SaSe46: „Je ne suis pas Charlie“? – „Charlie Hebdo“ zeigt beim Flüchtlingsthema, was Satire leisten kann

Es geht dem Satirefreund runter wie Öl: Die Karikaturen in der neuesten Ausgabe von Charlie Hebdo erinnern wohltuend daran, was Satire tatsächlich leisten kann. Gleich zwei Zeichnungen arbeiten mit dem verstörenden Machtbild des toten Kindes Aylan Kurdi am Strand der türkischen Insel Bodrum.

Das, was die französischen Kollegen liefern, geht weit über die Erbärmlichkeit purer Polemik vieler deutscher Satiriker und Kabarettisten hinaus. So wichtig klare Bekenntnisse gegen die Rechten und die Nazis sind, hat man bei den jüngsten Produktionen wie etwa der Musikparodie Wie blöd du bist von Carolin Kebekus den Eindruck, dass einige Komiker inzwischen populistisch auf den Zug aufspringen. Kebekus‘ gesungene Invektive hatte ein gigantisches Medienecho hervorgerufen. Eine subtile Auseinandersetzung mit dem Thema, eine köstliche Verlade rechtsextremer Einfalt, eine andere Perspektive oder sonst irgendwas von dem, was (nur) Satire kann, bieten diese primär auch mit skatalogischen Mitteln arbeitenden „Bekenntnisse“ nicht. Dass diese inflationären Bekundungen einschlägiger Promis andere Hintergründe haben könnten, thematisiert auch dieser Beitrag bei n24.

Ganz anders die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo: Auf der Grundlage einer dpa-Meldung berichtet etwa der Kölner Stadtanzeiger den Aufreger so:

In der aktuellen Ausgabe des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ wird genau dieses Motiv [Bild des toten Jungen Aylan Kurdi am Strand von Bodrum – Anmerk. SaSe] aufgegriffen. Das Magazincover zeigt einen [sic!] angespültes, totes Flüchtlingskind. Am Strand ist außerdem eine Reklametafel zu sehen, auf der Ronald McDonald mit zwei Happy-Meals zum Preis von einem wirbt. Betitelt ist die Karrikatur [sic!] mit der Überschrift: „Willkommen Flüchtlinge! So nah am Ziel…“.
(Kölner Stadtanzeiger 15.09.2015: Charlie-Hebdo-Karikaturen zeigen ertrunkenen Flüchtlingsjungen“)

Weitere Berichterstattung über die Karikaturen zum Beispiel auch bei Meedia + rp-online + Hannoversche Allgemeine + Huffingpton Post Kurier (Österreich) etc.


Die Mär von der Wertegemeinschaft auf den Punkt gebracht
Noch schmerzhafter ins Herz des aktuellen Konfliktes jedoch trifft die zweite Charlie-Hebdo-Karikatur, die einen über das Wasser wandelnden Jesus neben einem versinkenden Kind zeigt – Füße zuoberst wie bei einer abtauchende Ente. Pointierter lässt sich der aktuelle Konflikt in der seit Jahrzehnten beschworenen Wertegemeinschaft Europa nicht auf den Punkt bringen. Mein Diktum dazu: Die Flüchtlinge machen Europa ehrlich! Denn das aktuelle Versagen in der Bewältigung der Flüchtlingsströme enthüllt die von den Europapolitikern balkenbreit vor sich hergetragene Humanität als Lippenbekenntnis. Das erhält von den nationalen Egoismen jetzt einen sauberen Tritt in den Allerwertesten.


Ende der Solidarität mit „Charlie Hebdo“?
Erstaunlich in der jetzt entbrennenden Diskussion ist die zutage tretende Doppelmoral. Wurde im Streitfall Mohammed-Karikaturen immer wieder die Freiheit der Satire gefordert, ist sie hier nun offenbar zu Ende. Meedia und der stern greifen diese Diskussion auf: Geschmacklos oder wichtige Konfrontation? Charlie Hebdo karikiert toten Flüchtlingsjungen (Meedia). Das Zitat einschlägiger Twitterkommentare (#CharlieHebdo) zeigt, dass einige Leser die Botschaft verstanden haben: „Aber #CharlieHebdo geißelt nicht tote Kinder, sondern die falschen Versprechen der westlichen Überflussgesellschaft“ (Quelle; Tweet vom 15.09.15) oder: „#Charlie Hebdo ätzt nicht gegen Tote[n], sondern gegen fette Überflussgesellschaft die wegschaut und Tote in Kauf nimmt. Erst lesen!“ (Quelle, Tweet vom 15.09.15).
Der stern zitiert weitere Tweets, die etwa herausarbeiten, dass die Karikaturen keinen Angriff auf das Individuum darstellten, sondern die realitätsnahe Abbildung des Schicksals eines Kollektivs.

Weitere Diskussion auch bei News.de. Hier ist die Headline schon abschließende Bewertung: „Charlie Hebdo“ verhöhnt ertrunkenes Flüchtlingskind Aylan.

Hoffnungsvoller setzen sich die Deutsch Türkischen Nachrichten mit den Karikaturen auseinander und ziehen eine Parallele zum türkischen Ministerpräsidenten Erdogan:

Das Satire-Magazin Charlie Hebdo steht wegen mehrerer Flüchtlings-Cartoons in der Kritik. Dem Magazin wird „Geschmacklosigkeit“ vorgeworfen. Doch Charlie Hebdo hält in den Karikaturen Europa ein Spiegel vors Gesicht und prangert die Heuchelei des Westens an. Ironischerweise deckt sich diese Haltung von Charlie Hebdo mit den Ansichten des türkischen Staats-Chefs Recep Tayyip Erdoğan.
(Deutsch Türkische Nachrichten 16.09.15: „Flüchtlinge: Was Erdoğan und Charlie Hebdo gemeinsam haben“)

Und sie übersetzen die Botschaft der Cartoons so:

Charlie Hebdo will mit den Cartoons der europäischen Flüchtlings-Politik und schlussendlich die Gleichgültigkeit der Eliten gegenüber dem Schicksal der Flüchtlinge deutlich machen. Das Satire-Magazin übt mit den Karikaturen massive Kritik am Westen, der für das Leid der Flüchtlinge verantwortlich ist, und hält diesem einen Spiegel vors Gesicht.
(ibid.)

Zum Schluss fragen die DTN nach dem Verbleib der vielen Moralapostel. Es seien eben nicht nur die vielen rechtsradikalen Randgruppen, die sich schäbig verhielten, sondern die honorigen Politiker, die im Wahlkampf von Vielfalt, Menschenrechten und Solidarität parlieren.


Jetzt treibt’s Blüten: „Deutschlandfunk“ zensiert Karikaturen

Der Deutschlandfunk wählt für die Berichterstattung das oben schon bekannte Strickmuster: Den Inhalt der Karikaturen nacherzählen, auf die Diskussion verweisen, Tweets zitieren. Abweichend von anderen Medien aber habe sich die Redaktion des Deutschlandfunks entschieden, die Karikaturen nicht zu zeigen und verlinkt dazu auf diese (sich jedoch auf das ursprüngliche Foto) beziehende Begründung.

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