TS54/19: Uhldingen-Mühlhofen: Südkurier-Wahlkampfhilfe für die CDU

Andere Parteien und Wählerinitiativen am See kritisieren es schon seit Monaten: Die jeweilige Lokalzeitung – im Fall Uhldingen-Mühlhofen der Südkurier – bevorzuge die CDU in ihrer Berichterstattung.

Diese „Wahrnehmung“ lässt sich sprachlich in vielen Fällen dingfest machen. Es sind Kleinigkeit, welche dem Laien vielleicht gar nicht auffallen. Wenn etwa der Südkurier bei seiner Vorstellung der Wählerinitiative Aktive Wählergemeinschaft Uhldingen-Mühlhofen (AWG) über die Kandidatin Annerose Häußermann schreibt:

Angeführt wird die Wahlliste von Rudolf Butterweck, ehemaliger Gemeinderat. Auf Platz zwei folgt Annerose Häußermann. Sie sei auf dem Gebiet der Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung selbstständig tätig. Sie bringe auf diesem Gebiet ein Fachwissen ein, von dem sich die AWG „mehr wirtschaftliche Transparenz“ in der Kommunalpolitik verspreche.
(Südkurier 05.04.2019: „Neue Liste für den Gemeinderat will für mehr Transparenz sorgen“; Hervorhebg. K. B.)

… ist die an dieser Stelle völlig unangemessene Verwendung des Konjunktivs („sei“ und „bringe“) eine subtile Diskreditierung von Annerose Häußermann.

Der Konjunktiv kommt – abgesehen von der indirekten Rede – bei Journalisten dann zum Einsatz, wenn sich Aussagen nicht überprüfen lassen oder der ausgedruckte Sachverhalt kritisch gesehen wird. Dass Annerose Häußermann einen Eliteberuf in der Bundesrepublik ausübt, nämlich den einer Wirtschaftsprüferin, ist eine ohne Probleme überprüfbare Tatsache (z. B. hier auf Seite 50 WPG-Magazin 1/2016 namentlich aufgeführt für 25jähriges Berufsjubiläum!).

Häußermann „sei“ nicht auf dem Gebiet der Wirtschaftsprüfung tätig, sie IST es. Dem für diesen Beruf notwendigen Staatsexamen ist auch bündig zu entnehmen, dass sie deshalb entsprechendes Fachwissen in ihre Gemeinderatsarbeit einbringen wird.

Der hier als sprachliches Mittel der Herabwürdigung genutzte Konjunktiv soll genau das infrage stellen.

Aus der Südkurier-Berichterstattung im Vorfeld der Kommunalwahl ließen sich jede Menge solcher Beispiele subtiler Diskreditierung durch die Verwendung entsprechender sprachlicher Mittel anführen. Nur ein weiteres aus der Fülle derer: der frühe Umgang des Südkurier mit der Wählerinitiative BÜB+  in Überlingen. Die wurde – sachlich falsch – zunächst als ein Zusammenschluss von DIE LINKE und BÜB+ bezeichnet. Zwar hat der Südkurier diesen „Fehler“ nach dem BÜB+-Veto sofort und nachvollziehbar korrigiert. Ich Blödel hatte das dann auch noch lobend besenft. Erst später ist mir klargeworden, dass dieses „Branding“ der BÜB+ als dem linken politischen Lager zugehörig vermutlich eben kein „Versehen“ war?

Spätestens an dieser Stelle dieses TagesSenfes wird es Zeit, erneut auf das Rezo-Video zu verweisen, das kurz vor den Wahlen durch alle Medien geht. Die vollkommen hilflosen Reaktionen von CDU/CSU und SPD auf diese reichweitenstarke Stimme der Jugend bekräftigt den Inhalt des Videos nur.

Kommen wir zurück auf die virtuose Verwendung des Konjunktivs durch den Südkurier, um die AWG-Kandidatin Annerose Häußermann in ihrer nachprüfbaren und imposanten beruflichen Qualifikation infrage zu stellen. Eine Verwendung des Konjunktivs im CDU-Wahlkampfhilfe-Artikel des Südkurier einen Tag vor den Kommunal- und Europa-Wahlen über Bürgermeister Edgar Lamm (CDU), der für den Kreistag kandidiert, lässt sich im Gegensatz dazu zum Beispiel kaum feststellen.

Lamm darf sich 24 Stunden vor Urnengang nahezu ganzseitig im Südkurier präsentieren. Das, was redaktionell an der ganzen Seite fehlt, wird durch eine „Anzeige“ der CDU hinreichend kompensiert, wenn nicht gar initialisiert? *

Bildzitat Screenshot Südkurier 25.05.2019 (= 1 Tag vor Kommunalwahlen Baden-Württemberg und Europawahl): Nahezu ganzseitig präsentiert sich die CDU dem Wähler. Dabei nimmt die "CDU-Anzeige" noch den wenigsten Raum ein. Am meisten Platz verbraucht ein Text, der keinerlei journalistische Leistungen enthält und ausschließlich aus Zitaten besteht, die durch indirekte Redewiedergaben verbunden werden. HOFBERICHTERSTATTUNG vom Feinsten! Südkurier 25.05.2019: "Uferpromenade als neuer Glanzpunkt"; der Text sowie die Fotos wurden zum Schutz der Urheberrechte des Südkurier weitgehend unkenntlich gemacht.

Bildzitat Screenshot Südkurier 25.05.2019 (= 1 Tag vor Kommunalwahlen Baden-Württemberg und Europawahl): Nahezu ganzseitig präsentiert sich die CDU dem Wähler. Dabei nimmt die „CDU-Anzeige“ noch den wenigsten Raum ein. Am meisten Platz verbraucht ein Text, der keinerlei journalistische Leistungen enthält und ausschließlich aus Zitaten besteht, die durch indirekte Redewiedergaben verbunden werden. HOFBERICHTERSTATTUNG vom Feinsten!
Südkurier 25.05.2019: „Uferpromenade als neuer Glanzpunkt“; der Text sowie die Fotos wurden zum Schutz der Urheberrechte des Südkurier weitgehend unkenntlich gemacht.

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Dabei wäre der Konjunktiv hier an vielen Stellen dringend angezeigt: „Neugestaltung steht vor dem Abschluss“ – woher will der Südkurier das wissen? Das ist zunächst einfach einmal eine Behauptung, die hier wiedergegeben wird und deshalb im Konjunktiv stehen müsste.

Ansonsten laviert sich der Südkurier durch viele Zitate aus der Bredouille einer Veröffentlichung, die keinerlei journalistische Leistungen enthält. Das Zitat ermöglicht dem Journalisten immer, keine Stellung zum potentiellen Wahrheitsgehalt einer Aussage beziehen zu müssen.

Natürlich hätte man Annerose Häußermann auch mit ihrem Qualifikationsnachweis, staatlich geprüfte Wirtschaftsprüferin zu sein, zitieren können. Aber das hätte sie natürlich nicht so diskreditiert wie die Verwendung des Konjunktivs. Fühlen Sie mal den Unterschied:

+ Im Gespräch mit dem Südkurier verwies Burger auf ihre berufliche Qualifikation: „Ich bin Linguistin M. A. und habe unter anderem in Konstanz studiert.“
Im Gegensatz zu:
+ Burger behauptet, Sprachwissenschaftlerin zu sein.

Evident.

Zurück zum Südkurier-Wahlempfehlungsartikel für die CDU und Bürgermeister Edgar Lamm. Natürlich wissen die „Redakteure“ ganz genau, wie heikel eine solche Gratwanderung in Form eines Pseudoartikels ist, der fast ausschließlich aus Zitaten und indirekten Redewiedergaben besteht.

In Tat und Wahrheit ist so etwas gar kein Artikel, sondern ebenfalls „Anzeige“ – eben nur in Textform. Die Ballung und Fülle von Zitaten in dem genannten „Artikel“ liegt dramatisch jenseits des Üblichen. Die auffallend vielen Zitate werden dann nur noch durch indirekte Redewiedergabe miteinander verbunden: Lamm erläuterte dies, Lamm erläuterte das.

Für das, was die Südkurier-Seite am Tag vor der Wahl enthält, hätte man keinen Journalisten gebraucht. Eine journalistische Leistung ist im gesamten Artikel nicht erkennbar. Allerdings verdient der Verfasser Holger Kleinstück ein Lob als dienstfertiger Protokollant!

Der Konjunktiv dagegen kommt beim Hofberichterstatter Kleinstück nur dort zum Einsatz, wo es wirklich nicht mehr anders geht – zum Beispiel bei den Kostenüberschreitungen für die Neugestaltung der Uferpromenade in Uhldingen-Mühlhofen:

Sie [die Kostenüberschreitung – Anmerk. K. B.] sei zum großen Teil durch die Entsorgung des belasteten Bodens im Wegebereich der Ostmole bedingt.
(ibid.)

Der gesamte Globus, Europa, Deutschland und auch die Gemeinde Uhldingen-Mühlhofen haben riesige Probleme zu lösen. Wenn die CDU Uhldingen-Mühlhofen, Edgar Lamm und der Südkurier meinen, ein fast ganzseitiger Artikel über eine Uferpromenade könne eine Wahlempfehlung sein, beweisen sie damit nur, dass auch sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben.

Am gleichen Tag wird mir ein weiterer interessanter Artikel des AWG-Kandidaten Peter Groß über die von ihm kritisierte massive Geldverschwendung bei der Touristinformation in Uhldingen-Mühlhofen vorgelegt. Der erscheint natürlich nicht im  Südkurier.
Viel schlimmer aber noch: Er erscheint auch nicht bei der AWG!

Mein Fazit: Die Kommunalwahl für die Bürger in Uhldingen-Mühlhofen am Sonntag ist die zwischen Pest und Cholera. Änderungen zeichnen sich nicht ab. Denn ich zweifele daran, ob es ein einziger (1) SPD-Kandidat mit dokumentiertem Transparenz- und Kooperationswillen sowie publizistischer Professionalität wie Domenico Ferraro mit seinem Blog UM gestalten reißen kann.

Mein Tipp an die wirklich unabhängigen Parteien und Wählervereinigungen in UM ist der, diesen Südkurier-Artikel dem Deutschen Presserat mit der Bitte vorzulegen zu prüfen, ob es sich hierbei um unerlaubte Wahlkampfhilfe handeln könne. Dort hat man schon häufiger vom Südkurier am See gehört …

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[…] Brille so einiges in der Berichterstattung zumindest „diskussionswürdig“ ist, beweist dieser Artikel von Frau Karin Burger eindrucksvoll (die aufmerksame Lektüre ihres Blogs […]

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