TS52/16: Oliver Kalkofes Veredelungsoffensive der Böhmermann-Absicht

+++ Jan Böhmermanns Sendepause
Zum Wochenende hatte Jan Böhmermann auf Facebook eine „Fernsehpause“ bis zum 12. Mai 2016 angekündigt:

Liebe Fans des NEO MAGAZIN ROYALE,
Mein Team und ich haben es uns in den vergangenen drei Jahren zur Aufgabe gemacht, die Top-Themen aus Politik, Feuilleton und Boulevard satirisch einzuordnen. In den vergangenen zwei Wochen haben wir es geschafft jedes dieser drei Presse-Levels selber einmal durchzuspielen.

Daher habe ich mich entschlossen eine kleine Fernsehpause einzulegen, damit sich die hiesige Öffentlichkeit und das Internet mal wieder auf die wirklich wichtigen Dinge wie die Flüchtlingskrise, Katzenvideos oder das Liebesleben von Sophia Thomalla konzentrieren kann. Denn es gibt möglicherweise bedeutsamere Themen, als die Diskussion um ein in einer Satire-Sendung vorgetragenes Gedicht. Darüber hinaus ist die Redaktion davon überzeugt, dass ein weiterer Song von Dieter „Didi“ Hallervorden zum Thema unbedingt zu verhindern ist. Das, und darin sind sich hier alle einig, MUSS oberste Priorität haben!

Vom Saarland bis nach Sachsen fühle ich eine Solidarität für die Sendung von der überwältigenden Mehrheit derjenigen, die nicht Präsident Erdogan sind, und dafür möchte ich mich von Herzen bedanken. Es bringt mich aber auch in eine schwierige Situation: Wenn selbst Beatrix von Storch auf einmal mit erhobenem Mauszeiger auf Seiten der Satire kämpft, über wen soll ich dann noch Witze machen? Nicht auszudenken, wenn sich auch noch Til Schweiger zwischen zwei Flaschen Emma Cuvé aus dem mallorquinischen Frühling melden würde, um mir beizustehen oder Campino und Bob Geldof plötzlich mit einem Charity-Song um die Ecke kämen.

Daher verlasse ich jetzt erstmal das Land, lasse mir beim Twerk&Travel durch Nordkorea die Sache mit der Presse- und Kunstfreiheit nochmal genau erklären, bevor ich noch ein paar Tage mit meinem Segway auf dem Jakobsweg pilgere, um mich selbst zu finden.
Euer Jan“

(zitiert nach t-online.de 17.04.2016: „Satiriker kündigt ‚Fernsehpause‘ an: Böhmermann meldet sich zu Wort“)

Das Ursprungsposting sei – aus welchem Gründen auch immer – nicht mehr verfügbar. Meedia sammelt die Netzreaktionen. Berichterstattung auch bei Spiegel online + heute.de + Huffington Post u. v. a. m.

Doch diese „Pause“ betrifft nicht nur seine TV-Auftritte. Auch seine rbb-Radio-Sendung Sanft und sorgfältig ist davon betroffen (Quelle).

Senf: Wenn es denn mal dabei bleibt – bei den vier Wochen! Im Gespräch mit Kollegen und Satirefreunden – und über die Causa Böhmermann kann man derzeit wirklich mit jedem diskutieren – fällt mir auf, dass sich kaum jemand darüber Gedanken macht, welchem enormen psychischen Druck Böhmermann ausgesetzt sein muss. Schon eine „normale“ Abmahnung bringt Journalisten, Blogbetreiber und Satiriker nicht selten erkennbar aus dem Tritt. Für den frechen ZDF-Entertainer multipliziert sich das in unbekannter Dimension – zumal er  (und möglicherweise seine Familie?) bedroht wird und unter Polizeischutz steht.
Deshalb ist es übrigens auch eher unwahrscheinlich, dass Böhmermann tatsächlich verreist. Denn im Ausland wird man ihn noch schwerer schützen können.

Doch zurück zur Satirepause: Unter solchem Druck verdampft jede Kreativität und es implodiert genau der Freiraum, den Kreative zur Entwicklung genialer Ideen benötigen. Es ist seriöser als pure Spekulation anzunehmen, dass Jan Böhmermann nach dieser Geschichte nicht mehr derselbe sein wird. Darüber täuscht auch nicht der lockere und vertraut freche Ton von seiner Verlautbarung zur Fernsehpause hinweg. Die dort verwandten Ironien und Vergleiche sind satirische Routinen und gut trainierte ironische Reflexe. Außerdem wird Böhmermann durch die verschiedenen anstehenden Verfahren (Strafrechtsprozesse, möglicherweise ein zivilrechtliches Verfahren nach einer möglichen einstweiligen Verfügung etc.) enorm gefordert. Auch wenn die Außenarbeit von den Anwälten erledigt wird, die wollen vom Beklagten erst einmal beliefert werden! Mich würde es nicht wundern, wenn es nicht bei den angekündigten vier Wochen Pause bleibt.


+++ Die These von „titel-thesen-temperamente“
Auch das ARD-Kulturmagazin titel-thesen-temperamente hat sich des Falls angenommen. In der Sendung vom 17. April 2016 absondern die Kultur-Kommentatoren die lasche, naheliegende und komfortable These,  Jan Böhmermann habe mit seinem Schmähgedicht doch „nur“ eine Art Telekolleg zum Thema Grenzen der Freiheit bezüglich Satire, Meinung und Kunst in Deutschland abhalten wollen.

Senf: Kein Mensch weiß bisher zuverlässig, was sich Jan Böhmermann und das Team von Neo Magazin Royale  bei dem Erdogan-Schmähgedicht mit dem bekannten und dieses eigeninitiativ als „verboten“ deklarierenden Einleitungstext gedacht haben. Weniger edle Ansätze gehen davon aus, dass der Exzentriker schlicht und einfach die Chose mit extra3 toppen wollte und sich dabei übel verkalkuliert habe. Es scheint auch niemanden aufzufallen, dass sich Böhmermann und das Neo Magazin Royale bisher in keiner Weise dazu verlautbart haben, was die ursprüngliche Intention dieser riskanten Aktion war, was das Ganze eigentlich soll(te)! Diese entscheidende Frage geht im gesamten Hype leider vollkommen unter. Und es vermittelt ein nicht unerhebliches Störgefühl, dass Böhmermann genau diese entscheidende Frage offenlässt. Zum jetzigen Zeitpunkt und quasi nach Eröffnung der juristischen Verfahren (Strafanzeige, anwaltliche Abmahnung etc.) KANN er dazu gar nichts mehr sagen bzw. werden ihm seine Anwälte möglicherweise dringend davon abraten!


+++ Oliver Kalkofe veredelt das Spiel mit der Meta-Ebene
Da kommt dem um Verständnis und Rechtfertigung Ringenden Oliver Kalkofes Erklärsendung auf Tele5  sehr zupass. Der Satiriker liefert engagiert, besonnen und in ironiefreiem Duktus einen Erklärungsansatz, der durch und durch plausibel und nachvollziehbar ist. Sein Ansatz besagt im Kern: „Die Provokation war die Satire“.

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In dem auch von Meedia gelobten „besonnenen Ton“ ordnet Kalkofe damit die Causa Böhmermann nicht nur in die Geschichte der Satire, sondern auch in die Geschichte der Bundesrepublik ein. Die Tragik liege darin, dass die Adressaten den Witz nicht verstanden hätten. (Was bei Satire ja nicht selten vorkommt und vom Profi eigentlich schon einkalkuliert werden sollte ….) Die Bundesregierung und allen voran Angela Merkel habe durch eine „bizarre Abfolge unsinniger Fehlentscheidungen“ das Ganze zur „absurden Staatsaffäre“ hochkochen lassen.
En passant auffallend am Kalkofe-Kommentar ist auch die farbige Sprache; als kreative Label für Erdogan z. B. „Wutwichtel“, „Huftierbesamer“ und „zürnender Muselmane“; auch treffend: „absurdester Fall Realsatire in der deutschen Geschichte“ etc.
Der Kalkofe-Kommentar hat nach Meedia-Einschätzung Viral-Erfolg-Qualitäten.

Senf: Kalkofes Erklärungsmodell ist das erste, das ein wenig weiterhilft und dem Satirefreund, der seit zwei Wochen um Verständnis ringt und inzwischen an dem ganzen Hype schon ziemlich ermüdet, stützend unter die Arme greift. Der attraktive Wohlfühlfaktor von Kalkofes Erklärungsansatz:  die Edelmütigkeit der ursprünglichen Absicht von Jan Böhmermann! Oder für den Lästerer: die hehre Überfrachtung der Aktion – auch Kalkofe kann nur interpretieren, nicht belegen – mit einer soo edlen Intention. Bleibt nur noch die Frage, wie „vernünftig“ es von den NMR-Machern war darauf zu spekulieren, dass ein derart komplexes Provokationsmodell hätte verstanden werden sollen. „Glauben“ und sich aneignen könnte man sich Kalkofes Ansatz nur in dem – schon widerlegten – Fall, in dem eine solche „Absichtserklärung“ vorher von Böhmermann an sicherer Stelle (z. B. bei einem Anwalt) hinterlegt worden wäre. DAS wäre professionell gewesen! Kalkofes Exegese ist solidarisch, sympathisch, loyal. Aber sie bleibt – eine Interpretation.

Und sie krankt am Wesentlichen: an der grundsätzlichen Strafbarkeit des Kerns der Aktion, des Schmähgedichts selbst. Was Jan Böhmermann ja nicht nur bekannt war, sondern was er auch vorab benannt hat. Nicht zuletzt deshalb überzeugt mich Kalkofes Erklärung nicht! Denn genau diese schon vorher bekannte Eigenschaft macht die gesamte Aktion zunichte, fragwürdig und für die Zunft unansehnlich. Da stehen der Satire ganz andere und vor allem subtilere Mittel zur Verfügung. Ein Satiriker, der erst eine potenzielle Straftat begehen muss, um etwas Wichtiges aufzuzeigen, beherrscht sein Handwerk nicht? Nicht auszudenken, wenn die Gerichte dann später womöglich entscheiden, es handele sich bei dem Kernelement, dem Schmähgedicht, tatsächlich um eine Straftat.

Das Schmählichste, was man zu Kalkofes Erklärvideo sagen kann: netter Versuch!


+++ Der Nonsens-Konsens der Leitmedien zur Kanzlerin-Entscheidung

Einen trefflichen Kommentar der Leitmedien-Kommentare zur Merkel-Entscheidung im Falle Jan Böhmermann liefert Meedia.
Es ist immer wieder darauf hinzuweisen: Zur juristischen Klärung der Angelegenheit, die viele Kommentatoren ja für ach so unabdingbar und rechtsstaatlich halten,  hätte es der Regierungsermächtigung überhaupt nicht bedurft! Mithin war diese Entscheidung obsolet!


+++ Didi Hallervorden missachtet Böhmermanns ausdrücklichen Wunsch
…. und hat – leider – schon wieder einen Protestsong aufgenommen! Dabei hatte Böhmermann in seinem Ich-bin-dann-mal-weg-Posting eigens noch darauf hingewiesen: „Darüber hinaus ist die Redaktion davon überzeugt, dass ein weiterer Song von Dieter „Didi“ Hallervorden zum Thema unbedingt zu verhindern ist.“ Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung …. hier!

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