Tag Archiv:Er ist wieder da

SaSe84: ZDF „Familie Braun“: Kann Satire keinen Rechtsextremismus?

Die „MediennutteHenryk M. Broder in Die Welt ist begeistert von der neuen ZDF-Polit-Kurzsatire Familie Braun (fünf Minuten freitagabends nach der heute-show). Er widerspricht damit (nicht nur) Nora Burgard-Arp von Meedia in ihrem vernichtenden Urteil über die Nazi-Satire (vgl. auch TS23/16).

Nachdem sich Broder in seiner TV-Kritik zunächst und länglich der puren Nacherzählung hingibt, lobt er das ZDF für die Radikalität der Satire, die er dem Lerchenberg-Sender nicht zugetraut habe. Er sucht nach dem Mut für die Grenzüberschreitung. Dem ZDF sei ein großer Wurf gelungen abseits der „grausamen Biederkeit“, welche die Produktionen des Senders sonst auszeichneten.
Broders Quintessenz:

„Familie Braun“ hat das Zeug zu einem Hit. Wie einst Ekel Alfred. Bleibt nur die Hoffnung, dass wenigstens die GEW und der Philologenverband gegen die Serie protestieren werden.
(Die Welt Henryk Broder 13.02.16: „Wo das Negerkind unterm Hitler-Bild aufwächst“)

Broders Hoffnung, dass wenigsten X und Y gegen die Serie protestieren bzw. ihr eine vernichtende Kritik schreiben werden, erfüllt sich umfänglich. Ist er Seher oder kennt er seine Pappenheimer so gut? Oder liegt es nur daran, dass seine Kritik zu einem Zeitpunkt erscheint, als die Verrisse schon publiziert sind? Weiterlesen

SaSe62: Rezension Martin Amis „Interessengebiet“: Die steilen Erkenntniszentimeter zum Holocaust

Wird es nicht Zeit, auch einmal etwas „Wohlgesinntes“ über Nationalsozialismus und Holocaust zu schreiben? Vielleicht auch im Sinne der zeitgenössischen Linken? „Nimm das“ (S. 251): Er, der Nationalsozialismus, war – zumindest – nicht neoliberal; keiner von beiden und vice versa! Wie dort mit „Humankapital“ herum geaast wurde, mein lieber Szmul! Ein volkswirtschaftliches Zum-Schornstein-hinaus, dass es der INSM und dem BDI heutzutage grausen würde.

Das – Verwertung/Ausbeutung statt Vernichtung – ist nur ein (1) Thema. In Interessengebiet, dem satirischen Roman des britischen Schriftstellers Martin Amis mit den ganz steilen Erkenntniszentimetern zum Thema Holocaust. Amis mit der Tendenz zur grotesken Karikatur. Der, so munitioniert mich Wikipedia, von der New York Times als „Meister der neuen Widerwärtigkeit“ bezeichnet wurde. Das klingt nach „Ricola“. Aber er hat sie nicht erfunden, die Widerwärtigkeit. Für den “Interessengebiet“-(Aus-)Fall. Stattdessen wickelt er die mit Süffisanz ausgewählten Fakten in eine Sprache und Bildlichkeit, die dem historisch belegtem Exzess über einen bisher unbegangenen Weg nahekommt. Oder es versucht. Weiterlesen

TS130/15: „Nuhr ab 18“ + Adolf + Lenkfunk-Stuss + Martin Sonnenkönig + Geleimt

+++ „Nuhr ab 18“ – TV-Kritiken
Vielleicht möchte sich die stern-Redaktion nach dem Krach mit Dieter Nuhr wieder aussöhnen? Die TV-Kritik zur Premiere von Nuhr ab 18 – junge Comedy jedenfalls geht über alle Maßen zart mit der eckigen und zwangshaft auf jung und wild getrimmten Sendung um.
Bemerkenswert ist eine TV-Kritik im Schweizer Der Bund. Es mag den deutschen Kabarett-Kenner lang hinschlagen, aber in dem Artikel wird Dieter Nuhr als „der derzeit klügste Kopf im deutschen Kabarett-TV“ etikettiert. In der Nachwuchssendung traten zwei Schweizer Künstler auf, von denen nur Hazel Brugger wirklich erwähnenswert ist. Dazu zumindest besteht deutsch-Schweizer Konsens zwischen SaSe und der Redaktion des Tagesanzeiger. Auch wenn der das anders formuliert.
DWDL sieht das Kalkül der Sendung quotentechnisch aufgegangen: 420.000 der 14- bis 49-Jährigen sahen die auf junges Publikum ausgelegte Neuerung. Mit einem Marktanteil von 8,1 Prozent liege Nuhr ab 18 damit über dem Senderschnitt. Das sei deshalb auch bemerkenswert, weil die Männer-Bindegewebe-Schuhe-Kabarettpeinlichkeit Ladies Night davor zumindest bei den jungen Zuschauern nicht über 5,5 Marktanteil hinauskam. Das spricht für den Marktanteil.
Ein wahrer Genuss für Nuhr-„Fans“ ist die TV-Kritik im Hamburger Abendblatt (mit Ausnahme der Verlautbarungen zu Hazel Brugger).
Und nie vergessen: Springer steht stramm hinter Nuhr! Weiterlesen

TS127/15: Pegida-Satire + Attacke + Auferstehung + Zensur + Netzwerke

+++ „extra3“-Pegida-Satire wird zum Internethit
Die Profis von extra3 haben erneut einen Treffer gelandet. Die extra3-Pegida-Satire ist aber auch zu gut:

Es berichtet die haz und in Österreich Vorarlberg online, auch  stern + Werben & Verkaufen u. v. a. m.
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TS96/15: Postillon + Mops-Satire + Wieder-da-Teaser + „WildBakers“

+++ #landesverrat: Der "Postillon" nun wieder!
Herrlich: Saudi-Arabien lobt Deutschland für hartes Vorgehen gegen regierungskritische Blogger !


+++ Schweiz: Mops-Satire treibt Hundehalter zur Weißglut
Es ist wieder eine Satire-Seite, die wieder (!) vor allem die Tierschützer und Hundefreunde im Affentempo auf die Hass-Palme peitscht. Die Facebook-Seite heißt Möpse sind gar nicht mal so tolle Tiere. Das „Arbeitsprinzip“ der Seite ist dasselbe wie in den vergleichbaren Satire-Projekten wie z. B. Hunde raus aus Deutschland etc. Berühmte Zitate und Lebensweisheiten werden auf den Mops abgewandelt, der hier nur Stellvertreterfunktion für diskriminierte Minderheiten (Ausländer etc.) übernimmt, um so den rassistischen Kern bestimmter Sprüche und Haltungen deutlich zu machen. Aber das erkennen die emotionalisierten Tierfreunde nicht und drehen schier durch. Die Seite hat nur 190 Likes; der letzte Eintrag datiert vom 24. Juni 2015. Offensichtlich zwingt das Sommerloch die Schweizer Journalisten zur Berichterstattung mit Fokussierung auf die bekannten Hass-Kommentare und –zuschriften. 

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TS37/15: Titanic provoziert + Hitler-Satire + Christian Schertz + Angels of Revolution

+++ <TITANIC> pointiert Medienberichterstattung zur Germanwings-Katastrophe
Die Satire-Zeitschrift TITANIC bringt sich erfolgreich wieder ins Gespräch und die Berichterstattung, in der die Satirekonkurrenz à la Postillon oder Jan Böhmermann (#Varoufake z. B. in SaSe4) in den letztem Wochen dominierten. In der aktuellen Ausgabe widmet sich das Magazin nicht, wie fälschlich dargestellt wird, der Germanwings-Flugzeug-Katastrophe selbst, sondern des Umgangs der Medien mit ihr. So veröffentlichen die Provokateure einen Maßnahmen-Katalog sowie ein Formular für den Fall der Fälle.
Offensichtlich bringt TITANIC schon die darüber berichtenden Medien in Bedrängnis. Zunächst hatte der Branchendienst Meedia über die Attacke berichtet und den satirischen Freiraum gegenüber dem Standardargument der Geschmacklosigkeit verteidigt. Der Focus rekurriert in seinem Artikel über das neue Titanic-Heft expressis verbis auf Meedia, gibt aber selbst keine eigene Meinung dazu preis. Die Leser scheinen jedoch an dieser Diskussion nicht interessiert; der Artikel wird nur fünfmal kommentiert.

+++ Bayerische Laienbühne setzt Hitler-Satire ab
Die Neue Bühne Bruck (Fürstenfeldbruck) hatte den Satire-Beststeller Er ist wieder da von Timur Vermes auf die Bühne gebracht. Nach nur  zwei Aufführungen und guten Kritiken (hier und hier) wurde das Stück jetzt abgesetzt. Über die genauen Gründe schweige sich der Theaterleiter Harald Molocher aus. Auf der Suche nach Erklärungen berichtet Merkur online über einen Fall aus dem Jahr 2013, in dem ein anderes Stück dieser Bühne wegen Urheberrechtsstreitigkeiten abgesetzt worden war.
Eine erfolgreiche Inszenierung des provokanten Stoffs gelang auch dem Altonaer Theater. Das Westfälische Landestheater hat zu seiner Adaption diesen Trainer veröffentlicht:


+++ Satirestoff: „Presserechtliche Informationsschreiben“ von Christian Schertz
Beim Postillon oder in der Titanic wäre die Meldung eigentlich besser platziert und würde dort auch nicht so viel GG-Artikel5-Angst machen: Der bekannte Medienanwalt Christian Schertz verschickt sogenannte „presserechtliche Informationsschreiben“ an Redaktionen und Journalisten; im vorliegenden Fall im Kontext mit seinem Mandanten Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, dem Ex-FC-Bayern-Doc. In dem Schreiben thematisiere er die Berichterstattung in einem BUNTE-Artikel und definiere seine (bekannten und erwartbaren, per definitionem parteiischen) presserechtlichen Kategorisierungen dazu (ist klar: Privatsphäre etc.). Des Weiteren wird darauf hingewiesen, dass Berichterstattung seitens seines Mandanten nicht gewünscht sei. Saugut!
Der Schuss geht dann offensichtlich nach hinten los, denn ein Meedia-Artikel berichtet über einen Dank-Tweet vom Nachrichtenchef der Deutschen Presseagentur (dpa), Froben Homburger: „Ohne die presserechtlichen Informationsschreiben von Medienanwälten würde ich viele spannende Yellow-Geschichten verpassen.“
Auf Presseportal findet sich inzwischen schon eine kleine Sammlung dieser ganz besonderen Textgattung aus der bekannten Kanzlei: ein „Presserechtliches Informationsschreiben“ mit ausdrücklichem Veröffentlichungsverbot. Deshalb ja auch öffentlich auf Presseportal (siehe dazu auch hier)! Dort finden sich Dekrete zum Mandat Catherine von Fürstenberg-Dussmann; aus August 2014 ein nämliches zu Bettina Wulff sowie eine (reguläre?) Presseerklärung von Schertz / Dr. Müller-Wohlfahrt zum Fall Franck Ribéry. Der im Themenfeld Presserecht und Abmahnungen auf der Gegenseite bekannte Rechtsanwalt Markus Kompa (siehe auch SaSe9) hatte das Vorgehen schon im Wulff-Fall kommentiert.
Hier DIE Fundgrube zum Thema, das Insider unter dem Stichwort Buskeismus führen!
Satiriker und Kabarettisten seien also mit dem aktuellen Thema Dr. Müller-Wohlfahrt vorgewarnt. Oder, um die kalauernde Schlusspointe auf ein vergleichbares Niveau herabzudrücken: MIt Scherzen über Schertz-Mandanten ist nicht zu scherzen!

+++ Ausland: Filmverleihpolitik verhindere russische Satire im österreichischen Kino
Eine interessante und politisch relevante Nebenbemerkung auf newsORF.at veranlasst die SaSe-Berichterstattung über folgenden Vorgang: Russische Filmproduzenten hätten zwei hervorragende Filme hervorgebracht, einer derer – Angels of Revolution von dem Regisseur Aleksei Fedorchenko – als sogenannte historische Satire „mit surrealen Szenarien und Dekors voller Anspielungen“ das Thema russischer Kulturimperialismus bei indigenen Völkern thematisiere. Eingangs der Berichterstattung über die zwei Filme heißt es:

Aber es ist schon vielsagend, dass es die Filmverleihpolitiken nicht möglich machen, dass zwei bildgewaltige wie intelligente russische Werke aus dem Vorjahr, inszeniert von zwei schon lange auch international berühmten Regisseuren, regulär bei uns im Kino zu sehen sind.
(Hans-Christian Leitich, newsORF.at 25.04.15: Ins Dunkle und zur Mitternachtssonne; Hervorhebg. von  SaSe)

Hier ein Trailer zu Angels of Revolution auf vimeo

ANGELS OF REVOLUTION (2014) by Alexey Fedorchenko [trailer] from Richard Lormand on Vimeo.

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