TS111/19: 1.000-Kühe-Stall: Stuttgarter Nachrichten berichten krass ernüchtert

Ohne konkreten Anlass beschäftigen sich die Stuttgarter Nachrichten an Allerheiligen – auch irgendwie passend – erneut mit Baden-Württembergs derzeit im Bau befindlichen Mega-Stall in Ostrach-Hahnennest. Der Artikel von Rüdiger Bäßler ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert.

Zum einen demontiert er gnadenlos die Mythen und Narrative, die rund um den Energiepark Hahnennest und den 1.000-Kühe- Stall unter fleißiger Mitwirkung der regionalen Presse über Jahre hinweg mühsam errichtet wurden. Den Weg weist schon die wenig zartfühlende Überschrift: „Das Geschäft mit der Gülle“ (Bezahlschranke).

Rückgebaut wird unter anderem das Narrativ der kleinen tapferen Landwirtelein, die doch lediglich versuchen zu überleben. Dieser Rückbau erfolgt nicht nur in Zuschreibungen wie „geschäftstüchtiges Bauernquartett“. Auch der kaum verhüllte Hinweis auf das nahezu konzernmäßige Marketing macht angenehmen Schaden.

Dann zerbröselt die Transparenz-Lüge, die den Bürgern der Region seit Jahren im Zuge dieses professionellen Marketings angedient wird:

Das geschäftstüchtige Bauernquartett aus Ostrach im Kreis Sigmaringen hat seine Offenheit von 2015, als noch freimütig über den geplanten größten Milchviehstall in Baden-Württemberg geredet wurde, gründlich abgelegt. Zu viel schlechte Resonanz. Ihre Pressearbeit hat jetzt etwas vom Format börsennotierter Konzerne, in denen Berichte selbst geschrieben und gezielt an Redaktionen adressiert werden. Diesen Juni inszenierten sie einen Spatenstich, machten ein Selfie, schrieben einen hübschen Text dazu und gingen damit zu den beiden Zeitungsredaktionen in Pfullendorf. Darüber hinaus, sagt Bauer Rauch, „fahren wir U-Boot“.
(Stuttgarter Nachrichten 01.11.2019: „Das Geschäft mit der Gülle“; Hervorhebg. K. B.)

Als nächstes fällt der Landwirte-Mythos, denn inzwischen hat es sich wohl sogar bis Stuttgart herumgesprochen, dass die einzige Aufgabe der 1.000 Kühe und ihres in der Endverwendung nicht geklärten Nachwuchses in der Stoffwechselendprodukte-Lieferung liegt. Dazu zitiert der stellenweise dem berühmten Relotius nacheifernde SN-Autor noch einmal den Ostracher SPD-Gemeinderat Wolfgang Frey, der die ethisch verwerfliche Reduktion der Tiere auf reine Gülle-Lieferanten klar zum Ausdruck bringt.

Der in Zeiten einer verschärften Klimawandel-Diskussion offenliegende Nerv permanent erhöhter Nitratwerte in Ostrach wird in einer Zwischenüberschrift herausgehoben: „Die Grenzwerte für Nitrat sind immer wieder überhöht“.

Also alles in allem ein Zeitungsartikel, der die Kritiker des 1.000-Kühe-Stalls noch einmal zu euphorisieren in der Lage sein könnte, nachdem das letzte Protest-Projekt so sturköpfig gegen die Wand gefahren wurde.
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Claas Relotius lässt grüßen?
Allerdings wirft dieser Artikel der Stuttgarter Nachrichten für das SaSe-Dauerthema Medienkritik auch noch einmal ordentlich etwas ab. Zugegeben: Ich selbst hätte es vor lauter Begeisterung gar nicht gemerkt. Aber ein Leser mit umfassender Ostracher Ortskenntnis, der für die Veröffentlichung seiner herrlichen Zuschrift nichtnamentlich als „geneigt“ bezeichnet zu werden wünscht, weist auf Mängel des Beitrags hin, die mich zu dem obigen Namedropping inspirierten. Denn offensichtlich ist dem Autor Rüdiger Bäßler vor lauter selbst suggerierter Dorf-Romantik in Ostrach der erzählerische Gaul derart durchgegangen, dass er sich zu einigen falschen Tatsachenbehauptungen – allerdings überwiegend im „Stimmungsteil“ seines Beitrags – hinreißen ließ.

Das fängt schon mit der angeblichen Geschäftsstelle der SchwäZ in Pfullendorf an. Die gab es einmal; das Internet schickt den User ungerührt an die Adresse: Altes Spital 12. Aber dort guckt er – wie auch als Abonnent dieser Verlautbarungspostille – mit dem Ofenrohr ins Gebirge.

Der kontrafaktisch romantisierende Blick auf Ostrach, das frei erfundene Timbre von Bürgermeister Christoph Schulz‘ Stimmbändern und die halluzinierte Idylle in Hahnennest sprechen darüber hinaus eher dafür, dass der Autor noch nie vor Ort gewesen ist.
Und die angegebenen Wahlergebnisse für den SPD-Gemeinderat Frey sind definitiv falsch (guckst du hier).

Doch ich trete zurück vor dem Kritiker mit intimer Ortskenntnis. Es schreibt „der geneigte Leser“, der sich im Bescheidenheitstopos abschließend selbst der Beckmesserei beschuldigt:

[…] vielen Dank für den Artikel. Schmunzeln musste ich trotz des ernsthaften Themas doch. Tja, wenn Journalisten recherchieren.
„Wälder und Felder säumen den Weiler in alle Richtungen, hinter Baumwipfeln ragen die runden Kuppeln einer Zwei-Megawatt-Biogasanlage hervor.“
Wälder säumen den Weiler? Hinter Baumwipfeln ragen die runden Kuppeln? War der Mann wirklich in Hahnennest?
„… schrieben einen hübschen Text dazu und gingen damit zu den beiden Zeitungsredaktionen in Pfullendorf.“
Kann ja sein, dass der Text hübsch war, aber wo befinden sich denn in Pfullendorf die beiden Zeitungsredaktionen? Ich kenne nur den Südkurier.
„Den Ortskern von Ostrach prägen fein herausgeputzte Häuser, an der Hauptstraße steht das Rathaus, das einmal ein Schulhaus war. Marmortreppen führen hinauf zum Amtszimmer von Bürgermeister Christoph Schulz (CDU), einem Mann mit kraftvollem Timbre und dynamischen Bewegungen.“
Jetzt bin ich mir sicher, dass er nicht in Ostrach war. Auch muss er einen anderen Bürgermeister getroffen haben. In Ostrach gibt es keinen Bürgermeister mit kraftvollem Timbre und dynamischen Bewegungen.
„Einen Hinweis, dass die Geschlossenheit in Ostrach in Sachen Riesenstall durchaus Risse hat, lieferte die Kommunalwahl im Mai. Zu den Hauptgewinnern gehört der SPD-Gemeinderat Wolfgang Frey. 1900 Stimmen hat der örtliche Partyservice-Unternehmer bekommen, rund 800 mehr als in der Legislatur zuvor.“
Oje, so kann man etwas“ hinschlampen“. Also Frey hatte 2019 1844 Stimmen. 2014 waren es 1191. Differenz 653. Kann man im Netz unter Wahlergebnisse nachlesen. Die 653 Stimmen plus hat er wahrscheinlich deshalb bekommen, weil der Karatekämpfer alle Ostracher bei der Aufführung des „Schwarzen Vere“ mit seiner Karateeinlage tief beeindruckt hat.
„Eine auf Umweltthemen spezialisierte Berliner Kanzlei macht die juristische Detailarbeit.“
Es darf gelacht werden. Dieser Journalist war nie in Hahnennest, sonst wüsste er, wie erfolgreich die juristische Detailarbeit aussieht.

Fazit: Es ist trotzdem sehr gut, dass eine etwas größere Zeitung über das Kuhdorf berichtet. Aber manchmal muss eben auch eine gewisse „Beckmesserei“ erlaubt sein. Im Grunde sind es natürlich totale Nebensächlichkeiten. Wer kennt schon Ostrach!

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