SaSe22: Ukraine-Krise und Intertextualität: Wer pariert satirisch Dr. Hermann Hagemann?

Solche Satiren liest man (leider) selten. Dr. Hermann Hagemann, Buchautor, Dozent und Unternehmenscoach, entwirft in der Huffington Post die westfälische Version  geopolitischer Landnahme am Beispiel der Übernahme einer attraktiven Einrichtung (Kneipe) in seinem Einflussgebiet und seiner Heimatstadt Münster: Putin und die Einflusssphäre: Meine Kneipe, meine Einflusssphäre und Geopolitik

Ganz abseits von ihrer politischen Botschaft besticht die Satire durch einen spannenden Plot sowie der liebevoll inszenierten Inventarisierung mit Spielzeugpistole, einem kratzigen Kater und einer konterrevolutionären Tochter. Dabei werden sowohl  die jeweiligen Argumente der Kontrahenten wie die Reaktion der Journaille vielsagend persifliert.  Diese Satire ist auch für Leser, die über die „Annexion“ der Krim anders denken, als Kunstwerk ein Genuss!

Es gibt jede Menge weitere politische Satiren aus der Hagemann-Feder in der HuffPo. Der Transfer des  satirischen Themas in ein detailliert ausgestaltetes eigenes Setting ist Stilmerkmal bei Hagemann, was seine Satiren besonders unterhaltsam macht. Hier beschränkt sich die Botschaft nicht auf ironische Kommentare, Kurzstreckenvergleiche, Instant-Metaphern und die überstrapazierte Vossianische Antonomasie.

+ Putin – mein Plan 2015 und warum alle Männer Russen werden wollen
+ Salat und Salafisten
+ Die CSU in Not – wie mit Pegida und der AfD umgehen?
+ Ritter Schröder im Kampf gegen die Pegida
+ das [sic!] geheime Tagebuch des Helmut Kohl – ein Auszug

u. v. a. m.


„Die Bürgschaft“ ist nicht die Lösung der Gleichung mit x Unbekannten
Nur leider und bei aller ästhetischen Begeisterung für das Kunstwerk an sich: Selbst der junge Friedrich von Schiller hätte mit der Erstveröffentlichung von „Die Bürgschaft“ als Antwort in der Mathe-Klassenarbeit bei der Rechenaufgabe mit den zwei Unbekannten (wenn’s reicht ….) das Thema verfehlt. Aus dieser Perspektive betrachtet zeigt Hagemanns Satire den nicht seltenen Fall, wo indirektes Sprechen und Schreiben gut Schaden anrichten kann – einfach deshalb, weil das Genre unterhaltsam den Fokus auf das nicht Relevante richtet.

Es geht nicht darum, das Handeln des Münsteraner Kneipen-Usurpators und seines gemeinten politischen Gegenstücks MORALISCH zu bewerten. Das ist nicht das Thema und lenkt fatal von den aktuellen Aufgaben ab. Weltpolitik auf der Grundlage moralischer Urteile hat bisher immer und konsequent ins Verderben geführt. Liegt auch ein wenig daran, dass über die in ihrer Beständigkeit changierende Moral so wahnsinnig schlecht globaler Konsens herzustellen ist.

Viel interessanter und weltfriedenrelevanter ist dagegen die Frage, wer im vorliegenden Fall überhaupt mit welcher Legitimation und mit welcher Handlungsoption zur Reaktion aufgerufen ist? Da sind Lieschen Müllers moralische Urteile über die Vorgehensweise von Hagemann und seinem wehrhaften Kater bei der Landnahme von Willys Kneipe eher hinderlich?


Mutig: im Glashaus sitzen und mit Steinen werfen
Dabei sei Hagemanns Mut nicht gering geachtet. Im Glashaus zu sitzen und mit Steinen zu werfen gehört ins nämliche Repertoire der Heldentaten, welche die Welt schon immer erfolgreich in blutige Kriege trieb. Denn just die Regierung des Landes, aus der die Zeitung kommt, für die Hagemanns sich so gekonnt ins satirische Zeug wirft, hat diesbezüglich einiges vorzuweisen, wie Volker Pispers bei der Verleihung des Deutschen Kabarettpreises 2015 anschaulich zitiert und damit die Verhältnisse wieder in die belegten historischen Bezüge einflicht:



Wunschkonzert: satirische Intertextualität
Wer pariert Hagemanns themenverfehlte satirische Szenerie IM Lokal durch die dazugehörigen Perspektiven derjenigen außen, die sich zu Reaktionen aufgerufen fühlen, im Abgleich zu jenen, die tatsächlich zu Reaktionen aufgerufen sind, unter besonderer Würdigung von deren Legitimation und der satirischen Validierung der dafür jeweils vorgebrachten Argumente?

Muss die Stadt Münster als oberste Ordnungsbehörde aktiv werden? Wenn ja, warum, wenn sie in den vielen anderen Fällen – Nicaragua, Iran, Lybien, Afghanistan etc. – nichts unternommen hat? Nein, nein, mag man einwenden, Willys Kneipe liegt in Münster und fällt damit ins Zuständigkeitsgebiet der Stadtverwaltung. Das ist richtig. Aber die Krim liegt nicht in Münster! Und von daher fragt sich, ob der Vergleich als solcher …. Zu sehen: jede Menge satirisches Feld!

Wenn nicht die Stadt Münster, wer dann? An dieser Stelle „kluge Frage“ zu schreiben, das wäre Eigenlob. Aber von da aus geht es noch viel weiter: Kann ein moralisches Urteil in diesem globalen Zusammenhang überhaupt hilfreich sein? Waren solche es jemals in der Vergangenheit? Wer fällt sie? Welche anderen „Urteile“ = Reaktionen wären denkbar? Und nicht zuletzt: Um welche „Ordnung“ (i. e. Werte), die zu hüten hier wild und unreflektiert zu viele anheben,  geht es eigentlich?

Satirische Entwürfe für den richtigen Umgang mit dem imperialistischen Annexions-Hermann aus Münster finden auf diesem Blog warme Aufnahme oder auch Verlinkung!

Sollten diese ausbleiben, bleibt dem Leser immerhin noch die Erkenntnis, wie sich Satire auch sehr schön propagandistisch verwenden lässt, indem sie das Irrelevante fokussiert, liebevoll inventarisiert und durch Amüsement attraktiv macht.

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