SaSe18: Special Interest (1): Satire und Kabarett in der, über die und als Medizin

Satire und Kabarett in bestimmten Themen- und Interessensgebieten unterliegt per definitionem einer ungerechten Begrenzung ihrer Reichweite. Da sich diese Satire an eine Zielgruppe mit bestimmten Vorkenntnissen wendet, kommt sie in der Regel auch nicht aus diesem Zielgebiet heraus. Weder die einschlägigen Satire-Zeitschriften noch die großen Satire-Blogs sind an diesem Output interessiert, weil ihren Leser für dessen Dekodierung die Kenntnisse fehlen. So pulsieren Special-Interest-Satire und –Kabarett außerhalb des Satire-Mainstreams. 

Nur selten und unter offensichtlichen Voraussetzungen schaffen es einzelne dieser Werke aus dem abgezirkelten Kreis hinaus: Wenn sie für jedermann verständlich und dekodierbar sind und/oder ein ohnehin in der öffentlichen Wahrnehmung befindliches Thema behandeln. Ein Beispiel aus dem Jahr 2012 in Der Freitag.

Der Link auf eine weitere Medizin-Satire, die es parallel sowohl in das edelste Verlautbarungsorgan der Branche (Deutsches Ärzteblatt) wie in eine Satire-Zeitschrift geschafft hatte, finde Sie am Ende des Artikels.

Die SaSe-Artikelserie „Special Interest“ forscht diesem satirischen Output nach und stellt interessante Autoren, Webseiten, Blogs, Kabarett-Gruppen und Videos vor.


Medizinisch vorbelastete Kabarettisten
Das Thema Medizin und Gesundheit ist in diesem Satirefeld prädestiniert für die Tȇte. Es betrifft fast jeden irgendwann im Laufe seines Lebens; andere lebenslang. Überdies tauchen in der Kabarettisten-Szene immer wieder einmal Ärzte auf. Der „Dienstälteste“ unter diesen dürfte Dr. Ludger Stratmann sein (Wiki).  1998 gab er seine Allgemeinarztpraxis auf und widmete sich nur noch dem Kabarett (Bühne und Fernsehen). Seit 2001 hat er im WDR seine eigene Comedy-Sendung: „Stratmanns – Jupps Kneipentheater im Pott“ (WDR-Mediathek mit Sendevideos). Mit Referenz auf das Thema Medizin ist Stratmann auch im Internet zu finden: Dr. Stratmann Heiteres medizinisches Kabarett.

Ein weiterer prominenter Kabarettist und Comedian mit medizinischer Qualifikation ist Dr. Eckart von Hirschhausen, der übrigens 1994 mit der Auszeichnung „magna cum laude“ promovierte. Hirschhausen ist ein Allround-Talent und wird bei Wiki als „Moderator, Zauberkünstler, Kabarettist, Comedian und Schriftsteller“ gelabelt. Er hat inzwischen besonders als Moderator der seichten Unterhaltung Karriere im Fernsehen gemacht und darf für das anspruchsvolle Kabarett als weitgehend verloren geführt werden. Hirschhausen thematisiert Medizin und Gesundheit auch bei seinen Auftritten und verfügt über die besondere Gabe, physiologische Zusammenhänge gut verständlich und besonders unterhaltsam darzustellen. Darüber hinaus ist er für sein umfassendes ehrenamtliches Engagement bekannt und ist Geschäftsführer der g(!)GmbH Stiftung Humor hilft Heilen. Das mit dem Namensbestandteil „Stiftung“ einer gGmbH ist ein unschöner Trick, aber die Transparenz der gGmbH hat Vorbildcharakter für andere Konstrukte an den Außengrenzen der Kabarettszene.


 

Mediziner-Kabarett in Deutschland und Österreich
Die Sparte Medizin in Deutschland verfügt über eine eigene Kabarettgruppe:  Elephant Toilet, das „Medizinerkabarett aus Gießen“. Das hatte es mit seinem Angebot ebenfalls schon einmal in den Mainstream und die Berichterstattung der Leitmedien geschafft. 2013 berichtete die Frankfurter Rundschau über die Satiregruppe der Jungmediziner, die auf der Bühne ihre Erfahrungen in dieser Rolle thematisieren. Inzwischen allerdings ist auch dieser Nachwuchs wohl arriviert. Die gelisteten Bühnenprogramme brechen 2013 ab. Die Gruppe tritt nur noch selten auf (vgl. Termine).


https://youtu.be/gRuMVzl5nXc


Auch Österreich hat ein Mediziner-Kabarett vorzuweisen, die Patientenflüsterer Peter und Tekal (vormals Peter und Teutscher) i. e. Magister Norbert Peter und Dr. Ronny Tekal. Im Selbstporträt betonen sie ihr Engagement für Patienten. Auch in den zahlreichen Büchern der Autoren ist Medizin und Gesundheit das dominierende Thema (Bücherliste, DVDs etc. hier). „Peter und Teutscher“ inszenieren Systemkritik ganz nah am Menschen:



Oder brauchen Sie Sexualberatung?


 

Monsterdoc
Bei der Recherche zu medizin-satirischen Blogs fällt auf: Insbesondere Jungmediziner sowie Berufstätige aus den medizinischen Nachbarbereichen leiden oft so nachhaltig an den Widersprüchen ihres Jobs, dass sich damit unterhaltsam diverse Blogs füllen lassen. Beispiele:
+ Lehrjahre einer Schneiderin: Chirurgie, Notärztin, Feierabend: Ein Chirurgiewelpe erzählt (https: //chirurgenwelpe.wordpress.com/)
+ Blog einer Apothekerin in der Schweiz (http: //pharmama.ch/ ) 
+ ein Krankenpfleger in Bayern (http: //www.pflegenot2014.de/) 
und Rettungassistenten/Innen :  
+ Der Krangewarefahrer
+ Blaulichtengel (https: //blaulichtengel.wordpress.com/)
+ Wenn der Melder geht (https: //wenndermeldergeht.wordpress.com/about/);

Ein etablierter Arzt-Blog mit Medizin-Satire ist Monsterdoc des Friedrichshafener Mediziners Dr. Wolfram Schweizer. Die Verfügbarkeit eines ordnungsgemäßen Impressums scheidet diesen Blog von anderen. Die Themenpalette ist gut sortiert und reicht von Notarzteinsätzen (11 Beiträge) über diverse Ratgeber und die satirische Abhandlung von sportmedizinischen Fragen (43 Beiträge) sowie physiologisches Grundwissen (Rubrik „Was geht ab im Körper?“ mit 8 Beiträgen) bis zu aktuellen Erkrankungen und die Geheimsprache der Ärzte (14 Beiträge). Wer für den Lesegenuss lieber auf ein Buch  zurückgreifen möchte: hier!

Welche Anforderungen an diese besondere Zielgruppe der medizinischen Satire gestellt werden und warum medizinische Laien oft vom Witz ausgeschlossen sind, illustriert die Diagnose des Notarztes am Berghang, der bei der Patientin „auskultatorisch ein Schädel-Hirn-Trauma“ festgestellt haben will. Auskultation ist das Abhören des Körpers, typischerweise mit dem Stethoskop. Mit diesem Verfahren lässt sich schwerlich ein Schädel-Hirn-Trauma diagnostizieren.



Für medizinische Laien auf jeden Fall aber interessant ist die Monsterdoc-Satire-Serie zur Geheimsprache der Ärzte; die Übersetzungen stehen jeweils im Klammerausdruck:

“Sie haben eine Wundinfektion! Das können wir mit Antibiotika in den Griff kriegen!” (Der Chefarzt hat wahrscheinlich seine Krawatte vor der Operation nicht desinfiziert. Wenn da allerdings MRSA drin ist, wird es bitter!)
“Die Nachbehandlung Ihrer Gallen-OP kann der Hausarzt übernehmen, Sie müssen gar nicht mehr ins Krankenhaus kommen” (Wir streichen die Prämie ein, und der Stiegenterrier darf das Nachsorge-Geblödel für nen Nuller übernehmen, super!)

(Monsterdoc, Geheimsprache der Ärzte Teil 8)

Und was will der Hausarzt tatsächlich sagen?

“Krankengymnastik ist in Ihrem Fall nicht günstig” (Das Budget ist schon längst erfüllt und ich habe keine Lust auf einen Regress)
“Ich muss jetzt dringend auf Hausbesuch” (Der Golfplatz ruft!)
“Ich gebe Ihnen eine Überweisung zum Facharzt, der kennt sich da am besten aus” (Ob ich Sie behandle oder einen Überweisungsschein ausstelle, gibt für mich das gleiche Geld. Dann wähle ich doch lieber die einfachere Variante)

(Monsterdoc, Geheimsprache der Ärzte Teil 7)


Medizynicus
Warum der Arzt-Blog Medizynicus kein Impressum aufweist (Betreiber ist aber eruierbar und wird deshalb verlinkt), beantworten Texte wie Mafia gründet eigene Klinik oder der Start ins Wochenende für einen Klinikarzt. Die Satiren dort sind oft angenehm kurz und haben Anekdotencharakter. Auch vom Medizynicus gibt es Bücher – e-books: hier und hier.

Wessen Neigungen eher den Psychopathologien des Menschen gewidmet sind, könnte sich am Blog Psychosatire erfreuen: http: //psychosatire.blog.de/, der allerdings aktuell nicht mehr gepflegt wird. Die letzten Einträge dort datieren aus dem Jahr 2013.

Ebenfalls mit der vorangestellten Satire-Frage hier eine interessante Zitate-Sammlung von Dikta weiser Leute zum Thema Medizin.
Auch Patienten-Selbsthilfegruppe finden die notwendige seelische Entlastung in der Satire. Frei von Zimperlichkeiten gehen CMD-Kranke (cranio-mandibuläre Dysfunktion) ihre Lebensrealität mit diesen beinharten Karikaturen an.


Der Klassiker: Eugen Holländer
Der Klassiker zum Thema Medizin und Satire ist die medico-kunsthistorische Studie von Eugen Holländer: Die Karikatur und Satire in der Medizin. Das Buch ist eine einzigartige Sammlung von medizinisch interessanten Kulturgegenständen und Gemälden, die leider  im Zweiten Weltkrieg verloren ging. Bei dem jetzt greifbaren Exemplar handelt es sich um einen Nachdruck der Originalausgabe 2. Auflage aus dem Jahre 1921.

Der Diplom-Designer Frank Geissler stellt eine Sammlung medizinischer Cartoons und Illustrationen zur Verfügung.


Das leichte Spiel mit der Alternativmedizin
Als Prolaps des Kernbereichs medizinischer Satire gibt es dann noch eine Fülle von satirischen Angriffen auf die Alternativmedizin.



Nicht bei Vince Ebert, aber bei anderen Autoren wird dabei oft mit Klischees gearbeitet. Es fehlt: die Besonderheit der medizinischen Satire, also das Fachwissen des medizinisch qualifizierten Satirikers der de facto einen hyperthyreoten Hypochonder von einem hypotonen Hydrocephalus auch zu unterscheiden vermag. Die Grenzen der vermeintlich zu kritisierenden alternativmedzinischen Missstände zur Esoterik sind fließend.



Obige Synopse auf die medizinische Satire erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Weil es sich zum Thema anbietet, finden Sie in der SaSe-Rubrik „Satiren“ die Satire Das Patientenschnitzel. Das ist nicht im Kern eine medizinische Satire, sondern eine aus Patientensicht. In dem Fall allerdings – und vermutlich NUR wegen der Patientensicht – ist es gelungen, diese Satire (in jeweils redaktionsindividuell gekürzter Form) sowohl im Deutschen Ärzteblatt (Jahrgang 105, Heft 47, 2008) wie in der  Satire-Zeitschrift Eulenspiegel (1/2009) zu veröffentlichen.

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