Das Patientenschnitzel

Satire im Kontext zu SaSe18: Special Interest (1): Satire und Kabarett in der, über die und als Medizin
Der de facto auch an den zuständigen Chefarzt versandte Brief wurde in redaktionsindividuellen Kürzungen sowohl im Deutschen Ärzteblatt (Jg. 105, Heft 47, 21.11.2008; anonymisiert) wie in der Satire-Zeitschrift Eulenspiegel (1/2009) veröffentlicht.

 

Das Patientenschnitzel
von Karin Burger

Betreff: Bitte um die Würde eines Schnitzels


Sehr geehrter Herr Dr. Wichtig,

nachdem ich mir durch meinen Ich-suche-dann-mal-das-Weite-Kurzbesuch in Ihrem Krankenhaus, Abteilung "Innere", Weihnachten 2007 ohnehin und offensichtlich schon das Etikett der Querulantin eingehandelt habe, möchte ich Ihnen völlig enthemmt meine Eindrücke zur gestrigen ambulanten Konsultation Ihrer Abteilung VOR Ihrem Erscheinen mitteilen.

Nach den nicht weiter zu kritisierenden Anmeldeformalitäten wurde ich um 10.40 Uhr in den kleinen, abgedunkelten Raum gebeten, in dem dann später – v i e I später – die Sonographie stattfand. Dort wurde ich fachgerecht präpariert, d. h. ich hatte mich halbnackt mit Hose runter, bauchtrei und allerlei Lätzchen behängt auf dem Schragen zu platzieren. Anzumerken ist, dass ich bis dahin noch mit keinem Arzt gesprochen hatte.

Das erste Bekanntwerden von Frauen mit ihren männlichen Interaktionspartnern halbnackt liegend in einem abgedunkelten Raum ist mir sonst nur aus anderen Gewerben und dort auch nur vom Hörensagen bekannt. Sicherlich gymnastiziert es die eigene Demut, sich auch einmal in den Berufsalltag dieser segensreichen Damen einfühlen zu müssen.

Ab 10.45 Uhr lag ich also fertig präpariert parat. Da ich ja nun nichts anderes zu tun hatte, verlegte ich mich gehässigerweise darauf, den extremen Durchgangsverkehr durch diesen kleinen Raum einmal statistisch zu bearbeiten. Nachdem mehr als zehn verschiedene Personen 45 Mal durch das Räumchen mit der entwürdigt daliegenden Patientin rasten, wurde ich des Zählens müde und überlegte schon, ob ich nicht ganz gehen sollte. Wie es Querulanten eigen ist, richtete ich mich eigenmächtig auf und holte mir meinen Pullover, weil mir inzwischen auch derb kalt geworden war. Nach einer weiteren Viertelstunde war mir auch das zu blöd, ich stand auf und setzte mich mit meinem Buch in die Umkleidekabine, um dort – inzwischen schon recht gespannt-  den weiteren Verlauf dieser denkwürdigen Konsultation zu erwarten.

Missverstehen Sie mich nicht – dass es in einem so großen Betrieb wie diesem Krankenhaus notwendig ist zu warten, steht außer Diskussion. Dass diese Warterei unter derart entwürdigenden Umständen stattfindet, mag in einem Krankenhaus im ländlichen Umfeld mit einer eher autoritätshörigen Bevölkerung üblicherweise akzeptiert werden; als medizinischer Standard im Jahre 2008 ist es im günstigsten Fall realsatirisch zu bewerten.

Vom Zählen befreit, wandte ich mich nun der aufmerksamen Rezeption der Mitarbeiter-Gespräche zu. Faszinierend: Gut 95 Prozent des Gesprächsinhalts zentrierte um den Begriff "der Chef“: wo dieser nun sei, wann dieser nun komme, was dieser wohl meint und überhaupt, wie man die aktuellen Abläufe noch effizienter zum Wohlgefallen des „Chefs“ gestalten könne. Der Ton dabei war mehr als respekt-, mehr als ehrfurchtsvoll. Was aber war die Botschaft von Inhalt und Form für mich – nicht für mich persönlich, sondern eher für mich als anonymisiertes Patientenmuster? Es geht um den Chef (und nicht um den Patienten)! Wie sonst kann es auch sein, dass keiner der mehr als zehn durch den Raum hetzenden (manche schlenderten auch gelangweilt) Personen irgendeine Form von Mitleid, Interesse, Zuwendung, Vertröstung o. ä. der präparierten Leber spendeten. Eine derartige Hose-runter-Bauch-frei-Präsentation für einen de-facto-Zeitraum von einer Stunde plusminus scheint Standard in Ihrem Haus zu sein?

Der Vormittag strebte dem Höhepunkt zu: Der von so vielen Menschen heiß erwartete "Chef“ betrat die Bühne bzw. den Halbdunkelraum. Inzwischen wieder brav Iiegend, Bauch frei, Hose runter, die Oberkörperscham gerade noch durch einen BH verhüllt, war ich begierig, einen Blick auf ihn, den so innig Erwarteten, zu erhaschen, was mir zugegebenermaßen in der horizontalen Position, kopfseits hinter dem Sonographie-Gerät liegend, schwerfiel. Erwartungshaltungen aus dem Bereich gängiger Umgangsformen wie die, vielleicht zunächst per Handschlag und Face-to-Face-Kommunikation begrüßt zu werden, hatte ich nach den Erfahrungen der vorausgegangenen Stunde ohnehin schon kremiert.

Richtig! Und es kam noch ja noch besser: In einem halben Meter Entfernung von mir, ich bei vollem Bewusstsein mit intaktem Sprachzentrum, fragt "der Chef“ die Schwester: "Wie alt ist die Patientin?" Sagenhaft! Ab diesen Zeitpunkt war ich eigentlich nur noch auf den Pluralis Majestatis und das Reden von mir in der dritten Person eingestellt.

Dass der Rest der Veranstaltung, die eigentliche Untersuchung und das bikinikurze Gespräch zwischen uns dann nur noch angenehm und formkorrekt verlief,  ehrlich, Chef, das war die totale Überraschung für mich! Und weil Ihre fachliche Kompetenz und die entlastende Diagnose mein Leben etwas schöner machen, gewichten beide Anlass und Inhalt dieses Schreibens ganz besonders schwer.

Sicherlich, Sie können sich jetzt auf diesem Beschwerde-Zertifikat ein Ei backen. Aber neben der psychischen Entlastung für mich bleibe ich Idealistin und hoffe, dass „man“ in Ihrem Hause, Ihrer Abteilung vielleicht doch einen Weg finden wird, die Abläufe dergestalt umzuformen, dass Patienten mindestens die Würde eines Schnitzels zugemessen wird. Diese Metapher aus dem hauswirtschaftlichen Bereich zumindest biete ich Ihnen an für die Motivation Ihrer Mitarbeiter/Innen, die sicherlich zu Hause ein zu panierendes Schnitzel auch nicht eine Stunde lang bar und nackt auf dem Tresen liegen lassen, bevor das Fleisch weiter bearbeitet wird.

Im Übrigen gelten Ihnen mein ganzes Mitgefühl sowie meine ironiefreie Hochachtung. Menschen ganz zu machen – zu heilen -, auch wenn man zur Untersuchung nur anonymisierte, entwürdigte, mithin vom Ganzen getrennte Organe präsentiert bekommt, das, Chef, ist auch kein leichter Job!

Mit freundlichen Grüßen
 

Foto: siepmannH / pixelio.de

 

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