SaSe73: Die ungeahnten Bedeutungstiefen von Jan Böhmermanns #HaulHitler-Clip

Ein Clip ist ein Clip ist ein Clip? Nicht bei Jan Böhmermann, dem nach wie vor bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Entertainer, der die gesamte Klaviatur medialer und digitaler Präsenzen virtuos zu spielen versteht. Nicht umsonst wurde das toilettenpapierschmale Männlein mit Verdacht auf Trichterbrust erst jüngst von der New York Times porträtiert.

Jetzt legt Jan Böhmermann im Rahmen seines Neo Magazin Royale wieder vor: #HaulHitler/BDM-Einkauf. Zum Wirkkonzept gehört dabei auch, dass diese Clips immer sofort auf YouTube verfügbar sind und sich damit rasend schnell verbreiten.

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Im Clip berichtet „euer Adi“, Böhmermann in Hitler-Optik, von seinem jüngsten Einkauf bei „BDM“ und packt aus seiner großen Einkaufstüte nacheinander seine Neuerwerbungen aus. Der Clip ist nicht nur eine Hitler-Parodie wie nachstehend zu lernen sein wird. Böhmermann thematisiere in Kulisse, Setting und Aktion YouTube als die Plattform der Video-Ökonomisierung.

Das meint: Lorenz Grünewald. Der macht sich in Kooperation mit iRights.info bei t3n auf den Weg, die gesamte Bedeutungsvielfalt des Böhmermann-Clips auszuleuchten. Der bei t3n verfügbare Artikel ist eine Zweitveröffentlichung aus dem Magazin Das Netz 2015/2016: Jahresrückblick Netzpolitik.


Wer hat’s verstanden? Böhmermann!
Grünewald, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Hochschule für Medien, Kommunikation und Wissenschaft (HKMW) Berlin, bezeichnet den Entertainer als den einzigen Fernsehmacher, der offenbar verstanden habe, wie das Medium in YouTube-Zeiten funktioniert. Diese neuen Zeiten benötigen dann auch neue Bezeichnungen („Haul“, „Vlogger“ etc.), die der Artikel erklärt:

Die Szenerie macht einen krassen Gegensatz zwischen Kaugummi-Optik und Kostümfilm auf. Böhmermann zeigt eine Tüte und erklärt, dass er uns nun ein Haul-Video präsentieren möchte, denn er sei einkaufen gewesen. Haul bedeutet im Englischen etwa soviel wie Ausbeute. Sogenannte Vlogger (Video-Blogger) präsentieren in diesen Videos ihre Einkäufe. Nicht selten werden dabei aus einer Primark- oder Zara-Tüte verschiedene Produkte gezogen und mit einer kurzen Erklärung in die Kamera gehalten. Oft ist dabei unklar, ob es sich um bezahlte Werbung oder um tatsächliche Einkäufe der Vlogger handelt.
(Lorenz Gründwald t3n 18.12.2015: ‚Haul, Hitler!‘ – Wie YouTube von der Plattform zum Video-Ökosystem wurde„; Hervorhebg. SaSe)

Damit wird aus der Hitler-Parodie zunächst und relevanter eine Satire auf YouTuber:

Böhmermanns Hitler-Inszenierung beweist eine genaue Kenntnis der neuen YouTube-Szene. In vielen Videos parodiert er gekonnt Formate, wie sie millionenfach auf der Plattform zu sehen sind. Follow-Me-Around-Videos oder Vlogger, die ihre Morgenroutine dokumentieren, sind da ein gefundenes Fressen für ihn. Dass aber mitten im Video eine Sprechblase darauf hinweist, dass man bei ihm jetzt auch seinen Bestseller „Mein Kämpfchen“ erwerben kann, zeigt, dass er besonders den jüngst so offensichtlich gewordenen Trend zur Kommerzialisierung erkannt hat.
(ibid.)


Auf der dunklen Seite der Videomacht

Damit thematisiere Böhmermann ein aktuelles Problem des neuen Mediums: die Kommerzialisierung, ohne dass dem „Endverbraucher“ der Werbecharakter klar bzw. dieser erkennbar kommuniziert werde. Die Landesmedienanstalten hätten sich jetzt dieses Phänomens angenommen und versuchten, YouTuber zumindest auf den Rundfunkstaatsvertrag aufmerksam zu machen. Es gebe inzwischen einen Leitfaden für Vlogger, der an ihre Verantwortung appelliere. (Rührend!)

Die Kommerzialisierung der YouTuber funktioniert nicht ohne Unternehmen, die sich auf YouTube darstellen. So bildet sich ein immer differenzierteres Ökosystem aus Unternehmen und Geschäftsmodellen heraus, das eine ganz eigene Kultur an Formaten und Identitäten aufweist.
Dass weit mehr passiert als das Fließen von Werbegeldern, weiß auch Jan Böhmermann. Er, der mit dem ZDF selbst Teil eines großen Medienunternehmens ist, das mit YouTube experimentiert, verabschiedet sich am Ende seines Videos mit dem Satz „Mediakraft durch Freude“. Mediakraft ist ein Multi-Channel-Netzwerk, eine Art originärer Form von YouTube-Unternehmen, die YouTuber unter Vertrag nehmen, um sie zu professionalisieren und ihnen Werbedeals zu beschaffen.
(ibid.; Hervorhebg. SaSe)


Emanzipation der YouTuber?
Grünwald fummelt auseinander, wie politisch und gesellschaftlich relevant das von Böhmermann so spielerisch und teilweise im Subtext aufgegriffene Phänomen ist. Als Beispiel nennt er den Marketing-Werdegang des wohl populärsten YouTubers Florian Mundt alias LeFloid, der sich von dem Multi-Channel-Netzwerk Mediakraft getrennt hatte. Das hatte Stefan Niggemeier unter der Überschrift Emanzipation der YouTuber eingeordnet. Weil sich die YouTuber durch solche Verträge in ihrem Gestaltungsspielraum eingeschränkt fühlten.

Überdies orientiere sich jetzt auch die Politik an dem neuen Ökosystem. Beispiel: das berühmte Kanzlerinnen-Interview von LeFloid, das sowohl inhaltlich wie formal stark kritisiert wurde. Markus Beckedahl von Netzpolitik.org bewertete es als „gegenseitige Instrumentalisierung“.

Diese Mechanismen sind kein Beiwerk auf Pillepalle-Niveau, sondern dokumentieren mächtige ökonomische und mediale Strukturen:

Bisher ist also unklar, wie sehr die Eigenmächtigkeit der YouTuber in diesen neuen Strukturen verhandelbar bleibt. Dabei darf ein Faktor nicht unerwähnt bleiben: Der Wandel von YouTube selbst, bei dem die Grenzen zwischen Management einer offenen Plattform und Monetarisierung oft verschwimmen. Die Gründer des Startups kamen aus dem Dunstkreis der sogenannten Paypal-Mafia, einem Zirkel aus erfahrenen Gründern und Investoren, die mehrere Unternehmen aus der Taufe gehoben haben, um sie anschließend zu verkaufen.
(ibid.)

Nur über Satire/Parodie zugänglich
Der Artikel versucht dann darüber zu spekulieren, wie sich dieser Trend weiterentwickeln wird. Das jedoch sei schwierig. Und Grünewald schränkt auch ein: Es gäbe noch andere Teile der Video-Kultur, die wirklich authentische Inhalt bieten und bei denen kein Geld im Spiel sei.

Angenehm für Böhmermann-Fans hinsichtlich dieser Entwicklungen und gleichzeitig als Leistungsumfang von Satire kündigt der Autor an:

Fans von Böhmermann werden mit Sicherheit noch eine Weile etwas zu lachen haben, denn im Experimentierfeld YouTube wird es weiterhin viele Phänomene geben, die sich unserer Generation wohl nur als Parodie erschließen.
(ibid.; Hervorhebg. SaSe)

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