SaSe39: TV-Kritik 1. Folge WDR „Das Lachen der anderen“: Viel Porsche und wenig Lachen

Autsch! Wie kann die Kritikerin zu dem Experiment Das Lachen der anderen des WDR im Rahmen seiner Verjüngungskur und „Programmoffensive“ eine ehrliche TV-Kritik schreiben, ohne die des Schutzes Bedürftigen noch mehr durch den Kakao zu ziehen? Noch mehr als es die beiden skrupellosen Witzemacher gestern Abend schon taten mit den Bewohnern vom „Öko-Dorf“ (ist kein Dorf, ist nur ein Haus), korrekter mit der „ökologische Lebensgemeinschaft“ Ein neues Wir (Webseite) in Hangenmeilingen (Gemeinde Elbtal im Westerwald)? Aber die Bewohner dort haben dem Experiment ja wohl zugestimmt. Sie haben sich entblößt. Und jetzt ist die Peinlichkeit in der Welt (hier in der ARD-Mediathek). 

Es war die erste Folge der Experimentalserie Das Lachen der anderen mit „Deutschlands bestbezahltem Gagschreiber“ (peinliche Eigenwerbung in der Sendung) Micky Beisenherz und den Stand-up-Comedian Oliver Polak (Wikiporträt).

Nehmen wir die Wirkung vorweg: Vermutlich ist es nicht überraschend, dass sich auf der Webseite der „Zausel“ bzw. „der Zerzausten“ (Etiketten von Beisenherz/Polak für die Porträtierten) kein Hinweis auf die Sendung findet. Die einzige Reminiszenz an die mediale Entblößung gestern Abend ist ein „Musik-Video“ mit Landschaftsszenen aus der Sendung, von der sogar der Titel verschwiegen wird:

Film 2 – Impressionen: Dieser 6-minütige Film von Eileen Fröhlich (SEO-TV) ist ein Zusammenschnitt aus Szenen, die im Rahmen eines innovativen WDR-TV-Projekts im Juni 2015 bei uns gedreht wurden. Die darin gezeigten Kunstobjekte stammen von Achim Gronau – [E-Mail-Adresse entfernt – SaSe] Lied „Ein neues Wir“ wurde komponiert und gesungen von Micha Steinhauer.
(Webseite www.ein-neues-wir.de, Rubrik „Info-Medien“; Hervorhebg. von SaSe)

Die Übernahme dieses pastoralen Filmzusammenschnitts „eines innovativen WDR-TV-Projektes“ ist mutmaßlich dem Selbstdarstellungsdrang des Kommunarden und „Liedermachers“ Micha Steinhauer geschuldet, der in dieser Rolle auch von den beiden Kakaokochern geoutet wurde. Steinhauer lässt kein Klischee des die Klampfe streichelnden Althippies der 70er Jahre aus!


Hauptsächlich: Porsche

Aber an die Dauerpräsenz des Porsche von Micky Beisenherz reicht selbst das putzig-sanftmütig-missionarische Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert nicht heran. Ohne Ton könnte schnell der Eindruck entstehen, es handele sich bei Das Lachen der anderen um einen Werbefilm des Nobelkarossen-Bauers aus Stuttgart: Beisenherz & Polak im Porsche auf dem Weg zum Ökodorf. Beisenherz & Polak im Porsche auf dem Weg vom Ökodorf. Beisenherz & Polak im Porsche auf der Dorfstraße. Beisenherz & Polak biegen im Porsche um das Hauseck. Beisenherz & Polak im Porsche auf der Landstraße.
Dabei denkt Beisenherz durchaus an die blinden Fernsehzuschauer und thematisiert den Porsche im Gespräch mit Polak und verankert ihn so auch noch akustisch. Ob es gut sei, im Porsche zu einem „Ökodorf“ zu fahren?  Also bitte merken: Micky Beisenherz fährt (und besitzt mutmaßlich) einen Porsche! (Die dazugehörigen Witze finden Sie hier!)

Leider reichte der Humor der beiden Comedians nicht so weit, das „Lachen der anderen“ (… Kraftfahrzeugbesitzer) durch die bekannte Szene zu bedienen, bei welcher ein passierender Dackel ins Wageninnere des am Straßenrand abgestellten Porsche-Cabriolets strullert.
Und der Zuschauer erfährt auch nicht, welche Automarke Herr Polak fährt!


Schnelldurchlauf der quälenden Handlung

Die „Handlung“ ist schneller erzählt als am Fernseher durchlitten: Mehr als 30 Minuten lang visitieren Beisenherz und Polak die alternative Lebensgemeinschaft, begehen deren heiligen Garten (es kommt zum Konflikt!), sitzen im Stuhlkreis und suchen das in jedem Einzelfall unauthentisch wirkende Gespräch mit den verträumten Zerzausten und verzweifelt nach Finanziers suchenden Idealisten. Die Witzemacher fragen nach Motiven, Erfahrungen, Konzepten und merken rasch – das Resümee erfolgt natürlich im Porsche! -, dass in dieser liebenswerten und schutzbedürftigen Gemeinschaft wirklich alles Klischee ist. Menschen mit Anstand würden einfach nur zehn der Papierherzen kaufen, welche die Ökodörfler in der Fußgängerzone von Limburg an Mann und Frau zu bringen trachten, um ihr Aussteigerleben zu finanzieren. Das im Sendetitel versprochene „Lachen“ bleibt dem Zuschauer im Halse stecken, als einer der Verträumten todernst verkündet, mit dieser schlappen Verkaufsaktion eine Million Euro erzielen zu wollen.

Es steht jedem frei, sich in eine Lebensgemeinschaft wie die durch den Kakao gezogene zu begeben und dort nach neuen Formen des Zusammenlebens zu suchen. Befremdlich wirken allein deren Bemühungen, sich dieses Leben von jenen, die im Kapitalismus verharren, finanzieren zu lassen. Zutritt zu dieser verträumten Lebensform haben ohnehin nur Mittelständler, denn die Preise sind üppig (hier). Vollmitglieder der Genossenschaft müssen 20 Pflichtanteile à 250 Euro erwerben zuzüglich eines Eintrittsgeldes von 2.500 Euro (total also 7.500 Euro), zahlen aber trotzdem Miete etc.
Aber diese Finanzierungsklimmzüge der Gruppe stehen auf einem anderen Blatt, auch wenn sie kursorisch Gegenstand der abschließenden Lie-down-Comedy werden.


Hochnotpeinliche „Stand-up-Comedy“

Die ganze Qual des angeblichen Kennenlernenwollens dieser Lebensgemeinschaft diente nur zur Vorbereitung der kaum zehn Minuten währenden „Comedy“(?)-Nummer von Oliver Polak (ab ca. 36. Sendeminute im Video) zum Schluss des Desasters. Der zog dabei die einzelnen Mitglieder der Gemeinschaft durch den Kakao. Veranstaltungsort: ein leeres, vereinnahmende Trostlosigkeit ausströmendes Schwimmbad. Einziges Publikum: die Opfer selbst. Deren verzwungenes Lachen erregt beim Zuschauer Wellen heftigen Mitleids. Die von Polak ausgekotzten Pointen unter Aldi-Preisniveau kamen am Rollator oder gleich mit der Notfallinfusion daher. Einzig die Kritik am Konzept der Arbeitseinsätze Dritter, die ins „Working-Camp“ also ins Arbeitslager der Lebensgemeinschaft eingeladen werden (siehe Website von Ein neues Wir), hatte Substanz, lief jedoch mit Polaks Hinweis auf seine jüdische Abstammung schnurstracks ins Lager der absoluten Geschmacklosigkeit über.
Wer jedoch das Wikiporträt des düsteren Komikers studiert, lernt rasch, dass Polak seine jüdische Abstammung durchgehend instrumentalisiert thematisiert.


Ich wusste nicht, dass es dem WDR soo schlecht geht?
Grundgütiger! Was ist das denn? Wie verzweifelt muss ein Sender (WDR) sein, um solche trüben Abklatsche des geschmacklosen Reality-TV der Privaten zu produzieren, bei denen schutzlose Menschen (weil dick, dumm oder arm oder weil dick, dumm und arm) vor die Kamera gezerrt werden, um auf ihre Kosten zu „unterhalten“. Und das wird den Zuschauern dann auch noch als „Programmoffensive“ verkauft?

Die Einschaltquoten beruhigen auch nicht gerade:

Um 22.45 Uhr gingen Micky Beisenherz und Oliver Polak mit «Das Lachen der anderen – Comedy im Grenzbereich»  auf Sendung. Die 45-minütige Show hatte zwar nur 0,22 Millionen Zuschauer und 1,3 Prozent Marktanteil, war aber beim jungen Publikum sehr beliebt: 0,12 Millionen Menschen blieben wach und verhalfen dem WDR zu starken 1,8 Prozent – ein Wert, der 80 Prozent über dem Senderschnitt liegt.
(Quotenmeter.de 25.08.15: „WDR-Offensive schmeckt den Jüngeren“)

Folgt man dem gestrigen Interview von RP-online mit Micky Beisenherz, wird es in den kommenden Sendungen noch schlimmer werden: So besuchen der Porsche-Fahrer und sein raumgreifender Beifahrer eine MS-Patientin, die anschließend ebenfalls für Witze herhalten soll. Beisenherz begründet im Interview, warum er selbst vor Witzen über Wolfgang Schäuble als Rollstuhlfahrer nicht zurückschrecken würde. Wer sich das im WDR ansehen möchte, den erwartet dies:

Detlef aus Oberhausen sitzt seit 30 Jahren im Rollstuhl und kann nur noch seine Arme und seinen Kopf bewegen. In seinem Schlafzimmer hat er ein riesiges Jesuskreuz hängen. Also haben wir den Gag gemacht: Das hast du doch nur dorthin gehängt, weil du dir den Raum mit jemandem teilen wolltest, der sich noch weniger bewegen kann als du. Da hat er gelacht. Die anderen auch.
(RP-online 24.08.15: Interview mit Micky Beisenherz: Der Spaß hört auf, wo nicht gelacht wird)

Die einzige Hoffnung, die uns bleibt, ist die, dass sich Beisenherz an sein Versprechen hält: „Der Spaß hört auf, wo nicht gelacht wird“. Erinnert man sich wieder an Beisenherz‘ Kompagnon und dessen Geschichte (Polaks Vater hat als deutscher Jude den Holocaust und mehrere Konzentrationslager überlebt), lässt sich konstatieren, dass Beisenherz darauf offensichtlich keine Rücksicht nimmt. Denn die Maxime, der Spaß hört auf, wo nicht gelacht wird, galt nicht immer in Deutschland …


Sendung passt gut zu Freital und Heidenau

Ich möchte mir lieber nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die über so etwas wie das gestern Abend vom WDR Ausgestrahlte und via Beisenherz-Interview für die Zukunft Angedrohte lachen können. Immerhin macht dieser massiv geschmacklose, tendenziell ins Soziopathische abdriftende „Humor“ aktuelle gesellschaftliche Phänomene wie in Freital oder Heidenau verständlicher: Wer abends vor dem Fernseher über ebenso verträumte wie wehrlose Idealisten, MS-Kranke und Rollstuhlfahrer zum Lachen gepeitscht oder mit dem Porsche gefahren wird, kann schlechterdings am hellen Tag Empathie für Flüchtlinge aus Kriegsgebieten aufbringen, die weder MS haben noch im Rollstuhl sitzen. Da passt Das Lachen der anderen gut ins soziopathische Gesellschaftsbild! Und der WDR leistet dazu seinen Beitrag!

Obwohl: Die oben von Quotenmeter behaupteten 1,8 Prozent Markanteil rekrutieren sich bestimmt nur aus Porsche-Fans?

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