SaSe79: Rezension John Niven „Old School“: Frühlingsheller Lesegenuss inmitten der heiligen Scheiße

Wer einfach einmal fliehen möchte, raus, eine kleine Pause braucht, kraftspendende Erholung sucht von all den komplexen globalen und für den Einzelnen unlösbaren Problemdschungeln wie Flüchtlingskrise, Isis-Terror, Syrienkrieg, Köln-Causa, Denkfunk-Dummfug, Undundund, dem sei als (geistige) Fluchtroute John Nivens „Roman“ Old School empfohlen.

Die Geschichte ist absurd. Die Protagonisten sind Antihelden bester Provenienz (Rentner, Arme, Behinderte). Die Handlung ist turbulent, spannend, kurzweilig und voller überraschender Wendungen. Die Tabubrüche sind saftig, denn Alltag ist es nicht, wenn ein angesehener Wirtschaftsprüfer in einer dunklen Sexhöhle tot aufgefunden wird, weil ihm seine Domina weisungsgemäß einen 60 Zentimeter langen Dildo ins Rektum gerammt hat.

SaSe79JohnNivenOldSchoolCover

Die bisher vorliegenden Rezensionen (siehe Links unten) kategorisieren Old School ebenso unspektakulär wie zutreffend als Gute-Laune-Geschichte, als einen köstlichen Lesegenuss mit hohem Tempo, der die süße Wohligkeit der erfolgreichen Rache am System verbreitet. Bürgerliche Empfindlichkeiten gegenüber triefendem Zynismus, schwelgenden „Scatologicals“, Ethels (eine der Heldinnen) derben Flüchen, vom Autor dosiert gesetzt, allerdings wären Fluchthindernisse. Ja, das wären sie, heilige Scheiße!


Kurze Inhaltsangabe
Die Antihelden sind: Susan Frobisher, 59 Jahre alt, frisch verwitwet. Ihr Ehemann Barry, Wirtschaftsprüfer, hat, wie sich postmortal herausstellt, jahrelang ein perverses Doppelleben als Sexmonster geführt und hinterlässt Susan nichts als Schulden. Ihr stufenweise die Wahrheit erklimmendes Entsetzen über den umfassenden Lebensbetrug, der ihren Lebensabend in Altersarmut festschreiben würde, wandelt sich in blanke Wut, die sie anschließend federleicht über alle Konventionen hinwegträgt.

Diese Wut teilt sie mit Julie, 60 Jahre alt. Die hat auch schon bessere Zeiten gesehen und verdingt sich nach diversen gescheiterten Geschäftsmodellen als Putzfrau im Altersheim, wo sie – ein skatologisches Muss – hauptsächlich mit den diversen Exkrementen der Bewohner befasst ist, die aber nicht einmal halb so widerlich sind wie die Schikanen ihrer Chefin. Heilige Scheiße!

Den Altersrekord im der Seniorinnengang hält Ethel Merriman, 87. Die schwer adipöse ehemalige Tänzerin sitzt – zumindest teilweise – im Rollstuhl und hat einen offenen Zugriff auf Flüche der untersten Kategorie. Sie überrascht im Handlungsverlauf mit detaillierter Waffenkenntnis und schreckt vor gar nichts zurück.

Ein eher pastellfarbener zarter Charakter voller Hemmungen, Ängste und Verzagtheit ist Jill, die an dem fehlenden Geld für die überlebenswichtige Operation ihres Enkels verzweifelt.

Über eine rasante Vorgeschichte, bei der die Charaktere glaubwürdig und mit viel Witz eingeführt werden, gelangen die Damen zu dem aus der vielgestaltigen existenziellen Not naheliegenden Entschluss, eine Bank zu überfallen. Fehlendes Know-how dazu holen sie sich bei Julies früherem Bekannten, dem Gangster und Altersgenossen Steve Savage, genannt „Nails“. Der schleppt sich alleinlebend an Gehhilfen durch seinen Bungalow und wechselt routiniert zwischen den Atemzügen aus dem Sauerstoffgerät und denen aus seinen Zigarren ab. Beim Banküberfall selbst, bei dem er das Fluchtauto fahren sollte, wird er durch einen dementen Schub zu einem Totalausfall und sorgt durch einen slapstickartigen Unfall dafür, dass die Nebenfiguren nachhaltig ausgebremst werden.

Die – Nebenfiguren –  rekrutieren sich aus dem ungleichen Polizistenduo Wesley und Boscombe, zwei weitere herrlich überzeichnete Charaktere – selbstverständlich wieder mit skatologischen Merkmalen. Denn Boscombe leidet unter sein Umfeld tyrannisierenden Verdauungsproblemen, weil er jegliches Fastfood nahezu beidhändig in sich hineinschaufelt. Überdies treibt ihn ein persönlicher Hass auf die Altengang bei deren Verfolgung quer durch Frankreich, wohin sich die bankräubendern Damen abgesetzt haben. Dieser Hass peitscht ihn blindwütig und ohne Rücksicht auf seine Karriere voran und durch alle körperliche Unbill (skurrile Unfälle) hindurch. Sein subalterner Kollege Wesley versucht vergebens, ihn immer wieder auszubremsen, steht der Verfolgungsdynamik aber ebenso hilflos gegenüber wie Boscombes Chef Chief Inspector Wilson.

In 82 Kapitel auf 400 Seiten komponiert Niven immer wieder nahezu aussichtslose Situationen, aus denen sich die renitenten Damen mit Phantasie, Mut und blanker Gewalt herausretten.


Nivens Witz aus Wut
Trotz der Slapstick, trotz Road-Movie-Ambiente: Niven schafft es, seinen Roman vor der Trivialität zu bewahren. Das macht den erfolgreichen schottischen Autor aus, der schon mit Kill your friends (2005) sowohl in Großbritannien wie in Deutschland einen Bestseller vorlegte. Seinen 2011 veröffentlichten religionskritischen Roman Gott bewahre musste er auf Druck der Verlage entschärfen.

Verantwortlich für diese gelungene Abgrenzung vom Trivialen in Old School mögen auch seine Motivatoren gewesen sein, wie er sie in einem Spiegel-Interview benennt:

Angst und Wut sind die Triebfedern des Romans. Wut auf die Banker, die lügen, betrügen und stehlen. Sie setzen Milliarden in den Sand, und ihnen passiert nichts. Von den Politikern kommt dann immer das Argument: „Weil es gut für die Wirtschaft ist“. Aber eigentlich sollten Politiker sich um das Wohl der Gesellschaft kümmern. Gerade ältere Menschen sind nahezu unsichtbar, als trügen sie eine Tarnkappe.
(Spiegel 12.11.2015: „Krimi-Autor John Niven: ‚Du musst schreiben, als ob deine Eltern tot wären‘„)

Die Idee dahinter:

Eine Story über Menschen zu schreiben, die nichts mehr vom Leben erwarten und dann feststellen, dass es erst richtig losgeht. Die aufstehen und sagen: „Wir lassen uns das nicht länger gefallen“. Das hat sicherlich etwas mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Ich bin erst spät Schriftsteller geworden, mit Ende 30. Für mich war das ein neuer Anfang, aber bei vielen meiner Freunde sah ich, wie sie es sich in ihrem Leben gemütlich gemacht hatten.
(ibid.)

Der im Titel des Spiegel-Interviews zitierte Rat zu schreiben, als ob die Eltern tot wären, spielt auf Nivens permanente Grenzüberschreitung, die chronische Verletzung des guten Geschmacks an. Um so etwas zu können, müsse man sich die zitierte Geisteshaltung aneignen. Und dabei schafft es der Schotte, immer noch glaubwürdig zu bleiben, denn die Tabubrüche haben Funktion und ziehen ihre Berechtigung aus der schreienden Ungerechtigkeit, welche die Protagonisten treibt.


Die heilige Scheiße im Pointen-Detail
Nivens Wut lässt sich nicht direkt nachmessen. Als Gradmesser darf sein Überfall-Humor herangezogen werden, der den Leser regelmäßig und unerwartet erfrischt und den Lesegenuss über den actionreichen Plot hinaus erhöht.

Auch wenn die Empörung der frisch gebackenen Witwe Susan nach den zur Kenntnis genommen Todesumständen ihres Mannes Barry mehr als verständlich ist, begeistert dieser offene und in korrekter Übersetzung der Gesprächslautstärke in Großbuchstaben vorgetragene Gefühlsausbruch:

„WENN DEINE LIEBELEI HINTER DEINEM RÜCKEN EIN PAAR BARMÄDCHEN VÖGELT, DANN IST DAS DEFINTIV NICHT DASSELBE, WIE WENN DER MANN, MIT DEM DU SEIT ÜBER DREISSIG JAHREN VERHEIRATET BIST, AN EINEM HERZINFARKT STIRBT, WEIL ER SICH BEI EINEM SPEXSPIELCHEN MIT EINER PROSTITUIERTEN DEN ARSCH MIT EINEM SECHSZIG ZENTIMETER LANGEN DILDO AUFGERISSEN HAT!“
(John Niven: Old School, S. 68)

Zumindest bis zur Trauerfeier (S. 80) produziert der Kontrast dieser Todesumstände mit dem bürgerlichen Kontext des biederen Wirtschaftsprüfer-Ehepaars und seines sozialen Umfeldes immer wieder entsprechende Pointen.

Aber Nivens Humor kann auch subtiler mit kleinen sprachlichen Perlen wie

Ethel konterte mit ihrem patentierten „Kann ich Ihnen helfen?“-Blick.
(ibid., S. 82)

Wobei Ethel sonst eher für die gröberen Kaliber zuständig ist. Ihre sexuellen Begehrlichkeiten gegenüber attraktiven Männern versteht sie dann in solche Bildlichkeiten zu kleiden (Gespräch mit Julie über deren Bekannten Terry Russell):

„Oh, attraktiv, reich und mysteriös?“ […] „Meinst du, er würde mich für ein Stündchen auf seinem Gesicht sitzen lassen?“
(ibid., S. 83)

Ja, die Witze sind gelegentlich derb, kommen dann aber immerhin im neuen Metaphernlook daher.

Der für den Banküberfall später wenig hilfreiche Nails skizziert das (Haft-)Risiko des Unternehmens inklusive der dort üblichen Duschdetails:

„Aber zack, höchstens drei Wochen später bückst du dich in der Knastdusche nach der Seife, und irgendein Schwazlutscher fährt mit seiner Lore in deine Mine ein.“
(ibid., S. 112)

Diese Pointe wird dann durch das Unverständnis seiner Zuhörerinnen erst richtig gewürzt, wenn Susan ihm nicht so ganz folgen kann, aber den Eindruck gewinnt, dass diese „Bergbaugeschichte“ irgendwie nicht gut klinge.

Kleine Pointen wie die „osmotische Übersetzung“ könnte der Leser häufiger vertragen. Das ist das Wirkprinzip, auf das Boscombe setzt, der des Französischen nicht kundige Polizeibeamte, wenn er ein und denselben Satz auf Englisch bei allmählich gesteigerter Lautstärke und parallel raumgreifenderer Gestik auf seine französischen Gesprächspartner niederbrüllt.


Uneingeschränkte Leseempfehlung
John Nivens Old School ist der Wellness-Urlaub auf dem Sofa oder im Sessel. Ob als „Roman“, Krimikomödie oder Road-Movie verstanden, die Lektüre macht einfach nur Spaß und vermittelt sehr erfolgreich die herausgelachte Ahnung von der unendlichen Leichtigkeit des Seins!

John Niven: Old School
Erscheinungsdatum: 09.11.2015
ISBN: 978-3-453-26945-3
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag: € 19,99

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