SatBur8: Ich freue mich so bedenkenlos aufs Southside-Festival

Eine von Realsatire induzierte satirische Schlamm- und Firmengeflechtslästerung

Mit steigendem Amüsement beobachte ich die Vorbereitungen für eine Giga-Mammut-Großveranstaltung in meiner unmittelbaren Nachbarschaft: das Southside-Festival 2016 in Neuhausen ob Eck. Zum kommenden Wochenende erwartet die kleine Gemeinde im Landkreis Tuttlingen (4.000 Einwohner) einmal wieder – und aufgrund der wie jedes Jahr massiven meilenweiten Verkehrsbehinderungen stöhnend – rund 60.000 Besucher zu der europaweit berühmten Musikveranstaltung.

Diese Masse an Menschen wird sich über und auf den durch den Dauer- und Starkregen der vergangenen Tage getränkten Wiesen der eben dort eingerichteten Parkplätze und dem 110 Hektar großen Veranstaltungsgelände wälzen und dort campieren. Gott sei Dank ist das Wetter dieses Jahr ja stabil und es sind überhaupt keine Unwetter bekannt. Aber selbst wenn, die Veranstalter haben für den Gewitterfall einen brutal ausgeknobelten Tipp für die Besucher, von denen ungefähr ein Drittel per Zug anreise oder gebracht werde.

Sturm
Der sicherste Ort auf einem Festival im Grünen ist bei einem Unwetter das Auto.
Der VDE (der Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e.V. – der Verband für Branchen und Berufe der Elektro- und Informationstechnik – die internationale Experten-Plattform für Wissenschaft, Normung und Produktprüfung.) schreibt im Merkblatt „Blitzschutz beim Zelten, Campen und auf dem Campingplatz“, folgendes:

„Ein-Personen und Familienzelte: kein sicherer Ort bei Gewitter. Zelt umgehend verlassen und einen geschützten Bereich aufsuchen.“
Das Merkblatt können interessierte Besucher hier runterladen.
Aufwändige Analysen der PKW-Auslastung haben ergeben, dass rechnerisch ausreichend PKW-Plätze für alle Festivalgäste zur Verfügung stehen, auch für die, die mit dem Zug angereist sind oder von den Eltern gebracht wurden. Bitte bietet auch anderen Festivalgästen Unterschlupf in Euren Autos an. Neue Freundschaften sind so auf jeden Fall vorprogrammiert!
Wenn es stürmt, sind bewaldete Flächen und Bäume zu meiden! Äste können abbrechen, herunterfallen und zu ernsthaften Verletzungen führen.
(Homepage Southside-Festival, Rubrik „Sicherheitsregeln“; Hervorhebg. SaSe)

Also ich denke: DAS klappt bestimmt!

Im Übrigen habe der Veranstalter ein 52 Seiten umfassendes Sicherheitskonzept entwickelt. Das kennen die Gemeinderäte der zuständigen Ortspolizeibehörde nicht; zumindest nicht alle. Warum auch?  Wie bei TTIP halt. Der Neuhauser Bürgermeister Hans-Jürgen Osswald hat aber ohnehin schon resigniert und sich in der letzten Gemeinderatssitzung im Falle von Unwettern als so oder so „mit einem Beim im Knast“ stehend verortetet.

An der Stelle musste ich, ehrlich gesagt, ein bisschen weinen. Der arme Mann: mit einem Bein im Knast! Und dass nur / einzig / allein  / ausschließlich / only / seulement und exklusiv dafür, dass sich eine Handvoll 60.000 Menschen im Geiste friedvoller Fröhlichkeit und in praktizierter Achtsamkeit in der lauen Sommerluft zusammenfinden, um gemeinsam ein wenig Musik hören zu dürfen. Wenn man sonst schon nix Schönes im Leben …
Im Übrigen: Osswald ist schließlich vom Fach. Nach eigenen Angaben war er früher selbst beruflich im Business tätig.
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Stakeholder ohne Steak
Zum Thema Southside-Festival wird eine ganze Region zur verschworenen Stakeholder-Gemeinschaft. Mit einer pikanten Besonderheit: Der größere Teil dieser Gemeinschaft kann gar kein gemeinsames Interesse an diesem völlig enthirnten Mammut-Event haben, weil es der Region außer Verkehrsbehinderungen, ein beträchtliches Sicherheitsrisiko und am Ende einen Riesenberg an Müll allerhöchsten zweifelhafte Bekanntheit bringt. Ansonsten: keine Übernachtungen, kein (relevanter) Umsatz für die Gastronomie, keine Arbeitsplätze, keine Gewerbeansiedler, keine Bauplatznachfragen. Nüscht. Doch hier eint das mutige Trotzdem der regionalen und einschüchternd autoritär auftretenden Meinungsführer! Sie wissen schon: „Basta! und so. Und wer es wagt, kritische Fragen zu stellen und gar das Mega-out solcher Massenevents in Zeiten von weltweiten dicht getakteten Terroranschlägen und einem exzessiven Unwettersommer 2016 zu stellen, kann auch gleich seinen Ausbürgerungsantrag formulieren.

Auch die Medien berichten einheitlich, jubelnd und übernehmen querbeet von Focus über Stuttgarter Zeitung und tiefer eine fußschlanke dpa-Meldung im Wortlaut. Irgendjemand hat dann aber doch vergessen, den einen (1) kritischen Satz rauszustreichen:

Nun muss nur noch das Wetter halten. Denn bei „Rock am Ring“ in Mendig waren Anfang Juni bei und drei Blitzeinschlägen insgesamt 33 Menschen verletzt worden. Für das „Southside Festival“ werden aber keine besonderen Maßnahmen – über das bereits geltende Sicherheitskonzept hinaus – eingeführt. Man sei jedoch mit dem Wetterdienst verbunden, sagte ein Sprecher des Festivalveranstalters FKP Scorpio. Eine Koordinierungsgruppe reagiere bei entsprechenden Warnungen und setze die Maßnahmen um. „Wenn man weiß, es kommt etwas Großes, wird beispielsweise das Gelände evakuiert.“
(Focus 17.06.16: „Musik Nächste Festival-Runde: Southside und Hurricane“; Hervorhebg. SaSe)

Mmmh: „keine besonderen Maßnahmen“! Ja, warum auch? Dazu gibt es ja nun überhaupt keine Veranlassung.

Interessant übrigens bei der thematisch gleichen BILD-Zeitungsberichterstattung: Dort werden aus den 33 verletzten Menschen im Handkehrum 71! Bewundernswert sind auch die unheimlich konkreten Antworten des Veranstalters auf die BILD-Zeitungsfrage „Gibt es vor diesem Hintergrund besondere Sicherheitsmaßnahmen für das Southside?“.
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Evakuieren wie Harry Houdini
Sie können vor Ort konfrontieren, wen Sie wollen, aber auf die Frage „Evakuieren – WOHIN?“ kann Ihnen keiner eine überzeugende Antwort geben! Aber durch den Veranstalter wissen wir jetzt ja, dass 48.000 mit Auto angereiste Besucher 12.000 ohne Auto angereiste Besucher in ihren Fahrzeugen herzlich willkommen heißen – sofern ein möglicherweise von Panik dirigiertes Durchkommen dorthin über die komplett durchweichten Wiesen möglich ist. Diese extreme Hilfsbereitschaft mit angekoppelter Gastfreundschaft von Menschen in Stresssituationen ist außerdem weltweit bekannt.

Dabei haben die Veranstalter bestimmt (hoffentlich?) aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt. Nachfolgende Bilder sind zehn Jahre alt und deshalb von keinerlei Relevanz. Und Sturm heutzutage ist auch ganz anders!
(Achten Sie auf den Ton und die fragenden Stimmen: „Wohin jetzt?“)

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Die Ersteller nachliegend eingebetteter ebenfalls uralter Videoaufnahmen bezeichnen diese irritierender Weise als „Anarchie“. Wie kommen die denn bloß auf das schmale Brett?

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Die „Opfer“ des Hurrican-Festivals bei Scheeßel (Niedersachsen) behaupten aber selbst 2014 noch, dass ein Festival-Gelände nach dem „Event“ aussehe wie im Krieg. Die wollen damit doch nicht etwa Nachteiliges über den Zivilisationsgrad der Festivalbesucher andeuten?

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Ich find’s schön!
Zu den Bauzäunen, die im oben verlinkten Video zu sehen sind, empfiehlt SaSe auch gern eine relativ aktuelle Bachelor-Arbeit aus dem Jahr 2014 von Alexandra Weiß, in der solche Bauzäune bei Festivals ausdrücklich als Sicherheitsrisiko bewertet werden (Seite 36). Aber was weiß schon so eine Bachelorine?

Das ist doch alles unbegründete Unkerei. Außerdem haben Festival-Besucher von heute ausgefeilte eigene Sicherheitskonzepte:

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Wo Sicherheitskonzept, da auch Sicherheit – automatisch!
Die ohnehin schon kaum haltbare Position der Kritiker und Nörgler wird durch die Professionalität und das Verantwortungsbewusstsein der Veranstalter schwach und schwächer. Offensichtlich gibt der vereinsamte kritische Satz der dpa-Meldung auch nicht umfassend den aktuellen Stand wider, wie diese Meldung nahelegt:

Mit den Niederschlagsmengen der letzten 14 Tage vor Augen und den Schlammlagunen anderer europäischer Junifestivals im Hinterkopf, greift FKP Scorpio beim Southside tief in die Tasche und zu einer drastischen Massnahme. Heute veröffentlichte Bilder zeigen: Das Bühnenareal wird erstmals grossflächig mit grobem Schotter überzogen. Zudem werden „Teile des Geländes … mit Bodenplatten ausgelegt“.
(Festivalisten.de 18.06.16: „Southside-Festival 2016: Bühnenareal wird aufgeschottert“; Hervorhebg. SaSe)

Der Schreiber obigen Berichts wohnt nicht in der Region, sonst würde er sich nicht zu der folgenden Gotteslästerung versteigen:

Wenn man also jetzt schon im Vorfeld zu einem drastischen Mittel wie der Aufschotterung greift, denkt man dabei sicher auch an das Wohl der Besucher. Die Vorsorgeaktion kommt auf Facebook gut an, ist löblich und sympathisch. Das Marketing freut sich über die Steilvorlage für positive Markenkommunikation. Das ist aber nur ein Aspekt des Ganzen. Wirtschaftlich betrachtet kosten die Massnahmen jede Menge Profit. Nicht von ungefähr reagierte man in den letzten Jahren eigentlich immer erst während des laufenden Festivals auf entstehende Probleme – das dann allerdings extrem vorbildlich. Deshalb gehe ich davon aus, dass die Kacke vor Ort schon jetzt dementsprechend am Dampfen ist und der Zusatzaufwand schlichtweg alternativlos, um nicht sehenden Auges unterzugehen.
(Thomas Peter auf Festivalisten.de  18.06.16: „Southside 2016 Wetter: Bühnenareal wird aufgeschottert“; Hervorhebg. SaSe)

Der Miesepeter haut ganz schön auf die von ihm auch namentlich benannte Kacke – sie sei am Dampfen – und unkt über die Wettersituation der vergangenen Wochen in der Region:

Ein Blick in die Regenhistorie Neuhausen ob Ecks lässt denn auch den eigentlichen Grund für diese teure, temporäre Bebauungsmassnahme erahnen: Allein in den letzten sieben Tagen sah sich der bereits aufgeweichte Boden des Take Off Parks mit rund 125 Litern Wasser pro Quadratmeter konfrontiert. Seit Ende Mai bekommt der Grund kaum mal einen Tag zum Verschnaufen. Seine Aufnahmekapazität dürfte längst erreicht sein. In Kombination mit den schweren Baufahrzeugen ergibt sich eine ungesunde, bräunlich-flüssige Mischung.
(ibid.; Hervorheb. SaSe)

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Geheimes Festival-Motto: „Feel like a refugee!“
Eine Frage, die mich auch sehr bewegt: Wenn Flüchtlinge irgendwo in Schlamm und Dreck campieren müssen, dann ist das eine humanitäre Katastrophe. In Neuhausen ob Eck zahlen die Leute dafür noch Geld! WARUM? Und ich will jetzt nicht so politisch unkorrekt sein, die Frage auch noch umzudrehen! Also in: „Murwa“!

Dabei blitzen die Realsatire und der gewinnorientierte Humor des Veranstalters an jeder Ecke auf. 60.000 Besucher etwa können ihr Gepäck und ihre Wertgegenstände in sage und schreibe 800 Schließfächern unterbringen  und zwar – hallo! – mit eingebauter Ladestation fürs Handy.

Was die Neuhauser Flüchtlinge allerdings von ihren weniger spaßorientierten Leidensgenossen scheidet, ist das umfassende, lückenlose, dicht geknüpfte, penetrante, flächendeckend verfügbare, sogar mit Holzhirschen in Überlebensgröße beworbene Konsumangebot an jeder Ecke und dazwischen.

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Aschenbecher „Trashy“ warnt vor Schlangen
Es ist wieder mein Aschenbecher, der mich warnt. So ziemlich der Einzige mit einem kritischen Ansatz. Trashy verweist auf das mächtige Firmengeflecht, das hinter dem putzigen Festival mit dem geheimen, dafür aber zeitkonformen Motto steht. Wenn ich von REGIONALEM „Stakeholder-Value“ texte, sei das doch der übliche Dummfug der unkritischen Lokaljournaille. Stattdessen solle ich globaler denken und lokaler bedenkenloser handeln. Ein Gesellschafter der FKP Scorpio Konzertproduktionen GmbH ist seit 2014 die Medusa Music Group GmbH mit gemäß Handelsregisterauskunft Geschäftsanteilen (im Nennwert) von schlappen 450.000 Euro. Zu der Medusa Music Group GmbH, die ausdrücklich und unheilverkündend die gefürchtete Gorgone in ihren Namen bettet, bei deren Anblick Männer in Stein (und Kritiker in Staub) verwandelt wurden, bleibt Google bezeichnenderweise relativ auskunftsarm. Immerhin behauptet Mediabiz im Jahre 2003, dass die Medusa Music Group GmbH der Name sei, unter dem „einige Veranstalter der CTS Eventim AG näher zusammenrücken“. Oder noch konkreter:

Der Name Medusa ist in der Firmenstruktur von CTS Eventim seit längerem verankert: Bislang bündelte die Medusa Beteiligungsverwaltungs-Gesellschaft Nr. 52 mbH mit Sitz in Frankfurt/M. als Holding die CTS-Beteiligungen an Veranstaltern wie Marek Lieberberg, Scorpio Konzertproduktionen oder der Peter Rieger Konzertagentur. Die Holding firmiert seit kurzem unter dem Namen Medusa Music Group, der nun auch nach außen stärker kommuniziert werden soll.
(Mediabiz 08.05.2003: „Medusa Music Group formiert sich„; Hervorhebg. SaSe)

Aha. Wer den schöneren Blick über das imposante Firmengeflecht der CTS Eventim schätzt und die Medusa Music Group (Gesellschafter der FKP Skorpio Konzertproduktionen GmbH) als wirklich zugehörig sehen will, wird hier bedient.

Gesellschafter der Medusa Music Group sind neben der CTS Eventim Dieter Semmelmann (Semmel Concert Entertainments)  und Peter Pracht (Argo Konzert GmbH).

Blicken Sie noch durch? Sie müssen sich einfach ganz tief in das herrliche Gefühl der Übersichtlichkeit und Transparenz von all diesen Unternehmen hineinfallen lassen! Von Semmelmännchen sind darüber hinaus erhebliche Zerknirschungen im Kontext des Vorwurfs der Behinderung von Pressearbeit bekannt. Das sieht doch gut aus?
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Wie jetzt: „krumme Deals“?
Die benannte CTS Eventim ist relativ „berühmt“: Die Welt insubordiniert am 23. Februar 2015 mit der Überschrift Die krummen Deals des Tickethändlers Eventim. Das Bundeskartellamt habe ein Ermittlungsverfahren gegen die CTS Eventim eingeleitet. „Hauptperson“ des Welt-Artikels ist Klaus-Peter Schulenberg, gleichzeitig wiederum Geschäftsführer der Medusa Music Group GmbH, die wiederum – wir erinnern uns mit Grausen – Gesellschafter der FKP Scorpio Konzertproduktionen GmbH ist.

Der Welt-Artikel ist so hammermäßig, dass ich mich schon gar nicht traue, aus ihm zu zitieren, auch wenn das Zeitfenster seit seinem Erscheinen und die offensichtlich unwidersprochenen Tatsachenbehauptungen darin presserechtlich ziemlich wasserdicht sein dürften. Der Unbedarfte kotzt schon im Kreis bei den Zwischenüberschriften: „Stiftung in Liechtenstein und Firma auf den Jungferninseln“, „Abzocke bei den Kunden“ und all so’n Zeuch! Fast so gruselig wie Medusa selbst!
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Trashy im Training
Schlangenhäupter, dschungelartige Firmengeflechte, Ermittlungsverfahren – nein! Dann lieber: Schlamm! Handfest, nicht auf den Jungferninseln und  abwaschbar.

Wo ist eigentlich Trashy? Und wieso plätschert es im Keller, dieser unser wie so viele in der Region aufgrund der derzeit exzessiven Niederschläge immer wieder vollläuft? Ich gehe runter. Trashy keucht (und das kommt NICHT vom Sport …) und zieht seine Bahnen. Er bescheidet mich: „Ich trainiere aufs Southside 2016!“

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Bitte sind Sie vorsichtig mit Leuten, die angeben, dass Aschenbecher zu ihnen sprechen! Alles-in-Butter-Verkündern jedoch sollten Sie bedenkenlos vertrauen! Foto: Wolfgang Floedl / pixelio.de

Bitte sind Sie vorsichtig mit Leuten, die angeben, dass Aschenbecher zu ihnen sprechen! Alles-in-Butter-Verkündern jedoch sollten Sie bedenkenlos vertrauen!
Foto: Wolfgang Floedl / pixelio.de

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