TS88/19: Langenargen: Der überflüssige Bürgermeister im Paradies

Eine Überraschung ist es: nicht! Die kritischen und publizierenden Beobachter vor Ort hatten es schon befürchtet: Der Langenargener BüM Ach(!)im Krafft wird im kommenden Jahr für eine zweite Amtszeit antreten.
Ufff.

Bei der bisher zur Schau getragenen Gemütsstruktur des von breiten Bevölkerungsschichten harsch kritisierten Verwaltungschefs hätte die vorzeitige Aufgabe des üppig gestalteten Futterplatzes inmitten des Specks auch eher irritiert.
Betreffs der nachhaltigen Protestkultur in Langenargen: Das muss man als Bürgermeister auch erst einmal schaffen, in einer Minigemeinde von weniger als 8.000 Einwohnern diese so dermaßen gegen sich aufzubringen, dass es gleich zwei Bürgerprotest-Blogs (hier und hier) gibt.

Die Ankündigung von Kraffts erneuter Kandidatur ist also weitgehend uninteressant.

Viel aufschlussreicher dagegen ist es, wie die Schwäbische Zeitung, namentlich die stellvertretende Regionalleiterin (Friedrichshafen) Tanja Poimer,  das Ihre tut, um die auch für Schwäbisch Media fruchtbare Made-Speck-Paarung  in Langenargen für die Zukunft zu sichern. Immerhin ist (mindestens) ein SZ-Mitarbeiter auch direkter Auftragnehmer der Gemeinde. Außerdem hat sich Schwäbisch Media das Langenargener Amtsblatt unter den Nagel gerissen.

Da krempelt Poimer also diensteifrig die Ärmel hoch und spielt – virtuos, ist zu vermerken – auf dem Klavier der Desinformation.  Dafür bekommt sie auch ganz ganz viele Zeilen am 31. August 2019: „Langenargens Bürgermeister Achim Krafft: <Ich trete wieder an>„.
Ich glaube, mir fehlen hier zwei „ganz“? Denn roundabout 380 Zeilen (gemäß meinem alten Südkurier-Zeilenzähler!) für diesen Beitrag sind weit jenseits von allem Lokalzeitungsüblichem!

In einem angeblichen Interview (wenn das tatsächlich ein Interview war, kann ich kraftvoll zubeißen!) nimmt der amtierende und auf seine Machtfülle auch nach 2020 aspirierende Krafft kraftvoll zu einer erschlagenden Fülle von Detailfragen Stellung. Dabei versucht Poimer krampfhaft-lässig, durch eine angeblich lockere Fragestellung journalistische Zeithöhe zu suggerieren:

„Bleiben wir beim langwierigen Geschäft. Was ist mit der Tiefgarage beim Schloss?“
[…]
„Stichwort Schlossmauer“
[…]
[Zahlen, Daten zu Investitionen, dann:] Welche Projekte laufen? Wo hakt es?“
(Schwäbische Zeitung 31.08.2019: „Langenargens Bürgermeister Achim Krafft: <Ich trete wieder an>“)

Tja: Wo hakt es? Gute Frage! Wo es bei dieser Spezialform eines Interviews hakt, ist vielleicht nicht auf dem ersten Blick zu erkennen? Ehrfürchtig tritt der Leser zurück vor Poimers umfassender lokaler Themenkenntnis: Neubau des Feuerwehrhauses, Wohnraum, Neubaugebiet „Gräbenen VI“, das schon 2016 beauftragte Verkehrsgutachten, die Tiefgarage beim Schloss, Schlossmauer, Lücken auf dem Friedhof (?), Kindergarten-Gebühren, Planschbecken-Abwesenheit im Strandbad, Übernachtungszahlen, Investitionsvorhaben. Wow!

Kennen Sie die Werbung des Fernsehsenders phoenix? Der erhebt den Anspruch, seinen Zuschauern jeweils „das ganze Bild“ zu liefern. Als Beispiel dafür wird ein Bild von einer Reihe hintereinander laufender Elefanten gezeigt. Erst „das ganze Bild“ zeigt dann, dass diese irgendwo durch eine Stadt getrieben werden.
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Segler-Idylle auf dem Wasser? Ausschnitt Foto: Albrecht E. Arnold / pixelio.de

Segler-Idylle auf dem Wasser?
Ausschnitt Foto: Albrecht E. Arnold / pixelio.de

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Genau das ist auch das – meiner Meinung nach: kalkulierte – Wirkprinzip dieses „Interviews“. Dessen desinformative Kraft liegt im oben besungenen verwaltungstechnischen Detail.  Die vielen kleinteiligen Projekte in Langenargen mit Zahlen und Daten erschlagen den Leser nachgerade. Hinzu kommt, dass dem Durchschnittsleser das verwaltungstechnische Hintergrundwissen fehlt, überhaupt beurteilen zu können, ob die von Krafft gewählten Verfahren sinnvoll und effizient sind oder nicht.
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Das wäre dann das ganze Bild zu oben! Foto: Albrecht E. Arnold / pixelio.de

Das wäre dann das ganze Bild zu oben!
Foto: Albrecht E. Arnold / pixelio.de

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Und all diese erfahren im „Interview“ keinerlei Rückbindung an die eigentlich wichtigen Grundlinien der politischen Amtsführung von Krafft.

In der angestrengt lockeren Poimer-Diktion wären das dann: „Stichwort Bürgerbeteiligung“; „Stichwort Transparenz der Gemeindeverwaltung“, „Stichwort Klimaerwärmung“, „Stichwort Langenargener Sicherheitsdienst unter Extremismusverdacht“, „Stichwort Interessensausgleich zwischen Wohn- und Gewerbeflächenbedarf auf der einen sowie klimaschonendem Flächenmanagement auf der anderen Seite“ und und und.

Allerdings ist das politische und auch moralische Desaster hinter dem gewählt kleinen Bildausschnitt von Saubermann Krafft dermaßen groß, dass es sich eben doch nicht vertuschen lässt. So vehement kann nicht einmal Tanja Poimer das Bild zerschnippeln, dass die entscheidenden Merkmale von BüM Krafft nicht doch erkennbar würden. Und das gleich an drei Stellen.
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Noten für den Gemeinderat?
Und bei der ersten enthüllt sich en passant auch noch Poimers Demokratieverständnis. Sie fragt Krafft allen Ernstes: „Was sagen Sie zur neuen Zusammensetzung des Gemeinderates?“

Um diesen demokratischen Striptease in seiner ganzen Widerlichkeit erfassen zu können, stelle man sich Vergleichbares auf bundespolitischer Ebene vor: Angela Merkel wird zur Benotung des Parlaments aufgerufen. Der Hauptstadt-Journalist, der solches wagen würde, könnte sich dann auch gleich bei der SZ bewerben.

Geht es eigentlich noch? Weder Achim Krafft in Langenargen noch sonst einem Bürgermeister in einer Demokratie steht diesbezüglich eine Bewertung zu. Aber Poimers Frage sagt alles zu ihrem und Kraffts Demokratieverständnis.

Um sich diese brüllende Blöße zu ersparen, hätte Poimer ersatzweise fragen können, wie sich denn die Zusammenarbeit mit dem neuen Gemeinderat gestalte.
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Der privilegierte Zynismus des Achim Krafft
Auf die Poimer-Frage zu bezahlbarem Wohnraum in Langenargen und der Wahrscheinlichkeit, dass solcher durch Nachverdichtung allein wohl nicht zu schaffen sein wird, antwortet der Sozialdarwinist Krafft unzensiert: „Bei uns ist offenbar alles bezahlbar, die Frage ist, für wen.“

An solchen Stellen muss ich meine Schuhe suchen!

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Ein Paradies braucht keinen Bürgermeister
Allerdings hätten sich Poimer und Krafft die fast 400 Zeilen komplett sparen können, wenn sie das Kandidaten-Schlusswort an den Anfang gestellt hätten. Auf die recht eigenartige Verknüpfung zwischen Wetterprognose und Lebensberatung in Poimers Frage hin macht sich Krafft mit seiner Antwort gleich selbst überflüssig:

[Frage] Auch wenn das Wetter zwischendurch nicht mitspielt, Herbst ist noch lange nicht. Was geben Sie den Langenargener für den Restsommer mit?
[Antwort] Ich wünsche den Menschen dass sie die Schönheit unseres bezaubernden Orts genießen können und sich dabei das ein oder andere relativiert, weil sie merken, dass sie nahezu im Paradies leben.

(Schwäbische Zeitung 31.08.2019: „Langenargens Bürgermeister Achim Krafft: <Ich trete wieder an>“; Hervorhebg. K. B.)

Ahh, die Langenargener leben „nahezu“ im Paradies. Stopp: … zumindest die, welche es sich leisten können. Und wenn man es sich dann leisten kann, dann relativiert sich auch das eine oder andere!

Eins ist klar: Ein Paradies braucht auf gar keinen Fall mehr einen Bürgermeister. Denn Paradiese zeichnen sich per definitionem dadurch aus, dass in ihnen der Idealzustand schon erreicht ist. Da heißt es: zurücklehnen und genießen. Vermutlich ist genau das das Arbeitsprogramm von Achim Krafft (auch) für die nächsten acht Jahre?

Wenn diese Paradies-Metapher sein Arbeitsethos wiedergibt, dann bleiben die aufgekrempelten Ärmel von Tanja Poimer die einzigen Anzeichen von Betriebsamkeit und Fortentwicklung in der Touristengemeinde am Bodensee … für die (zu) lange letzte Zeit.

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