SaSe32: Öffentliche Replik auf Dieter Nuhrs FAZ-Beitrag „Digitales Mittelalter“

Sehr geehrter Herr Nuhr,

als mutmaßliche Angehörige der von Ihnen rangeingewiesenen „pöbelnden Masse“ überschreite ich mit dieser querulatorischen Widerrede vermutlich bei Weitem meine Kompetenzen und meinen sozialen Rang? Aber so langsam hat Ihr Selbstdarstellungs-Spaß auf Kosten der Griechen und sonstiger Dritter jetzt aber doch mal ein Loch! Und was die Kompetenzüberschreitung anbelangt, kann ich Ihnen ohnehin nur hilflos nacheifern (Stichwort: Nuhrs „Strukturreformpaket“ für Griechenland). 

Ihren zweiseitigen Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 16. Juli 2015 Bericht aus dem Shitstorm: Wir leben im digitalen Mittelalter empfinde ich persönlich (wohl nicht alleine) als den Gipfel der Heuchelei. Sie stilisieren sich darin anhand eines in der Tat zu kritisierenden Phänomens, zu dessen Zustandekommen im genannten Fall Sie selbst maßgeblich beigetragen haben, in einer illegitimen und abstoßenden Art und Weise zum Opfer. Dabei verdrehen Sie die Tatsachen, verschieben die relevanten Kausalnexus und weichen der eigentlichen Sachdiskussion konsequent aus.


Sie sind nur Anwalt Ihrer selbst
Zum Phänomen <Shitstorm> nehmen schon seit Jahren sehr viele und sehr kluge Leute, Experten darunter, Stellung, zeigen Ursachen auf, beschreiben Dynamiken und fordern Interventionen. Was diese Autoren vorzüglich von Ihrem schon als „Anti-Shitstorm-Essay“ geadelten Lamento unterscheidet, ist der Schreibanlass. Genannte Autoren thematisierten aus neutraler Perspektive, aus Expertise, möglicherweise teilweise aus Empathie mit den Opfern dieser digitalen Fäkalwogen, nicht jedoch, um sich durch Instrumentalisierung des Phänomens selbst zum Opfer zu machen.

Dagegen ist Dieter Nuhr zum Thema Shitstorm lediglich Anwalt seiner selbst. Sie nehmen andere, die oft in weitaus umfassendem Maße Opfer von Shitstorms und den verwandten repressiven Mechanismen werden, noch nicht einmal mit ins Boot. Ganz abgesehen davon, dass ein Shitstorm unter den repressiven digitalen Unterdrückungsmechanismen tatsächlich noch die harmlosere Variante ist. Richtig übel und nachhaltig wird es dann bei Doxxing & Co.


Ein kleines Timing-Problem?
Wenn ich karikaturistisches Talent besäße, müsste ich Sie mit der Pumpgun in der rechten Hand und dem Raketenwerfer unter dem linken Arm gezeichnet bei Ihrem Pazifismus-Vortrag in der FAZ darstellen. An einem Kulminationspunkt einer hochbrisanten außenpolitischen Situation provozieren Sie öffentlich und vor großem Publikum mit einem simplifizierenden Witz, der noch dazu den Sachverhalt verdreht. Oder sollten Sie tatsächlich nicht mitbekommen haben, dass es im griechischen Referendum gar nicht um die Frage ging, ob die Schulden je zurückgezahlt werden sollen oder nicht? Sie machen einen „Witz“ (?) auf Kosten der in großer existenzieller Not befindlichen Griechen und beklagen dann die Reaktionen, die selbstverständlich vorher absehbar waren. Sie waren so derart absehbar, dass sich die Frage stellt, ob sie nicht sogar kalkuliert waren. Die Reaktionen.

Haben Sie vielleicht ein grundsätzliches Timing-Problem? Beispiel: Ihre „religionskritischen Äußerungen“ (Zitat aus Ihrem FAZ-Beitrag), die man jetzt mit dem Segen eines deutschen Gerichtes risikofrei als „Hasspredigten“ bezeichnen darf. Glauben Sie tatsächlich, dass ein Zeitpunkt, zu dem die rassistischen Attacken,  Gewalt- und Straftaten in Deutschland gegenüber Muslimen im Allgemeinen und Flüchtlingen im Besonderen nachgerade explodieren, dass dieser Zeitpunkt geeignet ist, um Ihre ganz spezielle „Religionskritik“ zu üben? Noch dazu als a) Deutscher und b) Nicht-Muslim? Nach meiner Wahrnehmung sind ausreichend kompetente Islamkritiker verfügbar, die sich fortlaufend artikulieren und dafür auch über eine weit bessere Qualifikation und Position verfügen als Sie: Hamed Abdel-Samad fällt mir ein oder Ayaan Hirsi Ali.

Manchmal ist es gar nicht der Inhalt einer Kritik, sondern schlicht der Zeitpunkt, zu dem sie geübt wird. Wie bitte würden Historiker heute einen Autor bezeichnen, der in der Zeit des nationalsozialistischen Zwangsregimes und ganz besonders nach der sogenannten Reichskristallnacht an prominenter Stelle Kritik am Judentum veröffentlich hätte? Die Berechtigung von Kritik leitet sich nach meiner unmaßgeblichen Meinung auch von dem ehrlichen und nachweisbarem Bemühen ab zu verhindern, dass diese Kritik in einer ohnehin schon aufgeheizten Situation von den Falschen instrumentalisiert wird. Ihre Kritik jedoch wird schon seit langem von den Rechten und Rassisten instrumentalisiert! Was macht das mit Ihnen, Herr Nuhr?


An ihrer Sprache sollt ihr sie erkennen!
Bleiben wir konkret und ganz dicht an Ihren eigenen Verlautbarungen:

Ich habe mit einem Twitter- und Facebook-Post – „Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!“ – satirisch-ironisch darauf hingewiesen, dass man den Bruch eines Kreditvertrages nicht durch demokratische Abstimmung legitimieren kann.
(Dieter Nuhr, Gastbeitrag in FAZ 16.07.15: „Bericht aus dem Shitstorm: Wir leben im digitalen Mittelalter“; Hervorhebung SaSe)

Bitte: Worauf wollen Sie „satirisch-ironisch“ hingewiesen haben? Auf den Bruch eines Kreditvertrages? Es gibt keinen „Bruch des Kreditvertrages“ im Kontext mit dem griechischen Referendum! Es ging um den Vorschlag der "drei Institutionen“ vom 25. Juni 2015. „Bruch eines Kreditvertrages“ ist eine politische Wertung und in meinen Augen schlicht Propaganda!

Aber es wird ja noch schlimmer:

Wäre die Regierung Tsipras damit durchgekommen, hätte der kurzfristige populistische Pyrrhussieg dazu geführt, dass Griechenland aus dem Kreis der Länder ausgeschieden wäre, die sich rechtsstaatlicher Grundsätze [sic!] verpflichtet sehen.
(ibid.; Hervorhebung SaSe)

„Mit etwas durchkommen“, das ist die pejorative Wortwahl für Verantwortungslose, für Lausbuben und Kriminelle! Ein demokratisches Verfahren einer souveränen Regierung zu einer Überlebensfrage der Nation bewerten Sie als Populismus und – mit offensichtlichen Seher-Qualitäten – auch noch als Pyrrhussieg?

Abgesehen davon:  Ihre Glorifizierung der Mitgliedsländer der EU, die sich angeblich „rechtsstaatlicher Grundsätze [sic!] verpflichtet sehen“, hält den Realitäten nicht stand! Welcher Art diese rechtsstaatlichen Grundsätze sind, lässt sich sehr schön am Beispiel Ungarn ablesen (Antiziganismus, Pressefreiheit etc.).

Um hier jedoch nicht in die Sachdiskussion zur Griechenland-Krise, den Ehren-Wert der  Mitgliedsstaaten der Eurozone und den Sinn oder Unsinn einer fatalen Austeritätspolitik abzugleiten, einer Diskussion, der Sie sich ja ohnehin verweigern, lassen wir Ihre selbstredenden Etikettierungen der griechischen Regierung einfach weiterplappern.


Sie haben Macht und Sie üben Zensur aus!
Kommen wir zur nächsten Nuhr-Tatsachenverschiebung:

Ich habe zahlreiche Beleidigungen, Beschimpfungen und Bedrohungen auf meiner Seite gelöscht beziehungsweise löschen lassen. Daraufhin wurde mir „Zensur“ vorgeworfen, ein abstruser Vorwurf, geäußert von Menschen, denen die Bedeutung des Begriffes „Zensur“ offenbar nicht ganz geläufig ist. „Zensur“ herrscht, wenn eine öffentliche Meinungsäußerung systematisch von mächtigen Kräften unterdrückt wird.
[…]
Tatsache ist: Ich bin gar nicht in der Lage, Zensur auszuüben, weil mir dazu das entscheidende Mittel fehlt: die Macht. Ich bin nicht der König des Internets.

(ibid.; Hervorhebungen SaSe)

Zum ersten Teil des Zitats: Das stimmt einfach nicht! Der Begriff „Zensur“ fiel – zumindest in der aufwallenden medialen Berichterstattung – primär im Kontext mit der Tatsache, dass Sie Postings des Moderators Jan Böhmermann gelöscht und ihn auf Ihrem Facebook-Account gesperrt hatten: hier, hier, hier, hier und hier.

Zu Ihrer Behauptung, Sie hätten keine Macht: „Macht 2015“ ist primär mediale Reichweite! Deshalb auch ist die BILD-Zeitung so „mächtig“. Ein prominenter Comedian mit einer halben Millionen Likes auf seinem Facebook-Account, mit eigener Fernsehsendung im ARD-Abendprogramm und vielen anderen Fernsehauftritten und ganz offensichtlich blendenden Verbindungen in die Redaktion der FAZ ist sehr wohl „mächtig“ im Sinne der Meinungs- und Empörungslenkung. (Ich verwende den Begriff nach Definition von Professor Rainer Mausfeld in seinem viel beachteten Vortrag an der Uni Kiel Warum schweigen die Lämmer?) Ein meinungsmachender Mann, der am 12. Juli von der FAZ einen dreiseitigen Artikel von Rainer Hank mit der applaudierenden Headline Dieter Nuhr hat recht erhält und wenige Tage darauf sich in derselben Zeitung in einem zweiseitigen und noch dazu von ihm selbst verfassten Artikel verlautbaren darf, ein solcher Mann, obwohl weder Politiker noch Experte, Herr Nuhr, ist durchaus mächtig! Und sei es auch nur: mächtig schiefgewickelt! Oder meinen Sie, Jan Böhmermann, Volker Pispers und Christoph Sieber kriegen in den nächsten Tagen bei der FAZ auch jeweils zwei Seiten zur Verfügung, um ihre außenpolitischen Positionen unter irgendeinem windigen Vorwand (pöhses pöhses Shitstorm!) auszuwalzen?


Ist Jan Böhermann ein Nazi?
Ihre Strategie im zur Diskussion stehenden FAZ-Artikel ist es, den Shitstorm inklusive Zensurvorwurf exklusiv mit den Nazis und anderen Bösewichten zu verknüpfen. Der Zensurvorwurf jedoch wurde zumindest in der medialen Berichterstattung – siehe oben – im Kontext mit Ihren Aktionen gegen Jan Böhmermann aufgebracht.

Wenn sich beispielsweise ein Nazi auf meiner Seite äußert, dann ist es keine Zensur, wenn ich den Post lösche, es ist sogar rechtlich geboten, denn ich bin ja als Betreiber der Seite für die Inhalte verantwortlich. Ich bin als Verantwortlicher der Seite selbstverständlich berechtigt, dies zu tun. Kein Mensch würde dies als Zensur bewerten, außer dem betroffenen Nazi selbst.
(ibid.; Hervorhebung SaSe)

Sie löschen also nur Postings von Nazis? Sie haben die Postings von Jan Böhmermann gelöscht, einer der ganz wenigen prominenten Personen, die Ihnen sowohl sprachlich wie satirisch das Wasser reichen können. Heißt das jetzt, Jan Böhmermann ist ein Nazi?

Und bitte, wenn Sie so großzügig löschen bei rechtsdrehendem Dreck auf Ihrem Facebook-Account, wie kommt es dann zu den im SaSe20 per Screenshot dokumentierten Postings ebendort?


Chauvinistische Verharmlosung der Hexenverfolgung
Dass ausgerechnet Sie als (meiner Meinung nach) Chauvinist Nummer eins der deutschen Kabarettszene es wagen, sich expressis verbis (Zwischenüberschrift: „Hexenverbrennung des 21. Jahrhunderts“) mit den Opfern der Hexenverfolgung zu vergleichen, das, Herr Nuhr, rammt die Spitze des Pentagramms in den menstruationsblutgetränkten Waldboden! Frau Wicca kotzt im Kreis! Denn gerade hier gilt das, was Sie fälschlicherweise oben im Kontext mit „Macht“ behauptet haben. Die Hexenverfolgung wurde durch die seinerzeit mächtige Kirche exerziert und verlief in nahezu jedem Fall tödlich! Da vergleicht sich jemand, der gemütlich aus dem Urlaub heraus digitales Blut in die politischen Haigebiete der Themenmeere kübelt, mit den weisen und heilkundigen Frauen des Mittelalters, die ohne eigenes Verschulden denunziert, gefoltert und verbrannt wurden! Er vergleich sich mit Tausenden von unfassbar brutal ermordeten Frauen (und wenigen Männern), weil ihm die rot aufschäumende Gischt des selbst angerichteten digitalen Gemetzels den Kragen besudelt.

Erde an Dieter Nuhr …

Kommen Sie auch mal wieder runter von Ihrer Keiner-hat-mich-richtig-lieb-Palme? Sie seien „nur“ „sozial“ vernichtet? Ich glaub, es hackt?


„Der Andere wird abgestempelt“
… heißt eine der Zwischenüberschriften Ihres FAZ-Gastbeitrages, den Sie im weiteren Verlauf so ergänzen:

Die Primitivität und Aggressivität, mit der Andersmeinende im Internet verfolgt werden, scheint mir denselben psychologischen Mechanismen zu folgen, die früher zu Lynchjustiz und Pogromen führten. Der Andersmeinende wird zunächst als wahlweise „dumm“ oder „böse“ dargestellt.
(ibid.; Hervorhebung SaSe)

Ich bin jetzt nicht ganz sicher, ob ich Sie richtig verstehe. Meinen Sie die Herabwürdigung Andersdenkender in dieser Art:

Kurz angemerkt, nur weil schon wieder hier im Internet ganz vielen die Birne durchbrennt (was die Denkfähigkeit stark einschränktSchaum vor dem Mund zeugt nicht von geistiger Tiefe): Dass es den Griechen schlecht geht, ist mir bekannt und extrem erschütternd. Aber 200 Jahre Ausbeutung und Korruption abzulösen durch primitiven Antikapitalismus ist so ziemlich das Dümmste, was man tun kann. Mein Tipp wäre: ein Finanzamt aufbauen, das den Namen verdient, und Korruption bekämpfen, anstatt die anzupissen, die genau dabei helfen wollen.
(Dieter Nuhr Facebook, Posting vom 07.07.2015, 9.44 Uhr, Hervorhebg. SaSe)

 

Was haben Sie eigentlich für ein Menschenbild, Herr Nuhr?
Was verrät eine Äußerung wie

Die pöbelnde Masse tritt heute wieder selbstbewusst als Handelnder auf.
(Dieter Nuhr, Gastbeitrag in FAZ 16.07.15: „Bericht aus dem Shitstorm: Wir leben im digitalen Mittelalter“; Hervorhebung SaSe)

über das Menschenbild dessen, der sie tätigt? Wie eng ist die Verbindung zwischen „pöbelnd“ und „Masse“ Ihrer Meinung nach? Ist Masse immer Pöbel? Und was, die interessanteste Frage, ist dann das Gegenteil von „Masse“? Elite? Sie?
Welchen geschichtlichen Abschnitt assoziiert „heute wieder“? Untersagen Sie Selbstbewusstsein und Handeln der Masse schlechthin oder nur dem pöbelnden Anteil?

Oder verbuchen wir das Ganze doch lieber unter dem nahezu feudalistischen Gejammere über leider vergangene Zeiten, wo Sie und andere Privilegierte ihre Bonmots und „Witze“ ohne spürbare Gegenwehr auf eben jene Massen herabkommen lassen konnten?


Twitter & Facebook: Pumpgun rechts, Raketenwerfer links

Die Orte, an denen die Scheiterhaufen lodern, heißen Facebook und Twitter.
(ibid.)

Fantastisch: Da wettern Sie (zu recht) gegen Facebook und Twitter als Orte der Vernichtung abweichender Meinung, als Hinrichtungsstätte Andersdenkender. Dieser Kritik würde man sich begeistert anschließen, käme sie nicht ausgerechnet von jemandem, der sich genau dieser beiden Instrumente exzessiv bedient, um Meinung zu machen und sich selbst zu vermarkten. Twitter und Facebook, die Pumpgun und der Raketenwerfer, sind Ihnen doch erst dann lästig, wenn sie auf Sie ausgerichtet werden. Ansonsten machen Sie von beiden genüsslich Gebrauch.

Ist Ihnen Glaubwürdigkeit eigentlich derart gleichgültig?


Seid nicht feige Leute, lasst mich hinter den Baum!

Was allerdings im Internet im Anschluss an mein Posting passierte, hatte nichts mit einer Diskussion zu tun.
(ibid.)

Nicht? Komisch, auf meinem Bildschirm erscheint dann offensichtlich eine andere Version Ihres Facebook-Accounts? Unter den 3.465 Kommentaren, die zum Redaktionsschluss dieses Artikels dort  stehen, finden Sie keine Diskussionsansätze?
Die Postings von Jan Böhmermann hatten auch nichts mit einer Diskussion zu tun oder hätten einen Einstieg in eine solche geboten? Tatsächlich nicht?

Sie sind es doch, der sich der Diskussion verweigert! Sie sind der Nonresponder, wenn selbst die moderateren und wohlmeinenderen Poster auf Ihrem Facebook-Account konkrete Fragen stellen oder auf bedenkliche Phänomene aufmerksam machen, um Antworten bitten. (Aus Gründen der Lesbarkeit verzichte ich an dieser Stelle darauf, diese Behauptung mit endlosen Screenshots von Ihrem Account zu belegen.) Gezielt, bewusst, kalkuliert ballern Sie Ihre provokanten Thesen unters Volk, kübeln das Blut ins Meer und fangen an zu jammern, wenn die Gülle zurückgrüßt.

Warum stellen Sie sich nicht Jan Böhmermann? Warum anonymisieren Sie so elegant den Vorwurf der Nähe zu Pegida in eine Passivkonstruktion Ihrer Suada, wo doch die gesamte Szene weiß, dass es Volker Pispers war, der Sie öffentlich und vor laufender Kamera bei der Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises 2015 als „humoristischen Arm der Pediga“ bezeichnet hat? Warum lassen Sie auf Ihrem Facebook-Account Postings zu und stehen, deren rechtsdrehende Intension aus jeder Zeile quillt und die Urheberschaft von Reichsbürger & Co. mit 88 Zaunpfählen signalisiert?

Es ist leicht, auf dem eigenen Facebook-Account den Kim Jong-un zu geben. Es ist schäbig, Postings von Kollegen zu löschen, deren Bedrohlichkeit aus deren Augenhöhe zu Ihnen resultiert. Und auch auf  Ihren FAZ-Gastbeitrag kann Ihnen so rasch kaum jemand an selber Stelle mit derselben Verbreitung (potenziert durch das gigantische Medienecho) antworten.

Deshalb frage ich einfach offen: Sind Sie feige, Herr Nuhr?

Wann stellen Sie sich wo, um Ihre gewagten Thesen insbesondere zu Griechenland argumentativ zu verteidigen? Ich bin sicher, Jan Böhmermann fällt dazu ein geeignetes Format ein?

Solange halten wir uns an folgenden Gewissheiten fest: Sie wurden nicht verbrannt und Sie sind auch nicht „sozial“ vernichtet. Ihr Laden brummt – so zumindest legen es Likes, Klicks und Teilungen auf Ihrem Facebook-Account nahe. Sie sind weder der Erste noch der Einzige, der einen Shitstorm aushalten muss; allerdings lässt sich in anderen Fällen die Urheberschaft für das Phänomen nicht ganz so klar nachweisen.

Ich möchte meine Zeilen an Sie mit einem Zitat von Sascha Lobo zum Begriff Shitstorm schließen, das allerdings vergleichsweise uralt ist und der brennenden Aktualität Ihres „Anti-Shitstorm-Essays“ bitter ermangelt:

·  Shitstorm wird in der Regel als Dysphemismus gebraucht und diskreditiert so jede Empörung.
·  Shitstorm verlagert damit den Bruch mit den guten Sitten auf die Seite der Wütenden, unabhängig vom Grund für die Wut: Wer mit Schmutz wirft, muss unrecht haben.
·  Shitstorm erleichtert Tätern daher erheblich, sich medial als Opfer eines digitalen Mobs darzustellen.
·  Shitstorm ist dabei so subjektiv, dass Lokalpolitiker schon Shitstorm-Interviews geben, wenn sie auf Facebook etwas ruppig nach der Uhrzeit gefragt wurden.
·  Shitstorm verschiebt so den Maßstab, wie mit vollkommen normaler, aber nicht zustimmender Kommunikation im Netz umgegangen wird.

(Der Spiegel 19.02.2013, Sascha Lobo: "S.P.O.N. – Die Mensch-Maschine: Ich habe das alles so nicht gewollt")


Trotz Insubordination mit freundlichen Grüßen

Karin Burger
Redaktion SatireSenf.de

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