SaSe99: Rezension Horst Evers „Der kategorische Imperativ ist keine Stellung beim Sex“: Gold wert!

Die jetzigen sind globale Schnappatmungszeiten transatlantischer Pathogenese.  Das schafft sensibel Freiraum und Aufmerksamkeit für partielle Freude. In einer diskreten Nische. Dort versammeln sich die der Satire Zugeneigten. Zugeneigt, wenn sie, die Satire,  nicht laut ist, aber alltagswirksam, lebenserleichternd, erkenntnistreibend.  Wo sie sich nicht (nur) im Fernsehen und auf Facebook polternd prostituiert, sondern analog gebunden einfach still wirkt. Und erfreut.
Die oben geschilderten globalen sind ideale Voraussetzungen, um es deutlicher zu spüren, das Aufatmen der diesem eleganten Autor Zugeneigten: diesem gewissen Horst Evers.

Der schreibende Dienstleister ist jüngst ins reguläre Gleis  zurückgeschnappt, nachdem er sich einen wollüstigen Ausflug in ein anderes Genre gegönnt hatte: SciFi. Dort wütete er hemmungslos und aalte sich in nahezu psychodelischer Kreativität. Eine Satire-Nebenfrau-Leidenschaft, wie er gestand – das Genre, nicht der Rausch. Die Zugeneigten erteilen ihm Dispens. Das tun „Fans“, schon allein wegen dem, was im günstigsten Fall unlösbar mit Satire verbunden sein sollte: Toleranz.

Aber jetzt ist dann auch mal wieder gut! Mit den Eskapaden. Und so hat Horst Evers erneut geliefert: Der kategorische Imperativ ist keine Stellung beim Sex  (nachfolgend abgekürzt mit „KIKS“ – Kein Imperativ, kein Sex), erschienen im Januar 2017. Die Anspruchshaltung der ihm Zugeneigten resultiert aus KIKS‘ Vorgängern à la Für Eile fehlt mir die Zeit, Die Welt ist nicht immer Freitag, Wäre ich du, würde ich mich lieben, Gefühltes Wissen u. v. a. m. Wir konstatieren publizistischen Fleiß. Hat der Freudenspender die Erwartungen mit dem jüngsten Werk erneut erfüllt?

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235 Seiten (Opfer-)Ode an die (Alltags-)Freude
Das Strickmuster  von KIKS ist das für Evers bewährte: satirische Kurzgeschichten aus dem Alltag. Hier nicht zwingend, sondern lasziv und um unverkrampfte Ordnung bemüht eingeteilt in sieben Kapitel. Sie werden überschrieben mit substantivierten Verben: „das Handeln“, „das Vertun“, „das Streben“, „das Ordnen“, „das Hoffen“, „das Flehen“, „das Wundern“. Zur Hälfte aus dem emotionalen, zur anderen aus dem zupackenden Spektrum stammend, vertragen diese Tun-Wörter nicht zu viel Gewicht, das womöglich auch noch Bedeutung zuweisen möchte.

Und sie leiten mit ihren Konnotationen der Zielstrebigkeit ordnungsgemäß in die Irre. Evers ist bei seiner „Alltagssatire“ nicht der viel berufene genaue Beobachter, aber der überlegen-auktoriale Regisseur der Dialoge und der Handlung. Er ist immer das, was heute – leider, irreführend und ungerecht –  pejorativen Beiklang hat: „Opfer“. Er stellt sich seinen Lesern zur Verfügung, all den ideologischen Schmus westlicher Wertevermittlung im Bereich sozialer Kompetenz und Leistungsbereitschaft ad absurdum zu führen. Querbeet: beim Liebesdienst für die Tochter in Sachen Neukauf angemessener Unterwäsche, beim Fahren in Bus und Bahn, beim Besuch von Veranstaltungen, Apotheken und Freunden, als Konsument, als Mitmensch und immer wieder und überall dort: in der permanent und grandios scheiternden zwischenmenschlichen Kommunikation.

Aber er ist eben nicht das „Opfer“, das diesen schwärenden Ruch vernachlässigten Wundmanagements in die moderne Wortverwendung trägt.  Er ist das beneidenswerte Opfer, das vor lauter unbeschwertem Lachen aus der Optik der Triage emotionaler, nationaler und globaler Notfälle kugelt. Er bietet Andockstellen für jene, die schon in der Alltagsbewältigung und vor allem in der sozialen Interaktion abgehängt werden. Aber nur für diejenigen unter ihnen, die  wissen, dass die Antworten (auf die nicht gestellten Fragen) nicht einfach sind. Kontrapopulistisch. Evers injiziert Sympathie und den verzweifelten Wunsch des Lesers, selbst so grandios, so herrlich, so elfenleicht und unverletzt scheitern zu können wie er. Ein Vorbild-Opfer! Ein Ziel. Deshalb wären die Kapitel mit Überschriften wie „Fröhlich scheitern“, „Lehrreich versagen“, „Fulminant ausrutschen“, „Smart fehlschlagen“, „Überraschend baden gehen“ realistisch pessimistisch, aber zutreffender überschrieben.

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Kurz und verwoben
Die einzelnen Geschichten sind mehrheitlich kurz (vier bis fünf Seiten), haben oft wenig mit ihrer Überschrift zu tun und nehmen in den meisten Fällen eine völlig überraschende Wendung. Zum Beispiel in „Nazi-Heidelbeeren“. Diese Geschichte ist für die Rezension besonders gut geeignet, weil sie den „Held“ nicht scheitern lässt und mithin oben Geschriebenes widerlegt und damit unsere Fähigkeit trainiert, Widersprüche auszuhalten.

In seinem Bemühen, auftrags der Lebensgefährtin politisch korrekte Lebensmittel i. e. politisch unbelastete Heidelbeeren zu erwerben, gerät der am Obststand ratlos Grübelnde in den Fokus einer Frau, die ihn mit der Unterstellung unhöflichen Anstarrens zur Rede stellt. Es entspinnt sich der für Evers typische stramm in die Katastrophe eiernde Dialog.  Der erhält eine gewisse Bedrohlichkeit, als der Begleiter der Dame hinzutritt und Rechenschaft von dem gedankenverlorenen Pilger auf dem Pfad des politischen korrekten Konsums fordert. Im weiteren Gesprächsverlauf meint der Aggressor, sein mit dem Vorwurf des Anstarrens belastetes Gegenüber von irgendwo her zu kennen. Und er kleidet diese Meinung in die dazugehörige Frage. Das gibt dem Gespräch den nötigen Drive, weil der Beschuldigte (und Autor) auf folgende pfiffige Idee kommt: Stimmt, man kenne sich. Er habe lange Zeit im Puff in Mühlheim hinter dem Tresen gearbeitet. Daher wahrscheinlich? Punkt und Sieg für den blickstarren Heidelbeeren-Käufer! Doppelsieg, weil der so überraschend in die Defensive Gedrängte nun wenig überlegt kontert: „So ein Quatsch. Sie Lügner. Da war doch gar kein Tresen“ (S. 39).
Das einzig negative Gefühl beim Leser ist das des brennenden Neids auf derlei Schlagfertigkeit. Grmmpff.

Darüber hinaus sind die Geschichten an einigen Stellen unter Rückgriff auf vorausgegangene miteinander verknüpft. „Einfach mal die andere Jacke nehmen. Was soll denn auch schon groß passieren?“ sind die Schlusssätze von „Umschlag für dich“ (S. 81). Dieser Bekleidungsimpuls löst die vorangegangene Geschichte „Vaya sin ticketos“ (S. 77) auf.
Die in „Es ist nicht das, wonach es aussieht“ (S. 13) aufgenommenen Fotos von Mädchenslips auf dem Handy zerstören einen hoffungsvollen Flirt des Erzählers mit „GrünerPopel1975“ am Ende der Kurzgeschichte „Ich bin Daenerys Targaryen“ (S. 72).
Ein in der Apotheke nolens-volens und durch Anwendung sogenannter guter Ratschläge erworbener Zwergpinscher aus „Ichhaaeekeieeeeangst!“ (S. 208) taucht in „Syndikat“ (S. 215) wieder auf.

Dergestalt webt Evers aus einer Anzahl von kleinen Geschichten über deren Struktur hinaus ein immer wieder neue Querverweise bietendes Ganzes.


Die Titelgeschichte
Sie ist klug gewählt. Sie ist repräsentativ und fällt völlig aus dem Rahmen. Repräsentativ ist sie aufgrund ihres Stils und ihres Themas: Kommunikation. Aus dem Rahmen fällt sie deshalb, weil die Pointe dieses rare Mal nicht vom Ich-Erzähler geliefert, aber immerhin vorbereitet wird.

Auch diese Geschichte zerfällt trotz ihrer Kürze von 2,5 Seiten in zwei Teile. Teil eins behandelt das Thema moderner Kommunikation, deren Anonymität und der daraus resultierenden Vereinsamung der Kommunikationsteilnehmer. Diese wiederum führt zu abstrusen Selbsthilfeaktionen. Etwa wenn der Ich-Erzähler über die kreativ-strategische Benennung von WLAN-Netzen, eine Vielzahl derer durch seine Wohnung strahlen,  Zufallsaussagen zu generieren trachtet, die sich aus der Kombination dieser Namen ergibt. Etwa der Bezeichnung „kein Netz“, „ist das neue“ und „keine Ahnung“. Der Leser kann an der Stelle sein Schlagfertigkeits-Notset sofort mit dem Diktum „Kein Netz ist das neue keine Ahnung“ aufrüsten. All diese Reflektionen und Spielereien führen anschließend zum Resümee, die moderne sei eine anonyme Kommunikation, die es so früher nicht gegeben habe.

Die Etablierung dieses Resümees kann einem Satiriker nur zu dem einen Zwecke dienen: es im zweiten Teil der Geschichte zu widerlegen. Der Ich-Erzähler erinnert sich einer Begebenheit vor rund fünfundzwanzig Jahren. Zu Besuch bei einem Freund in Münster steht er nachts rauchend auf dem Balkon eines Mehrfamilienhauses. Dann hört er eine zweite, für ihn nicht sichtbare Person auf dem Raucherabtritt darüber. Diese spricht mit männlicher Stimme in die Nacht hinein von einer homoerotischen Versuchung in ihrem Bad, schnuckelig, aber leider völlig betrunken. Die Frage sei, ob der Stimmebesitzer diese Situation ausnutzen dürfe. Der Schlaubär Ich-Erzähler kurbelt den kategorischen Imperativ, ohne Benennung, aber in seinem Inhalt, als moralische Handreichung über die Balkonbrüstung in die Münsteraner Nacht. Es ist das Intellektuelle, das den Versuchten überfordert, was und wie er auch artikuliert. Da schaltet sich ein weiteres Anonymous in die Kommunikation ein. Dieses Mal kommt die Stimme vom Balkon darunter, ist weiblich und sehr pragmatisch veranlagt. Sie benennt den Suchbegriff für eine allfällige Google-Suche. Cut. Alle Drei versammeln sich einer erlegenen Versuchung später in derselben Nacht wieder auf ihren Balkonen. Der Versuchte gab eigenen Berichten zufolge das Handling des kategorischen Imperativs an den Versucher ab, was ihm und der ihm sehr viel Freude bereitet habe. Diese nicht ganz im Kant’schen Sinne rangierende Pragmatik wiederum empört die weibliche Stimme der Vernunft: „Meine Herrschaften. Der kategorische Imperativ ist keine Stellung beim Sex.“

Nach Demontage des ersten erfolgt abschließend die Etablierung des zweiten Resümees zum Schluss der für diese Leistungsdicht imposant kurzen Geschichte:

Bis heute habe ich keine Ahnung, wer die beiden Menschen waren, mit denen ich in jener Nacht sprach. Nähe durch Anonymität gab es auch schon lange vor dem World Wide Web. Sie war und ist besser als ihr Ruf.
(KIKS, S. 43)

Evers ist Satiriker. Ansonsten wäre diese Verallgemeinerung einer doch sehr exotischen Szenerie mit dicht inventarisierten Zufällen etwas gewagt. Die Anzahl der Internetnutzer dürfte leicht über der auf nächtlichen Balkonen in deutschen Städten anonym miteinander parlierenden schwulen Bedenkenträgern, rauchenden Ratgebern und überlegenen Kommentatorinnen liegen, die alle Drei das Streben nach moralischem Handeln eint.  Aber sonst:  Charmant. Zauberhaft. Originell. Hilfreich. Tröstend. Allein für diese 2,5 Seiten lohnt sich das ganze Buch.


Gewichtigere Botschaften als politisches Kabarett
Horst Evers‘ Output läuft unter dem Konsensetikett „Alltagssatire“. Das klingt – für mich – immer leicht abwertend im Vergleich zur sogenannten politischen Satire und dem politischen Kabarett. Vielleicht sieht man deshalb Evers auch seltener im Fernsehen als die laut polternden Kollegen – etwa des dubiosen Denkfunks.

Regelmäßig müssen Satirefreunde so infantile kabarettistische Populisten (und damit genuines Denkfunk-Personal)  wie Tobias Mann und Christoph Siebert ertragen, derweil die profunderen politischen Botschaften ganz unspektakulär zwischen zwei Buchdeckeln wie denen von KIKS ruhen. Dabei sind es Begnadete (und Südpole von Populismus und Infantilität) wie Horst Evers, welche die lebensrettende Chose vom Kopf auf die Füße stellen.

Doch auch hier gibt es Momente der Fremdscham beim Betrachten der Kunst auf dem Wege zum Brot. Wenn Evers sich für sein neues Buch bei Markus Lanz als Huhn auf der Stange prostituieren muss, demütig in der Warteschleife harrend, sein Ei auf Zuruf des meist überschätzten Talkmasters der Nation vor laufender Kamera zu legen. Da verspüren selbst H4-Empfänger den Impuls, für Evers in ihrem Geldbeutel zu kramen.

Zurück zum Kopf-Füße-Dreh, eine gymnastische Leistung des gerade 50 Jahre alt (soo jung?) Gewordenen:  Das politische Kabarett dübelt dem Zuschauer mit mehr oder weniger schmerzhafter Penetranz (z. B. Die Anstalt) die korrekten politischen Wertungen zum Zeitgeschehen in die Weichteile. Einer Wertung voraus jedoch geht die Wahrnehmung des dazugehörigen Themas oder Phänomens oder der Person. Und erst wenn diese Wahrnehmung erweitert oder anderweitig verändert wird, kann sich – zumindest als selbst erarbeitete Leistung – diese andere Wertung einstellen.
Doch damit beschäftigen sich die Moralkeulenweitschwinger der satirisch verarmten Gegenwart des politischen Mainstraem-Kabaretts à la ARD und ZDF nicht. Zwar hat dieses Genre das ihm durch Dritte unberechtigt aufgekleisterte Etikett „investigatives Kabarett“ eine angenehme Weiterung erfahren, die dem nach eigenen Urteilen gierenden Satirefreund  jedoch keinen Millimeter weiterhilft.  Es fehlt immer drängender an dem, was ich in einer anderen Rezension als Befähigung (um den politisch belasteten Begriff der „Ermächtigung“ zu vermeiden) bezeichnet habe. Allein: Der Konsument politischen Kabaretts ist auf das ewige Plagiat verwiesen. Er wird sich auch künftig im Stande der gezielt konservierten Unmündigkeit die politisch korrekten Bewertungen von denen abholen müssen, die sie mit unterschiedlichen Graden an Klamauk im Fernsehen oder auf der Bühne feilbieten. Wie er selbst dorthin (zu den Bewertungen, nicht auf die Bühne) kommt und mit welchen mannigfaltigen Arten von Scheitern diese steinigen Wege gesäumt sind, dass erfährt er erst in der „Alltagssatire“. Horst Evers befähigt! Weil er Wahrnehmungen hinterfragt (z. B. „Es ist nicht das, wonach es aussieht“ S. 13), Kommunikationsgewohnheiten problematisiert (z. B. „Dimitri?“, S. 33), Klischees demontiert (z. B. „Der kategorische Imperativ ist keine Stellung beim Sex“, S. 41), erkenntnistheoretische Prozesse dekonstruiert (z. B. „Das vermutlich faulste Unterbewusstsein der Welt“, S. 87) und auf vielfältige andere Art und Weise das Ich, das am Ende als selbstverliebter Emittent politisch korrekter Bewertungen brillieren soll, liebevoll und opferbereit mit seiner Unzulänglichkeit konfrontiert. Opferbereit in einem fast heldenhaften Ausmaß, weil er, so ganz anders als die populistischen Kabarettisten, sich selbst für das Scheitern zur Verfügung stellt.

Abgesehen davon greift offensichtlich auch die „Alltagssatire“ politisch hochbrisante Begriffe auf und versteht diese dann, zumindest in der Bearbeitung von Evers, zunächst einmal auf eine ganz andere, entpolitisierte, wahrnehmungsempirische Art zu besprechen: zum Beispiel das Reizwort „Burka“ (in „Burka-Party“, S. 227).


Das ist er definitiv nicht!
Umso länger ich rezensiere, desto mehr irritiert es mich zu sehen, wie Verlage durch Mitnahme schäbiger Marketingeffekte bereit sind, ihren Autoren Unrecht zu tun, wenn nicht gar ihnen zu schaden. So auch bei Rowohlt in Bezug auf Evers‘ KIKS. Es ist die eine Sache, wenn ein literarisch mit null Expertise ausgestatteter Feld-Wald-und-Wiesen-Moderator der ARD sich bei der Vorstellung seines Talkshow-Gastes Horst Evers eines mehr als billigen Klischees bedient: „Meister des geschriebenen Wortes“. Ein nahezu Trump’scher Superlativ! So kübelt der Filmproduzent und Moderator der NDR Talkshow Hubertus Meyer-Burckhardt leichtfertig diese billigste aller Etiketten heraus. Wobei man ihm sicherlich zugutehalten muss, dass die jahrelange Co-Moderation mit Barbara Schöneberger mehr zerebraltoxische Effekte haben mag als die gemeinsame Inhalationshöhe mit sieben EURO6-Diesel.  Bei aller Begeisterung für KIKS: Wenn man nicht gleich jeden Autor, der ein lesbares Buch zu schreiben in der Lage ist, zum „Meister des geschriebenen Wortes“ hochjubeln möchte, gebührt Horst Evers in vielen Bereichen der Meistertitel. Ein „Meister der Sprache“ – im klassischen Sinne – ist er nicht. Denn das hieße auch, den wahren und von Evers – sprachlich – Äonen weit entfernten Titelträgern wie Ekkehard Henscheid, Robert Gernhardt, Max Goldt oder Joseph von Westphalen Schande anzutun. Weder verfügt der Berliner „Alltagssatiriker“ Evers über die entsprechende stilistische Bandbreite noch entsteißt er sich origineller Wortschöpfungen noch variiert er mit kompakter Sinnfracht seine Syntax noch irgendwas. Muss er ja auch nicht.

Ganz im des Wortmeisters Gegenteil: Eines der eher kratzigen Stilmittel Evers‘ ist es, sich selbst als handelndes Subjekt zu eliminieren und  dadurch die Sätze zu Ellipsen verkürzen. Auffällig ist das besonders am Beginn der Geschichten. Rübe ab für das Personalpronomen in Subjektposition:

# Stehe in der Lingerieabteilung eines großen Textilkaufhauses und fotografiere Mädchenunterhosen. („Es ist nicht das, wonach es aussieht“, S. 13)
# Fahre mit dem Fahrrad den Kurfürstendamm runter. („Polizeikontrolle“, S. 24)
# Stehe im Supermarkt und schaue gedankenverloren auf das Obst- und Gemüseregal. („Nazi-Heidelbeeren“, S. 36)
# Sitze im 19er Bus. („Die gechillte Ethikkommission“, S. 44)
# Sitze in der U-Bahn-Linie 6. („Vaya sin ticketos“, S. 77)
# Diskutiere mit der Freundin über das Füttern.  („Lösungen ohne langes Streiten“, S. 134)
# Sitze in der Küche und esse furchtlos rote Möhren und Gurke. („La Belle de Torf“, S. 137)
# Laufe durch Bad Salzuflen.(„Bundestourismusausgleich“, S. 148)

Da staunt selbst Rübezahl über die Rübenzahl.

Zur Psychologie dahinter zum Zwecke der Vermeidung permanenter Iche sei nicht spekuliert. Ich-Erzähler zu wagen ist ohnehin ein nudistischer und deshalb von vielen Autoren lieber vermiedener Job. Ein „Meister des geschriebenen Wortes“ setzt dieses Stilmittel gezielt ein. Evers scheint es zu unterlaufen. Und das Rowohlt-Lektorat kennt keine Einwände. Oder adeln wir die epidemische Ellipse als persönliches Stilmerkmal?

Evers ist ein Meister von allem Möglichen, Verdienten und Ehrenvollen, aber sicher nicht des geschriebenen Wortes dort, wo es andere (Wörter und deren Meister) hinter sich zurücklassen möchte. Evers ist etwa ein Meister der satirischen Inszenierung, ein Meister des rasant an Fahrt aufnehmenden und oft ins Absurde steuernden Dialogs. Er ist ein Meister der Beobachtung und Aufbereitung alltäglicher zwischenmenschlicher Begegnungen mit Unterhaltungswert UND Lehre.

Und was macht der Verlag mit der zitierten Fehletikettierung, die dem geschmähten Feld-Wald-Wiesen-Moderator vermutlich ohnehin nur von seiner Redaktion unrecherchiert zugereicht wurde? Rowohlt hat nichts Besseres zu tun, als diesen Blödsinn, Bullshit und Dummfug auch noch auf die Rückseite des Buches zu drucken!

Aber dafür kann Evers nicht. Und die kritisierten Ellipsen-Berge sind eine linguistische Nörgelei, die weder der Lesbarkeit noch dem enormen Unterhaltungswert von KIKS Abbruch tun.

Gerd Winter, möchten  mein Freund sein?

Horst Evers:
Der kategorische Imperativ ist keine Stellung beim Sex
Januar 2017
Hardcover, 235 Seiten: € 16,95
e-Book: € 14,99
Rowohlt

Wem es mehr nach Event gelüstet, hier Evers Auftrittstermine mit dem gleichnamigen Bühnenprogramm.

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