SatBur16: Drama & Galama: Ein negierter Bürgermeister

SATIRE

Für Otto!

Nach gefühlten 100 Stunden Gemeinderatssitzung sind nicht nur die Räte und Zuhörer nicht mehr wirklich Herr ihrer Sinne. Beim 529. Tagungsordnungspunkt drängt die Veranstaltung zu ihrem theatralischen Höhepunkt. Nach einer länglichen Verlautbarung des Bürgermeisters zu der 847sten (landesweit gezählt) im Kindbett verstorbenen Bürgerbeteiligungsinitiative reißt er beide Arme hoch gegen den erbarmungslosen Himmel. Schonungslos klagt er an: „Ich werde negiert!“

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Vorhang auf für einen negierten Bürgermeister! Foto: Burkard Vog / pixelio.de

Vorhang auf für einen negierten Bürgermeister!
Foto: Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de

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Der leidkündende Aufschrei kracht auf den Saal hernieder wie eine fußballplatzgroße Betonplatte. Geschocktes, verstörtes, geübt empörtes Raunen brodelt durch die Reihen. Fragen über Fragen:

Ein repräsentativ verwirrter Bürger: „Was ist denn passiert?“
Der Weltenerklärer: „Er hat’s nicht kapiert.“

Gesellschaftlicher Durchschnitt in Dauerempörung: „Ich bin ganz schockiert.
Beweist Empathie (sozial anerkannt): „Der ist bestimmt deprimiert.“
Männlich, nach Sensation heischend, den Löffel vergessend: „Wer wird balbiert?“
Ein Faktenorientierter mit Sprachkompetenz: „Er hat sich blamiert.“
Männlich, mit medizinischem Halbwissen protzend: „Vielleicht ist er frisch retoskop…?“
Eine Linke: „Wer nivelliert?“

Ein Oberstudienrat im Ruhestand versucht die linguistische Einfallslosigkeit im konspirativen Wispern des machtlosen Volkes mit der unverkäuflichen Belehrung zu durchbrechen, das Verbum „negieren“ sei in dieser Form aufgrund seiner Semantik auf Personen gar nicht anwendbar. Er wird ignoriert.

„Nein, seine Frau hat heute blanchiert.“ So die lokale Tratschtante, die damit wohl im informatorischen Sendungsbewusstsein gleichauf mit Herrn Oberstudienrat liegt?
Der übliche Themensprenger mit (Musikhintergrund): „Ist denn wenigstens das Klavier wohltemperiert?“
Es folgt eine rhetorische Frage im Duktus vorgetäuschte Anteilnahme defizitärer Authentizität: „Wird der Mann schon therapiert?“
Ein Akademiker mit Schelm im Nacken: „Das scheint mir ein Ego, das hyperthrophiert.“

Der, der trocken konstatiert: „Es ist der Wahnsinn, der hier marschiert!“

Inzwischen ist die apokalpytische Botschaft durch die Mauern des Saales diffundiert. Angemessenheit ist es, mit der die Welt reagiert: Die Vögel fallen tot vom  Himmel.  Das Wasser des Sees färbt sich blutrot. Die Sonne erlischt: Ein Bürgermeister wird negiert!

Eine weitere Linke, von (unberechtigter!) Kritik am Rathaus infiziert: „Der Gemeinderat insgesamt subordiniert.“
Der Atheist im Tunnel: „Wer missioniert?“
Ein fanatischer Gegner jedwedes Drogenabusus‘: „Der hat doch bestimmt was inhaliert?“
Ein Rettungssanitäter, selbstlos hilfsbereit: „Vielleicht, wenn man den manifesten Größenwahn punktiert …?“

Vom Thema abweichend eine besorgte Gattin zu ihrem Mann: „Schatz, Du hast Dich gar nicht rasiert?“
Ein AfD-Wähler, der nicht den ohnehin schon diskreditierten Bartträger meint: „Bestimmt hat der sich radikalisiert?“
Ein Bürgerrechtler, der sich auf die Prozesse insgesamt bezieht: „Ich finde ja, es eskaliert?“

Inzwischen wird das Raunen und Flüstern zunehmend von einem sich nähernden Martinshorn übertönt. Im Ratssaal reißt eine Notfallgasse auf wie gevierteiltes Fleisch. Ihr Fluchtpunkt kulminiert in Golgatha reloaded: ein negierter Bürgermeister.

Herein stürmt die Psychiatrische Notfallambulanz. Sie interveniert.

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Foto: Burkard Vogt / pixelio.de

Foto: Burkard Vogt / pixelio.de

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