch, was an dem vom Autor zelebrierten Mythos der grundsätzlichen Korrektheit jüdischen Handelns kratzt (unmaßgeblich, ob Einzelpersonen, die Staatsführung oder sonstiges gemeint ist). Dieser Absolutismus ist falsch – und nur darum geht es.
(ibid., Leserkommentar Nr. 2, Frank Reich)

Auf den Pauschalisierungspunkt bringt es Uwe Lorenzen:

Aber jede Kritik an der Politik der israelischen Regierung als "Antisemitismus" zu denunzieren ist genau so dumm, wie der Antisemitismus selbst. Solidarische Kritik an der leider festzustellenden Missachtung der Verhältnismäßigkeit der Mittel bei der grundsätzlich gerechtfertigten Selbstverteidigung Israels ist nicht antisemitisch sondern unter Freunden notwendig, um überhaupt die Chance auf eine vernünftige Lösung der im Nahen Osten zur Zeit eher wachsenden Konflikte zu wahren.
(ibid.; Leserkommentar Nr. 3, Uwe Lorenzen)

Frank Reich deckt Heins Strategie auf:

Mir erschließt sich nicht, weswegen Israelkritik immer wieder mit Antisemitismus gleichgesetzt wird. Zudem: "Die Juden" sind nicht sankrosankt – und ebenso wenig die Wurzel allen Übels.
(ibid.; Leserkommentar Nr. 10, Frank Reich)

Bernd Stelzer sieht journalistische Sorgfaltsfehler:

Insbesondere dürfen sie nicht die Äußerungen von Kabarettisten bewusst falsch interpretieren und ihnen Antisemitismus oder Kriegstreiberei unterstellen. Oder haben sie sich die Mühe gemacht, die Aussagen von Herrn Schramm oder Herrn Pispers zu hinterfragen, Herr Hein?
(ibid.; Leserkommentar Nr. 8, Bernd Stelzer)

Zustimmung erhält Hein keine! Stattdessen fügen die Leser noch Links zu Texten ein, die sich mit der bekannten Strategie „Antisemitismus als politische Waffe“ beschäftigen. Zumindest dieser Link von Frank Reich allerdings bekommt dann schon wieder jenes Geschmäckle, von dem der bekannte Politikwissenschaftler und Henryk-Broder-Freund Hamed Abdel Samad erst jüngst kosten durfte (hier): Auftritte vor Burschenschaften!
Hilfreicher ist dagegen der Link auf einen Artikel in Der Semit – Die andere jüdische Stimme.
 

Weitere Artikel von Hein:
+ Jan-Philipp Hein wird auch als Focus-Autor geführt:
+ SVZ.de 17.01.15: Antisemitismus – Islamismus: Wer sind wir wirklich?
+ topagrar 18.01.2014: Warum hinterfragen die Medien nie die NGOs?
+ BILD (!) 16.12.2012: Wie viel Nazi-Sympathie steckt in den Bremer Linken?

Eine nicht so rühmliche Erwähnung findet Hein hier:

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