SaSe87: Stefan Waghubinger verlässt „Denkfunk“ ohne das leiseste Servus

In der (völlig unverbindlichen) SaSe-Werteskala (aufsteigend) Comedian – Kabarettist/in (als Beruf, nicht aus Berufung) – satirischer Künstler rangiert Stefan Waghubinger im komfortablen Künstler-Segment. Anders als Berufsausübende ist er umwerfend glaubwürdig. Er hat eine Botschaft und die hat er weder von Global Change Now e. V. noch von einem anderen Ideologielieferanten mit Copy & Paste in seinen künstlerischen Output eingepflegt. Bestes Beispiel ist dieser Ausschnitt aus einem Auftritt auf der Kulturbörse Freiburg 2016.

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Sofort fällt der Konnex von der Politik zum Privaten auf! Ein durchgehendes Phänomen bei dem Künstler mit dem (für mich unwiderstehlichen) österreichischen Charme. Diese Verbindung upgradet seine Inhalte von der politisch (korrekten) Botschaft zur persönlichen Relevanz für den Zuschauer.


Soo weit weg vom kabarettistischen Mainstream

Nicht nur damit fällt Waghubinger aus dem kabarettistischen Mainstream heraus. Zu den Ausgrenzungsmerkmalen gehört etwa auch seine Abneigung gegen die institutionalisierte Kabarettpreise-Mühle, wie er sie im Gespräch mit der Leonberger Kreiszeitung artikuliert. Anlass des Gesprächs war ein gemeinsamer Auftritt mit Roland Baisch und Özcan Cosar in Korntal-Münchingen im November 2015.

Ums Geld, das sagen sie jedenfalls, geht es keinem der drei. Man würde wohl auch einen anderen Beruf wählen, wenn das das Wichtigste wäre. Gerade am Anfang ist es für viele schwer. Wettbewerbe können dabei helfen, sich einen Namen zu machen. Baisch hält davon nichts. „Da gewinnen oft so blöde Zauberer. Da geht es ums Geld, nicht um Kultur.“ Waghubinger teilt die Ablehnung, räumt aber ein, dass das nicht immer so war. „Heute mache ich so was nicht mehr. Aber als ich den Stuttgarter Besen gewonnen habe, war da schon ein ungeheurer Druck. Ich wäre sonst raus gewesen.“ Baisch sagt, vielen Künstlern ginge es nur um den Erfolg – und beklagt, hierzulande gebe es kaum erwachsene Comedy. „Hier trägt man Pullunder oder hat einen Sprachfehler.“ Die Schuld dafür sieht er in den „eindimensionalen Medien“: „Die wollen so Leute wie Mario Barth.“
(Leonberger Kreiszeitung 06.11.2015: „Mit Feinsinn gegen den Ernst des Lebens“; Hervorhebg. SaSe)

Vielleicht ist es (auch in diesem Fall wieder) ein Studium, das den österreichischen Kabarettisten für die genannte Künstler-Kategorie prädestiniert? Ausgerechnet: Theologie. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Fach ganz besonders zur philosophisch gehaltvollen Satire mit Lebensrelevanz qualifiziert.

Das Wikiporträt siedelt seine Bühnenprogramme an „zwischen Theater, Kabarett und Comedy“. Das Element „Theater“ (ergo Kunst) scheidet ihn erneut von den pur moralisierend am Bühnenrand stehenden Kabarettpredigern der Jetztzeit, die es ekstatisch taumelnd zwischen Polemik und Selbstverzückung hin und her beutelt.

Dass Waghubinger nicht zum kabarettistischen Mainstream gehört, belegt auch seine vergleichsweise seltene Fernsehpräsenz. Kein Waghubinger, Sieber!, keine Auftritte im pseudo-intellektuellen Kabarettistendrehkreuz Spätschicht, das noch nicht einmal die Traute besitzt, die besten Kabarettisten direkt vor der SWR-Haustür auftreten zu lassen!
Und wenn Waghubinger je bei Dieter Nuhr erscheint, falle ich vom Unglauben ab. (Obwohl: So eine tollkühne Mutmaßung hätte ich bis Dezember 2015 auch von Sebastian Pufpaff abgegeben ….)

Waghubingers Gastspiel bei Die Anstalt vom 8. Dezember 2015 (Mediathek) könnte – pure Spekulation – ein/das Nebenprodukt seiner (damaligen) Autorenschaft bei Denkfunk sein?

Die Gerüchteküche will wissen, dass so mancher Kabarettist nur deshalb dort „Mitautor“ wird, weil er sich einen karriereförderlichen Auftritt in der populären ZDF-Kabarettsendung erhofft. Als Künstler der leisen Töne, des Bedacht-Skeptischen, des Zweifels geht Waghubinger in der (Nur)-Wir-kennen-den-Weg-Truppe von Die Anstalt erwartungsgemäß wehrlos unter. Passt aber exakt zum Thema der Anstalt-Sendung: ertrinkende Flüchtlinge im Mittelmeer. Bevor die von mir gewählte Metapher überfordert zusammenbricht, könnte man sie dann noch bis „auf der Flucht vor dem Kommerz“ reiten? (Hier passt dann wieder das Zitat von oben!)


Ringer statt Bescheider?

Die von Waghubinger verfügbaren Videos erwecken den Eindruck: Hier ringt einer kompetent und eloquent, aber unter unverhülltem Selbstzweifel mit der Gegenwart und ihrem Wahnsinn – anstatt sein Publikum über diese zu bescheiden. Er lässt seine Zuschauer am Destillationsprozess von irgendwas in Richtung „Wahrheit“ und Lebenspraxis teilhaben – anstatt dessen Endergebnis über ihren Köpfen auszuschütten. Ein Individualist?

Umso unverständlicher, wenn. Denn: Was macht ein Künstler, satirischer Philosoph und offensichtlicher Einzelgänger bei einem Wie-Gleichschaltungskader à la Denkfunk, dessen Autoren sich wöchentlich von Redakteuren mit unbekannter Qualifikation und mit Fake-Identitäten im Internet das Thema diktieren lassen müssen? Gruselgrusel.

Doch die Zeiten sind vorbei. Stefan Waghubinger ist bei Denkfunk ausgeschieden. Ganz offensichtlich soll dieser Abgang nicht thematisiert werden. Bei Denkfunk selbst findet man dazu nichts. Der Österreicher wurde sang- und klanglos aus der Autorenliste gestrichen. Und sein Management verplappert sich ungeschickt bei der Presseanfrage: „Wir möchten eigentlich nicht, dass Sie [i. e. SaSe] darüber [i. e. Waghubingers Ausscheiden bei Denkfunk] berichten. Oh, Management, hättest du geschwiegen, du wärst im Täuschungsdunst von Pressefreiheit geblieben!


Überzeugende Begründung
Stefan Waghubinger passt schon allein deshalb nicht zu Denkfunk, weil er – anders als (zu) viele andere der dort bildzitatenden“ (copyleft: Schroeder) Kabarettisten – mit Anstand auf eine Presseanfrage reagiert. (Liste der Denkfunk-Presseauskunftverweigerer am Ende dieses Artikels).

Im geierhaften Sturzflug auf die Information, dass Waghubinger bei Denkfunk ausgeschieden sei, richtete SaSe eine Presseanfrage an den Künstler zu den Gründen für diese Entscheidung. Er schreibt:

Ja, das stimmt, ich habe vor einigen Wochen um die Entfernung gebeten, da mir die Einordnung in eine Gruppe generell Schwierigkeiten bereitet. Ich erwarte von mir als Satiriker selbst nicht zu wissen, ob und was ich als Nächstes denken oder funken werde und würde auch aus mir selbst austreten, wenn dies möglich wäre, um einen zumindest verschwommenen Blick auf den klaren Nebel zu erhalten in dem es immer schwerer wird, den Nebenstehenden zu erkennen.
(Presseantwort Stefan Waghubinger vom 16.02.2016 an die SaSe-Redaktion)

Mit dieser Antwort stimmt mein Bild von diesem Künstler (wieder). Sie transportiert die SaSe-Kritik hinsichtlich der sogenannten weichen Kriterien an Denkfunk: „Einordnung in eine Gruppe“. Alles, was bisher von diesem intransparenten Konstrukt bekannt ist, widerspricht meines Erachtens dem Wesen des Künstlers, Individualisten und autonomen Satirikers.
Und dass keiner der bisher presseangefragten Kabarettisten sich (vernünftig – siehe Presseantwort Christoph Sieber) zu seiner Mitwirkung dort erklärt, nährt den Zweifel.
Plus der Umgang mit demjenigen Kabarettisten, der vor Waghubinger dieses eigenartige „Gegenöffentlichkeitsprojekt“ verlassen hat (vgl. SaSe53).


Kollaterale Kommunikationskrümel und falsche SaSe-Begriffe
Im Umfeld des in eine zweite SaSe-Mail gefassten Staunens über die äußerst ungeschickte Reaktion seines Managements auf die Presseanfrage erhalte ich noch folgende Kommunikationskrümel: Stefan Waghubinger versichert mir, „dass Denkfunk keine ‚Vereinigung‘ von Kabarettisten/Innen ist“, sondern sich als Plattform anbiete, auf der man zu einem beliebigen Thema oder dem von Denkfunk vorgeschlagenen etwas veröffentlichen kann.

Was mache ich jetzt mit diesem Einwand / Versicherung / Korrektur?

Der Begriff „Kabarettistenvereinigung“ stammt in der Tat von SaSe. Sie ist abgeleitet aus dem objektiv feststellbaren Tatbestand, dass Denkfunk die einzige mir bekannte „Organisationsform“ (in Tat und Wahrheit steckt ein Marketingunternehmen dahinter) ist, in der sich so viele Kabarettisten zusammenfinden. Freilich: Es sind nicht nur Kabarettisten, sondern auch Journalisten, Politiker und so fischhaft am Bodensee-Sommer-Ufer schillernde Figuren wie ein „Mister Dax“. Was ist falsch an der Bezeichnung „Kabarettistenvereinigung“, wenn sich unter einem Label („Denkfunk“) mehrheitlich Kabarettisten vereinigt sehen?

Wir werden es nicht erfahren, denn Stefan Waghubinger „möchte es auch im Wesentlich bei meiner Antwort [i. e. oben zitierte Presseauskunft] belassen“. Und die anderen des Kabarettisten-aber-nicht-vereinigt-Dings reden nicht mit Kritikern!

Ich werde diese ernstzunehmende Korrektur (sie kommt immerhin von einem satirischen Künstler) in meinem Lexikon keimen lassen. Vielleicht findet sich eine alternative und noch besser passende Begrifflichkeit? „Kabarettisten-Nicht-Vereinigung“? „Kabarettisten-Wie-Vereinigung“? Schroeder – hilf!


Kasus knacksus: Themenenge!
Mit den „Veröffentlichungen“ scheinen die im Halbdunkeln agierenden Verantwortlichen von Denkfunk auch nicht so liberal umzugehen, wie Waghubinger das in seinem Einwand unterstellt – rekurriert man etwa auf die Erfahrungen des ehemaligen Denkfunkers Schroeder (hier). Kaum vorstellbar ist, dass ein Denkfunk-Kabarettist eine spritzige Invektive – zum Beispiel – gegen das bedingungslose Grundeinkommen im CI-Format von Denkfunk publiziert bekommt. So viel zu „zu einem beliebigen Thema veröffentlichen kann“. Exakt hier liegt doch der Kasus knacksus. Eher kotzt das Kamel durchs Nadelöhr als dass bei Denkfunk ein Occupy-inkompatibles Diktum erscheint.

Hinzu kommen die Fälle nachgewiesener Zensur bei Denkfunk (Liste hier). Beim Goldwaschen des bisher vorliegenden Denkfunk-Outputs fällt zudem auf, dass dieser sämtlich und ausschließlich ideologisch „einheitlich“ ist und stringent der Occupy-Ideologie entspricht. Keine Querschläger, nichts Individuell-Exzeptionelles, nichts, was nicht auf den ersten Blick streng links politisch korrekt wäre und von Sarah Wagenknecht persönlich unterschreibbar!


Was ist missverständlich an „Denkfunk-Autor“?
In „diesem Sinne“ – gemeint ist der obige im Kontext der SaSe-Begrifflichkeit von der „Kabarettistenvereinigung“ – findet Stefan Waghubinger auch den Begriff „Denkfunk-Autor“ „missverständlich“.

Bei aller Bereitschaft zur Selbstgeißelung und zur Verwendung einer korrigierten Begrifflichkeit – das mit den „Denkfunk-Autoren“ war ja nun nicht meine Idee! Denkfunk selbst spricht von „Unseren Autoren“.

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Bildzitat Screenshot von Denkfunk

Bildzitat Screenshot von Denkfunk

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Der Volksmund spricht bei „unseren“ grammatikalisch vom „Besitz anzeigenden Fürwort“ – BESITZ anzeigenden! Vereinnahmung?

Jede “Bildzitatung” eines Kabarettisten wird dort in die Corporate Identity von Denkfunk eingearbeitet (Denkfunk-Logo, blauer Hintergrund, vormals infantil-querulatorische Kleinschreibung etc.) und damit von einem individuellen Künstler abgelöst und für das Marketingunternehmen PatchworX Media GmbH vereinnahmt, das ganz penetrant für Abos wirbt.

Im Kontext der PatchworX Media GmbH gibt es noch einen herrlichen „Versprecher“ des Waghubinger-Managements beim telefonischen Rückruf auf die oben erwähnte Presseanfrage. Das nämlich will von diesem Marketingunternehmen nichts gewusst haben wollen: „Wir haben es immer nur mit einem Herrn Tom Aslan zu tun gehabt!“

Jaaa! DAS will ich wohl glauben! Danke dafür.


Was für ein Charmeur!
Der letzte Kollateral-Kommunikationskrümel ist eine süße Nettigkeit mit der sicherlich unwahren Behauptung von Waghubinger, er würde mit Interesse die SaSe-Veröffentlichungen verfolgen. „Sicherlich unwahr“ – quot est easily demonstrandum: Es ist unmöglich, dass Stefan Waghubinger oder irgend ein anderer der (politischen) Kabarettisten, die alle balkenbreit soziale, Verteilungs- und sonst noch jedwelche Gerechtigkeit vor sich hertragen, gelegentlich oder gar regelmäßig auf dieser hauptberuflich betriebenen Seite lesen, ohne je einen Cent Lesegeld entrichtet zu haben, zu entrichten oder überhaupt nur zu entrichten geneigt sein zu wollen. (Genau dafür will man doch das bedingungslose Grundeinkommen!) Soo viel Doppelmoral würde nicht einmal ich den Herren (und wenigen Damen) der Zunft unterstellen! Nie nicht!

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