SaSe4: Stinkefinger-Affäre (4): Jan Böhmermanns Meisterstück

Die satirische Verarbeitung des Finger-Gates (#Varoufake) nimmt Fahrt auf. Jan Böhmermann meldet sich erneut und mit einer echten Herausforderung zu Wort: In NEO Magazin Royale vom Mittwoch, 18. März 2015, behauptet der Satiriker, dass er und seine Redaktion das umstrittene Video mit dem Stinkefinger gefälscht hätten (siehe Artikel bei stern.de und Niggemeier).

Die blanke Wonne ist dabei Böhmermanns fulminanter Seitenhieb der „kleinen gebührenfinanzierten Loser-Show“ als Bezeichnung für Jauchs Polittalk.  Das Publikum johlt.

Wie ist/war oder soll die Manipulation möglich gewesen sein?

Um das zu beweisen, zeigt Böhmermann eine Art Making-Of-Film, in dem die Entstehung des Videos zu sehen ist – und zwar unter hochprofessionellen Bedingungen im Studio mit Schauspieler vor Bluebox und Videobeiträgen aus Kroatien.
(stern.de: „Böhmermann: „Wir haben das Video gefälscht“)

Neo Magazin Royale spielt also mit der allgemeinen Verwirrung und Verunsicherung ob der Echtheit des bei Jauch gezeigten Bildmaterials. Dabei rückt sich Böhmermann selbst geschickt in den Focus der Aufmerksamkeit. Das Vorgehen, die Pointenfindungsstrategie, ist ähnlich wie beim #Ponygate von Jürgen Domian (vgl. TS7/15): Man nehme einen beliebigen medienwirksamen Vorgang und verbinde diesen kausal mit deiner Person/Sendung durch satirisch vorgewandte Übernahme der Verantwortung.

Im Übrigen lässt sich Böhmermann die besondere Gelegenheit nicht entgehen und drückt Günther Jauch noch ordentlich einen rein: „Günther Jauch fährt in einem Jahr so viel Cash ein, wie das Finanzamt von Athen“.


Stefan Niggemeier benennt die satirische Leistung
Mit seiner satirischen Selbstbezichtigun  hat Böhmermann der Diskussion einen neuen und entscheidenden Drive gegeben. Sowohl Stefan Niggemeier auf seinem medienkritischen Blog wie auch Holger Kreymeier von fernsehkritik.tv greifen diese spannende Finger-Gate-Wende sofort auf.

Auf fernsehkritik.tv analysiert Holger Kreymeier die einzelnen Sequenzen beider Video-Versionen (der angeblich originalen und der angeblich gefälschten aus Neo Magazin Royale): hier.

Dafür hat er einen eigenen Video-Clip produziert. Sein Urteil: „Der Fake ist die Version ohne Stinkefinger, die aber beeindruckend professionell gemacht ist."
 

Niggemeier gibt schon eingangs seines Kommentars zu, sich gewünscht zu haben, dass die Böhmermann-Version stimmt, und schreibt weiter:

Ich traue Böhmermann zu, das alles von langer Hand organisiert und orchestriert zu haben. (Auch wenn inzwischen alles dafür spricht, dass er erst im Nachhinein auf den Zug aufgesprungen ist.) Denn er hat ja, wenn auch diverse Nummern kleiner, schon bewiesen, dass er es kann.

Und ich traue es dem Medienbetrieb zu, auf ein solches Fake hereinzufallen, denn dass es jeder Unsinn schafft, von vermeintlich professionellen Journalisten weitererzählt zu werden, lässt sich nun auch fast jeden Tag beweisen. Und dass weder Günther Jauch noch „Bild“ mit dem Inhalt des Videos korrekt umgegangen sind, ist eine Tatsache, ebenso wie die, dass „Bild“ es unter grotesken Verdrehungen und Auslassungen als üble Hetze benutzt.
(Stefan Niggemeier, 19.03.15: Was ich durch #Varoufake gelernt habe)

Der Medienjournalist arbeitet dann auch die eigentliche satirische Leistung Böhmermanns heraus – inklusive Selbstkritik:

Böhmermanns Coup ist in vielerlei Hinsicht entlarvend. Er persifliert unsere Obsession mit unwichtigen, aber griffigen Nebensächlichkeiten (mit dem fast tragisch-ironischen Nebeneffekt, dass er die Beschäftigung mit dieser lächerlichen Geste nun noch einmal intensiviert hat); er kritisiert die Skandalisierungs-Mechanismen von Menschen und Medien, den Umgang mit vermeintlichem Beweismaterial, die Kampagne gegen einen missliebigen Politiker und eine ungewünschte Politik, die Reduzierung einer komplexen Debatte auf eine Geste. Aber er zeigt auch, wie bereitwillig wir Dinge glauben, die wir glauben wollen, und das betrifft im konkreten Fall auch: mich.
(ibid.)

Der Vorgang findet ungeheure Publikumsresonanz. Unter dem Neo-Magazin-Royale-Video stehen schon am Folgetag 1.716 Kommentare. Böhmermanns Idee wird dort als „wunderbar anarchisch“ bezeichnet. Andere verweisen auf die Defizite der Jauch-Sendung, die komplexe Griechenland-Problematik auf diese Geste herunterzubrechen.

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