SaSe23: Rezension Bruno Jonas: „Der Vollhorst“ – Ein Buch für Leser oder der Terrier auf Langstrecke

Der belesene Mensch. Wenn er schreibt. So er schreiben kann. Dann: Genuss. Wenn er witzig schreiben kann: Genuss plus. Wenn er Bruno Jonas heißt und das Geschriebene Vollhorst: Der Erfolgstyp in Politik, Kultur und Gesellschaft titelt, dann wird der Genuss zum Gewinn.


Klugschiss gut ist
Wobei: Rosi würde sie nicht goutieren, die Erwähnung der Belesenheit. „Damit’s nicht zu theoretisch wird oder gar klugschissig“. Rosi rät: weglassen, das intellektuelle Zeug, das hochtrabende, ‚das verzopfte Gewäsch‘“ (S. 230).
Rosi sei oder ist Jonas‘ Lebensgefährtin. Der gelegentliche Dialog mit ihr im durchgehend privat-häuslichen Setting setzt erholsame Zäsuren im weltbetrachtenden Monolog des Erzählers. Da ist Jonas Bayer genug, konservativ und Patriarch, seine Frau in die Stichwortgeberrolle zu dirigieren. Auch wenn sie dort den auktorialen Erzähler gelegentlich zurückstutzt. Ein geschicktes Bescheidenheitstopos.

Was hat er denn gelesen, der schreibende Mensch? Zum Beispiel die Bibel, wobei die bei dieser Herkunft mutmaßlich als unvermeidbarer Bestandteil der Sozialisation der bayerischen Nachkriegsgeneration zu werten ist. Zitate derer sind auf selbstständige Lektüre nicht angewiesen. „Bibel“ turnt den modernen Leser auch eher ab. Na gut, nimm dies, moderner Leser: Neben der klassischen Bildung (i. e. das intellektuelle Zeug) à la Platon & Co. sind das frühstücksbegleitend  aktuelle Artikel der Süddeutschen Zeitung (Pflichtlektüre im Hause Jonas). Die liefern dem Erzähler immer wieder Vorlagen für seine Vollhorst-Suche und dessen Porträt. Dann Luhmanns Niklas, auf dessen „scharfe Gedanken zur Moral in der Politik“ weder Jonas verzichten will noch der Leser verzichten wollen sollte, so er denn an den Triebkräften des politischen Vollhorstes interessiert.  Die einschlägigen Autoren der Frankfurter Schule natürlich, schon allein wegen dem „Verblendungszusammenhang“.

Sloterdijk braucht’s zum Verständnis der „Erregungsgesellschaft“. Auf der Spur des akademischen Vollhorstes stolpert Rosis Klugscheißer bei dem (für Jonas und mich) wichtigen Thema Alter über den Erlanger Professor für Pflegewissenschaften von der Evangelischen Hochschule in Nürnberg, Jürgen Härlein. Dem roten Faden getreulich folgend, führt diese Bewegungsanomalie  Leser und Autor zu dem gerade nicht als akademischen Totalausfall zu wertenden Juristen Jürgen Borchert und dessen Sozialstaatsdämmerung.

Und so geht es munter und in einem fort. Der zeitgenössische Leser freut sich einen Ast am roten Faden. Heute auch schon keine Selbstverständlichkeit mehr. Der (Faden, rot) webt eine inhaltliche Textur von erlesener Qualität und bleibt „rot“, auch wenn so vorgebliche Alternativlosigkeiten wie Demokratie und Europa hart rangenommen werden. Müssen.


https://youtu.be/jaBb7OTmF8Y


Jonas‘ Terrierqualitäten
Ein anderes Bescheidenheitstopos: Es sei nicht Jonas‘ Idee gewesen, die Welt mit diesem Buch zu beglücken: „Warum kein sinnvolles Buch?“ (S. 11). Verleger-Idee. Kannste glauben oder auch nicht. Eine Einladung des Vorgenannten zum Essen, dessen flüssige Bestandteile des Autors Widerstand gegen diese Buchidee ertränkt hätten. Damit ist Jonas fein raus. Im Rohrkrepierer-Fall bleibt‘s an Marcel Hartges hängen. Merke ich mir.

Wobei: Dieser Ansatz würde erklären, warum sich Jonas ständig zur Synopse, zum ganzheitlichen Porträt des Vollhorstes „in Politik, Kultur und Gesellschaft“ genötigt sieht, was seinen Terrierqualitäten widerspricht. Denn das amüsiert betrachtende Schlendern bei nolens-volens kursorischer Bestandsaufnahme ist seine Sache nicht. Richtig gut und unter Einsatz des Optimums seiner kabarettistischen Qualitäten wird er dort, wo er sich mit einem (1) Phänomen intensiv beschäftigen kann, es genüsslich filetiert, sich tief ins Thema verbeißt.

Zum Beispiel die Rede des Bundespräsidenten Gauck – „Gedenkhorst“ (S. 258) – anlässlich der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 70 Jahren. An diesen Stellen leistet das Buch, was der politisch Interessierte von Satire und Kabarett erwarten darf: Katharsis! Angemessen empört stochert der Autor im bundespräsidial Erbrochenen und arrangiert dessen Bestandteile nach ihrer inhaltlichen Logik. Das führt zwangsläufig zu solch herrlichen Dikta wie „Durch die Bereitschaft zur Gewalt können wir zur Stabilität des Friedens beitragen“ (S. 261) oder „Der gute Krieg erwächst aus der Verantwortung für den Frieden“ (S. 262). Und spätestens bei der dem Volke im aktuellen Fall und entgegen deutscher Gepflogenheiten vorenthaltenen Frage „Wollt ihr die totale Verantwortung?“ muss der Leser wieder aufspringen, um Papier und Stift zu holen, so er diese nicht bereitgelegt hätte. Solche Perlen gehören aufgefädelt. An diesen Stellen ist Hartges raus aus der Verantwortung!

Nur sind (mir) diese Stellen (etwas) zu selten. Bei Jonas ist es nicht der Marsch durch die Institutionen, die ihn (etwas) verlieren lässt, sondern der Zwang zum ganzheitlichen Bild (des Vollhorstes), „ein so gewaltiges Vorhaben“ (S. 11).



Aus dem kabarettistischen Nähkästchen geplaudert
Aber es gibt Kompensationen!  Selten, aber doch plaudert Bruno Jonas unterhaltsam aus dem kabarettistischen Nähkästchen. Zum Beispiel im Kontext des Drehbuches zu – vermutlich-offensichtlich – der Uli-Hoeneß-Satire Udo Honig – kein schlechter Mensch (Regie Uwe Janson).  Eine Filmproduktionsfirma (*orakel-orakel*) hatte bei Jonas angefragt, ob er darin eine Rolle übernehmen wolle. Um das beurteilen zu können, wurde ihm das Drehbuch zugeschickt. Nach Lektüre desselben kam der Begehrte zu dem auf gnadenloser Selbstkritik fundierten Urteil: nö. Daraufhin fordert die Produktionsfirma eine Verschwiegenheitserklärung von Jonas, damit dieser nicht aus der Kenntnis des Drehbuchs Kapital schöpfe, schlage oder diese anderweitig verwerte. Dem steht Jonas‘ bekanntes (also im Sinne des Partizip Perfekts von bekennen) Querulantentum entgegen. Daraufhin droht die Gegenseite mit der Rechtsabteilung. Keine gute Idee, denn Jonas kann auf Barbara Streisand vertrauen und gibt auf den folgenden vier Seiten eine mit vielen schwarzen Unkenntlichkeitsbalken "anonymisierte" Inhaltsangabe wieder. Natürlich ohne den Filmtitel oder andere Namen zu nennen.

Das hätten Sie, Herr Second Assistant Producer, vorher wissen können. Denn jeder gute Satiriker pinkelt dem Droher und dem hinter ihm stehenden arroganten Juristenpack so kunstvoll in den Tee, dass beide nur noch Abstand nehmen können. Der Coup hinterlässt beim Leser mit vergleichbaren Erfahrungen ein tief befriedigtes: Yes!



Oder das Kapitel „Ein Horst passt immer“ (S. 243): Wenn die einschlägigen Frau Senfes aus den Redaktionen von Talkshows bei Kabarettisten anrufen, die als schiere Versatzstücke ihre Funktion in der jeweiligen Themen-Dramaturgie zu erfüllen haben. Eher eine Sache für die Vollhorste unter den Kabarettisten … (guckst du hier: Video in SaSe15).

Ganz auf Rosis Seite ist die Rezensentin im Falle des Antwortschreibens an einen katholischen Priester, der sein Nichtverstehen von Satire gleich direkt an den Intendanten des Bayerischen Rundfunks artikuliert hatte. Rosi hatte es auch schon gesagt und ihrem Bruno davon abgeraten, seine Antwort darauf abzuschicken. Die Kluge! Leider hat dieser Brief dann Eingang in das vorliegende Buch gefunden. Das bricht vor allem dem Autor aufgrund seiner degoutanten Belehrungen Verzierungen ab. Verbuchen wir es unter "Menschliches – Allzumenschliches"!


Der antizipierte Reaktionär
Wer Kabarettist ist und nicht Nuhr oder Somuncu heißt, dem mag das Etikett „reaktionär“ hart ankommen. Aber auch hier wachsen dem viefen Satiriker Flügel  – schier durch Antizipation. Jonas präsentiert seine Gedanken zur ausufernden Genderdiskussion, zur SPD, zu Europa und Euro ohne Gleitcreme.

In fassungsloser Rezeption besonders Erstgenannter, bei der er Totalitarismus zu erkennen vermeint, sieht er sich schon auf den Wiedereintritt in die katholische Kirche zuschlittern. Hier wäre es, so mutmaßt der Autor, das Amt des Kabarettisten zu mahnen und zu warnen. Kann er aber nicht, weil gegen Zeitgeist. Und Rosi spricht es aus: „Scheiße. Dann wirst du wohl damit leben müssen, ein Reaktionär zu sein“ (S. 63/64). Das leitet das nächste Kapital ein: „Reaktionär“. Da geht es dann um Querulanten, die für das Kabarett ungeeignete Rechts-Links-Diversifikation, um Norm und Herdprämie. Wenn Jonas dort über Mutter-Kind-Symbiose und Störungen des frühkindlichen Grundvertrauens parliert, dann können sich die Wege von Autor und Leser auch einmal trennen. Das bringt auch Dynamik in die Lektüre!

Zumindest „schwierig“ und an eingangs genanntem Anspruch der Ganzheitlichkeit krankend wird es auch im Kapitel „Krude Ängste“. Da sitzt Jonas mit Freund Andreas im Literaturhaus (!). Es geht um Pegida, das Kleinbürgertum, krude und diffuse Ängste, Islamophobie. Der Kniff des auktorialen Erzählers hier: Andreas spricht. Dafür kann der Autor nicht! Wie dramatisch dieses Sprechen ist, erkennt der Leser daran, dass sich Jonas selbst die Komik verbietet. Expressis verbis und wiederholt: „Bloß keine Komik!“ (S. 193). Alarm! Durch erzähltechnische Tricks und satirische Verfremdung lässt sich dort schlussendlich aber keiner in Haft nehmen. Nein, verstanden habe ich es nicht. Deshalb bin ich ja des Humors bedürftig, denn auf Seite 229 schreibt Jonas es selbst: „Wer die Wahrheit hat, brauch keinen Humor“.


Für Lobotomierte kontraindiziert
Achtung, jetzt kommt der Mörder-Gag: Bruno Jonas' Buch Vollhorst ist nichts für Nichtleser. Auch nicht für Hirnatrophierte und Glaubenskämpfer, nicht für Denkfaule und Selbstgerechte und all jene, die sich im Brechtschen Sinne nicht verändert haben. Vollhorst galoppiert einmal rund um den Globus, durch Postdemokratie und Platons Höhle, streift Willy Brandt, Gerhard Schröder, Putin, Christine Lagarde. Martin Schulz wird komplett über den Haufen geritten. Über Vollhorsts Stock und Stein: „Förderalissimus“ und Wertewandel, „himmlische Korruption“ und kreative Verluste, „Volksabfälle“ und Volksbefragung, Eukaryontik und geschlossene rechtsextremistische Weltbilder in allen Partein. Dazu jede Menge brauchbare Sätze und Neologismen (meine Favoriten: „katholophob“, „Verblendungszusammenhang“ und – best of – „Wollt ihr die totale Verantwortung?“). Mal ist der Leser dem Autor ganz nahe, dann wieder ach so fern. Und immer wieder erdend: Rosi!

Ach was, lesen Sie es doch selbst!


 

Andere meinen:
+ Interview Die Welt mit Bruno Jonas zum Buch
+ Interview tz mit Bruno Jonas zum Buch (dort auch zum Thema Gender, Verkrippung und EU)
+ Großes Interview Merkur mit Bruno Jonas zum Buch
+ Frankfurter Allgemeine: Hoppla, bin ich jetzt reaktionär? (Eine Zusammenstellung von Texten aus dem Buch)
+ stern: Die Abrechnung mit dem Vollhorst. Bitteres Buch von Bruno Jonas

Aktualisierung vom 04.07.2015:
Am 2. Juli 2015 trat Bruno Jonas in der ZDF-"Schmierenkomödie" Markus Lanz auf und führte sein Buch, seine Äußerungen und sich selbst ad absurdum – siehe dazu SaSe29!

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