TS37/15: Titanic provoziert + Hitler-Satire + Christian Schertz + Angels of Revolution

+++ <TITANIC> pointiert Medienberichterstattung zur Germanwings-Katastrophe
Die Satire-Zeitschrift TITANIC bringt sich erfolgreich wieder ins Gespräch und die Berichterstattung, in der die Satirekonkurrenz à la Postillon oder Jan Böhmermann (#Varoufake z. B. in SaSe4) in den letztem Wochen dominierten. In der aktuellen Ausgabe widmet sich das Magazin nicht, wie fälschlich dargestellt wird, der Germanwings-Flugzeug-Katastrophe selbst, sondern des Umgangs der Medien mit ihr. So veröffentlichen die Provokateure einen Maßnahmen-Katalog sowie ein Formular für den Fall der Fälle.
Offensichtlich bringt TITANIC schon die darüber berichtenden Medien in Bedrängnis. Zunächst hatte der Branchendienst Meedia über die Attacke berichtet und den satirischen Freiraum gegenüber dem Standardargument der Geschmacklosigkeit verteidigt. Der Focus rekurriert in seinem Artikel über das neue Titanic-Heft expressis verbis auf Meedia, gibt aber selbst keine eigene Meinung dazu preis. Die Leser scheinen jedoch an dieser Diskussion nicht interessiert; der Artikel wird nur fünfmal kommentiert.

+++ Bayerische Laienbühne setzt Hitler-Satire ab
Die Neue Bühne Bruck (Fürstenfeldbruck) hatte den Satire-Beststeller Er ist wieder da von Timur Vermes auf die Bühne gebracht. Nach nur  zwei Aufführungen und guten Kritiken (hier und hier) wurde das Stück jetzt abgesetzt. Über die genauen Gründe schweige sich der Theaterleiter Harald Molocher aus. Auf der Suche nach Erklärungen berichtet Merkur online über einen Fall aus dem Jahr 2013, in dem ein anderes Stück dieser Bühne wegen Urheberrechtsstreitigkeiten abgesetzt worden war.
Eine erfolgreiche Inszenierung des provokanten Stoffs gelang auch dem Altonaer Theater. Das Westfälische Landestheater hat zu seiner Adaption diesen Trainer veröffentlicht:


+++ Satirestoff: „Presserechtliche Informationsschreiben“ von Christian Schertz
Beim Postillon oder in der Titanic wäre die Meldung eigentlich besser platziert und würde dort auch nicht so viel GG-Artikel5-Angst machen: Der bekannte Medienanwalt Christian Schertz verschickt sogenannte „presserechtliche Informationsschreiben“ an Redaktionen und Journalisten; im vorliegenden Fall im Kontext mit seinem Mandanten Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, dem Ex-FC-Bayern-Doc. In dem Schreiben thematisiere er die Berichterstattung in einem BUNTE-Artikel und definiere seine (bekannten und erwartbaren, per definitionem parteiischen) presserechtlichen Kategorisierungen dazu (ist klar: Privatsphäre etc.). Des Weiteren wird darauf hingewiesen, dass Berichterstattung seitens seines Mandanten nicht gewünscht sei. Saugut!
Der Schuss geht dann offensichtlich nach hinten los, denn ein Meedia-Artikel berichtet über einen Dank-Tweet vom Nachrichtenchef der Deutschen Presseagentur (dpa), Froben Homburger: „Ohne die presserechtlichen Informationsschreiben von Medienanwälten würde ich viele spannende Yellow-Geschichten verpassen.“
Auf Presseportal findet sich inzwischen schon eine kleine Sammlung dieser ganz besonderen Textgattung aus der bekannten Kanzlei: ein „Presserechtliches Informationsschreiben“ mit ausdrücklichem Veröffentlichungsverbot. Deshalb ja auch öffentlich auf Presseportal (siehe dazu auch hier)! Dort finden sich Dekrete zum Mandat Catherine von Fürstenberg-Dussmann; aus August 2014 ein nämliches zu Bettina Wulff sowie eine (reguläre?) Presseerklärung von Schertz / Dr. Müller-Wohlfahrt zum Fall Franck Ribéry. Der im Themenfeld Presserecht und Abmahnungen auf der Gegenseite bekannte Rechtsanwalt Markus Kompa (siehe auch SaSe9) hatte das Vorgehen schon im Wulff-Fall kommentiert.
Hier DIE Fundgrube zum Thema, das Insider unter dem Stichwort Buskeismus führen!
Satiriker und Kabarettisten seien also mit dem aktuellen Thema Dr. Müller-Wohlfahrt vorgewarnt. Oder, um die kalauernde Schlusspointe auf ein vergleichbares Niveau herabzudrücken: MIt Scherzen über Schertz-Mandanten ist nicht zu scherzen!

+++ Ausland: Filmverleihpolitik verhindere russische Satire im österreichischen Kino
Eine interessante und politisch relevante Nebenbemerkung auf newsORF.at veranlasst die SaSe-Berichterstattung über folgenden Vorgang: Russische Filmproduzenten hätten zwei hervorragende Filme hervorgebracht, einer derer – Angels of Revolution von dem Regisseur Aleksei Fedorchenko – als sogenannte historische Satire „mit surrealen Szenarien und Dekors voller Anspielungen“ das Thema russischer Kulturimperialismus bei indigenen Völkern thematisiere. Eingangs der Berichterstattung über die zwei Filme heißt es:

Aber es ist schon vielsagend, dass es die Filmverleihpolitiken nicht möglich machen, dass zwei bildgewaltige wie intelligente russische Werke aus dem Vorjahr, inszeniert von zwei schon lange auch international berühmten Regisseuren, regulär bei uns im Kino zu sehen sind.
(Hans-Christian Leitich, newsORF.at 25.04.15: Ins Dunkle und zur Mitternachtssonne; Hervorhebg. von  SaSe)

Hier ein Trailer zu Angels of Revolution auf vimeo

ANGELS OF REVOLUTION (2014) by Alexey Fedorchenko [trailer] from Richard Lormand on Vimeo.

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