TS26/19: 1.000-Kühe-Stall bei AUFSTEHEN Ravensburg: BUND-Vortrag stößt auf aktives Interesse

Der Hashtag für die (linke) Sammlungsbewegung AUFSTEHEN fiel als Erstes dem mangelnden Grad an Professionalität und Organisation der von Sahra Wagenknecht ins Leben gerufenen Bewegung zum Opfer. Nach gut einem halben Jahr zeigen die vielen Ortsgruppen der bundesweiten Nicht-Partei stark divergierende Vitalitätsparameter. In Tuttlingen sind inzwischen die meisten Mitstreiter vom toten Pferd abgestiegen. In Ravensburg dagegen präsentiert sich AUFSTEHEN nicht zuletzt dank Volker Jansen und seinem Team gut organisiert und vernetzt und mit regelmäßigen Veranstaltungen.

Zum achten Treffen am 20. März 2019 im Gasthof Storchen war Anna Waibel vom BUND Pfullendorf geladen, um die Ravensburger Aufgestandenen mit einem fachkundigen und faktengespickten Vortrag über den aktuellen Stand zum 1.000-Kühe-Stall in Ostrach zu informieren. Ihre prägnante und gut verständliche Darstellung des nun schon mehr als vier Jahre währenden Widerstands gegen das agrarindustrielle Großprojekt Energiepark Hahnennest (EPH) stieß bei den über 30 Zuhörern auf aktionsbereites Interesse. Immer wieder koppelte sie auch rück auf grundsätzlich wirkstarke Änderungen im Konsumverhalten: „Agrarindustrie zerstört das Empfinden für das Leben. Boykottieren Sie die Produkte der Agrarindustrie!“

Unter den Zuhörern befanden sich auch Vertreter weiterer Organisationen wie Jürgen Wagener von Parents for Future sowie Verbindungspersonen zu Fridays for Future. Abgesehen von der erfreulich hohen Zuhörerzahl war es insbesondere das niedrige Durchschnittsalter des Publikums, das überraschte: viele junge Leute mit metaphorisch aufgekrempelten Ärmeln.

Mich persönlich komplett verunsichert in Ravensburg hat die Tatsache, dass der EPH-Unternehmer Georg Rauch nicht anwesend war, von dem nahezu legendäre Protestauftritte sowie Bühnen- und Mikrofon-Usurpationen berichtet werden. Für mich war das die erste öffentliche 1.000-Kühe-Stall-Veranstaltung ohne seine – aus juristischen Gründen besser nicht mit beschreibenden Attributen versehene – Präsenz.

Die Vertreterinnen des Aktionsbündnis gegen den 1.000-Kühe-Stall Ostrach nahmen verblüfft zur Kenntnis, dass die wahren Dimensionen des agrarindustriellen Großprojektes nur wenige Kilometer von Ravensburg entfernt dort bis zu dem informativen BUND-Vortrag eher unbekannt waren. Weil Anna Waibel Zwischenfragen schon während des Vortrags zuließ und die Zuhörer nachgerade dazu ermunterte, gestaltete sich der zu einem hochinformativen Austausch zu dem wichtigen Thema mit den so weitreichenden und vor allem auch überregionalen Folgen.

Das Interesse war enorm. Es richtete sich vor allem auf die Frage, welche Handlungs- und Protestmöglichkeiten in diesem fortgeschrittenen Stadium noch möglich seien. Waibel sowie einige Vertreter der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) wiesen ausdrücklich darauf hin, dass jetzt alle Hoffnungen auf der angekündigten juristischen Intervention des BUND-Rechtsanwaltes lägen. Ansonsten sei der Zug abgefahren: Die Genehmigungen wurden erteilt, der Baubeginn ist angekündigt (z. B. Südkurier vom 19.03.2019; von SaSe kuratiert hier).

Doch die Ravensburger Aufgestandenen zeigten sich dennoch einsatzbereit. Beginnend bei der Unterstützung durch Spenden an den BUND für den anstehenden Rechtsstreit wurden weitere Maßnahmen diskutiert. Dabei geriet auch der Weltkonzern Geberit mit seinem Standort in Pfullendorf als ein Großkunde des EPH ins Fadenkreuz (Infos hier). Waibel wies darauf hin, dass das 2011 zwischen dem EPH, dem BUND und Geberit vereinbarte 10-Punkte-Papier zum Agrarkomplex Ostrach-Hahnennest inzwischen vom BUND Landesverband Baden-Württemberg gekündigt worden sei.

Aus dem Publikum am Omira-Standort Ravensburg wurde auch die Frage nach der Molkerei gestellt, welche dem EPH die zu erwartenden zusätzlichen neun Millionen Liter Milch pro Jahr (BUND-Angaben) abnehmen wird. Waibel: „Das wissen wir nicht.“

Für Empörung im Publikum sorgten die Berichte über den angeblich vom EPH ausgeübten „Druck“ auf die Kritiker. Dazu gehören auch nicht angebliche, sondern faktisch vorliegende anwaltliche Abmahnungen des EPH und der Metzler-Brodmann Saaten GmbH an zwei AbL-Funktionäre (wegen vier Wörtern!).  Bisheriger Höhepunkt ist der ebenfalls unangebliche Polizeischutz, der für eine AbL-Veranstaltung im Februar 2019 notwendig war (Bericht hier).

Anna Waibel machte deutlich, dass über den  konkreten Fall hinaus gesetzliche Maßnahmen erforderlich seien. So müsse für die Rinderhaltung ab einer bestimmten Größe eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) vorgeschrieben werden. Derartige Großprojekte seien auch im Kontext der Tierhaltung in den Nachbargemeinden zu prüfen.

AUFSTEHEN Ravensburg plant die Aufklärung über die katastrophalen Folgen für Ökologie (u. a. Nitratbelastung der Gewässer und des Grundwasser, Artenschwund durch Monokulturen), für die Gesundheit (Verbreitung multiresistenter Keime), die Ökonomie (Verdrängung kleinbäuerlicher Betriebe). Nicht zuletzt sei gegen das verheerende Signal zu protestieren, das von der Genehmigung solch eines agrarindustriellen Komplexes ausgehe. Neben einem weiteren Vortrag mit Anne Waibel wurden öffentliche Aktionen angedacht. Dazu soll ein Bündnis mit lokalen Partnern wie der BUND-Ortsgruppe Ravensburg/Weingarten, dem Netzwerk Solidarische Landwirtschaft (SOLAWI), der AbL und Interessierten geschmiedet werden.

Nachdem sich auf der AbL-Veranstaltung in Pfullendorf insbesondere das Herrenklo als gekachelter Raum des harnverhaltenden Widerstands herauskristallisiert hatte, habe ich vor der Abfahrt aus Ravensburg sicherheitshalber noch einmal im Sanitärbereich des Gasthaus Storchen nach Georg Rauch gesucht: nüx! Muss ich mich sorgen?

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Bisher erschienene SaSe-Beiträge zum Thema 1.000-Kühe-Stall in Ostrach:
+ HInfo8: Mehr als 30.000 Unterschriften gegen den Mega-Kuhstall in Ostrach
+ TS03/17: Zu unterschreitende Grenzwerte nicht nur bei Dieselautos
+ HInfo9: 1.000-Kühe-Stall und die Technischen Werke Schussental: Massentierhaltung, wenn sie denn genehmigt
+ HInfo10: 1.000-Kühe-Stall Ostrach: Ehemaliger TWS-Aufsichtsrat appelliert an Minister Manfred Lucha und TWS-Aufsichtsratkollegen
+ HInfo11: 1.000-Kühe-Stall Ostrach: Die Position von Bürgermeister Christoph Schulz
+ TS05/11: Ein Schnäppchen auf dem Ostracher Ku’Damm und keine Massentierhaltung in Hahnennest
+ HInfo12: 1.000-Kühe-Stall: Eine dolle Einladung von und in den Energiepark Hahnennest
+ HInfo13: Feldlerche sucht neues Zuhause oder:  So spritzen und düngen Sie Ihre Lügen-Silphie richtig
+ HInfo14: Energiepark Hahnennest: Kein 1.000-Kühe-Stall mit Geberit?
+
TS08/17: Energiepark Hahnennest antwortet ein bisschen
+ HInfo15: Erdgas Südwest Flüssiggasanlage: Südkurier-Artikel mit inhaltlichem Fehler verschwindet
+ TS11/17: Veranstaltungshinweis: Film & Diskussion „Gute Landwirtschaft für ein gutes Leben“
+ HInfo16: Energiepark Hahnennest EPH: Das meint Erdgas Südwest zum 1.000-Kühe-Stall
+ TS12/17: Ärzte im Bodenseekreis appellieren auch gegen den 1.000-Kühe-Stall
+ HInfo18: Energiepark Hahnennest: BUND übt umfassendeKritik an Änderung Bebauungsplan
+ HInfo21: 1.000-Kühe-Stall Energiepark Hahnennest: Petitionsausschuss vor Ort
+ TS04/18: Energiepark Hahnennest sei ein Saatguthersteller

+ TS14/18: Demokratie-Mimikry beendet: Petitionsausschuss hat keine Einwände gegen den 1.000-Kühe-Stall
+ TS16/18: „Die Anstalt“; Eine ganze Sendung zur fatalen Mega-Stall-Ideologie
+ HINfo28: Arbeitskreis bäuerliche Landwirtschaft und die Silphie: Eine schmerzhafte Farce unter Polizeischutz
+ SatBur18: Nachgetreten: Der Südkurier, Siegfried Volk und die Silphie
+ TS19/19: Energiepark Hahnennest: Der Startschuss für das Museum verfehlter Agrarpolitik kriecht jetzt los
+ TS25/19: Südkurier berichtet überregional zum Baubeginn 1.000-Kühe-Stall

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