TS41/16: „Extra3“-Satire führt zu diplomatischen Verstimmungen

+++ Riesenerfolg für „extra3“: Türkei bestellt Botschafter ein
Gestern Abend kam die Meldung sogar in den Tagesthemen. Ausführlich berichten heute Spiegel online und der Tagesspiegel: Das extra3-Lied „Erdowie, Erdowo, Erdogan“ habe zu „diplomatischen Verstimmungen zwischen der Türkei und Deutschland“ geführt (Quelle). Die türkische Regierung habe aufgrund dieser Satire im öffentlich-rechtlichen Fernsehen den deutschen Botschafter einbestellt. Er musste sich “offenbar“ (Quelle) für den Beitrag rechtfertigen. Dabei habe es sich nach Spiegel-Berichterstattung nicht etwa um eine freundliche Einladung unter Partnern gehandelt, sondern um eine formelle Vorladung.

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Senf: Dieser verdiente Erfolg für die Satiriker von extra3 beruhigt und tröstet – angesichts der ansonsten im politischen Kabarett derzeit dominierenden Geißelung vornehmlich des eigenen Publikums. SaSe gratuliert!

Vor zehn Minuten ist ein weiterer Spiegel-online-Artikel zum Thema erschienen! Die Angelegenheit scheint sich auch wegen des thematischen Kontextes zu den aktuell laufenden Prozessen gegen die regierungskritischen Cumhuriyet-Journalisten auszuwachsen.
Inzwischen berichten alle großen Zeitungen dazu!


+++ Kriegssatire Afghanistan: „Rock the Kasbar“
Der Trailer zu neuen Kriegssatire von Barry Levinson macht den Appetit, den die Filmkritik von Thomas E. Schmidt auf Zeit online etwas eintrübt. Aber immerhin: „Sehenswert ist dieser Film unbedingt“. Allerdings habe er ein gravierendes Drehbuchproblem, das den Film etwa in der Mitte wie eine Krankheit befalle. Diese Krankheit heiße Rührseligkeit und Sentimentalität.
(Dazwischengesenft: Diese Krankheit gibt es in der deutschen Kabarettszene auch …)

Schon der Held der Kriegssatire, eine kleine aber feine Hollywood-Tradition, wie Schmidt hervorhebt,  ist vielversprechend: Bill Murray als Richie Lanz. Der reist als Manager für die Truppenbelustigung nach Kabul. Schon nach der ersten Nacht kommt ihm seine Sängerin Ronnie abhanden, die sich in Richtung Dubai absetzt. Zu der Star-Besetzung des Films gehört auch Bruce Willis als Söldner, der seine Memoiren geschrieben hat und dafür jetzt einen Verleger sucht.

Überlebten die jungen GIs in Vietnam einst mit Sarkasmus und lauter Musik, hier dreht Barry Levinson den Knopf leise. Der Krieg ist ein anderer geworden, ebenso sind es die USA und der Pop. Das große amerikanische Versprechen endet in Kabul als kitschiges Märchen, es hat dramaturgisch ausgedient und wirkt nicht mal mehr als Retro überzeugend. Sogar der Hauptdarsteller scheint sich in dieser harmlosen Geschichte zu langweilen. Bill Murrays Smoke On The Water vor den Paschtunen ist zum Fremdschämen schlecht. Da scheint einer nach Hause zu wollen.
(Thomas E. Schmidt auf Zeit online 24.03.16: „Rock The Kabash“: Töten, dealen, lachen“)


+++ Max Uthoff unterstützt das fragenschwangere Sanktionsfrei.de
Yes! Dieses Video ist ein gutes Beispiel für das Manus-manum-lavat-Netzwerk von  Denkfunk. Gleichzeitig beleuchtet der Vorgang im Abgleich mit der obigen wunderbaren Erfolgsmeldung für die extra3-Satiriker sehr eindrücklich die „andere“ Kategorie politischer Kabarettisten … und womit sich diese beschäftigen:  Marketing! Der bekannte Kabarettist und Die-Anstalt-Macher Max Uthoff wirbt für seine Denkfunk-Kollegin Inge Hannemann, die hinter der für Themenvertraute als melodramatische Attitüde mit unerfüllbaren Heilsversprechen erkennbaren Aktion Sanktionsfrei.de steht. Es geht darum, worum es auch bei Denkfunk geht: um Geld. Und zwar schlappe 150.000 Euro! Das soll gesammelt werden, um angeblich ein System lahmzulegen, das die Schwächsten der Gesellschaft, Hartz IV-Empfänger, menschenunwürdig knechtet und unter das Existenzminimum drückt: H4-Sanktionen. So promotet es auch ein Beitrag auf Lokalkompass.de.
Hinter dem mit großer Geste inszenierten Gewese steht mal wieder das dunkle Versprechen der Systemänderung.

Expertenkritik an diesem Denkfunk-Geldsammel-Nebenableger
Dabei kommen jedem, der mit dem Thema vertraut ist, bei eingehenderem Studium der vollmundigen Ankündigungen und mehr als vagen Prämissen der Kampagne erhebliche Zweifel. Die brauche ich an dieser Stelle GsD nicht selbst formulieren. Das haben die Experten von Gegen Hartz.de schon getan. Die Kollegen dort haben dasselbe Instrumentarium auf Sanktionsfrei.de angewendet, das SaSe mit dem Denkfunk-Konstrukt an sich durchgeführt hat (hier und hier): eine konkrete Analyse von Rechtsform und Glaubwürdigkeit sowie eine Presseanfrage bzw. eine Bitte um Stellungnahme (die nicht beantwortet wurde)! Das Fazit der H4-Experten lautet:

Unser Fazit
Konkrete Maßnahmen zur Abschaffung von Sanktionen sind offenbar nicht geplant. „Sanktionsfrei.de (n.e.V)“ hat stattdessen die Absicht, Dienstleistungen anzubieten, von denen einige aufgrund rechtlicher Vorgaben nicht kostenfrei sein dürfen. Aus offensichtlichen finanziellen Gründen wird es aus dem Solidarfonds nur eine verschwindend geringe Anzahl an Überbrückungsdarlehen geben können. Vollkommen unverständlich geblieben ist uns, dass – bis auf den „Briefverkehr“ – die auf „startnext.com/sanktionsfrei“ genannten Inhalte und Ziele nicht mit denen auf „sanktionsfrei.de“ identisch sind.

Uns liegt es fern, dieses Projekt negativ zu bewerten, trotzdem stellen die aufgetretenen Widersprüche für uns die von „Sanktionsfrei.de (n.e.V)“ genannten Absichten erheblich in Frage. Eine an „Sanktionsfrei.de (n.e.V)“ gerichtete weitergehende Anfrage, in der wir vorab auf diese Widersprüche hinwiesen und um Stellungnahme baten, blieb (bislang) unbeantwortet. Gern lassen wir uns jedoch vom Gegenteil überzeugen und hoffen, dass die Ungereimtheiten schnell aufgeklärt werden. (fm)
(Gegen Hartz.de: „Was steckt hinter Sanktionsfrei.de?“; Hervorhebg. SaSe)

Und für so eine dellenreiche Aktion macht ein Max Uthoff Werbung? Und nicht nur der. Erst jüngst musste ich irritiert zur Kenntnis nehmen, dass selbst so geschätzte Analysten wie Nadja Hermann von Erzählmirnix auf diesen Schmus reinfallen.

Zu beachten auch: Die wirklich Betroffenen und tatsächlichen Experten von Gegen Hartz stellen Fragen und erhalten keine Antwort darauf! Ebenso wie SaSe keine Antwort auf seine Fragen an Denkfunk und einige der dort gelisteten Autoren (z. B. Christoph Sieber) erhalten hat. Das ist alles eine Truppe!

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