SaSe9: Markus Kompa oder das sedative Potenzial von Aprilscherzen

An dieser Stelle anerböte sich eine kluge Erörterung über die übriggebliebenen sozialen Kontexte des Brauchs „Aprilscherz“, in denen er noch seine ursprüngliche Funktion entfalten könnte. Nicht umsonst gibt Wikipedia als Zeitangabe zu einer der ersten überlieferten Quellen das Jahr 1618 an. Noch dazu: in Bayern! Dem werden ZEIT-Leser jedoch vehement widersprechen, verkündete ein Aprilscherz-Artikel aus dem Jahr 2014 dort, dass Ethologen der Uni Regensburg das ritualisierte Scherzen schon für den Konflikt zwischen German und Römern nachweisen können.

Doch der Konjunktiv wird ohnehin viel zu wenig gewürdigt … Und bei der divergenten Quellenlage ….   

Das Sofa auf der Duisburger Brücke
Überdies lehrt uns insbesondere die mediale Gegenwart, dass das Format „Aprilscherz“ inzwischen auch ohne die entsprechende Kennzeichnung vom 1. Januar bis 31. Dezember legitim sei.  In Zeiten von bundesdeutschen Waffenlieferungen in Krisengebiete, von Stinkefinger-Affären und anderen Unfassbarkeiten hat das Etikett „Aprilscherz“ sein Alleinstellungsmerkmal verloren.

Den Scherz als solchen zu erkennen  ist inzwischen auch keine Frage mehr von Bildung oder Intellekt oder angemessener Skepsis, wie das Beispiel des Sofas auf der Fußgängerbrücke des Duisburger Eisenbahnhafens anschaulich macht. Oder die Ankündigung von Microsoft, die Xbox-Spielekonsole zu verschenken. 2015 ist das Jahr, wo offensichtliche Aprilscherze die Börsenkurse beeinflussen, weil automatisierte Handelsalgorithmen kein uneigentliches Sprechen/Schreiben (er)kennen.

Die Google-Auslese gelungener Aprilscherze listet nur wenige aktuelle Hits in der Stoßrichtung dorthin, wo Satire ihre berechtigte Adresse findet: gegen die „Mächtigen“. Dazu gehört etwa der Scherz-Artikel der österreichischen Presse über ein EU–Verbot für Wiener Schnitzel, der dem Chef der rechtspopulistischen Partei FPÖ, HP Strache, so recht ins rechte Konzept passte. Ziel erreicht:  lächerlich gemacht, den Strache!


Aprilscherze auf Krücken
Von Übel sind alle Darreichungsformen von Scherz, Witz und Satire, die schon von Geburt an mit dem mundwinkelsenkenden Mief von Zwanghaftigkeit daher tölpeln. In diese Rubrik gehören nach SaSe-Meinung sowohl die Meldung der Satire-Partei DIE PARTEI über eine Fusion mit der Piratenpartei (korrespondierende PM der Piraten) wie auch diese Pressemitteilung von Rechtsanwalt Markus Kompa auf Heise.de (Telepolis). Doch es gibt Unterschiede zwischen den beiden Rohrkrepierern.


Wenn der Faden scheint
Denn: Bei DIE PARTEI sind solche Aktionen Programm, Inhalt und Job. Partei-Alltag des Berufssatirikers Martin Sonneborn, der sein gut dotiertes EU-Abgeordnetenmandant als satirisches Langzeitprojekt betreibt. Zusammen mit dem Ausgabedatum 1. April war den meisten Lesern ohnehin sofort klar: ha ha, Aprilscherz! Auf Facebook meint der Poster „Venti Lator“: „Nicht mal als Aprilscherz lustig“. Der originellste Kommentar dazu kommt von „Florian Herrmann“: „Monthy Python auf hoher See“.  Und 26 Teilungen sprechen auch für sich.

Was allerdings den im Themenfeld Widerstand gegen anwaltliches Abmahnunwesen durchaus renommierten Rechtsanwalt Markus Kompa dazu veranlasst, eine derartig fadenscheinige Meldung über Telepolis in die Welt zu setzen, lässt sich allenfalls an den Ingredienzien dieses auf den ersten Blick durchschaubaren Aprilscherzen ablesen: Man nehme den derzeit populärsten Verarscher-Namen der Nation: „Böhmermann narrt erneut die Presse mit Fake“.  Nicht schlecht, damit ist der Name Markus Kompa schon einmal mit dem jüngsten Mitglied des Medienolymps verknüpft.

Diesem unterstelle man eine „scheinbar vom Bundeswirtschaftsministerium stammende Pressemitteilung“, Vize-Kanzler Sigmar Gabriel habe den Musik-Lobbyisten Dieter Gorny zum „Beauftragen für kreative und digitale Ökonomie“ berufen. „Trotz der satirischen Überhöhung“ sei die Meldung von Spiegel online, der Süddeutschen und dem Handelsblatt aufgenommen worden.

Gescherzter Vorwurf: Wieder einmal (!) hätten die großen Medien eine Quelle nicht überprüft. Dieser „Scherz“ würde allerdings nur dann halbwegs glaubwürdig wirken, wenn Kompa selbst valide Quellen angegeben  hätte. Deren Fehlen entlarvt den Brechstangen-Gag sofort. Weder gibt es eine „Auflösung des Rätsels“ durch einen ZDF-Sprecher noch die zitierte Stellungnahme von Jan Böhmermann selbst.  Einzelnachweise der angeblichen Fake-Meldung – Beispiel: netzpolitik.org am 25. März 2015 – sollen mehr sieben Tage lang unwidersprochen im Netz verfügbar gewesen sein? Unglaubwürdig.

Bildzitat Screenshot: Netzpolitik.org berichtete schon am 25. März 2015 über die tatsächlich erfolgte Berufung des Musiklobbyisten
Dieter Gorny durch das Bundeswirtschaftsministerium als Beauftragter für Digitale Ökonomie.

Immerhin bleibt Kompa die Befriedigung, doch einige Zeitgenossen mit dieser faktischen, seiner Meinung nach „absurden Berufung des steinzeitlichen Musikindustriellen Dieter Gorny“ genarrt zu haben (um stilistisch auf dem Kompa-Scherz-Niveau zu bleiben): „Wie man im Forum und auf Twitter lesen konnte, hielten das etliche Zeitgenossen für realistisch …“ (Quelle). 

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