SaSe55: Christoph Sieber und die Geflüchteten: Immer rein mit dem Öl ins Feuer!

Auch wenn es für das Thema dieses Artikels der letzte Konsens zwischen Ihnen und mir ist, können wir uns vielleicht darauf verständigen, dass zum jetzigen Zeitpunkt der politischen Diskussion über das Thema Geflüchtete jede unbedachte oder gar auf Unwissenheit beruhende Äußerung weiter Öl ins Feuer gießt? In diese Kategorie sortiere ich das D(d)enkfunk-Posting von Christoph Sieber vom 16. Oktober 2015:

integration kann keine einbahnstraße sein. momentan sehen integrationskurse in deutschland so aus, dass der einzige deutsche im kurs der kursleiter ist. das klingt nach einem erfolgversprechenden integrationsprozess.
(Facebook denkfunk Christoph Sieber am 16.10.15)

Durch die Zuschrift einer Leserin auf diese Kurzmeldung in TS130/15 hat sich mein Verdacht bestätigt: Manche/einige/viele Leser (gleich ob von denkfunk oder SaSe) scheinen gar nicht zu wissen, was „Integrationskurse“ tatsächlich sind? Und ich behaupte, weil ich das aus dem Sieber-Diktum ablese, dass auch der Emittent selbst keine Ahnung hat! 


„Integrationskurse“: ein (bewusst?) irreführender Begriff
Die „Integrationskurse“ vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sind nichts anderes als Sprachkurse. Sprachkurse werden klassischerweise „so“ (einer lehrt, die anderen lernen) abgehalten, dass die Leitung derselben von einer (1) Person übernommen wird, welche – im günstigsten Fall – für diese Aufgabe der Zweitsprache-Vermittlung (übrigens different vom Unterrichten einer Fremdsprache) eine akademische Ausbildung (i. e. Hochschulstudium) absolviert hat. Wenn Christoph Sieber neuere wissenschaftliche Erkenntnisse dazu vorliegen, dass dieses Modell der Sprachvermittlung inzwischen obsolet ist, soll er uns doch bitte an seinem Wissen teilhaben lassen.

Mit „Integration“ haben diese Sprachkurse nur insoweit zu tun, als bisher die Vorstellung dominiert, dass der Erwerb der Landessprache (in unserem Fall: Deutsch) der SCHLÜSSEL und die Voraussetzung für jede Integration ist. Bestandteil des aus mehreren Modulen bestehenden „Integrationskurses“ (Übersichtsgrafik) ist ganz am Schluss (und erst nach ca. 600 bis 900 Unterrichtseinheiten à 45 Minuten) dann auch noch der sogenannte „Orientierungskurs“ (weitere 60 UE). Erst in diesem werden systematisch länder- und staatskundliche Inhalte vermittelt. Idealerweise verfügt der Absolvent eines vollständigen Integrationskurses vom BAMF am Schluss über das „Zertifikat Integrationskurs“. Und dann kann es mit der Integration so richtig losgehen!


Satirische Kritik dringend notwendig!

Ansatzpunkte für satirische / kabarettistische Kritik (auf der Grundlage von Wissen) bieten sich innerhalb dieses Modells in Hülle und Fülle. Das fängt schon mit dem irreführenden Begriff „Integrationskurs“ an, der dem nicht sachkundigen Bürger den Eindruck vermittelt, hier erfolgten integrative Prozesse. Nein. Es werden nur die Voraussetzungen dafür geschaffen.

Ansatzpunkt für satirische / kabarettistische Kritik kann aber wohl kaum das bisher gelten Modell von Sprachvermittlung auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse sein?


Siebers Schlag ins Gesicht von Ehrenamtlichen
Hinzu kommt: Erfolgreiche Integration ist ein gesellschaftlicher Prozess, für den freilich die Politik die entsprechenden Voraussetzungen schaffen muss. Hinsichtlich der Integration gehört zu diesen Voraussetzungen etwa das Bereitstellen entsprechender Strukturen, wie sie in den gemeinnützigen Vereinen und karitativen Einrichtungen zu finden sind. Dort reißen sich derzeit Hunderte (wenn nicht Tausende) von ehrenamtlichen Helfern unter der organisatorischen Leitung von zum Beispiel Caritas oder Diakonie u. v. a. m. ein Bein aus, um Geflüchteten schon VOR den „Integrationskursen“ des BAMF, die erst nach Zuweisung eines Aufenthaltsstatus möglich sind, etwas Deutsch beizubringen und sie zu integrieren. Während Christoph Sieber abends vielleicht zu Hause sitzt und seine Einkünfte aus dem CD-Verkauf durch denkfunk-Werbung zählt, verbringen diese ihre Freizeit in Organisationssitzungen für die Flüchtlingshilfe mit der kleinteiligen Schaffung von Integrationsangeboten. Das ist das Konzept!
So betreiben sie ehrenamtlich „Begegnungscafés“ (Google-Treffer auf „Flüchtlingshilfe Begegnungscafé“: 2.540 Ergebnisse). Dort erfolgt Integration. Das ist das Konzept.
Sie begleiten Flüchtlinge auf Behördengänge und zum Arzt (Google-Treffer auf „Flüchtlingshilfe Behördengänge“: 12.400). Dabei erfolgt Integration. Das ist das Konzept.
Sie nehmen sie mit in ihre Vereine (beliebiges Beispiel). Das ist Integration. So ist das Konzept.
Sie veranstalten Stadtführungen, Begrüßungs- und Begegnungsfeste, Ausflüge etc. (Google-Treffer auf „Flüchtlingshilfe Begegnungsfest“: 4.994). Das ist Integration. So ist das Konzept.

Wenn man es ganz exakt formuliert, ermöglichen all diese mühsam bereitgestellten Angebote Integration. Sie garantieren sie nicht. Wenn Geflüchtete diese Angebote nicht annehmen können oder wollen, dann scheitert sie, die Integration.

Ansatzpunkte für satirische / kabarettistische Kritik bietet sich in Hülle und Fülle beim Staatsversagen in der Flüchtlingspolitik. Sie bietet sich besonders gegenüber dem BAMF, das nichts und gar nichts gebacken kriegt, das die Dozenten für „Integrationskurse“ in die Scheinselbstständigkeit drückt und auch sonst kaum etwas zu bieten hat. Die Ansatzpunkte bieten sich auch an den Schnittstellen von mit Zuschüssen in zweistelliger Millionenhöhe versehenen Anführungszeichen-Vereinen (z. B. Caritas 2014: 55,5 Millionen Euro vom Bund) zur tatsächlichen Ehrenamtsarbeit. Kritiker weisen ihnen in ihrer Funktion als (Beispiel Caritas) „größter Arbeitgeber“ Deutschlands schon Konzernstatus zu.  Alles berechtigt. Alles sinnvoll. Alles notwendig. Alles konstruktiv.

Siebers Schwachsinnspost entbehrt all dieser Eigenschaften samt und sonders und bitterlich! Dafür passt es ins denkfunk-Konzept der ewigen, leider zu häufig undifferenzierten Kritik an Staat und Politik auf Teufel komm raus und Unsinn bleib drin. Wie in dem brillanten Artikel der NZZ zu Gegenöffentlichkeitsprojekten herausgearbeitet, ist die Wirkung einer solchen und irreführend unter dem Label Kabarett geführten Kritik desintegrativ! Eine positive Agenda fehlt. Und in diesem Fall noch schlimmer: jeder Sachverstand! Das ist das denkfunk-Konzept!


Hinweis
: Als Linguistin M. A. habe ich selbst viele Jahre lang Sprachkurse und auch „Integrationskurse“ des BAMF eigenverantwortlich durchgeführt und unterrichtet.
Derzeit betätige ich mich als ehrenamtliche Helferin in einem Flüchtlingskreis unter der Leitung einer karitativen Organisation und helfe dabei, Integrationsangebote für Geflüchtete zu organisieren und durchzuführen. Wenn Herr Sieber etwas über das bundesweit geltende Konzept von Integration im Zusammenwirken von Staat und Gesellschaft wissen möchte, zu dem der sogenannte „Integrationskurse“ des BAMF lediglich ein erster Baustein sein kann,  darf er sich vertrauensvoll an mich wenden!
Ansonsten gilt: Nuhr!

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