TS139/15: Verfehlte Diskussion + Sinnfreies Saugen + Dritte Wahl + Viel van der Horst + Blanker Neid

+++ „Friedensdemo-Watch“: Diskussion über Antisemitismus im Kabarett
Etwas eigenartig und zeitversetzt: Auf dem Facebook-Account Friedensdemo-Watch wird anlässlich eines FB-Postings mit der Aussage „Wir leben in einer seltsamen Zeit in der uns Satiriker die Welt erklären!“ der SHZ-Artikel von Jan-Philipp Hein vom 7. Juni 2015 (!) Fernsehkabarett – Da wo der Antisemitismus blüht diskutiert. Hein reitet darin eine scharfe Attacke gegen den Kabarettisten Uwe Steimle und dessen Äußerungen bei einem Auftritt in den Mitternachtsspitzen. Die dechiffriert Hein als antisemitisch. Einmal in Rage zitiert er weitere Outlets von Volker Pispers und Georg Schramm ebenfalls als antisemitisch. Dabei unterläuft ihm auch noch ein sachlicher Fehler, weil er behauptet, Schramm wäre in Die Anstalt aufgetreten. Das stimmt nicht. Schramm trat nur in Neues aus der Anstalt auf.
Die aktuelle Diskussion auf Friedensdemo-Watch ringt mit dem Begriff des „strukturellen Antisemitismus“, kommt aber hinsichtlich des Fernsehkabaretts zu keinem verwertbaren Ergebnis.

Senf: Leider entfernt sich die Diskussion dort auch komplett von der im Ausgangsposting zitierten Aussage, dass die Seltsamkeit dieser Zeit in dem Umstand liege, dass uns Satiriker die Welt erklären. Diese Behauptung möchte ich bestreiten. Sie erklären sie uns nämlich gerade nicht! Was dieser Blog in zahllosen Beiträgen versucht darzustellen. Nicht zuletzt durch verheerende organisatorische Strukturen wie etwa D(d)enkfunk und die fatale Einflussnahme von Personen aus dem bewusst verschleierten Hintergrund verkommt Satire und Kabarett immer mehr zur platten Mission. Von der eigenen Herrlichkeit berauschte Megalomane geben den zeitgenössischen Prediger, der – zunehmend ohne jede satirische Zutat – von der Kanzel seines exklusiven Zugriffs auf Wahrheit und Wissen herab die Moralkeule schwingt. Der Witz solcher öden Moralpredigten wie diese ausgesuchte Peinlichkeit von Serdar Somuncu liegt dann nur noch in der Fremdscham induzierenden Selbstüberschätzung, die sie dokumentieren und zum Ausdruck bringen. Hier wird keine Welt erklärt. Hier wird die eigene ethische Vorzüglichkeit zelebriert!
Auch das behauptete Lieferpotenzial von Satire & Kabarett, beide angeblich Institutionen, die exklusiv und im Kontrast zu den versagenden Mainstream-Medien bestimmte wichtige Themen aufgreifen, enthüllt sich mir zunehmend als Mythos. Ein schönes Beispiel dafür ist aktuell ein Kommentar von – ausgerechnet! – Jan Fleischhauer im Spiegel: Akif Pirinçci und die Meinungsfreiheit: Buchhändler als politischer Richter. Zu dieser Form von nicht legitimer und auch für den politischen Gegner nicht hinnehmbare Zensur war – nach meiner Wahrnehmung – nichts von den „Gegenöffentlichkeitsprojekten“, Satirikern und Kabarettisten zu vernehmen, denen doch sonst Presse- und Meinungsfreiheit ein hehres Anliegen sei.
Dito scheint mir die „Branche“ beim Flüchtlingsthema komplett zu versagen.

Hinweis: Auch SaSe hatte in TS132/15 zunächst lobend über die Entscheidung der Random-House-Gruppe berichtet, nach der unsäglichen KZ-Äußerung Pirinçcis auf der Pediga-Demo in Dresden am 19.10.2015 seine Bücher aus dem Sortiment zu nehmen. Dieses Lob war nicht oder zumindest nicht so vorbehaltlos angebracht, wenn der Vorgang jetzt diese Dynamik erreicht. Meine Bewertung war voreilig und affektiv. Ich gelobe Besserung!


+++ Der WLAN-Staubsauger
Einfach nur herrlich! Vielleicht hilft uns dieser WLAN-Staubsauger, die Woche zu überstehen. Gefunden auf GenFM:

 

+++ Volker Pispers als „Dritte Wahl der Polit-Kabarettisten“
Einen herben Verriss zu einem Pispers-Auftritt in Schwelm veröffentlicht die WAZ: Der Kritiker habe nicht den Pispers der vergangenen Jahre gesehen, sondern nur noch einen Abklatsch früherer Programme. Alles Aufguss. Den vielfältig vorgetragenen volkswirtschaftlichen Zahlenspielen müsse man nicht vollständig glauben; überprüfbar seien die ohnehin nicht. Pispers sei für ihn jetzt endgültig dritte Wahl. Das müsse er sich nicht mehr antun.
Wer der Kritiker ist, erfährt der Leser nicht.


+++ „Planet“-Interview mit Lutz van der Horst
Der heute-show-Außendienstmitarbeiter Lutz van der Horst berichtet in einem Planet-Interview über seinen universitären und komödiantischen Werdegang, begründet seine Frisur und beantwortet ermüdend viele weitere Fragen zu seiner Arbeit – insbesondere auch bei der heute-show.
Auch auf BILDblog kuratiert, wird das Interview seine Leser finden.


+++ „Postillon“: „Huffington Post“ erigiert den moralischen Zeigefinger
Die HuffPo mal wieder: Anlässlich der aktuellen Postillon-Meldung zum Tod von Altbundeskanzler und „elder statesman“ Helmut Schmidt fühlt sich die HuffPo zum Predigen berufen. Stefan Sichermann hatte mit der sachlich korrekten Meldung aufgemacht, dass Schmidt-Schnauze nun endgültig mit dem Rauchen aufgehört habe. Satire darf das. Die HuffPo aber nölt rum: „entwürdigend“, „wenig Feingefühl“, „Grenzen des guten Geschmacks“ und ähnliche Plattitüden mehr.
Die Klimax der Originalität hat der Postillon in diesem Fall ohnehin verfehlt, denn weitaus pointierter kam die Hamburger Morgenpost daher mit „Jetzt erklärt er Gott die Welt“ (Quelle).
Es beschleicht bei gelegentlichen Meta-Postillon-Meldungen der Verdacht, dass solcherart Röhrende banal und nur von der ungebrochenen Popularität und den Klickbergen des Satireblogs partizipieren möchten. Schmidtchen hätte die aufgeblasene HuffPo-Empörung vermutlich kommentarlos in den Aschenbecher geschnippt.

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