TS78/16: Zeiten, in denen die Amadeu Antonio Stiftung Zensur von Satire fordert

+++ „Amadeu Antonio Stiftung fordert Zensur von Satire-Beitrag“
So titelt die Überschrift in der Jungen Freiheit zu einem bemerkenswerten Vorgang: In der ZDF-Sendung Heute in Deutschland hatte sich Reporter Achim Winter satirisch-kritisch mit den Hatespeech-Kriterien der Amadeu Antonio Stiftung auseinandergesetzt.

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Die Zeit hatte den Vorgang aufgegriffen. Wohin dabei die Reise geht, enthüllt auch hier die Überschrift des Beitrags: ZDF macht Kampf gegen Hasskommentare lächerlich. Das (überschätzte?) Wochenblatt hatte auch beim ZDF um eine Stellungnahme gebeten. Das reagierte wie bekannt: Distanzierung:

Das ZDF distanzierte sich gegenüber der Zeit von dem Beitrag. Winters Aussagen spiegelten „nicht die Haltung der Redaktion oder des ZDF insgesamt wider“, sagte ein Sprecher. Er sei jedoch für seine „provokant-überspitzten Thesen“ bekannt und arbeite mit „pointierten Aussagen“.
(Junge Freiheit 14.07.16: „Amadeu Antonio Stiftung fordert Zensur von Satire-Beitrag“)

Zu beachten in diesem Fall auch: Der ZEIT-Artikel hat 673 Kommentare provoziert. Besonders gut gefallen hat mir „hfeu77“:

nicht nur angesichts dieser Meldung mache ich mir ernsthafte Sorgen um die Meinungsfreiheit in Deutschland – Meinungsfreiheit ist das Herz und die Grundlage jeder echten Demokratie.
(
Leserkommentare DIE ZEIT 13.07.16: „ZDF macht Kampf gegen Hasskommentare lächerlich“)

Und das christliche Magazin PRO weiß auch etwas und stellt die natürlich gar nicht tendenziöse Frage: „Müssen Christen vom Verfassungsschutz beobachtet werden?“. (Meine Antwort: Die zuerst!)

Anlass des satirischen (?) ZDF-Beitrags ist der Leitfaden der Stiftung zum Umgang mit Hassreden. Andockpunkt für die jetzige Kritik sind insbesondere die von Winter im Satire-Beitrag gemachten Anspielungen auf die Stasi-Vergangenheit der Stiftungsvorsitzenden Anette Kahane.

Welchen Stellenwert die Kritik und Diskussion hat, lässt sich unschwer auch daran ablesen, dass die Achse des Guten (namentlich: Manfred Haferburg) auf den Zug aufspringt mit der – unter dem aktuellen Eindruck der „Säuberungen“ post Militärputsch in der Türkei ganz besonders ätzenden – Vergleich: Kahane macht den Erdogan.

Und auch der Tagesspiegel sieht das ZDF in einer Ecke kauernd, aus der das Sehkraft stärkende Zweite nicht mehr herauskomme.

Senf: Mein Senftöpfchen trocknet angesichts des eskalierenden Wahnsinns dieser Welt in den letzten Tagen zunehmend aus. Ob sich die Amadeu Antonio Stiftung mit dieser öffentlichen Kritik an einem offensichtlich satirisch gemeinten Beitrag einen Gefallen getan hat, daran darf füglich gezweifelt werden. Ansonsten enthüllt die auch bei der Kritik auf die Kritik verwendete Sprache den verbissenen Eskalationswillen: Im Kontext von Satire zu dem Vorwurf zu gelangen, das ZDF mache den Kampf gegen Hasskommentare „lächerlich“, ist einfach nur dumm. Die Dinge lächerlich zu machen ist das Wesen von Satire.
Im Übrigen ist selbst dieses hehre Anliegen – Kampf gegen Hasskommentare – nicht sakrosankt. Und zum Thema Meinungsfreiheit liefern die völlig übertriebenen Aufgeregtheiten den Rechten nur wieder Munition.


+++ Christopher Street Day: Linker Shitstorm gegen Hitler-Satire
Der künstlerische und politische Anspruch ist komplex. Das mag der Grund dafür sein, dass das Anliegen von „Adrian H.“, beim Christopher Street Day in rosa (Ver-)Führeruniform mit der Parole „Lieb Geil“ aufzutreten, derart breite Proteste hervorgerufen hat. Eine umfassende Darstellung des Gesamtvorgangs leistet Cicero.


+++ Die Grenzen der Spaßpartei DIE PARTEI

Es ist lokales Geschehen, aber von bundesweiter Relevanz. Das baden-württembergische Justizministerium wendet sich gegen den Freiburger Gemeinderat Simon Waldenspuhl, der für den Anstaltsbeirat des Freiburger Gefängnisses nominiert werden sollte.
Die immer zitierenswerte Badische Zeitung, bei der offensichtlich – anders als bei anderen Regionalmedien – Vorgänge noch eingeordnet werden, schreibt dazu:

Eine kleine Posse ist die Sache schon. Denn die Personalie hat das Ministerium offenbar bis in die allerhöchste Ebene hoch zum Minister beschäftigt. Und in Freiburg behandelte die Causa auch die Runde der Bürgermeister in der Dezernentenkonferenz und der Ältestenrat des Gemeinderates. Dort nahm man den ziemlich dringenden Wunsch aus Stuttgart achselzuckend zur Kenntnis. Das städtische Rechtsamt hatte die Sachlage zuvor juristisch geklärt: Der Anstaltsbeirat ist kein Gremium der Stadt. Die hat zwar ein Vorschlagsrecht, kann aber niemanden gegen den erklärten Willen des Justizministeriums durchdrücken.
(Badische Zeitung 07.07.16: „Stadtrat von Satire-Partei darf nicht in JVA-Beirat mitmischen“)


+++ „ZEIT“-Selbstkritik – auch aufs Kabarett anwendbar?

Im Zuge der aktuellen Lügenpresse-Diskussion und inzwischen zunehmend glaubwürdiger Selbstkritik der Medien (vgl. dazu auch die hochinteresse ARD-Doku Vertrauen verspielt?) häuft sich sogar ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo Asche aufs Haupt:

Mit der undifferenzierten Solidarisierung vieler Medien mit der von der Politik praktizierten Willkommenskultur sei Vertrauen der Leser verloren gegangen: „Da fand das Vorurteil Bestätigung, dass wir mit der Macht, mit den Eliten unter einer Decke stecken und das, was uns verordnet wird, mit unterstützen.“ Letzteres sei zwar „de facto nicht der Fall“ gewesen, „aber den Eindruck konnte man durch die Berichterstattung durchaus gewinnen“.
(Meedia 11.07.2016: „‘Mitgestalter statt Beobachter‘: Giovanni di Lorenzo kritisiert Medien in der Flüchtlingskrise“)

Senf: Und an der Seite dieser Medien, die ihre Rolle vergaßen,  fanden sich nahezu einhellig versammelt die deutschen Kabarettisten. DAS hat zumindest mich so tief enttäuscht, dass meine Kabarettbegeisterung insgesamt stark gelitten hat. Und diese Beobachtung steht auch hinter der schon verschiedentlich angesprochenen SaSe-These vom systemstabilisierenden Kabarett.


+++ Karikaturist Gerhard Haderer im Interview
Im Interview mit Die Presse greift der österreichische Karikaturist Gerhard Haderer zum Wort statt zum Pinsel. Er spricht über zivilen Ungehorsam, Neofaschismus, die österreichische Seele und vieles andere mehr.

 

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