TS19/21: Bürgermeisterwahlkampf in Orsingen-Nenzingen: Bärenstark gegen den Trend!

Im Rahmen unser Betreuungspflichten gegenüber dem Bürgermeisterkandidaten Michael Stadler hatten wir kürzlich erst den Blick auf die Nicht-Senf-Gemeinde Orsingen-Nenzingen (O-N) gerichtet (hier), wo am 14. März 2021 ein/e neue/r Bürgermeister*in gewählt wird / werden soll.

Allerdings ist die weitere Entwicklung dort jetzt derart überraschend positiv, dass ich das Senftöpfchen für O-N noch nicht schließen möchte. Weil: Allgemein und bundesweit wird gern und häufig beklagt, dass sich heutzutage aufgrund verschiedener Faktoren, insbesondere aber wegen der viel zu häufigen Bedrohungslage für Bürgermeister speziell und Politiker allgemein, kaum noch Bewerber für das Amt finden ließen. Valide Zahlen zu dieser Behauptung gibt es nicht.

Wie auch immer: Die Doppelgemeinde O-N im Landkreis Konstanz kann inzwischen gemäß Zeitungsmeldungen sage und schreibe fünf Kandidaten vorweisen.

Als da sind (Reihenfolge: Ladies first, die Herren gemäß Bewerbungseingang, wie er in der Presse berichtet wird):

(1) Die 53-jährige Betriebswirtin Bettina Mink (parteilos), die seit 16 Jahren in Nenzingen lebt. Mink stellt sich und ihr Angebot an die Wähler auf dieser Wahlkampf-Homepage vor.

(2) Der 35-jährige selbstständige Sicherheitstechniker Familienvater Andreas Sporrer stamme aus Niederbayern und lebe seit 2013 in Singen. Alle Zuschreibungen im vorherigen Satz habe ich mir aus diesem Südkurier-Artikel mühsam zusammengeklaubt, denn Sporrer bietet bisher noch nicht einmal eine Wahlkampf-Webseite an, auf der man sich über ihn informieren könnte. Der Zeitungsartikel nennt lediglich eine Mail-Adresse: wahl@andreas-sporrer.de.

Bewerber um das Bürgermeisteramt, die sich nicht der Mühe unterziehen, ihre Leser unabhängig von der Tagespresse über Person und Programm auf einer seriösen Homepage zu informieren, starten bei mir mit einem starken Punkteabzug.

(3) Der Software-Irgendwas Michael Stadler (41 Jahre) lebt in der Eifel. Den Sturm auf den Rathaussessel hatte er schon in anderen Gemeinden versucht. Das war Thema in TS17/21 und anderen Beiträgen auf diesem Blog, die nicht wiederholt werden müssen. Auch Stadler präsentiert sich, seine Vita und seine Ideen für O-N auf einer eigenen Wahlkampf-Homepage: https://www.michael-stadler.info/.

Im Übrigen hat Stadler wirklich brillant gepunktet mit seiner sehr souveränen Stellungnahme auf meinen Beitrag TS17/21! Die Facebook-Gruppe „Orsingen-Nenzingen hatte ihn um eine solche gebeten. Völlig ironiefrei zolle ich Stadler meine Hochachtung für seine sachliche und informative Antwort.
(Auf seine darin gestellte Frage, was Journalismus mit Satire zu tun habe, antworte ich gern, aber an anderer Stelle; vorab seien aber schon die Stichworte „investigatives Kabarett“ und „investigative Satire“ – auch hier genannt.)

(4) Neuester Kandidat ist Hans-Peter Rothacher, 58 Jahre alt, Diplom-Verwaltungswirt. Auch er stammt aus dem Ort und macht damit Mink ihren „Heimvorteil“ streitig. Rothacher verfügt ebefalls über Wahlkampferfahrung, denn  2013 war er gegen den Amtsinhaber Bernhard Volk angetreten. Ohne jede Chance: Gegen das „Ervolksrezept Volk“ (pfiffige Wochenblatt-Headline 2013) konnte er nur 14,95 Prozent der abgegebenen Stimmen sammeln.

Ausweis der Ernsthaftigkeit seiner Kandidatur ist seine ebenfalls vergleichsweise gut gemachte und sehr informative Homepage. Man beachte die URL und denke sich seinen Teil.
Die Texte dort belegen ein gestörtes Verhältnis Rothachers zu Satzendzeichen.

Apropos gestörtes Verhältnis: Sein Umgang mit Presse ist (noch) nicht so professionell. Eine Kontaktmail meinerseits mit der Bitte um Aufnahme in seinen Presseverteiler blieb unbeantwortet. Auf telefonische Nachfrage heute, ob meine Mail ihn denn auch erreicht habe, erklärt der Kandidat unumwunden: „Ich möchte mit Ihnen keinen Kontakt haben!“

Jau, das ist doch mal eine klare Ansage. Ich liebe klare Ansagen. Fragt sich nur, wie Rothacher sich das Pressekontakt-Management für den Fall seiner Wahl vorstellt. Prüfsteinfrage an diesen Kandidaten wäre dann auch seine Vorstellung von Pressefreiheit unter besonderer Berücksichtigung von Paragraf 4 Landespressegesetz Baden-Württemberg. Warum sich ein Bürgermeister-Kandidat völlig ohne Not schon vor der Wahl mit einer regionalen Journalistin anlegt, bleibt Rothachers Geheimnis; ob es ein Geheimnis des Erfolges ist, werden wir sehen …
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Mit Bedacht bearbeiteter Ausschnitt aus Bildzitat Screenshot Wahlkampf-Homepage des Bürgermeisterkandidaten Hans-Peter Rothacher mit ordnungsgemäß unkenntlich gemachtem Konterfei zum Schutz seiner Bildrechte. Denn dieser Kandidat behindert meine Pressearbeit. Er erklärt mir unbeschwert am Telefon, er möchte keinen Kontakt zu mir. Für mich ist das das geringere Problem …

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(5) Mister oder Mistress Unbekannt: Wer bis hierhin mitgezählt hat, kommt nur auf vier Kandidaten. Der Südkurier jedoch berichtet von fünf Bewerbern. Der/die Fünfte allerdings ist bisher noch unbekannt. Die Bewerbung liege dem Rathaus vor (schreibt der Südkurier). Aus Datenschutzgründen dürfe der Name nicht genannt werden. Das kann meines Wissens aber nur bis Ende der Bewerbungsfrist am 22. Februar 2021 der Fall sein? Sonst wird’s irgendwie schwierig?

Spannend! Fünf Bewerber – davon können die Wähler in Achberg (hier) nur träumen. Allerdings fällt O-N weit hinter der Stadt Neuwied in Rheinland-Pfalz zurück. Dort waren es im November 2020 sage und schreibe 17 Bewerber um das Bürgermeisteramt (hier).

Interessant an der Konstellation in O-N finde ich insbesondere die zwei Bewerber*innen aus dem Ort selbst. Allerdings ist es eine ewige Streitfrage zwischen meinen Kollegen und mir, ob heutzutage jemand ein/e gute/r Bürgermeister*in sein kann, wenn keine fundierten verwaltungsrechtlichen Kenntnisse vorliegen.

Ich tendiere zunehmend zum klaren Nein! Die Querelen in vielen Senf-Gemeinden und die diversen Verwaltungsgerichtsurteile der jüngeren Vergangenheit belegen, dass die intime Kenntnis von Verwaltungs- und auch sonstigem Recht (zum Beispiel Bau- und Presserecht …) unabdingbar sind. Unsere Diskussion im „redaktionsassoziierten Raum“ geht sogar so weit zu bezweifeln, ob ehrenamtlich tätige Gemeinderäte noch in der Lage sind, sich die für ihre weitreichenden baurechtlichen Entscheidungen notwendige Rechtskenntnisse draufzuschaffen. Unsere Bedenken diesbezüglich sind auch nicht die Schuld oder ein Versäumnis der Räte; das ist die bittere Konsequenz aus einer zunehmenden Bürokratisierung und den permanenten Wucherungen des Bau- und Umweltrechts. Aber das ist ein anderes Thema.

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