TS79/16: Ballett, Schachbrett, „SPAM“ (†) und Neues zu AASgS

+++ Gelungene Satire-Reaktion auf Renate Künasts Tweet
Der grundsätzlich sicherlich für eine Abgeordnete legitime, vom Zeitpunkt her jedoch unglücklich ausgewählte Tweet von Renate Künast zum Würzburg-Attentäter, warum der junge Mann von der Polizei nicht angriffsunfähig statt totgeschossen worden sei, hat jetzt eine satirische Antwort gefunden. Allerdings nicht aus den Quellen der „üblichen Verdächtigen“ oder für Satire Bestallten, sondern vom Bohemian Browser Ballett (Selbstzuschreibung: „Das Bohemian Browser Ballett ist die erste Late Show, die exklusiv vom Internet her gedacht ist.“). Siehe auch Berichterstattung bei Meedia. Der Clip ginge auf Facebook viral und hat auf YouTube schon über 250.000 Klicks. Weiterlesen

TS78/16: Zeiten, in denen die Amadeu Antonio Stiftung Zensur von Satire fordert

+++ „Amadeu Antonio Stiftung fordert Zensur von Satire-Beitrag“
So titelt die Überschrift in der Jungen Freiheit zu einem bemerkenswerten Vorgang: In der ZDF-Sendung Heute in Deutschland hatte sich Reporter Achim Winter satirisch-kritisch mit den Hatespeech-Kriterien der Amadeu Antonio Stiftung auseinandergesetzt.

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Die Zeit hatte den Vorgang aufgegriffen. Wohin dabei die Reise geht, enthüllt auch hier die Überschrift des Beitrags: ZDF macht Kampf gegen Hasskommentare lächerlich. Das (überschätzte?) Wochenblatt hatte auch beim ZDF um eine Stellungnahme gebeten. Das reagierte wie bekannt: Distanzierung: Weiterlesen

TS77/16: Von Böhmermann, Hill, Welke und „Postillon“

+++ Causa Böhmermann – nächste Runde
Eine Überraschung ist es nicht: Der türkische Präsident Erdogan hat über seinen (einen) Anwalt Michael-Hubertus von Sprenger (gezielt) beim Landgericht Hamburg Klage gegen Jan Böhmermanns Schmähgedicht im Ganzen eingereicht. Man wird sich vermutlich auf ein jahrelanges Verfahren einstellen können.
Die Anwälte beider Parteien machen dubiose Andeutungen über neue Aspekte und Argumente, die von Meedia sehr gut zusammengestellt werden.
Im Übrigen knobeln Böhmermann und ZDF gerade die weiteren Vertragsmodalitäten aus. Dabei macht ZDF-Intendant Thomas Ballut zitierfähige Grundsatzäußerungen zu Satire, die all jene beschenken werden, die sich so sehr Grenzen des Genres wünschen: Satire soll keine Staatskrisen auslösen.

By the way: Ein weiterer Meedia-Artikel berichtet, dass gegen Jan Böhmermann inzwischen über 1.400 Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft Mainz eingegangen seien, überwiegend von Privatpersonen. Mit einer kurzfristigen Entscheidung der Behörde sei nicht zu rechnen. Die Ermittlungen würden sich aber auch nicht „viele Monate“ hinziehen. Weiterlesen

TS76/16: Satiriker als Systemstabilisatoren am Beispiel Serdar Somuncu und anderes

+++ Serdar Somuncu beschimpft britische Wähler
In seiner Kolumne in der WirtschaftsWoche beschimpft Serdar Somuncu die Briten für ihr Brexit-Votum. Er wirft sich auf die Seite der Mächtigen – in diesem Fall die EU – und bekräftigt diese in ihren Ankündigungen, das Votum in Fakten zu überführen (i. e. Auslösung von Artikel 50).

Senf: Herrliches Beispiel für politisches Kabarett „in dieser Zeit“ und Ausweis des demokratischen Verständnisses seiner Akteure: Satiriker beim Wähler-Bashing und auf Kuschelkurs mit den Mächtigen, deren (neoliberale) Mythen vorangetrieben werden: „Selten hat man erlebt, dass Menschen, denen es gut geht, sich so sehr nach Veränderungen sehnen.“ Toll, was Herr Somuncu so alles weiß darüber, wie es den Menschen in Europa im Allgemeinen, in Großbritannien im Besonderen und natürlich auch denen in Deutschland wirklich geht. Aber seine systemkonforme Anbiederung erklärt vollständig, warum er eine eigene Kolumne in der Wirtschaftswoche hat und warum er im öffentlich-rechtlichen Fernsehen soo viel Auftritte bekommt. Und warum er bei Denkfunk agiert … Und natürlich lässt Somuncu in seiner Kolumne auch die Leser am rechten Rand nicht achtlos stehen und sammelt sie mit seinen nationalistischen Tönen gleich mit ein: die blöden Briten, wir schlauen Deutschen. Kein Wunder, dass Kritiker Denkfunk und die dort von unsichtbarer Hand dirigierten Kabarettisten der Querfront zuschlagen. Weiterlesen

TS75/16: Satire auf Facebook, vor Gericht und vom „Zentrum für Politische Schönheit“ [sic]

+++ Flut satirischer Events auf Facebook
Spiegel online berichtet über ein neues Phänomen im Kontext mit Satire: sogenannte Veranstaltungssatire auf Facebook. Die Events titeln zum Beispiel Mit Crystal Meth zur Traumfigur, Blähungen unterdrücken – aktive Lernwoche oder Taschendiebstahl leicht gemacht etc.


+++ Satire vor Gericht: Aufrufung zur Bewaffnung ist keine
Zu den vielbesungenen Grenzen der Satire – zumindest in juristischer Hinsicht – gibt es jetzt wieder einen neuen Orientierungspunkt: Das Verwaltungsgericht Würzburg bewertet einen Aufruf zur Bewaffnung nicht als Satire und gab einem Landratsamt recht, dass aufgrund dieser „Satire“ die Waffenbesitzkarte des Aufrufers eingezogen hatte. Bericht auch auf infranken.de. Es berichten Mainpost und infranken.de. Weiterlesen

SaSe96: Rezension Hazel Brugger „Ich bin so hübsch“: Eine reibungsstarke Sicht von Welt und 34 leere Seiten

Die Karriere der sehr jungen Schweizer Poetry-Slamerin, Satirikerin und Kabarettistin Hazel Brugger ist auffallend steil. Den an dieser Stelle gern genommene Vergleich mit dem Kometen verbiete ich mir eingedenk des zur Selbstauflösung neigenden Schicksals dieses Himmelskörpers –  und zwar nach dem bewunderten Höhepunkt.

Steil: Ich stehe nicht an, Wiki nachzuerzählen. Dennoch: Nach sicherlich das überschaubare weil Schweizer Inland beeindruckenden Erfolgen als Poetry-Slamerin (2013: Meister(in)titel), Kolumnistin (für: Das Magazin, Hochpaterre, Tageswoche) griff die düster gewandete Mimiksteinernde in die Bundesrepublik über. Mit fulminantem Erfolg: Auftritte bei Dieter Nuhr (sowohl in dem zur puren Comedy herabgewirtschafteten früheren Satire-Gipfel Nuhr im Ersten als auch bei der nervigen weil hüftsteif auf jung getrimmten Nachwuchssendung Nuhr ab 18) und im April 2016 ein Auftritt in der völlig überschätzten ZDF-Kabarett-Sendung Die Anstalt – ein Karriereschub, von dem Kolleginnen und Kollegen jahrelang und erschütternd vergeblich träumen! (Es soll Kabarettisten geben, die nur deshalb Autor bei diesem dubiosen Denkfunk werden, weil sie sich dadurch einen Auftritt in der Sendung erhoffen.) Seit kurzem ist Brugger auch häufiger als Außenreporterin in der heute-show zu sehen.

Und das alles mit 23 Jahren. Viel kann fast nicht mehr kommen? Noch ein paar dieser nichtssagenden Kabarettpreise, den Prix Pantheon vielleicht, ein Grimme-Preis und eine eigene Sendung.
Als wenn das nichts wäre!

Und nun das erste Buch: Ich bin so hübsch, erschienen bei Kein & Aber, der Verlag mit dem farbigen Buchschnitt (im Falle Brugger: türkis-lindgrün oder so).

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SaSe96RezensionBruggerHazelBuchCover*

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Mühe-los und selbstreferentiell
Achten wir auf unsere Worte, denn es wäre schon nicht ganz korrekt zu behaupten, Brugger habe dieses Buch geschrieben; also geschrieben, um ein Buch zu schreiben. Natürlich hat sie die Texte darin verfasst, aber rein arbeitstechnisch ist Ich bin so hübsch nur der zweite Aufguss, was der Verlag in kleinem Schriftgrad über dem Impressum auch einräumt: Weiterlesen

TS74/16: Von grottenschlechter Satire, wohltuenden Gerichtsbeschlüssen und „heteronormativen Pärchenquatsch“

+++ „Meedia“ spekuliert über die Fernsehzukunft Jan Böhmermanns
Der Erdogan-Skandal habe Jan Böhmermanns Marktwert gesteigert, stellt Meedia in einer Spekulation darüber fest, wie sich die Fernsehkarriere des „Mann des Jahres 2016“ weiterentwickeln werde.


+++ Landgericht Hamburg veröffentlicht Beschlussbegründung
Einen Monat nach dem Erlass einer einstweiligen Verfügung gegen Jan Böhmermann und seine Erdogan-Satire liegt nun die Beschlussbegründung des Hamburger Landgerichts vor, die Meedia zusammenfasst. Wichtig: Es sei Satire! Aber.
Berichterstattung auch bei Tagesschau , LTO n-tv und FAZ. Weiterlesen

SatBur8: Ich freue mich so bedenkenlos aufs Southside-Festival

Eine von Realsatire induzierte satirische Schlamm- und Firmengeflechtslästerung

Mit steigendem Amüsement beobachte ich die Vorbereitungen für eine Giga-Mammut-Großveranstaltung in meiner unmittelbaren Nachbarschaft: das Southside-Festival 2016 in Neuhausen ob Eck. Zum kommenden Wochenende erwartet die kleine Gemeinde im Landkreis Tuttlingen (4.000 Einwohner) einmal wieder – und aufgrund der wie jedes Jahr massiven meilenweiten Verkehrsbehinderungen stöhnend – rund 60.000 Besucher zu der europaweit berühmten Musikveranstaltung.

Diese Masse an Menschen wird sich über und auf den durch den Dauer- und Starkregen der vergangenen Tage getränkten Wiesen der eben dort eingerichteten Parkplätze und dem 110 Hektar großen Veranstaltungsgelände wälzen und dort campieren. Gott sei Dank ist das Wetter dieses Jahr ja stabil und es sind überhaupt keine Unwetter bekannt. Aber selbst wenn, die Veranstalter haben für den Gewitterfall einen brutal ausgeknobelten Tipp für die Besucher, von denen ungefähr ein Drittel per Zug anreise oder gebracht werde. Weiterlesen

TS73/16: Die wichtigste Meldung ist die mit der systemstabilisierenden Satire

+++ Die Entsaturierung der Satire
Der Eklat um Jan Böhmermann sei nicht öde gewesen, meint Niklas Buhmann in einem Blogbeitrag auf Der Freitag und pointiert:

Jan Böhmermann Humor war die letzte subversive Idee des 20. Jh. Und es ging ihr wie allen Ideen des 20. Jh.: schlecht. Sie wurde zersetzt, zerrieben, verpochert und verappelt.
(Niklas Buhmann Blogbeitrag auf Der Freitag 10.06.2016: „Die Entsaturierung der Satire“)

Der alten Frage „Was darf Satire?“ stellt der Autor die (angeblich) neue Frage „Was will Satire?“ gegenüber. Und er errichtet eine hochinteressante These, die mir neulich auch aus einer Leserzuschrift entgegenblickte:

Satire ist längst zu einer mehr oder weniger braven, letztlich systemstablisierenden Veranstaltung verkommen. Dem Heute-Journal folgt die Heute-Show, dem Ernst des Lebens der Witz des Tages, erst aufregen, dann ablachen (furchtbares Wort; von meinem Korrekturprogramm völlig zurecht rot unterschlängelt; wird auch nicht hinzugefügt); quasi: Nockherberg-Prinzip: der Narr macht seine Späßchen, Söder und Co. schenkelklopfen pflichtschuldig mit – in der ersten Reihe, da sieht man sie besser. Dem Immer-egaler-Werden von : Comedy, für das immer wieder und immer wieder zurecht der Name Mario Barth in die Arena geworfen wird, aber auch dem ambitionierten Witz Marke Kabarett steht eine Immunisiertheit der smart gewordenen Bespöttelten gegenüber, die sich auch mit guter Satire, wie immer die dann aussehen mag, nicht aufbrechen lässt. Robert Gernhardt, Bernt Eilert und Co. haben die Republik eben auch nicht verändert (bzw. die dann von woanders herkommenden Veränderungen nicht verhindert), sondern nur bereichert.
(ibid.; Hervorhebg. SaSe)

Danke dafür! Dieser systemstabilisierende Faktor von Satire bedrängt mich am nervigsten aus den Denkfunk-Produktionen und so infantile TV-Abartigkeiten wie Mann, Sieber!
Der Beitrag  enthält noch eine Reihe weiterer interessanter Thesen, die eine Aufnahme in das Buch Ist das Satire oder was? verdient hätten und ist sehr lesenswert! Und übrigens auch die Leserkommentare darunter. Weiterlesen

TS72/16: TagesSenf – schon leicht eingetrocknet und noch dazu offtopic

+++ Offtopic – Wissen: Drei runde Klammern statt gelber Stern
Vice berichtet über einen Geheimcode von Nazis, mit dem sie offen im Internet Juden markieren: Drei rund Klammern vor und drei runde Klammern nach einem Namen sind der Code!


+++ Offtopic: Reichsbürger – unterschätzt, brandgefährlich und von Satire missachtet
Gleich zwei Fernsehbeiträge haben sich letzte Woche mit dem Reichsbürgerphänomen beschäftigt und sind dabei zu der Einschätzung gelangt, dass deren Gefährlichkeit in der öffentlichen Wahrnehmung offensichtlich unterschätzt werde. Beispiel: ARD-Kontraste: Wie gefährlich sind die Reichsbürger? (Unten auch als Video)
Dazu passend nehme ich auch vergleichsweise wenige Attacken der Profi-Satire gegen diese Deppenagglomeration wahr. Weiterlesen

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