HInfo22: Ohne-Hashtag-Aufstehen: Das Tuttlinger Potenzial ist kraftvoll ungerichtet

Das erste Treffen der von Sahra Wagenknecht initiierten Bewegung AUFSTEHEN im Landkreis Tuttlingen am 5. Oktober 2018 begann mit einem puscheligen Luxusproblem: Mit diesem Andrang hatten die Organisatoren nicht gerechnet. Aber anders als bezahlbarer Wohnraum in der Republik waren bemannbare Tische im Tuttlinger „Rittergarten“ ausreichend verfügbar. Eine „Befraubarkeit“ stand von der geringen Frauenquote der rund zwei Dutzend Versammelten ohnehin nicht zur Disposition: fünf, hälftig bekennend begattet.

Geladen zu der als regionale Versammlung konzipierten Veranstaltung hatte die Gruppierung AUFSTEHEN Schwarzwald-Baar-Heuberg. Das erklärt auch, warum die Teilnehmer aus einem Radius von rund hundert Kilometern angereist waren.

Die diszipliniert durchgymnastizierte Vorstellungsrunde aller Anwesenden offenbarte die breite Heterogenität und Diversität von Background, Antrieb und Erwartungen der Anwesenden. Der phänotypisch diagnostizierbare Altersschnitt verwies auf exakt das Wählerpotenzial, das sich im koalitionskaprizösen Parteienspektrum bekanntermaßen wirkungslos verplätschert: die Babyboomer.

Musiklehrer, Flüchtlingshelfer, Bauingenieure, Betriebsräte und ein Kabarettist gaben Einblicke in ihre politischen Biografien. Verunsicherte Hartz-IV-Empfänger, Deutschlehrer, Führungspersönlichkeiten und Parteifunktionäre berichteten ihre Frustrationen aus der sozialdemokratischen oder grünen oder linken Realpolitik. Mitglieder diverser links-grüner Parteien oder auch nur ihre Wähler, Vereinsvorsitzende, Sozialpädagogen und ein Gysi-Doubel erklärten sich bereit. Einfach grundsätzlich. Insgesamt: politikunverdrossen, entschlossen, abrufbar. Ein Potenzial. Offen blieb: Nutzer, Nutzung, Vektor.

Die Erkenntnisprozesse senkten sich vernehmlich über die Versammlung herab wie etwa der, dass oH-AUFSTEHEN in der Konzeption weit über das „Aufstehen gegen Rechts“ hinausgreift, auch wenn diese politische Richtung offensichtlicher Konsens war. Überhaupt war es mehreren Mahnern und Warnern ein wichtiges Anliegen, die Sammlungsbewegung offenzuhalten, vor Kategorisierungen zu warnen und dem Schubladendenken jeder Couleur vorzubeugen. Ein Teilnehmer entfachte den länglichen Disput mit theoretischem Überbau zur Gefahr des Aktionismus, die wiederum anderen aufgrund der noch undefinierten Agenda vernachlässigbar erschien. Eine konkrete Frage blieb allein: „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“

Themen und Stoßrichtungen poppten auf. Zum Beispiel die fundamentale Relevanz der Finanzpolitik. Empfehlung: Gerhard Schick. „Wir müssen unbedingt raus aus der Nato“, so ein anderes Votum, das weitere Plädoyers für friedenspolitische Aktionen und die Anti-Atomkraftbewegung nach sich zog. „Ramstein“, natürlich. Ein anderer Sprecher verwies auf die Chancen der baden-württembergischen Kommunalwahlen 2019 für die Sammlungsbewegung auf dem Weg an die realpolitische Fakten gestaltende Wirkungsfront.

Weder die SPD noch die Linken, von den Grünen ganz zu schweigen, kamen in der politischen Situationsanalyse gut weg. Im Tuttlinger „Rittergarten“ fanden deren enttäuschte Parteigänger und/oder Wähler zusammen; bei durchaus kontroversen Haltungen zur Initiatorin Sarah Wagenknecht. Das Lachen im politischen Elend krallte sich verzweifelt an den von einem Teilnehmer über die SPD und ihre Agenda 21 vorgetragenen Witz: „Die sind mit 100 Sachen in die Garage gerauscht und behaupten nachhaltig, es sei ein Tunnel“.

Zum Ende der satt zweistündigen Versammlung bestand Konsens darüber, zunächst einmal eine digitale Kommunikationsplattform zu schaffen und zwar außerhalb von Facebook und Whatsapp. Alle Teilnehmer trugen sich in einen E-Mail-Verteiler ein, um so miteinander in Verbindung bleiben zu können. Ein nächstes Treffen in rund vier Wochen wurde vereinbart.

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Dieser Artikel ist auch hier erschienen. Das durchaus kritische Potenzial des Berichts wurde von der Aufstehen-Community nicht wahrgenommen. Zu der zweiten Versammlung, vier Wochen nach oben beschriebener, erschienen dann nur noch elf Personen (mit noch höherem Altersschnitt, nur zwei Frauen anwesend), die in drei Stunden keinen Konsens über Inhalt, Form oder Thema der Bewegung finden konnten. Stattdessen erstickte ein Diskussions-Dschihadist mit belehrenden Monologen jede andere Gesprächsinitiative.
Der Titel „Ohne-Hashtag-Aufstehen“ bezieht sich auf die juristischen Probleme, die inzwischen die Verwendung des Hashtags in Verbindung mit „aufstehen“ verbieten.

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