SatBur10: Fairness: Der Südkurier und die Schweinehonorare

Dieser Artikel ist der zweite Teil einer insgesamt vierteiligen Südkurier-Satire:
>>> Teil 1: SatBur9: Untertanen-Presse: Nach Michael Lünstroth feuert der Südkurier jetzt Hans Esser
>>> Teil 3: SatBur11: Beschissen: Der Südkurier und die journalistischen Grundsätze
>>> Teil 4: SatBur12: Glaubwürdigkeit: Der Südkurier als Untertan

SatBur10 knüpft nahtlos an SatBur9 an.

SATIRE

 

Schweinehonorare im Schweinesystem
Aber vielleicht war der Südkurier auch froh, einen Vorwand gefunden zu haben, um den Kollegen Hans Esser jetzt „freizusetzen“. Der hatte ewig und drei Tage an den nun wirklich üppigen Honoraren des Südkuriers herumgenörgelt und sogar behauptet, sie wären rechtswidrig. Weil sie deutlich unter den Gemeinsamen Vergütungsregeln für freie hauptberufliche Journalistinnen und Journalisten an Tageszeitungen (GVR) liegen. Das ist ein Vertrag zwischen den beiden Interessensvertretungen der Journalisten, dem Deutschen Journalisten Verband (DJV)  und der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft VERDI / Deutschen Journalistenunion (DJU), und den Zeitungsverlegern. Auf der Seite der Zeitungsverleger hat diesen Vertrag auch der Verband südwestdeutscher Zeitungsverleger e. V. unterschrieben. Der Südkurier ist Mitglied des Verbands südwestdeutscher Zeitungsverleger e. V.

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Schweinesystem heißt dann folgerichtig auch: Der Südkurier hält sich nicht an die vertragliche GVR-Regelung und der Südkurier zahlt keine Honorare gemäß den GVR – sondern teilweise dramatisch weit darunter.
Wer als Verdi-Mitglied bei seiner Gewerkschaft anruft und diesen Verstoß beklagt, kommt den lapidaren Hinweis, das sei bekannt. Man könne nichts machen. Entweder es hinnehmen oder nicht für den Südkurier schreiben!

Mein Bruder im Geiste Esser behauptet, ganz so schlimm wäre es nicht. Man könne auch erst eine ganze Weile für den Südkurier (oder seine Konkurrenz) schreiben und hinterher die Honorare aus der Differenz zu den GVR-Honoraren einklagen. Ein anderer unfreier freier Journalist habe gerade erst in einen sensationellen Prozess vor dem Landgericht Düsseldorf gegen eine Zeitung gewonnen, die wohl ähnlich Hungerhonorare wie der Südkurier gezahlt hatte (Landgericht Düsseldorf Az. 12 O 455/14).Rechtlich stünde uns die Möglichkeit offen, sogar auf Jahre hinaus rückwärts die ausstehenden, weil unter den GVR liegenden Honorare einzuklagen. Dem genannten Kollegen seien vom Gericht 40.000 Euro ausstehende Honorare zugesprochen worden:

Schön, schön, Herr Esser! Eine journalistische Karriere in der Region dürfte damit dann aber für den lediglich sein Recht einklagenden Freien schlagartig beendet sein?
Wer auch nur versucht, den Südkurier auf seine vertraglichen Verpflichtungen hinzuweisen und auf einigermaßen anständigen Honoraren zu bestehen, der badet im sagenhaften Zynismus von Entscheidern à la Diederich  Heßling. Auf den Hinweis, dass der Südkurier vor 25 Jahren fast das Doppelte an Honoraren gezahlt habe, wobei der Faktor sich nicht aus den damaligen D-Mark-Zeiten erklärt, dem schallert ans fassungslose Ohr: „Die Zeiten haben sich eben geändert“.

Der Südkurier akquiriert sogar noch „fingierte“ Abonnenten für seine Onlineangebote, weil er seinen Mitarbeitern den kostenlosen Zugang zu den hinter der Paywall liegenden Texten versagt und von ihnen verlangt, Abonnent zu werden. An Belegexemplare eigener Artikel, die nur in der Online-Version erschienen sind, kommt der freie Journalist überhaupt nicht dran. Er bekommt sie nie zu Gesicht, es sei denn, er ist bereit, dem Unersättlichen noch mehr Geld in den Rachen zu schmeißen und die Onlineangebote kostenpflichtig zu abonnieren. Da sind ideale Arbeitsbedingungen … für Hausfrauen und Rentner!

Da nützt es mir auch wenig, dass es zu diesem Thema sogar schon eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs gegeben hat, die ich sinngemäß so verstanden habe, dass alles, was unter den GVR liegt, nicht angemessen ist und mithin eingeklagt werden kann. Der Anwalt von dem 40.000.-Euro-Goldjungen schreibt das so:

Nach den ersten beiden BGH-Entscheidungen zur angemessenen Vergütung für Journalisten aus dem vergangenen Jahr ist das Düsseldorfer Urteil ein klares Signal an die Verleger, die gemeinsam festgelegten Honorarsätze auch einzuhalten. Ansonsten drohen ihnen Nachzahlungen in empfindlicher Höhe. Der Verlag hat gegen die Entscheidung keine Berufung eingelegt. Das Urteil ist damit rechtskräftig.
(Anwaltskanzlei Höcker 14.03.2016: „Zu wenig Fotohonorare gezahlt – Höcker verhilft freiem Journalisten zu einer Nachzahlung von über 40.000 Euro“; Hervorhebg. von SaSe nach Ansage von Hans Esser)

(Dass ausgerechnet ich die Kanzlei Höcker positiv verlinken muss, nehme ich den Schweinehonorare-Verlagen persönlich übel!)


„Sie verdienen alle sehr viel Geld beim Südkurier“
… ein wörtliches Zitat meines Lokalredakteurs auf einer sogenannten Mitarbeiterschulung. Den Begriff „Schulung“ sollten Sie nicht ernstnehmen. In 40 Jahren Berufstätigkeit habe ich noch keine derart chaotische und unvorbereitete Veranstaltung erlebt. Recht eigentlich ging es nur darum, noch einmal alle Freien“ dazu zu zwingen, das erweiterte Onlineangebot „Südkurier plus“ kostenpflichtig zu abonnieren. Es war mehr eine Akquiseveranstaltung, für die die „Freien“ ihre freie Zeit selbstverständlich unhonoriert zur Verfügung zu stellen hatten, derweil Hänschen Kusch-Lâche vollkommen panisch in den offensichtlich nicht vorbereiteten „Workshop“-Unterlagen herumblätterte. Und fragen Sie mich nicht nach diesem sogenannten Workshop …

Das mit dem „sehr viel Geld beim Südkurier“ kann ich aus meiner Erfahrung nur belegen und mit meinen Honorarabrechnungen beweisen. Wir beschränken uns auf wenige Beispiele, die das Muster komplett abbilden:

+ Gemeinderatssitzung Verratichnichtwo am 09.06.16
Aufwand: 0,75 Stunden Fahrt
Sitzung: 2,25 Stunden
Vor- und Nachbereitung Sitzungsunterlagen, zwei Artikel schreiben: 1,0 Stunden
Aufwand gesamt: 4,0 Stunden
Gesamthonorar Südkurier für diesen Termin: 15,00 Euro
(Stundenhonorar: 3,75 Euro
für eine selbstständige Tätigkeit, bei der man sich selbst sozialversichern, Krankheit und Urlaub mit finanzieren muss. Vor Steuern natürlich!)

Da gibt es nichts zu meckern, weil mir trotz Zeitaufwands für den Termin nur 58 Zeilen eingeräumt wurden. Für den 38-Zeilen-Artikel gab es dann fette 10 Euro; für die 20-Zeilen-Meldung sogar 5 Euro (vgl. anhängendes pdf-Dokument unten). Die Onlineverwertung der Artikel wird selbstverständlich überhaupt nicht bezahlt. Wo kämen wir denn dahin? Von der Möglichkeit, die Texte auch noch zur Ausschüttung bei der VG Wort anzumelden, reden wir schon gar nicht.

Es ist doch jedem selbst überlassen, ob er die Terminaufträge annimmt? Wenn man sich zum Beispiel für die Gemeinderatsarbeit einer wirklich weit entfernt weil im tiefsten Donautal gelegenen Kommune interessiert, zu und von der man über 50 Kilometer (Sprit & Fahrtzeit) fahren muss, ist der unfreie Freie selbst schuld. Ich habe das ausprobiert:

+ Gemeinderatssitzung Verratichauchnichtwo am 12.05.16
Aufwand: 1,5 Stunden Fahrt (wegen: erst vergurkt, dann Umleitung)
Sitzung: 2,0 Stunden
Vor- und Nachbereitung Sitzungsunterlagen und 2 Artikel schreiben: 2,0 Stunden
Aufwand gesamt: 4,5 Stunden
Gesamthonorar Südkurier für diesen Termin: 20,00 Euro
(Stundenhonorar: 4,44 Euro für eine selbstständige Tätigkeit, bei der man sich selbst sozialversichern, Krankheit und Urlaub mit abdecken muss. VOR Steuern natürlich!!!).

Das ist die völlig unübersichtliche, den einzelnen Artikeln nicht mehr zuzuordnende Honorargutschrift des Südkuriers.  Jede Position bedeute eine Veröffentlichung. Ob es sich dabei um einen Text oder ein Bild handelt, ist der Honorargutschrift nicht zu entnehmen. „LR Meßkirch“ bedeutet Lokalredaktion Meßkirch. Bei mehreren Artikeln/Bilder an einem Tag, kann sich der Freie auswürfeln, welches Honorar zu welcher Leistung gehört.

Die Mehrzahl der nicht zu identifizierenden Artikel-Honorare in obiger Abrechnung betreffen übrigens Gemeinderatsberichterstattung. So eine Gemeinderatssitzung dauert im Schnitt zwei Stunden. Wer an kritischer Berichterstattung interessiert ist, sollte zumindest die Sitzungsunterlagen (das können auch gern mal 100 Seiten sein) vorher durcharbeiten oder nach dem Termin im Telefonat mit dem Bürgermeister oder Kämmerer Verständnisprobleme beseitigen. Und dann ist/sind der/die Artikel immer noch nicht geschrieben.

Esser hält diese Unübersichtlichkeit der Abrechnung für einen so großen Verlag wie den Südkurier für ziemlich erstaunlich und für Kalkül.
Ach was, dieser Humankapital-Dreck von unfreien Freien hat einfach nicht mehr Aufwand verdient. Und wer schriftlich eine nachvollziehbare Honorarabrechnung erbittet, erhält keine Antwort. Das ist der Komfort des längeren Hebels.

Der Trick der offensichtlich vollkommen gewissenslosen Zeilenknechten-Disponenten  ist es, dir vor dem Termin nicht zu verraten, dass du für alles von der besonders aufwändigen Gemeinderatssitzung in Y nur 60 Zeilen bekommst! Das erfährst du erst NACH dem Termin, wenn Sprit und Zeit schon weg sind.

Das Üppigste, was ich je erlebt habe, hier:

+ Strafprozess Amtsgericht Sigmaringen irgendwann im März 2016
Aufwand: 1,0 Fahrt
Prozess: 4,0 Stunden
Artikel schreiben: 0,75 Stunden
Aufwand total: 5,75 Stunden
Gesamthonorar Südkurier für diesen Termin: 45,00 Euro
(Stundenhonorar: 7,82  Euro für eine selbstständige Tätigkeit, bei der man sich selbst sozialversichern, Krankheit und Urlaub mit abdecken muss. VOR Steuern selbstverständlich!)

Und noch fetter werden die Honorare, wenn man ein Bild abliefern kann. Egal, wie viele Spalten damit gefüllt werden, dafür gibt es nochmal so ungefähr satte 5 Euro, auch wenn die GVR differierend nach Spalten bei der im vorliegenden Fall gegebenen Auflagenstärke Honorare von Minimum 19,50 Euro bis 27,50 Euro bei über 4 Spalten festlegen. Der Südkurier hat das ja unterschrieben!

Wir verplaudern uns hier aber auch was. Ist jetzt der Artikel des Südkuriers über den Skandal seines Anzeigenkunden aus der Lebensmittelbranche schon erschienen?


Nicht ohne Pflegedienst
Außerdem übersieht Esser komplett die wirklich vorbildliche Sozialleistung des Südkuriers bei den kaum jemals stattfindenden sogenannten Mitarbeiterschulungen i. e. Südkurier-plus-Akquiseveranstaltung. Aufgrund des nicht nur gefühlten Durchschnittsalters der unfreien Freien, das so ungefähr bei 73 Jahren liegen dürfte (woran ich maßgeblich beteiligt bind), sind solche Veranstaltungen ohne das Hinzurufen eines Pflegedienstes ein unvertretbares Risiko. Da lässt sich der Südkurier auch nicht lumpen. Die auf die Zielgruppe (freie Mitarbeiter im Südkurier) spezialisierten Dienstleister verteilen dann schon vorher extradicke Sitzkissen mit Inkontinenzschutz auf den Stühlen, arrangieren liebevoll die Schnabeltassen auf den Tischen und legen diskret eine kleine Tube Haftcreme neben das Platzset. Im rückwärtigen Teil des Veranstaltungssaals sind die Katheter schon vorbereitet und der Defibrillator steht bereit. Und der ist wahrlich nicht übertrieben, denn bei Zynismen wie „Sie verdienen alle sehr viel Geld beim Südkurier“ kann man schon mal einen Herzkasper bekommen!

Fortsetzung folgt in SatBur11: Beschissen: Der Südkurier und die journalistischen Grundsätze.

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