TS93/19: Volksbegehren „Rettet die Bienen“: Landesweite Männer-Empörung

Zum mit diesem TagesSenf erstmalig auf diesem Blog eingeführten Thema Volksbegehren „Rettet die Bienen“ hatte ich mir einen Google-Alert angelegt.

Nun muss ich feststellen: Dessen Output ist nicht mehr zu bewältigen! Die landesweite Empörung zu den von einem breiten Bündnis unter Federführung proBiene – Freies Institut für ökologische Bienenhaltung (gemeinnnützig) GmbH gemachten Vorschlägen produziert täglich kilometerlange Link-Listen zur Medienberichterstattung über das Volksbegehren und dessen als zu radikal kritisierten Forderungen.

Auffallend dabei: Es verlauten sich zu fast 100 Prozent nur Männer! (Ausnahme: siehe Auflistung unten) Das nimmt dem Protest natürlich zwei Drittel Gewicht?

Und umso mehr ich zu diesem Volksbegehren lese, desto weniger bin ich in der Lage, mir eine persönliche Meinung zu bilden.

Schon die Diskussion an sich kann man von zwei verschiedenen Seiten angehen: Bewirkt sie (noch mehr) Spaltung oder repräsentiert sie einen notwendigen gesellschaftlichen Meinungsbildungsprozess?

Tatsache für mich: 70 Jahre lang wurde diese Gesellschaft unter dem christlich verbrämten Auftrag „Macht euch die Erde untertan!“ auf Wachstum und Konsum getrimmt. Jetzt verreckt der Untertan. Das ist natürlich kaka. Die Erforderlichkeit des auch von FfF geforderten „Systemwechsels“ ist offenbar, aber im Detail nicht demokratisch definiert und in kurzer Zeit nicht realisierbar.
Und schon gar nicht mit dem momentanen Personal an der Macht.

Ich höre Kritik an den Initiatoren, das Volksbegehren nicht umsichtig und konstruktiv genug eingestielt zu haben. Möglich.

Hier nun der Google-Alert-Output zum Suchbegriff <Volksbegehren „Rettet die Bienen“> von einem einzigen (1) Tag (21.09.2019):

+ SWR 20.09.19: „Bienen-Volksbegehren: Vaude aus Tettnang zieht sich zurück
Der Outdoor-Ausrüster Vaude zieht seine Unterstützung für das Volksbegehren zurück. Grund: Das Unternehmen will nicht zur „Polarisierung“ beitragen.
Achtung: Der Begriff „Polarisierung“ steht unter Framing-Verdacht. Jede ernsthafte und engagierte demokratische Diskussion polarisiert.

+ Badische Zeitung Lörrach & Dreiland 20.09.19: „Der Gemeinderat Binzen ist gegen <Rettet die Bienen>“
Der Bericht der Badischen Zeitung ist ein wunderbares Gegenbeispiel zu dem von mir analysierten Artikel der Schwäbischen Zeitung (SZ) über die Antihaltung der CDU Kressbronn in TS91/19. Wie in vielen anderen Gemeinden auch hat sich der Gemeinderat Binzen (Landkreis Lörrach) gegen das Volksbegehren ausgesprochen. Anders jedoch als die SZ in ihrem o. g. Beitrag informiert die Badische in ihrem Bericht auch darüber, worum es bei dem Volksbegehren eigentlich geht.

Nebenbefund: Im Gemeinderat Binzen sitzen fünf Frauen bei insgesamt 12 Räten. Schade. Diese vergleichsweise hohe Frauenquote passt jetzt aber gar nicht in meine Polemik!

+ Südwestpresse  20.09.19: „Landwirte in Dellmensingen kritisieren die Forderungen des Volksbegehrens als existenzgefährdend“
Auch hier sind es in Text und Bild wieder nur die Männer, die sich in ihrer Existenz gefährdet sehen … Ich bekenne meine bezüglich dieser Gefahr völlig entspannte Haltung!

+ Baden online 21.09.19: „<Rettet-die-Bienen-Initiative> besorgt auch Oberkirchs Winzer
Der Bericht über den Protest der Winzer und ihre Existenzängste in Achern/Oberkirch wird eingebettet in die Ernteaussichten für das Jahr 2019, was an sich schon wieder satirische Qualitäten aufweist. Der Landwirtschaftsminister Baden-Württemberg Peter Hauk – zur Weinlese wahrscheinlich nicht emissionsfrei angereist –  und weitere politische Funktionsträger wollen die Bevölkerung über die Konsequenzen des Volksbegehrens „aufklären“. Außerdem lese ich dort zum ersten Mal von einem sogenannten Volksantrag, einen Gegenentwurf zum Volksbegehren, der bis Ende nächster Woche ausformuliert sein soll.

+ meinKA (Stadtportal GmbH Karlsruhe) 20.09.19: „Aktion <Rettet die Bienen> sammelt Unterschriften in Karlsruhe
Der kurze Beitrag informiert über die Unterschriftenaktion und macht konkrete Angaben dazu, wo in Karlsruhe wann die Eintraglisten zugänglich sind.

+ Schwäbische Zeitung 21.09.19: „Illertaler Bauern kämpfen gegen das Volksbegehren
Nicht alle bei der SZ berichten so offensichtlich tendenziös, wie das in TS91/19 für die Redaktion Friedrichshafen nachzuweisen war. Sybille Glatz rekurriert in ihrem Bericht über den „Kampf“ (!) der Illertaler Bauern immer wieder auf einzelne Forderungen des Volksbegehrens. Damit stößt sie dann auch in thematische Feinheiten vor wie etwa den Unterschied zwischen chemischen und biologischen Pflanzenschutzmitteln.

Pointe: Am besten ist das Foto, das die SZ diesem Bericht beistellt. Die Ironie dieser Bebilderung erschließt sich den SZ-Redakteuren selbstverständlich nicht. Und Scham kennen sie nicht. Das Foto zeigt ausschließlich Männer – nämlich den CDU-Landtagsabgeordneten Raimund  Haser zusammen mit Illertaler Landwirten.
Ich wusste gar nicht, dass es im Illertal gar keine (relevanten oder vorzeigbaren) Frauen gibt? Müsste man da nicht auch einmal etwas tun?

+ Internetzeitung Regiotrends Breisgau-Hochschwarzwald Bad Krotzingen 20.09.19: <Rettet die Bienen> – Landtagsabgeordneter Dr. Patrick Rapp: „Die Landesregierung sollte alle Beteiligten und Betroffenen des Volksbegehrens baldmöglichst zu einer Gesprächsrunde einladen.“
Es äußert sich der Vorsitzende des Arbeitskreises Ländlicher Raum und Verbraucherschutz der CDU-Landtagsfraktion Dr. Patrick Rapp MdL zum Volksbegehren „Rettet die Bienen“. In welche Richtung diese Äußerung geht ist relativ vorhersehbar. Es handelt sich um eine Pressemitteilung des Wahlkreisbüros von Dr. Patrick Rapp.

+ Süddeutsche 20.09.19: „Bauern protestieren mit grünen Kreuzen gegen Volksbegehren
(Artikel hinter Bezahlschranke)
Über die Symbolik dieses grünen Kreuzes wäre satirisch auch noch trefflich zu referieren … Stichwort: Untertanen-Tod!

+ Badische Zeitung Lörrach & Dreiland 21.09.19: „Kanderrauschen: Informiert euch!
Pfeilgerade stößt Moritz Lehmann in seinem Kommentar (!?) über Diskussionen im Binzener Gemeinderat zum Grundproblem des Phänomens vor:

Es ist mutig, sich entgegen einer Mehrheit dazu zu bekennen, nicht genügend über das Thema zu wissen. Und es ist nobel, keine Empfehlungen abgeben zu wollen, bevor man sich nicht auch mit der Gegenseite auseinandergesetzt hat. „Informiert euch!“, möchte man allerdings auch jenen sagen, die dem Slogan „Rettet die Bienen“ allzu unbedacht verfallen. Und man möchte dies ebenso dem Ortschaftsrat Wollbach empfehlen, der einem deutlich bescheideneren Beitrag zum Schutz der Insekten allzu schnell eine Absage erteilt hat.
(Badische Zeitung 21.09.19: „Kanderrauschen: Informiert euch!“; Hervorhebg. K. B.)

Das Problem ist nur: Es ist verdammt schwer, an seriöse Informationen zu kommen. Und Tageszeitungen wie etwa die SZ tragen dazu nun gerade gar nichts bei! Und in den Lokalausgaben des Südkurier erfahre ich als Leser perimortal allenfalls etwas über Weihbüschel!

+ topagrar online 20.09.19: „Volksbegehren in Baden-Württemberg: Landfrauen wollen Dialog statt Konfrontation
Der Artikel des Landwirtschaftsverlags (= interessengebunden) knüpft unmittelbar an die Frauenmangelsituation im Illertal an: Entgegen der sich bis hierher ausschließlich verlautbart habenden Männer mit ihrem kaum verhüllten Framing, ihrer Kampf-Rhetorik und anderen bewährten Propaganda-Methoden piepsen die Landfrauen kaum vernehmbar ihre Forderung nach Dialog. Wie: Dialog? Oben wurden doch klar der „Kampf“ ausgerufen? Entweder kämpfen oder reden – beides geht nicht.
Der Landfrauenverband möchte den Dialog gern mitgestalten. Hö hö hö. Piepst ruhig weiter, liebe Landfrauen – im Konzert mit der aussterbenden Vogel- und Insektenwelt. Ihr habt den Mitgliedern vor langer Zeit das Ruder überlassen. Jetzt sitzt ihr in deren Boot! Die Fahrt sieht abschüssig aus …

+ Homepage der Stadt Karlsruhe 20.09.19: „Volksbegehren <Rettet die Bienen>: „Bürgerinnen und Bürger können sich in Listen eintragen
Reine Information der Stadt Karlsruhe, die allerdings im Google-Alert bisher als die einzige heraussticht, die offensiv über Zeichnungsmöglichkeiten für das Volksbegehren informiert.
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Fragezeichen-Quintessenz der SaSe-Fleißarbeit
Welche Botschaft birgt diese neuerliche Fleißarbeit der SaSe-Redaktion, den medialen Output eines Tages zum Thema Volksbegehren „Rettet die Bienen“ so minuziös aufzulisten?

  1. Es ist schwer und anstrengend, sich fundierte Informationen zu den Forderungen des Volksbegehrens und der daran geübten Kritik zu beschaffen und sich eine diskutierbare Meinung zu bilden. Ich sehe vorerst von einer Meinungsbildung ab. Stattdessen beobachte ich die Diskussion an sich, die auch reich an Informationen trägt. Nämlich:
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  2. Wo sich nur Männer empören, besteht kein Grund zur Sorge? Frauen kommen in obiger Listung mit Ausnahme des Landfrauenverbandes nicht vor. Die Erde ist Mutter. Solange sich die Kolleginnen im politischen Diskus nicht vernehmlich zu Wort melden, kann ich mich entspannen?
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  3. Die Gegner des Volksbegehrens sind aktiver als die Initiatoren? Ob die Initiatoren das Volksbegehren gründlich genug vorbereitet und es klug eingefädelt haben, kann ich nicht beurteilen. Dass sie allerdings kein paritätisches Medienecho produzieren, spricht gegen sie? Oder spricht es gegen die Struktur unserer Medienlandschaft?
    Wenn die Bienen- und Mutter-Erde-Retter jetzt nicht bald dafür sorgen, in den diversen Google-Alerts, die ja nicht nur ich mir anlege, gleich stark vertreten zu sein, sehe ich schwarz für das Volksbegehren in Baden-Württemberg?

Und überhaupt: Was machen wir jetzt wegen dem Illertal?

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