SaSe68: „Die Achse des Guten“: Aufruf zur Gegenwehr gegen „heute-show“

Ach herrjeh. Gerade eben hatte sich SaSe noch aus dem Fenster gehängt und dem Achse-des-Guten-Leserbeitrag zur gewaltaffinen Äußerung von Ralf Kabelka auf der Berliner AfD-Demo recht gegeben (vgl. SaSe65). Recht gegeben im Hinblick darauf, dass eine solche Äußerung wie die von dem heute-show-Außendienstmitarbeiter dokumentierte meiner Meinung nach nicht akzeptabel ist; auch nicht in diesem Kontext und angesichts eines erkennbar aggressiven Mobs. Und dass ich mir eine Diskussion dazu wünschen würde. Die aber gibt es in Kabarettkreisen grundsätzlich nicht.

Jetzt legt die Achse des Guten noch einmal nach mit einem langen Gastbeitrag von dem Unternehmer (!) Hans-Martin Esser: Vorführung von Wehrlosen: Die Heute-Show und und [sic!] wie man sich wehren kann. Auch Esser reibt sich vorwiegend, aber nicht nur an den Beiträgen der heute-show, wo Lutz van der Horst oder andere auf öffentlichen Veranstaltungen erscheinen und versuchen, die Leute dort möglichst alt aussehen zu lassen. In diesem Punkt wiederhole ich meine Kritik aus SaSe65: Solche Methoden sind unsatirisch!

Esser allerdings langt derb und mit begleitender herabwürdigender Lexik ins Mus:

Besonders verwerflich finde ich die Interviews von Lutz van der Horst, der gezielt zu konservativen oder liberalen Parteitagen oder Demonstrationen geschickt wird und den Auftrag hat, möglichst wehrlose und dumm argumentierende Menschen vorzuführen. Van der Horst hat weder das Format von Harald Schmidt noch die Ideen von Stefan Raab, dennoch versucht er, Profil zu gewinnen, indem er sich gezielt und unwaidmännisch wehrlose Opfer vor die Kamera holt.
Die Methoden sind denen des Terrorismus nicht unähnlich. Weiche Ziele sind stets die, die man ansteuert, soll heißen: arglose Opfer, die selbst unbewaffnet sind. Kamera und Mikrofon in den Händen erfahrener Journalisten, wenn auch zweitklassiger ihrer Zunft, sind einschüchternd, sie sollen dies auch sein.
(Die Achse des Guten 29.11.15 Gastbeitrag Hans Martin Esser: „Vorführung von Wehrlosen: Die heute-show und und wie man sich wehren kann“; Hervorhebg. SaSe)

Der Terrorismus-Vergleich ist eher peinlich. In dieser Zeit!
Die „unwaidmännisch“ vor die Kamera geholten Opfer seien wehrlos. Das stimmt, denn als „waidmännisch“ gilt es in der gemeinten Zunft, bequem vom Hochstand aus und womöglich noch in der beheizten Jäger-Unterhose mit einem Präzisionsgewehr das Opfer hinterrücks abzuknallen. Van der Horst spricht seine „Opfer“ ja wenigstens noch vorher an.


Die „penetrierte“ AfD

Esser macht sodann den politischen Kontext der „weichen Ziele“ aus, die sich van der Horst gezielt herausgreife: Es seien immer Vertreter christlich-konservativer Werte, z. B. Teilnehmer und Besucher christlicher oder liberaler Veranstaltungen, Abtreibungsgegner, TTIP-Befürworter etc. Alles, was mit der AfD zu tun habe, werde von van der Horst „penetriert“. Die Wortwahl dürfte hier bewusst erfolgt sein.

Ja, hoffentlich attackiert Satire so ein Phänomen wie die Afd! Das ist ihr Job, von dem Esser übrigens nichts zu verstehen scheint, denn an keiner Stelle des Textes gibt er sich wenigstens den Anschein, die Grenzen von Satire abtasten oder der Meinungs- und Kunstfreiheit ihren Raum belassen zu wollen.


Zum Gegenangriff geraten
Den in der Attitüde vom Keiner-hat-mich-richtig-lieb-AfD-Ekelbatz vergossenen Tränen über im öffentlich-rechtlichen Fernsehen schamlos praktizierte Grundrechte folgen konkrete Handlungsanweisungen:

Jede Demonstration, jeder Parteitag hat eine Fülle von Menschen, die selbst Smartphones haben. Warum sollte man sich nicht penetrant an van der Horst und Kamerateam dranhängen und filmen, wer alles gefragt wird und in der Heute-Show aber nicht vorkommt. 90% der Befragten sind vernünftig, kommen aber nicht vor, weil sie zu professionell antworten, zu souverän sind.
Van der Horst sucht Opfer. Auf einer Anti-Abtreibungs-Demonstration in Berlin führte van der Horst vor zwei Jahren alte Damen vor, wurde aber vom Landtagsabgeordneten der CDU in Unna (NRW) penetrant begleitet. Dieser Politiker hat selbst einen behinderten Sohn und wies die Vorgeführten darauf hin, dass sie nicht antworten müssten.
Der Politiker wurde dann rabiat und gewaltsam von Mitarbeitern gehindert, andere Demonstranten zu warnen. Mit einer Handykamera, die fast jeder Demonstrant hat, könnte man van der Horst den Zahn ziehen. Er könnte es nicht wagen, seine Kollegen aufzufordern, handgreiflich zu werden, weil er dann sehr schnell seinen Job los wäre, da man derlei schnell in den sozialen Netzwerken hochladen kann.
Stellen Sie mit vorgehaltener Handy-Kamera van der Horst Fragen
und posten Sie diesen Artikel, den Sie gerade lesen, verlinken sie ihn.
Erkundigen Sie sich über die Rechte, die Sie als Demonstrant haben im Umgang mit Medien, Sie sind kein Freiwild für durchgeknallte Reporter.
(ibid.)

Esser will auch den Leser vergessen machen, dass es sich bei der heute-show und seinem Aufregerthema um Satire handelt. Das enthüllt sein Satz:

Journalisten, die einseitig berichten und aus der Demütigung ihren Reiz beziehen, sind durch soziale Netzwerke in die Schranken zu weisen. Dazu gibt es das Internet 2.0. Dazu gibt es die Achse des Guten, dazu gibt es Handy-Kameras.
(ibid.; Hervorhebg. SaSe)

Die heute-show ist keine Nachrichtensendung. Und Lutz van der Horst tritt dort nicht als Journalist auf. Dafür ist Satire aber immer einseitig – im günstigsten Fall zugunsten der Schwachen und geltenden Rechts.

TROTZDEM sollte sich die Redaktion der heute-show und andere Satiriker überlegen, ob diese Darstellungsform wirklich sinnvoll, fair und im Kern auch tatsächlich satirisch ist. Denn eines bleibt unbestritten und gibt dem oben völlig den Rahmen verlassenden Wüterich Recht: Es werden zu oft unbekannte Wehrlose (statt wirklich Prominenter) überfallartig vorgeführt und lächerlich gemacht.

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