SüS3: „Nuhr im Ersten“ 14.05.2015: Geriatriefachverbände zittern vor Begeisterung

[Satire]

Die neueste Sendung des zu Nuhr im Ersten verkommenen Kabaretts der ARD am Vatertag 2015 (hier in der Mediathek) mit der Altherren-Riege Dieter Nuhr (*1960), Ingo Appelt (*1967), Michael Mittermeier (*1966), Torsten Sträter (*1966) und Andreas Rebers (*1958) geht in die Geschichte des deutschen Fernsehkabaretts unter dem Label  „Geriatrischer Overkill“ ein. Gleich drei entsprechende Fachverbände loben die Sendung in exklusiv nur dieser Redaktion vorliegenden Pressemitteilungen tremorgeschüttelt über den grünen Klee: der Förderverein staatstragendes Kabarett (FösK; querfinanziert von der FDP), der Mumifizierungsfachverband alte Witzsäcke (MaW) sowie die Ständige Konferenz satirische Besitzstandwahrung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (StäKosatBw örF). 


Männerprivileg und Lore Lorentz nicht greifbar!
Nuhr und seine Seniorenkumpels widerlegten die Mär, dass „die Alten“ im Unterhaltungsfernsehen keine Chance hätten, so der Konsens aller drei Pressemitteilungen. Solange diese „Alten“ Männer sind … Schwer vorstellbar, dass Gerburg Jahnke für einen vergleichbaren Altersschnitt in Ladies Night überhaupt nur das Personal auftreiben könnte. Sie müsste schon Lore Lorentz aus dem Grab bitten?

Die durchgehende Themenfokussierung von Nuhr im Ersten am Vatertag auf Sex, Vaginas (2!) und Kinderkriegen verstehe sich als wehmütige, aber berechtigte Reminiszenz an auch politisch potentere Zeiten.  Und gerade ein Ex-Gewerkschaftler wie Ingo Appelt sei nachgerade dafür prädestiniert, das politische Kabarett an das derzeit so populäre Weselsky-Bashing anzukoppeln.
 

Ausschnitt aus Bildzitat Screenshot ARD Mediathek Nuhr im Ersten 14.05.2015:
Ingo Appelt muss sich mit beiden Händen an der Bierflasche festhalten.

 

ARD-Kabarett erweitert Hilfsmittelkatalog der Krankenkassen
Der Mumifizierungsfachverband alter Witzsäcke weist stolz darauf hin, dass außer Michael Mittermeier keiner der am 14. Mai 2015 auftretenden Künstler den Bühnenraum noch ohne Hilfsmittel erobern könne – und es trotzdem tue. Ansonsten präsentierte sich das gesamte Seniorenteam überwiegend in liegender (Dieter Nuhr) oder sitzender (Torsten Sträter, Andreas Rebers) Körperhaltung. Das freie Stehen von Ingo Appelt sei nur gelungen, weil dieser sich mit beiden Händen an der Bierflasche festhalten konnte.

Der Sanitätsfachhandel habe unmittelbar nach Ausstrahlung der Sendung seine Produktpalette in Abstimmung mit den Krankenkassen um schwarze Lackholzsessel und revolutionär (!) geformte Kunststoff-Sitzliegen mit dem so schwer an seiner Symbolik tragenden Loch erweitert. An physiologisch korrektem Ort – das Loch!

An Michael Mittermeier sei auch sehr schön der Übergang vom noch selbstständigen zum schon hilfsmittelgestützten Bühnen-Move zu erkennen.  Mit seinen choreografischen Schlangenmensch-Fragmenten, das ergraute Kopfhaar hämisch kontrapunktierend, versuche er (weniger in der ARD, aber im neuen Programm Blackout) optimistisch, noch einmal  das Bild des kleinen Michi (schwarze Lederhose, systemkritisch aufgesetzte Basecap) heraufzubeschwören. Der starrt bewundernd auf die dreifach gepunktete Armbinde des ihm auf der Straße Entgegenkommenden: „Yep! Der hat’s durchgezogen!“ Mittermeier gelinge damit eine neue Form des Senioren-Slapstick vor laufender Kamera, aus deren hoffnungsvoller Botschaft Novartis (Voltaren i. e. Diclofenac) neues Werbepotenzial ziehen könne.

Der FösK lobt die ARD vor allem für die sensible  Zielgruppenanalyse von Nuhr im Ersten. Ein Sendekonzept, das darauf abstelle, von seniler Bettflucht getriebene Zuschauer auf dem Weg zum Klo vor dem Fernseher abzufangen, sei  mutig und zukunftsorientiert.
 

Auf dem Weg an diesen lebenszentralen Ort holen die ARD und Nuhr im Ersten ihre Zielgruppe ab.
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

 

Cave: kabarettistischer Generationswechsel!
"Nuhr im Ersten zeigt in monatlichen Wiederholungen, wie sich der kabarettistische Besitzstand erfolgreich gegen die anbrandenden Wogen des jungen, talentierten Nachwuchses mit neuen Ideen und erfrischenden Perspektiven verteidigen kann“, betont die StäKosatBw örF. „Cave Generationswechsel im politischen Kabarett“ müsse die Losung lauten. Die Reihen fest geschlossen, das beweise Nuhr im Ersten altersstarr.  In JEDER Sendung dieselben Deppen mit denselben Macho-Sprüchen und den immer gleichen Witzen und Anspielungen aus der Schmuddelecke: Nuhr, Sträter, Appelt.  „Ad nauseam!“ ruft  die Pressemitteilung der StöKosatBw örF dem Zuschauer fröhlich zu.

Gerade die hierarchische Struktur der ARD mit ihren Länderanstalten ermögliche dort ein beliebig lang vorzuhaltendes Reservoir für frisches kabarettistisches Blut. Das möge in großartigen Sendungen wie Vereinsheim Schwabing, NightWash und oder den StandUp-Migranten so lange vor sich hin stocken, bis sich die die Prime-Time-Sendeplätze besetzende Altherrenriege in Dreiherrgottsnamen dorthin verfügt, wo es noch und vor allen Dingen dauerhaft dunkler ist als in diesem Studio mit der Lux-Stärke eines Pharaonengrabes. Die StöKosatBw örF orientiere sich hinsichtlich des Generationenwechsels oder auch nur eines spritzigen Generationenmix an der schwäbischen Volksweisheit: „Nu(h)r ned huudle!“


Selbstvergessener Auftritt am Bahnsteigende
Alle drei Verbände heben in ihren Mitteilungen die besondere Stellung und das positive Beispiel von Andreas Rebers hervor, der trotz seines Ältestenstatus nicht so richtig in die bräsige, arrogante und selbstgerechte Macho-Truppe passe. Gerade dieser Kabarettist zeige die lebenserhaltende Funktion der völligen mentalen Bindung an und die fast körperlich spürbare Selbstvergessenheit in der Kunst. Bei Rebers wisse man tatsächlich nicht, ob er überhaupt noch mitkriege, wo und mit wem er auftrete.  Das könne theoretisch ebenso gut am Bahnsteigende des stillgelegten Kleinstadtbahnhofs in der Uckermark geschehen, ohne dass Rebers Einwände erhöbe, solange er sein Instrument mitbringen darf. (Nu[h]r) bei diesem Künstler trete die Selbstdarstellung vollständig hinter der engagierten Botschaft zurück.


Ausschnitt aus Bildzitat Screenshot wie oben: Andreas Rebers.
Hier hinkt die SaSe-Argumentation ein wenig, denn Tasteninstrumente
im Stehen zu spielen ist eher unüblich. Trotzdem ist ja nicht bewiesen,
ob Rebers sitzt, weil er klimpert, oder ob er klimpert, damit er sitzen kann.

 

Kabarettistische Vitalparameter
Alle drei Verbände räumen ein, dass sich kein Mensch für das Geburtsdatum der Nuhr-im-Ersten-Hilfsmittelnutzer interessieren würde, sie hätten denn ein (1) Gran der kabarettistischen Wucht, ein (1)  Zipfelchen des satirischen Hungers und Bisses, eine (1) Prise des Esprit und des Witzes im edelsten britischen Sinne, einen (1) Hauch der Echtheit und spürbaren Achtung vor dem Publikum, ein (1) Scheibchen des Rechercheeifers oder böten einfach nur den fünften Abklatsch eines kabarettistisch anspruchsvollen,  köstlich unterhaltsamen und informativen Programms wie Philip Simon Gute Nacht Deutschland (Mediathek).

+++ Ende Satiregelände +++

Weitere TV-Kritiken dieser Autorin über Dieter Nuhr: hier (2012) und SaSe12
Andere meinen über Nuhrs Kabarett: Freitag (2013), Freitag (2014) und Freitag (2015)

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