TS87/15: Nuhr-Clown + Food Waste + Sing-Stopp + Uthoff-David + Botenprügel

+++ Dieter Nuhrs "FAZ"-Artikel erzeugt massiven Widerspruch
Die Reaktionen auf den zweiseitigen Gastbeitrag von Dieter Nuhr in der FAZ am 16. Juli 2015 mit dem Titel Bericht aus dem Shitstorm: Wir leben im digitalen Mittelalter hat nicht nur diese Redaktion zur Resonanz (vgl. SaSe32) veranlasst. Schon am Samstag hatte die Süddeutsche den „Kampfbegriff“ (vgl. Bernhard Pörksen bei Meedia) in der Nuhr-Definition aufgegriffen und eine differenziertere Betrachtung gefordert. 

Auch einzelne Blogs wie zum Beispiel Wirres Net kommentieren den Komiker sehr pointiert: „jemand der lange zeit davon lebte sich über andere lustig zu machen, die äusserungen anderer als dumm oder unbedacht oder flach zu entlarven, beklagt sich darüber, dass sich jetzt andere über ihn lustig machen oder seine äusserungen als dumm oder flach bezeichnen? ein komiker fordert als reaktion auf eine provozierende ironisch/satirische äusserung sachlichkeit und das unterlassen von polemik? das peinlichste auf der welt ist glaube ich ein hauptberuflicher clown, der sich zu ernst nimmt“ (Quelle).
In einem Interview mit der dpa (hier bei Meedia) mischt sich jetzt ein tatsächlicher Experte in die Diskussion. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen fordert die Fähigkeit, Shitstorms zu lesen, sie zu verstehen, weil sich in ihnen große gesellschaftliche Fragen zeigen. Eine pauschale Shitstorm-Kritik halte er für falsch. Das Wort werde inzwischen als Kampfbegriff verwendet. Neben der enthemmten Aggression gebe es immer auch den berechtigten Protest.
Verschiedene weitere Zeitungen arbeiten das Phänomen Shitstorm mit Bezug auf die aktuellen drei Promi-Fälle Merkel, Nuhr, Schweiger auf der Grundlage einer dpa-Meldung ab (z. B. SHZ, FR etc.).

Senf: Von dem kulturpessimistischen Aufschrei Nuhrs bleibt inzwischen nicht mehr viel übrig. Aktuell greift Till Schweiger mit seiner Facebook-Schlacht gegen rassistische Hetzkommentare die mediale Aufmerksamkeit in diesem Bereich ab. Wie meinte Nuhr doch so schön (zum griechischen Referendum): „Pyrrhussieg“ …


+++ John Oliver in Last Week Tonight über „Food Waste“
Da ist jemand richtig und ansteckend begeistert von dem amerikanischen Late-Night-Talker John Oliver. Matthias Meissner schreibt auf dem WWF-Blog über Olivers „Food-Waste“-Beitrag in dessen Sendung Last Week Tonight: „Ich konnte gerade nicht aufhören zu lachen und wünschte mir in Deutschland jemanden, der die Lebensmittelverschwendung in einer solch gnadenlos guten Art rüberbringen kann. Beim Schauen habe ich mir die großartigen Bilder alle aufgeschrieben,, die er bringt, um die völlige Idiotie der Verschwendung deutlich zu machen. Aber es macht keinen Sinn, das hier wiederzugeben. Einfach ansehen“ (Quelle). Dann tun wir das:



Meissner verbindet seine Begeisterung mit einer klaren Herausforderung an die deutsche Kabarettisten- und Talker-Szene: „Übrigens: Wer einen Menschen kennt, der die Verschwendung in Deutschland genauso auf den Punkt bringen kann wie John Oliver, der wird von mir eigenhändig bekocht. Versprochen!“  (Mehr über Meissner.)


+++ "HuffPo"-Satire: Das gut dotierte unanständige Angebot an Helene Fischer
Eulen nach Athen, Tomaten auf die Insel Reichenau und noch mehr Geld für Helene Fischer? So zumindest schlägt es die Satire von Sabrina Hoffmann US-Milliardär bietet Helene Fischer 100 Millionen Dollar, wenn sie mit dem Singen aufhört in der HuffPo vor. Gemeint ist Warren Buffet, der in der satirischen Konzeption nicht nur die Texte von Deutschlands berühmtestem Goldkehlchen nicht versteht, sondern auch dem Orakel ihrer Kostümierung als „rote glitzernde Christbaumkugel“ nicht auf den Grund kommt. Dem drittreichste Mann der Welt wären es 100 Millionen Dollar wert, den Christbaumkugelsound abzustellen.
Sabrina Hoffmann ist Chefin vom Dienst Social Media bei der HuffPo und veröffentlicht eng getaktet Satiren dort:
+ 17.07.2015: 16 Tipps für Flüchtlinge, wie sie deutschen Bürgern nicht auf den Sack gehen
+ 14.07.2015: Studie: Deutschland von einer neuen Spezies fakten-resistenter Menschen bedroht
+ 08.07.2015 Blog: An meine kinderhassende Nachbarin: ENDLICH sagt es mal jemand
+ 03.07.2015: Studie: Homophobe Männer haben kleine Penisse
etc.


+++ Jetzt online verfügbar: Porträt Max Uthoff in "der Freitag"
In der Rubrik „Vorsicht bissig!“ von der Freitag porträtiert Jan Pfaff in Interviewform Max Uthoff. Es handelt sich um das Interview, das im Zusammenhang mit dem ZEIT-Titel Alles Lüge? von verschiedenen Zeitungen aufgegriffen worden war. Der Artikel lag bisher hinter einer Bezahlschranke.
Die Fragen an Max Uthoff konzentrieren sich auf die neue Funktion von Kabarett als Gegenöffentlichkeit, die Abgrenzung zur Comedy und den zentralen Begriff der für Kabarettisten geforderten „Haltung“. Beim Thema Gegenöffentlichkeit nennt Uthoff expressis verbis auch die NachDenkSeiten und reiht Kabarett in die verschiedenen Formen der Gegenöffentlichkeit ein. Dann ist Jan Böhmermann Thema, sein von Uthoff als „ganz groß“ bewerteter Varoufakis-Fake-Fake. Uthoff zitiert die vom Neo-Magazin-Royal-Moderator jüngst über Twitter abgesetzte „Drohung“: „Wenn noch einmal ein Kabarettist mit Emotionen Leute zum Weinen bringt, kriegt er auf die Fresse.“  Uthoff nimmt Böhermanns Ankündigung als Herausforderung, in Die Anstalt weiterhin auf die sogenannten emotionalen Momente zu setzen. Er könne den Moment nicht abwarten, wo Böhmermann ihn auf die Fresse haue.
Von der Aktualität biegt das Gespräch dann in die Biographie Uthoffs und seine Sozialisation als Sohn des Betreibers des Rationaltheater Münchens ein. Sein Jura-Studium verhelfe ihm dazu, die juristischen Grenzen der Satire besser einschätzen zu können (eine Textstelle, an der man sich räuspern möchte ..). Ganz klar aber formuliert Uthoff sein Verständnis von Kabarett und Satire als Positionierung gegen die Mächtigen. (GEGEN die Mächtigen, nicht für sie, Herr N…!)


+++ Die "Süddeutsche" kritisiert das Erfolgsmodell von „Kundendienst“
In TS86/15 hatte SaSe über das Facebook-Satireprojekt Kundendienst berichtet. Auch die Süddeutsche gabelt das Phänomen auf und setzt sich kritisch damit auseinander. Hinter dem Erfolg von Satire-Seiten, -blogs und –projekten sieht der Autor Hakan Tanriverdi vor allem Schadenfreude als Wirkmechanismus ("prank"); und diese sei unbegründet. Denn die Schadenfreude mache sich – im Kundendienst-Fall – an dem Unvermögen der sich beschwerenden Kunden fest, die nicht erkennen, dass Nicht-Autorisierte auf ihre Reklamationen antworten und es sich um Satire handele. Ergänzend verlinkt der Artikel noch ein dokumentiertes Kunden-Desaster mit der Telekom.
„Kundendienst kündigt für heute, 22. Juli 2015, 17.30 Uhr eine Reportage über die Satiriker in SAT1-NRW an. Über das Satire-Projekt berichten inzwischen auch ausländische Medien.

Senf: Meines Erachtens verfehlt Tanriverdi hier den Adressaten! Im Fall von Kundendienst mögen einige User auch über die Reaktionen der solcherart „Beratenen“ lachen. Die eigentliche Stoßrichtung des Projektes liegt jedoch nach Meinung dieser Redaktion in der Kritik an den strukturellen Schwächen der Firmen- i. e. Kundendienstangebote. Die Satiriker von Kundendienst persiflieren und konterkarieren diese (anschauliches Beispiel). Damit ist Satire wieder das, was sie sein soll: Kritik an den bestehenden Verhältnissen. Die Satiriker von Kundendienst fordern die Unternehmen vermittels ihrer Kunst dazu auf, endlich das zu bieten, was der Name verspricht: Dienst am Kunden! Wenn die Alltagserfahrung  von der Dienstleistung Kundendienst in Deutschland nicht mehr von Satire zu unterscheiden ist, liegt der Ball im Spielfeld der Unternehmen. Den Kollateralschaden – das Lachen über den Kunden, der die Satire nicht erkennt – nimmt die Satirezunft wie immer in Kauf, übt damit en passant auch noch Medienkritik und ermuntert zur generellen Skepsis. Im Übrigen hat Kundendämlichkeit wie in diesem Fall auch Kritik verdient!
Nicht zuletzt ist zu fragen, wie sorgfältig die Unternehmen bitte ihre einschlägigen Facebook-Accounts administrieren, wenn sich dort Fake-Kundendienstberater exzessiv mit den Firmenkunden in offenkundig nicht erst gemeinter Diktion länglich auseinandersetzen können. Wären die Seiten wirklich Dienst am Kunden, würde ein Administrator sofort und wirksam eingreifen. Der Schutz der "Kunden" vor der angeblichen "Schadenfreude" liegt zunächst bei den Betreibern der einschlägigen Accounts. Die Süddeutsche ohrfeigt hier den Boten …

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