TS15/17: „PatientDigital“: Möchte ich funktionalen Analphabeten meine Gesundheitsdaten anvertrauen?

Wie an dieser Stelle schon einmal als Tätigkeitsnachweis erwähnt, recherchiere ich seit Wochen zu dem Projekt „PatientDigital“. Diese rechtschreibregelwidrige Projektbezeichnung bezieht sich auf das Angebot eines digitalen Gesundheitskontos, das derzeit und mit der finanziellen Unterstützung des Ministeriums für den ländlichen Raum im Landkreis Sigmaringen eingeführt wird oder werden soll. Die Ziele sind hehr: Es geht um nichts weniger als die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung im ländlichen Raum. Deshalb auch kommen die dafür aufgewendeten Steuergelder nicht vom Sozialministerium, in dessen Zuständigkeit das Ressort Gesundheit fällt, sondern eben vom Landwirtschaftsministerium.

Die Akteure dieses Projekts sind: die Ärztevereinigung Gesundheitsnetz Süd (GNS) und das Unternehmen Vitabook GmbH, personifiziert durch dessen imposant charmanten und redegewandten Gründer Markus Bönig.

Umso länger ich recherchiere, desto begeisterter bin ich von der Idee an sich. Da sie insbesondere auch chronisch kranken Patienten verführerisch funkelnde Vorteile bietet, war ich kurz davor, mich bei Vitabook beziehungsweise auf dem eigens für die Projekt-Objekte im Landkreis Sigmaringen installierten Portal patient-digital.de registrieren zu lassen. In einem „Selbstversuch“ hätte man die dabei und die im Kontakt mit den verschiedenen medizinischen Dienstleistern gemachten Erfahrungen parallel veröffentlichen können.

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Das Projekt „Patient digital“ wird von höchster Stelle gelobt und gefördert. Die einschlägigen Minister und Landtagsabgeordneten lassen sich gern mit den Protagonisten ablichten. Aber schon der Text zu diesem Foto kommt nicht ohne Fehler aus und dokumentiert mithin die Sorgfalt, mit der die Akteure arbeiten. Original Bildunterschrift: „Übergabe des Förderbescheid [sic!] im Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz. v.l.n.r. [sic!] Wolfgang Bachmann, Klaus Burger MdL, Minister Peter Hauk MdL, Andrea Bogner-Unden MdL, Christoph Spellenberg und Dr. Friedrich Gagsteiger“ Foto: Gesundheitsnetz Süd

Das Projekt „Patient digital“ wird von höchster Stelle gelobt und gefördert. Die einschlägigen Minister und Landtagsabgeordneten lassen sich gern mit den Protagonisten ablichten. Aber schon der Text zu diesem Foto kommt nicht ohne Fehler aus und dokumentiert mithin die Sorgfalt, mit der die Akteure arbeiten. Original Bildunterschrift: „Übergabe des Förderbescheid [sic!] im Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz. v.l.n.r. [sic!] Wolfgang Bachmann, Klaus Burger MdL, Minister Peter Hauk MdL, Andrea Bogner-Unden MdL, Christoph Spellenberg und Dr. Friedrich Gagsteiger“
Foto: Gesundheitsnetz Süd

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Dann habe ich die Webseite patient-digital.de besucht. Und ich bin geschockt. Die sogenannten Informationstexte dort sind so grob fehlerhaft, dass streckenweise ihre Verständlichkeit beeinträchtigt wird.

Sorry, aber das ändert alles. Wie könnte ich Menschen meine sensibelsten, weil meine Gesundheit betreffenden Daten anvertrauen, die noch nicht einmal die deutsche Sprache beherrschen?
Schon die Einladung an Ärzte und Apotheker zu der Informationsveranstaltung am 7. Dezember 2017 in der Stadthalle Sigmaringen strotzte vor Fehlern (hatte ich in TS13/17 moniert).

Den Informationstext „Das Projekt“ habe ich mir genauer angesehen. Darf das wahr sein? In den 203 Wörtern in drei Absätzen auf 23 Zeilen stecken jede Menge Rechtschreib-, Grammatik- und Interpunktionsfehler, die das Maß des Erträglichen und Verzeihlichen weit überschreiten.

Hier geht es nicht um gängige Lapsus und Performanzschwächen, die selbst einer Linguistin unterlaufen, oder um Normen im Streit, wie man ihn mit Bildungsbürgern führen kann. Das Abtrennen eines Relativsatzes durch Komma vom Hauptsatz ist Lernstoff in der Grundschule. Da wollen Männer (!) das gesamte Gesundheitssystem revolutionieren, wissen aber nicht, wann man das Possessivpronomen „ihr“ großschreibt und wann nicht?

Als Linguistin kann ich mir zwar ein Urteil über die Sprachkenntnisse dieser „Pioniere“ bilden, einen Einblick in deren Beherrschung der Grundrechenarten jedoch habe ich nicht. Was, wenn die Kompetenz von Gesundheitsnetz Süd und Vitabook dort ebenso lückenhaft ist?

Wie wichtig ist den Akteuren ihr Projekt, wenn sie noch nicht einmal darauf achten, fehlerfreie Informationstexte abzuliefern? Und wenn sie es nicht selbst können, warum kaufen sie sich die überall verfügbare Dienstleistung Textkorrektur nicht einfach ein?
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Foto: Gaby Stein / pixelio.de

Foto: Gaby Stein / pixelio.de

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Wie sorgfältig gehen Vitabook und GNS mit meinen Daten um, wenn sie der „Basis-Infrastruktur“ [sic!] Sprache so wenig Aufmerksamkeit schenken? Wie gut kennen sie sich mit digitalen Speichersystemen aus, wenn sie schon der Satzschlusszeichen nicht Herr werden? Inwieweit können sie die bei Informationsveranstaltungen gestellten juristischen Fragen zum Beispiel nach Haftung beantworten, wenn sie nicht wenigstens den Projektnamen durchgehend einheitlich kodieren? Wenn sie das Partizip Perfekt nicht vom Partizip Präsens zu scheiden wissen, wie wollen sie dann die Gesundheitsdaten des hyperthyreoten Hypochonders von denen des hypotonen Hydrozephalus unterscheiden?

Draußen schneit es. Romantik pur. Vorweihnachtszeit. Nikolaus ist auch gerade erst durch. Besinnlichkeit. Als nachträgliches Nikolaus-Geschenk vermache ich den genannten Pionieren einer gesicherten, weil vom Patienten digital verwalteten Zukunft der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum meine Korrekturen des Textes „Das Projekt“, wie er aktuell der Öffentlichkeit auf der Webseite patient-digital.de in all seiner sprachlichen Bedürftigkeit preisgegeben wird. Rezeptionsästhetisch krankt die korrigierte Version daran, dass die vielen Kommentaren grafisch – zumindest über WORD – kaum noch übersichtlich darstellbar sind: ein Drittel Seite Text, zwei Seiten Korrekturen und Kommentare.

 

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