TS162/20: #LaWahl: Langenargener Bürgermeister-Wahlkampf eskaliert immer weiter

In TS157/20 hatte ich für die zweite Phase des Wahlkampfes prognostiziert, es werde schröcklich. Diese Vorhersage war keine Kunst. Aber was diese zweite Phase alles an Eskalationen bietet, sprengt jeden Rahmen.

Da hatten wir vergangene Woche dieses vollschräge SWR-Gate: Die SWR-Redakteure hätten bei der Gemeinde unter Verwendung des unklaren Begriffs „Chef“ angefragt, ob mit diesem ein Interview möglich sei. Dies soll dann (von einem Mitarbeiter!) abgelehnt worden sein. Bürgermeister Achim Krafft (CDU) soll sich zum Zeitpunkt der Anfrage nicht im Rathaus befunden haben. Die SWR-Landesschau am 9. November 2020 berichtete dann entsprechend; ich hatte den Moderationstext in TS157/20 transkribiert.

Inzwischen aber wird der Sachverhalt ganz anders dargestellt. Der SWR hat sich entschuldigt. Der entsprechende Landesschau-Beitrag wurde sogar aus der Mediathek entfernt (hier der ursprüngliche Link). Dazu gab es dann noch einen die Krafft-Kritiker tadelnden SchwäZ-Artikel, der vorzüglich diejenigen prügelte, die Achim Kraffts Angaben in dieser Angelegenheit nicht von Anfang an geglaubt hatten.

Und den Zuschauern, den Bürgern und den Langenargener Wählern wird doch tatsächlich zugemutet zu glauben, dass subalterne Mitarbeiter des Rathauses ohne Rücksprache mit dem „Chef“ (i. e. Bürgermeister Achim Krafft) entschieden haben sollen, ein „Chef“ (welcher auch immer …) der Gemeinde Langenargen gäbe dem SWR kein Interview. Außendarstellung: Krafft habe von dem Ganzen (Journalisten-Anfrage, Dreharbeiten und überhaupt die Anwesenheit des SWR-Fernsehteams in seinem Dorf) nichts mitbekommen. Rathaus-Mitarbeiter hätten zu dem Begriff „Chef“ unterschiedliche und nicht der Anfrage entsprechende Bezüge hergestellt. Und dann einfach mal selbst entschieden.

Sorry, aber wer so etwas glaubt, kann sich zum Zitronenfalten-Kurs anmelden!
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Ein naher Verwandter des Zitronenfalters, von dem jedes CDU-Mitglied und alle Krafft-Anhänger wissen, was deren Tagwerk ist. Dieser Kollege hier faltet natürlich die Orangen wieder zusammen!
Bild von Jörg Buntrock auf Pixabay

 

Bewerber Achim Krafft instrumentalisiert seine Kinder
Aber so ein SWR-Gate als Opfererzählung hält halt auch nicht lange vor. Also hat Krafft am vergangenen Sonntag auf Facebook die nächste Bombe gezündet: In einem unerträglich schmierigen – und vor allem von jedem Sachthema freien! – Appell an die „Bürgerinnen und Bürger“:

Wir wünschen Euch alle einen schönen Sonntag. Auf diesem Weg möchten wir als Familie „DANKE“ sagen. Danke für die unheimlich lieben Gesten der Verbundenheit. Aufmunternde und mutmachende Worte, sei es per Mail, als Anruf oder im direkten Gespräch, kleine Geschenke fürs Herz…..Als dies tat und tut so gut. 
Wir als Familie werden weiter für jede Stimme kämpfen. Denn wir wollen weiterhin Eure Bürgermeisterfamilie in Langenargen bleiben!
Eure Familie Krafft
(Facebook-Account Achim Krafft am 15.11.2020; Hervorhebg. K. B.)

Wozu braucht die „Familie“ Krafft denn „Aufmunterung“ und „Gesten der Verbundenheit“? Befindet sie sich im tiefen Tal nach schwerer Krankheit, einem Unfall, Verlust und Tod oder als nun vermögenslose Opfer des Enkeltricks?

Nein: Es ist nur ein ganz normaler demokratischer Vorgang: eine Wahl!

Was für ein ekelhaftes Melodram!

Und der Dollpunkt: Neben dem Posting findet sich dann auch noch ein Foto der gesamten Familie – inklusive Kraffts Kinder.

Unfassbar!

Kraffts Strategie, hier rein über Emotionalität und unter Verwendung eines sachlich komplett deplatzierten Familien-Narrativs Wählerstimmen abzugreifen und dabei auch nicht davor zurückzuschrecken, die eigenen Kinder zu instrumentalisieren, hat die Empörungswellen in Langenargen auf neue Höhen getrieben. Mit Recht!

Für Entsetzen sorgte auch Kraffts Unverfrorenheit, die Wähler zu duzen. Sie sehen darin einen neuen Ausdruck der über Jahre hinweg gemachten Erfahrung mangelnden Respekts vor den Bürgern. Nicht umsonst ist das Siezen in unserer Kultur ein Ausdruck vom glatten Gegenteil. Was reitet diesen Mann eigentlich? Die Langenargener wählen am 29. November 2020 einen Bürgermeister, keine „Bürgermeisterfamilie“. Seine Frau und seine Kinder haben mit dieser Wahl nichts, aber auch gar nichts zu tun. Kein seriöser Bundes- oder Landespolitiker benutzt seine eigenen Kinder, um mit deren Konterfeis auf Facebook Wählerstimmen zu ziehen. Das ist wirklich das Allerletzte! Gefühlt krümelgrell!

Aber es gibt durchaus auch Trost: Obwohl Krafft seit neuestem (und wie er nicht zuletzt auf SaSe gelernt haben dürfte) seine Postings mit allen möglichen Tags versieht (#bmwahl; #langenargen;#achimkrafft; #wählengehen), weist dieses Komplett-Entgleistungspostings nur 44 Likes [Stand: 18.11.2020] auf. Das macht richtig Hoffnung!
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Für Nichtraucher ist es natürlich immer schwerer, verantwortungslos zu handeln. Aber die Konterfeis der eigenen Kinder zu Wahlkampfzwecken auf Facebook hochzuladen, ist doch immerhin schon ein Ansatz!
Bild von Myriams-Fotos auf Pixabay

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Langenargener Bloggerin schreibt offenen Brief

Dieser neue Dollpunkt im Ringen um das Bürgermeisteramt hat die Bloggerin Elke Krieg zu einem offenen Brief veranlasst. Auch wenn sie dazu – bekennend – ihre journalistische Rolle verlassen musste. Aber da sich in Langenargen ohnehin niemand mehr an irgendwelche Grenzen zu halten scheint, ist das auch schon wumpe.

Krieg demontiert die Familien-Heuchelei Kraffts restlos und spürt seinem „Familiensinn“ in Kraffts Umgang mit Geflüchteten und Obdachlosen in den acht vergangenen Jahren seiner Herrschaft (nichts anderes war es) nach. Dabei ziehen alle Prüfsteine von Empathie, Einfühlungsvermögen, Humanität und Hilfe für diesen Bewerber punktelos vorbei.

Klar geht im allgemeinen Empörungstaumel auch mal etwas daneben. So zum Beispiel eine Leserzuschrift unter Kriegs offenem Brief, die aber inzwischen offensichtlich (und leider ohne Kennzeichnung) wieder entfernt wurde. Darin wurde fälschlicherweise die Verwendung des Begriffs „Bürgermeisterfamilie“ kritisiert. Diese bestehe bei Kraffts ja wohl überwiegend aus Frauen und müsse deshalb „Bürgermeisterinnenfamilie“ heißen.

Das ist falsch. Eine „Bürgermeisterfamilie“ ist die Familie des Bürgermeisters; egal wie viele weibliche Mitglieder sie aufweist. Zur „Bürgermeisterinfamilie“ wird sie erst bei weiblichen Amtsinhabern. Wobei ich mir nur schwer vorstellen kann, dass eine Kandidatin sich zu dieser Geschmacklosigkeit zu Wahlkampfzwecken hinreißen lassen würde. Bei einer Frau würde dieser Verweis auf familiäre Verpflichtungen eher negativ bewertet?

Allerdings hat eine Familie mit dem Amt des Bürgermeisters überhaupt nichts zu tun! Und ihre Instrumentalisierung für den Wahlkampf ist meiner Meinung nach verwerflich und verantwortungslos.
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SchwäZ assistiert der schamlosen Heuchelei
Kraffts Felle schwimmen den trüben Strom seiner wöchentlichen Kommunikationsdesaster hinunter. Auch wenn die Schwäbische Zeitung sich diesem Trend tapfer entgegenstemmt.

Der dabei zum Zuge kommende Zynismus und die Heuchelei sind gleichfalls atemberaubend. Im SchwäZ-Artikel „Wahlkampf: Kandidaten bedauern Umgangston“ vom 17. November 2020 heißt es doch tatsächlich:

Diskussionen unter der Gürtellinie im Internet, Anfeindungen mitten im Ort: Die Heftigkeit, mit der einige Langenargener im Wahlkampf auf andere losgehen, sorgt in und außerhalb der wunderschönen Gemeinde für Fassungslosigkeit. Im Mittelpunkt stehen die beiden Kandidaten, die bei der Stichwahl am 29. November das Rennen um den Bürgermeisterposten unter sich ausmachen werden. Derweil bedauern Amtsinhaber Achim Krafft und Herausforderer Ole Münder den Umgangston und wünschen sich eine Rückkehr zur Sachlichkeit.
(Schwäbische Zeitung 17.11.2020: „Wahlkampf: Kandidaten bedauern Umgangston“; Hervorhebg. K. B.)

Der Kandidat Ole Münder selbst hat bisher nach meinem Kenntnisstand nicht ein einziges Mal die Schiene der Sachpolitik verlassen. Weder wirbt er hinterfotzig auf Facebook durch eine Mitgliedschaft auf dem Account  „Langenargen – Die Gruppe“ „Freunde“ und damit potentielle Wähler ein noch instrumentalisiert er Frau und Kind für den Wahlkampf noch führt er den SWR als Deppenverein vor, der bei einer Interviewanfrage noch nicht einmal verständlich artikulieren kann, wen er denn jetzt bitte vor die Kamera haben möchte. (Im Kontext einer Bürgermeisterwahl war das dann doch überraschenderweise … der Bürgermeister und nicht der Hauptamtsleiter. Sachen gibt’s!)

Trotzdem setzt er sich freundlicherweise mit dem unsachlich wahlkämpfenden Achim Krafft in dasselbe Boot und appelliert an die „Lager“. Damit beweist er erneut seine menschlichen Qualitäten für das Amt.

Wenn aber ausgerechnet Krafft, der erst zwei Tage zuvor das oben analysierte hochgradig unsachliche Wir-sind-doch-alle-eine-Familie-die-ich-kommandiere-Posting abgesetzt hatte, sich jetzt eine „Rückkehr zur Sachlichkeit“ wünscht, kann man vor so viel Heuchelei nur noch bewundernd den Hut ziehen.
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Bürgermeisterkandidat Ole Münder: Der Mann kann störungsfrei mit Bürgern, der Presse, mit Blogger*innen und – WAHNSINN! – sogar mit dem SWR kommunizieren, ohne dass es ein Riesentamtam mit Entschuldigungsschreiben und Mediathekslöschungen gibt. Auch instrumentalisiert er seine Familie nicht für den Wahlkampf auf Facebook und labert die Langenargener nicht im plump-respektlosen Du an. Ich bin in La ja nicht wahlberechtigt: Aber den würde ich nehmen!
Foto: Ole Münder

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Die Erzieherin Tanja Poimer kommandiert: „Es reicht“
Der amtlich bestellten Erzieherin der Langenargener Bürger und Wähler reißt nun auch allmählich der Geduldsfaden. Deshalb verlässt auch die SchwäZ-Redakteurin Tanja Poimer ihre Rolle (die Frau ist Journalistin, nicht Erzieherin oder Ansagerin in Langenargen) und kommandiert in einem Kommentar am selben Tag: „Es reicht“. Natürlich ist Poimer auch autorisiert zu beurteilen, wer sich im Ton vergreift und wer nicht. Da es sich um einen Kommentar handelt, braucht sie ja keine Belege für diese Behauptung vorzulegen. Praktisch.

Hier das Gesamtkunstwerk:

Auch wenn es sich wiederholt: Einige Anhänger und/oder Gegner der Bürgermeisterkandidaten vergreifen sich mächtig im Ton. Es heißt zwar Wahlkampf, gemeint ist aber nicht, dass schwere Geschütze aufgefahren werden.
Und dabei geht es nicht um die Bewerber. Auch wenn diese gefordert sind, ihre Unterstützer zur Raison zu bringen beziehungsweise zu vermitteln, wie eine demokratische und friedliche Wahl funktioniert.
Ein Tipp: Man nehme Themen, die einem wichtig sind, schaue, was der jeweilige Kandidat plant, verschaffe sich möglichst einen Gesamteindruck, und nutze sein Wahlrecht. Der Bewerber, der dann in der Stichwahl die meisten Stimmen holt, ist Bürgermeister – und zwar von allen.
(Schwäbische Zeitung 17.11.2020, Kommentar Tanja Poimer: „Es reicht“; Hervorhebg. K. B.)

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Wo sind jetzt wieder meine Schuhe hin?

Sehr geehrter Herr Ole Münder,

bitte, bitte, bitte sehen Sie trotz dieses zackigen Kommandos aus der mächtigen SchwäZ davon ab, Ihre „Unterstützer zur Raison zu bringen“.  Auch ohne mich wissen Sie selbstverständlich sehr genau, dass die Menschen in  Langenargen und auch Ihre Unterstützer mündige Bürger sind, die für sich selbst entscheiden und in letzter Konsequenz dann auch juristisch oder privatrechtlich verantworten müssen, was sie wann wo in welcher Form zum Ausdruck bringen. Die gute Frau Poimer ebenso wie der jetzige Amtsinhaber Achim Krafft haben das leider immer noch nicht verstanden. Auch nicht das mit der Demokratie. Für die SchwäZ, die CDU Langenargen und den Amtsinhaber ist ein Bürgermeister immer noch der Meister und damit der Herr (im Sinne von Herrscher) der Bürger. Und seine Machtfülle reicht durchaus so weit, diesen vorzuschreiben, wann sie wo wie zu kommunizieren haben.

Die SchwäZ versucht hier nur auf sehr abgefeimte Art und Weise, Sie in dieselbe Bürger-Bevormundungsrolle zu drücken, in der Achim Krafft seit acht Jahren regiert. Und von der offensichtlich, betrachtet man das Wahlergebnis vom 8. November 2020, die Mehrzahl der Bürger in Langenargen die Schnauze gestrichen voll hat.

Dankööö.

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