TS30/16: Der kabarettistische Mainstream und die raren Tröpfchen abseits

+++ Was Hagen Rether vom kabarettistischen Mainstream scheidet
Im Fernsehen tritt er inzwischen seltener auf: Hagen Rether. Das hat Gründe, die allerdings nur im Raunen-Raum vernehmbar sind. Eine aktuelle Theaterkritik in der Badischen Zeitung erklärt, was Hagen Rether vom kabarettistischen Mainstream scheidet, ohne diese Begrifflichkeit zu verwenden: „intellektueller Hochgenuss“, „andere Kabarettisten arbeiten sich an Machteliten ab, bei Rether fällt außer dem der Kanzlerin nur selten ein Politiker-Name“ etc. Schon allein: „Was Rether zu sagen hat, sprüht vor Witz“! (Witz? Ein immer häufiger flüchtiges Phänomen bei Satirikern …)


+++ Dieter Hanitzsch-Karikatur macht fetten Ärger
Massiven Ärger bereitet eine Kraken-Karikatur von Dieter Hanitzsch zum Thema TTIP, die der bekannte Zeichner in der BR-Sendung Sonntagsstammtisch am 28. Februar 2016 zeigte. Ihm wurde aufgrund der Verwendung des Kraken-Motivs Antisemitismus vorgeworfen. Zu dem Vorwurf nahm Hanitzsch auf Facebook Stellung. Und droht:

Es erfüllt den Tatbestand der schweren Beleidigung, mir im Zusammenhang mit dieser Karikatur Antisemistismus [sic!] und Verwendung von „Stürmer“-Metaphern vorzuwerfen. Ich behalte mir rechtliche Schritte dagegen vor. Was an dieser Karikatur antisemitisch sein soll, erschließt [s]ich mir wirklich nicht. Dass die Nazis die Krake als Vehikel für ihre antjüdische Propaganda benutzt haben, kann doch nicht bedeuten, Kraken in der Karikatur grundsätzlich als antisemitisch zu verstehen und sie damit quasi zu verbieten !
(Facebook Dieter Hanitzsch 28.02.16; Hervorhebg. SaSe)

Man achte auf die Zwischentöne: Hanitzsch selbst räumt ein, man werfe ihm die VERWENDUNG von entsprechend belasteten Metaphern vor. Der Vorwurf richtet sich also zunächst nicht gegen seine Person und seine politische Einstellung. Muss es nicht möglich sein diskutieren zu können, ob so ein durch die Zeiten gehendes Kraken-Motiv eine entsprechende Botschaft transportiert? Der Vorgang zeigt wieder einmal: Kontroverse Diskussionen innerhalb der Satire-Szene sind nicht erwünscht! Ich bewerte es als Alarmzeichen, wenn jetzt schon Satiriker mit Anwalt drohen.

Auch der BR hat inzwischen zu den Vorwürfen und dem Shitstorm Stellung bezogen. Die Stellungnahme dokumentiert neuerlich die unheilvolle Vermischung von den Assoziationen und Konnotationen des Motivs mit der Person, die es verwendet.
Die Diskussion dazu setzt sich zum Beispiel auf Friedensdemowatch fort.

Dieter Hanitzsch droht jedem mit einer Klage, der seine Karikatur als das bezeichnet, was sie ist [1]. Hanitzsch verwendete für seine antiamerikanistische Karikatur die Krake, die traditionell von Antisemiten als Symbol für die Macht der Juden verwendet wurde [2]. Er zitiert dabei einen „medienanalytischen Aufsatz“ [3] von Publikative, den er offenbar selbst nicht richtig gelesen hat, sonst hätte er gemerkt, dass ausgerechnet in diesem von Hanitzsch zitierten Aufsatz die Krake klar als typisch antisemitische Smbolik beschrieben wird [3]. Das Hanitzsch meint, die Krake wäre gerade kein antisemitisches Symbol weil sie für eine „erdrückende, alles an sich raffende Macht“ stehe zeigt weiter, dass er offenbar gar nicht verstehen will was Antisemitismus ist und warum dieser ihm vorgeworfen wird – nämlich das Wahnweltbild, einer „erdrückende[n], alles an sich raffende[n jüdischen] Macht“ [10]. Das einer von Hanitzsch Auftraggebern, nämlich die Sueddeutsche Zeitung vor wenigen Jahren wegen der „Krake Zuckerberg“ in der Kritik war müsste Hanitzsch eigentlich mitbekommen haben [4]. Hanitzsch selbst wird nicht das erste mal kritisiert, in Vergangenheit zeigte er eine israelische Fahne, die einen blonden Engel durchbohrte [5]. Die alte Karikatur zeigte er in der gleichen Sendung vor [5], für die der BR (Bayerischer Rundfunk) nun mit der neuen warb [6].
(Facebook Friedensdemowatch 29.02.16; Quellenangaben dort als Hyperlinks; Hervorhebg. SaSe)

Interessante Hinweise kommen von den Postern dort. Jasper M. meißelt zutreffend heraus, dass die mit der Karikatur intendierte Aussage auch sachlich falsch sei, weil TTIP zwar den Konzernen, mitnichten aber (nur) den US-Konzernen diene. Er bewertet die Karikatur als „in erster Linie ignorant und antiamerikanisch“.

Diskussion dito bei Aluhut für Ken. Auch Netz gegen Nazis greifen den Vorwurf auf und sprechen Hanitzsch aber ausdrücklich ihr Vertrauen aus! Das allerdings betrifft dann wieder die Person – nicht das von ihr verwendete Motiv!

Hinweis: Dieter Hanitzsch ist der Vater von Stefan Hanitzsch, einem der „Werber“ für Denkfunk.


+++ D’accord mit „Denkfunk“: John Oliver zerlegt Donald Trump
Da gehe ich mal d’accord mit Denkfunk. Dort schreibt’s zu John Oliver Last Week Tonight, der auf seien unnachahmliche Art Donald Trump auseinandernimmt: „Eine grandiose Sendung: Entzauberung pur“. Der Clip hat (auf Facebook) über 50 Millionen Aufrufe!

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+++ Offtopic: Das Vorrecht der Jugend – ein Start-up zu „Constructive Journalism“
Dieses Meedia-Interview mit drei journalistischen Jungfüchsen, die derzeit auf Crowdfunding-Tour für ihr Start-up-Unternehmen zum Thema „constructive journalism“ unterwegs sind, bietet in der naiven Forschheit, die ja durchaus ihre Berechtigung hat, seine eigenen Höhepunkte. Das Projekt heißt Perspective Daily. Aber die Grundidee – der konstruktive Ansatz – ist der Diskussion wert. Im Journalismus wird darüber gestritten; im Kabarett leider nicht. (Da wird überhaupt nicht mit Andersdenkenden geredet.)
Meedia kümmert sich rührend um die Jungunternehmer und Journalismus-Neuerfinder und hatte im Februar schon einmal berichtet. Kritisch hatte sich Magnus Klaue jüngst mit dem konstruktiven Journalismus auseinandergesetzt.

Dazu passend vielleicht noch diese aussagekräftige Pleite des „klassischen“ Journalismus?
Oder dies hier als besondere Herausforderungen der „Alten“: unfassbarer Shit-Storm auf die Redaktion der Zeitschrift Eltern, weil sie auf einem Cover eine Muslima gezeigt hatten.


+++ „Schroeder“: Was das Leben leichter macht
Wer sich natürlich selbst einen Bären aufbinden kann, gewinnt viel freie Zeit für wirklich Sinnvolles und muss nicht passiv-rezeptiv darauf warten, dass andere es tun.

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Grafik mit freundlicher Genehmigung von Schroeder

Grafik mit freundlicher Genehmigung von Schroeder

 

+++ „Schroeder“: Spitzenkandidat für alle anstehenden Landtagswahlen
Kurz vor knapp taucht nun doch noch ein Kandidat auf für die Landtagswahl Baden-Württemberg und gleich alle anderen mit: Schroeder. Tatsächlich eine Alternative zu „Herrn Winfried Käsischgessamann (Grüne CDU)“! eine zentrale Forderung des überzeugenden Kandidaten: „Abschaffung des fundamentalistischen Kabarettismus“. Meine Stimme hat er – passend zu Schroeders Slogan: „Wer mich wählt stimmt“.

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Grafik mit freundlicher Genehmigung von Schroeder

Grafik mit freundlicher Genehmigung von Schroeder

 

+++ „SaSe“-Hausmarke: Parolen im Wandel der Zeit
Vor 75 Jahren: „Endsieg“.
Heute: „Europäische Lösung der Flüchtlingsfrage“!

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