TS54/16: Das Prostata-Tröpfeln der Affäre Böhmermann und der frische Strahl

+++ Großbritannien: Schmähgedicht-Wettbewerb
Es ist eine Reaktion auf den Fall Jan Böhmermann: Die englische Wochenzeitung The Spectator hat einen Schmähgedicht-Wettbewerb auf den türkischen Staatspräsidenten Recip Tayyip Erdogan ausgerufen: „Wer den türkischen Präsidenten am effektivsten in Limerick-Form beleidigt und diffamiert, kann ein Preisgeld von 1.000 Britischen Pfund gewinnen“ (Meedia). Der Herausgeber Douglas Murray betont ausdrücklich, dass der beleidigende Charakter der Poesie Vorrang vor politischen Inhalten habe.
Senf: Ich halte das für eine satirische Aktion, die den demokratiezerstörenden Taten des „Irren vom Bospurus“ angemessen ist! Geht in Großbritannien, in Deutschland leider nicht – wegen des noch bestehenden Majestätsbeleidigungsparagraf 103 Strafgesetzbuch.


+++ Christopher Lesko: Ernüchterndes Zwischenfazit zur Causa Böhmermann
Der letzte Aufruf zu Kommentaren zum Fall Böhmermann hat gefruchtet: Christopher Lesko resümiert die aus allen Fugen geratene Angelegenheit auf Meedia ernüchternd und sehr kritisch. In seiner Betrachtung bleibt nichts von der Heldenhaftigkeit und Genialität übrig, welche der Oliver-Kalkofe-Interpretation eignet. Lesko zeichnet einen unreifen egozentrischen Künstler, der auf den extra3-Zug aufgesprungen sei wie nach ihm andere (namentlich: Dieter Hallervorden) und mitnichten etwas für die Pressefreiheit in Deutschland gewonnen habe.
Eines Senfes entheben mich die Kommentare unter diesem verschwurbelt formulierten Vernichtungsschlag von Lesko, zum Beispiel „Spitze Feder“:

Einem Niveau, das Abhängigkeiten und Gegenabhängigkeiten komplexer Kontexte zugunsten einer rein symptomatischen Betrachtung ignoriert.“
„Der Verweis auf den Aspekt der Meinungsfreiheit wäre aufgrund seiner Reduzierung komplexer Wirklichkeiten dumm und ignorant.“
„Vielleicht verliert Böhmermann die eindimensionale Redundanz der Betonung von Extremen.“
Welch‘ ein Gespreize und Gestelze! Es würde mich nicht wundern, wenn Böhmermann einst mal abgelehnt hat, Leskos leadership akademy in Berlin zu durchlaufen und ihm nun hiermit die Retourkutsche ans Bein gefahren wird.
(Meedia 20.04.16: „Jan Böhmermann, Erdogan und die Minenfelder: von einem jungen Mann, der sich selbst Satiriker nennt“; Leserkommentar „Spitze Feder“; Hervorheb. SaSe)


+++ „Dieter Nuhr vergleich Böhmermann mit Judenhassern“

…. titelt die Huffington Post. Als mutmaßlich relativ einziger Satiriker in Deutschland heiße Dieter Nuhr die Strafverfolgung von Jan Böhmermann gut. Dabei bezieht sich die HuffPo auf Nuhrs Stellungnahme im Tagesspiegel. Dort stelle er das Gedicht in ein rechtes Umfeld und unterstelle dem Verfasser Rassismus. Nuhr vergleiche Böhmermann mit Judenhassern und Holocaustleugnern.
Auch das Deutsch-Türkische Journal  kategorisiert den von Böhmermann verwendeten Begriff „Ziegenficker“ als rassistisch.


+++ Die Doppelmoral der SPD beim Thema Satire
…. beleuchtet ein Beitrag in der Huffington Post, der die derzeitigen wohlmeinenden SPD-Politiker-Statements zur Causa Böhmermann mit früheren Fällen kontrastiert, in denen diese Partei massiv gegen  Satire vorgegangen ist.


+++ „Der Postillon“ formuliert das Schmähgedicht neu
Der Satireblog Der Postillon hat dem ZDF jetzt den Weg geebnet, das inkriminierte Schmähgedicht von Jan Böhmermann doch wieder in der Mediathek einzustellen. Mit minimalen Überarbeitungen wie zum Beispiel „Erdogan ist voll ganz ein Strahlemann in hehrem Glanz“. Es berichtet: Meedia.


+++ Staatsanwaltschaft Mainz ist noch nicht instruiert
Nach dpa-Meldung habe die Staatsanwaltschaft Mainz bisher von der Bundesregierung noch keine offizielle Meldung erhalten, gegen Jan Böhmermann ermitteln zu können. „Auch das Strafverlangen der türkischen Regierung sowie die Begründung für den Strafantrag des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan wegen Beleidigung seien noch nicht eingegangen“ (Quelle).


+++Volker Schwenck: Alternatives Handling von Türkei-Stress
Man könnte geneigt sein, die Causa Jan Böhmermann durch die Causa Volker Schwenck fortgesetzt zu sehen. Und genau das will der ARD-Korrespondent und Leiter des Studios in Kairao Volker Schwenck nicht. Dem Journalisten wurde am Dienstag die Einreise in die Türkei verweigert. Zwölf Stunden lang wurde er von den türkischen Behörden verhört (Tagesschau 19.04.2016; Tagesschau-interview mit Volker Schwenck am 19.04.2016).
Sich selbst zur Schlagzeile zu gemacht zu sehen, widerstrebt dem Vollblut-Journalisten.  Das unterscheidet ihn fundamental von Böhmermann – aus offensichtlichen und berufsbedingten Gründen. Auf Facebook und Twitter erklärt Schwenck: „Und jetzt schnell wieder raus aus den Schlagzeilen“.
Diesem Wunsch des bekannten Auslandskorrespondenten möchte SaSe nicht zuwiderhandeln. Aber der Schwere des Vorfalls angemessen muss auch darüber berichtet werden.
Inzwischen hat die Türkei wenig glaubwürdige Erklärungen zum Grund für die verweigerte Einreise gegeben: Zum einen fehle Schwenck die notwendige Akkreditierung. Zum anderen sei die Einreise aus Sicherheitsgründen verweigert worden. Es berichten: FAZ + Zeit online + Focus u. v. a. m.
Der Focus weiß auch, dass die Bundesregierung ebenfalls bemüht sei, den Fall nicht die Böhmermann-Nachfolge antreten zu lassen.

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