TS87/20: Diskriminierung bei ALDI Süd: How dare you?

Hinweis: Artikel wird noch mit weiteren Fotos aufgepolstert!

The phone  sounds.
Ich: „Burger!“ (Wobei die Namensnennung so moduliert ist, dass dem Anrufer klar wird: Das ist keine Information. Das ist kein Angebot. Es ist die letzte Warnung: Nimmst du die Herausforderung wirklich an?)
Es: „Senfamt Sauldorf. Guten Tag, Frau Burger! Sie wurden positiv auf Ärger getestet. Ich rufe Sie an, weil wir Ihre Kontakte rückverfolgen sollten.“
Ich: „Gibt’s dafür nicht `ne App?“
Beide schütten sich aus vor Lachen.

Es: „Die Ärgerinfektion erfolgte am letzten Samstag in Pfullendorf?“
Ich: „Korrekt! Ich wollte im ALDI dort einkaufen.“
Es: „Und warum haben Sie das nicht getan?“

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Ja, warum habe ich das nicht getan? Weil es mir – mal wieder – verwehrt wurde. Da bilden weder der ALDI Pfullendorf noch andere Discounter irgendwo in der Region eine Ausnahme. Die Ausnahme bildet derzeit nur der Einzelhandel in Meßkirch. Da selbst als bundesweit leuchtende Beispiele zu nennen: ALDI Meßkirch, LIDL Meßkirch, EDEKA Meßkirch, Rewe Meßkirch, dm Meßkirch. Nur dort und in den genannten Niederlassungen  habe ich vor Jahren und nach teilweise jahrelang währendem K(r)ampf das durchgesetzt, was für alle anderen Kunden selbstverständlich ist: einen Einkaufswagen. Halt eben nur: einen Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer.

Ich verzichte auf die unterhaltsame Beschreibung des dafür notwendig gewesenen Ringens, Bittens, Drohens und Flehens. Etwa dass mir im ALDI Meßkirch jahrelang zugemutet wurde, bei jedem einzelnen Einkauf dieses solitäre Spezialgerät eigens bei den Mitarbeitern anfordern zu müssen, weil es irgendwo in den Lagerhallen verwahrt wurde.

Fakt ist: Einkaufen in Meßkirch ist heute für mich kein logistisches Problem mehr. In Meßkirch!

Aber sobald ich den „badischen Geniewinkel“ (selten maßte sich ein Städtchen eine unzutreffendere Selbstüberhöhung an) verlasse, ist es schon wieder vorbei mit der Diskriminierungsfreiheit. Eben zum Beispiel im nur knapp 20 Kilometer entfernten Pfullendorf. Eine dem Problem durchaus zugeneigte ALDI-Mitarbeiterin dort verriet mir im Gespräch am vergangenen Samstag, dass ich nicht die/der erste Rollifahrer*in sei, die nach diesem Conditio-sine-qua-non-Equipment fragt.
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Die Urheber dieses Hinweisschildes beherrschen offensichtlich nicht nur die deutsche Rechtschreibung nicht! Wie viel Zivilisations- und Gesetzesferne muss man inkorporieren, um so eine Zumutung auf ein Schild zu schreiben?
Foto mit freundlicher Genehmigung vom Norbert Sandmann, Blog „Euerbach quer“

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ALDI lobt sich erst einmal selbst
Fragen ist gut. Fragen wir doch ALDI Süd danach. Dem Usus von Bürgermeistern im Landkreis Biberach vollständig abhold, antwortet mir die Pressestelle des Konzerns (sogar). Auf die Frage nach der von mir festgestellten Diskriminierung in Pfullendorf tut sie das erst einmal mit extensivem Eigenlob:

Grundsätzlich heißt ALDI SÜD alle Kundinnen und Kunden willkommen – gleich welchen Alters, Religion, sozialer oder nationaler Herkunft, Staatsangehörigkeit, sexueller Orientierung, geschlechtlicher Identität oder körperlicher Beeinträchtigung. Entsprechend begrüßen und fördern wir alle Maßnahmen, die den Einkauf bei ALDI SÜD so angenehm wie möglich machen. Unter anderem sind unsere Gänge so breit, dass Kundinnen und Kunden, die einen Rollstuhl benutzen, diese bequem passieren können. Sollten sie Hilfe benötigen, stehen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerne zur Verfügung – etwa, um die gewünschten Waren aus den Regalen zu nehmen.
(Presseauskunft ALDI Süd Mülheim an der Ruhr am 10.06.2020 an diese Redaktion; Hervorhebg. K. B.)

Ich mache es ganz kurz: Bullshit! Zumindest was den ALDI Meßkirch anbelangt. Leider ist es mir aus rechtlichen Gründen nicht möglich, diesen Artikel mit endlosen Beweisfotos zu bebildern, die mich auf dem Hindernisparcours durch den ALDI Meßkirch zeigen. Dazu müsste ich mir vom Hausrechte-Inhaber erst eine Genehmigung zum Fotografieren besorgen. Ständig stehen irgendwelche Zusatz-Stellagen zum Beispiel mit Pflanzen oder sonstigen Sonderangeboten im Weg, um die ich gar nicht oder nur mühsam herumkomme. Ganz schlimm ist es im Kassenbereich. Der Durchgang bei den Stellagen mit temporären Angeboten (Textilien etc.) ist so eng, dass man mit dem Rollstuhl plus vorgespannten Einkaufswagen nicht passieren kann.

Zum Thema der zur Verfügung stehenden Mitarbeiter, die „gerne“ (?) für mich Waren aus den oberen Regalen heben, verweise ich neuerlich auf die Gesetzeslage (wie hier). Wie weit wir in Deutschland von Inklusion tatsächlich entfernt sind, beweisen solche an Dummheit und Zumutung kaum zu überbietende Angebote. Inklusion bedeutet ja eben gerade, dass wir keine fremde Hilfe brauchen.

Und wer den völlig überlasteten ALDI-Mitarbeiter*innen nur einen Hauch von Empathie entgegenbringt, muss schon allen Mut zusammenkratzen, um dieselben noch um zusätzliche Gefälligkeiten zu bitten. Um eine solche zur Aufführung zu bringen, muss man auch erst einmal einen Mitarbeiter finden und den dann auch noch dazu bewegen, sich die Stöpsel aus den Ohren zu nehmen, über die sie offensichtlich permanent irgendwelche Arbeitsanweisungen erhalten.

Im Übrigen bin ich diesbezüglich privilegiert und inszeniere bei entsprechend gefüllten Zuschauerrängen gern das „Wunder von Meßkirch“: Dabei erhebe ich mich wie von Geisterhand aus dem Rollstuhl und ergreife die Waren aus den oberen Regalreihen in unangefochtener Autonomie und mit triumphaler Geste. Mein Glückspilz-Joker: Ich bin nicht gelähmt!
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Hoffentlich sind die Lebensmittel nicht so faul wie die Ausreden
Ich stelle mir den Job als Pressesprecher eines Konzerns wie diesen ziemlich gruselig vor. Zum Beispiel, wenn man so etwas schreiben muss:

Wir nehmen ihre Anfrage sehr ernst und dürfen Ihnen mitteilen, dass wir in den vergangenen Monaten bereits daran gearbeitet haben, behinderten-gerechte Einkaufswägen sukzessive in unseren Filialen bereitzustellen. Da wir in einigen Filialen noch keine entsprechenden Nachfragen haben, werden wir zuerst die Filialen ausstatten, bei denen konkret Bedarf angemeldet wurde.
(ibid.; Hervorhebg. K. B.)

ALDI habe „in den vergangenen Monaten“ an dem Problem gearbeitet? Meint der Mann das ernst? Das Unternehmen gibt es seit 107 Jahren. Wie lange es schon Rollstuhlfahrer gibt, dazu finde ich auf die Schnelle keine Quelle. Die entsprechenden gesetzlichen Vorgaben jedenfalls gibt es mindestens seit 2006. Und übrigens: Inklusion ist ein Menschenrecht! Aber ALDI Süd arbeitet erst „seit einigen Monaten“ daran, behindertengerechte Einkaufswägen zur Verfügung zu stellen?

How dare you?

Was für eine schäbige Ausrede: das mit der Nachfrage!  Nicht jede/r Rollstuhlfahrer*in hat den Nerv und die Kraft, in der Rolle des Bittstellers die völlig überarbeiteten ALDI-Mitarbeiter im Laden überhaupt zu finden, anzusprechen und das Selbstverständliche zu fordern. Ich verzichte neuerlich darauf, hier die unverschämten Auskünfte zu zitieren, die man mir bei meinen ersten diesbezüglichen Versuchen in Meßkirch entgegenhielt (z. B. „Dann bringen Sie sich halt jemand zum Helfen mit!“).

Die „Nachfrage“ muss sich nicht erst artikulieren. Der Bedarf bedarf keines Beweises. Wo immer es einen ALDI gibt, dort gibt es unter Garantie auch Rollstuhlfahrer*innen!
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Norbert Sandmann vom Blog „Euerbach quer“ publiziert seit vielen Jahren zu den unendlichen Barrieren, die uns Rollifahrer*innen überall begegnen. Auch „Euerbach quer“ beschäftigt sich mit (dem Versagen der) Kommunalpolitik!
Foto: Norbert Sandmann

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Ist das ein Korruptionsversuch?
Jetzt kommt das Beste:

Wir würden uns freuen, wenn Sie uns ihre [sic!] Filialen nennen würden, in denen Sie einkaufen, sodass wir diese zeitnah ausstatten können. Die Filialen in Pfullendorf haben wir bereits berücksichtigt. Die voraussichtliche Umsetzung erfolgt noch in diesem Jahr.
(ibid.)

Ich weiß gar nicht, worüber ich mich zuerst aufregen soll: Über dieses völlig deplatzierte Angebot an eine anfragende Journalistin, Vorzugsbehandlung zu erhalten, wenn diese nur die entsprechenden Filialen listet? Oder über den Hinweis, dass die „Ausstattung“ (mit einem Einkaufswagen für Rollifahrer) in Pfullendorf voraussichtlich „noch dieses Jahr“ erfolgt? Wir haben jetzt Juni! Ich muss für Pfullendorf, wo ich ungefähr einmal in fünf Jahren einkaufe(n möchte), noch weitere sechs Monate warten? Und das bei einem Konzern mit einem Jahresumsatz von 59 Milliarden Euro (nur für ALDI Süd; Quelle)?

So viel Unverschämtheit ist in der Tat atemberaubend. Und mitnichten und auch nicht mit Tanten werde ich mich dergestalt korrumpieren lassen, ALDI Süd eine Liste der möglicherweise auf meinen (!) Wegen liegenden Filialen zuzuschicken – und damit meine vielen Rolli-Kolleg*innen im Regen stehen zu lassen.

Wir Rollstuhlfahrer*innen haben ein gesetzlich verbrieftes Recht auf barrierefreien Zugang. Und unter Barrierefreiheit verstehe ich auch die Möglichkeit, in global agierenden Discountern in Deutschland einen Einkaufswagen benutzen zu können. ALDI ist ein Milliarden-Konzern. Schon vor zehn Jahren hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet. Es ist ALDI Süd zuzumuten, in jeder einzelnen Filiale mindestens zwei bis drei Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer*innen vorzuhalten!
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ALDI ist noch Luxus gegenüber LIDL
Um die Spannungskurve aufrechtzuerhalten, avisiere ich den nächsten Artikel zum Thema rund um den Discounter LIDL Meßkirch. Denn Nichtbehinderte sollen nicht glauben, dass die Erlebniswelt von ALDI für Rollifahrer*innen nicht noch zu toppen sei. Das ist ganz easy möglich im LIDL Meßkirch: nur eine einzige für Rollstuhlfahrer zu passierende Kasse und von Vogelkot fingerdick verkrustete Rollstuhlfahrer-Einkaufswagen. So heißt der Discounter im badischen Geniewinkel Exkludierte willkommen!
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So ähnlich wie dieses SOS-Schild sehen die Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer im LIDL Meßkirch aus. Ich bin den Tieren, die hier agieren,  äußerst zugeneigt. Aber ihre Hinterlassenschaft fingerdick verkrustet auf meinem Einkaufswagen für Lebensmittel brauche ich irgendwie nicht?
Foto: Rudolf Ortner / pixelio.de

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Aktualisierung vom 14.06.2020:
Bitte beachten Sie zum selben Thema auch TS88/20!

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