TS143/20: Offener Brief an SchwäZ-Redakteur Martin Hennings: Ermannen Sie sich!

Sehr geehrter Herr Hennings,

vielleicht kennen Sie die bezaubernden Zeichnungen des postmodernen Illustrators und Kinderbuchautors Wolf Erlbruch? In seinem „Kinderzimmerkalender 2011“ hat er mit der Illustration „Nur Mut“ unser beider Situation amüsant und treffend auf den Punkt gebracht: Das Bild wird dominiert von einer großen schwarzen Katze, die sich dem Betrachter in souveräner Sphinx-Position aus rückwärtiger Ansicht präsentiert. Neben ihrem entspannt am Boden ruhenden, den Körper im Halbkreis umschließenden Katzenschwanz steht ein kleines Mäuschen auf den Hinterbeinen. Mit beiden Pfoten einen rührend winzigen Hammer umklammernd, fixiert die Maus ihr Ziel: den sensiblen Katzenschwanz. Eine Sprechblase über dem Katzenkopf ermuntert den tollkühnen Nager mit: „Nur Mut!“

Das soll auch das Motto dieses Briefes und meines Appells an Sie sein: Nur Mut! Ermannen Sie sich!

Wenn Sie mir etwas mitteilen möchten, sollten Sie das nicht in Presseauskunft-E-Mails an meine Kollegin Elke Krieg tun. Ihre hilflose Attacke auf mich wird auch nicht dadurch besser, dass Sie in Ihrer Antwortmail dann auch noch ausdrücklich darauf hinweisen, dass Sie meine Blogger-Kollegin mit dem Geschriebenen gar nicht meinen. Was ist denn das für ein Schwachsinn?

Setzen wir die Szene, die den ganzen Vorgang ausgelöst hat, einmal auf Anfang: Am 6. Oktober 2020 fand eine öffentliche Sitzung des Gemeindeverwaltungsverbands Eriskirch-Kressbronn-Langenargen (GVV EKL) statt, an der auch die Journalistin Elke Krieg teilnahm. Ein Thema der Sitzung war der Bericht des Integrationsbeauftragten Mirko Meinel. Krieg hatte auf ihrem Blog schon am 8. Oktober über die Veranstaltung berichtet.

Erst am 15. Oktober 2020, also fast zehn Tage post festum, aber mitten im beginnenden Bürgermeisterwahlkampf Langenargen (!), berichtet dann Ihre Zeitung unter der Überschrift „Gemeindeverwaltungsverband verzeichnet ausgeglichene Unterbringungszahlen“ über die Veranstaltung. Da spricht schon die technische und auf Zahlen fixierte Überschrift Bände, wo es tatsächlich doch um Menschen geht.

Der Bericht nimmt Bezug auf das Lob von Bürgermeister Daniel Enzensperger für den hoch umstrittenen Integrationsbeauftragten Mirko Meinel und sein Team. Für alle Teilnehmer an der Veranstaltung völlig überraschend findet sich im SchwäZ-Artikel dann folgende Passage:

„Ein großes Lob an das gesamte Team. Sie leisten hervorragende Arbeit, auch, wenn das in einigen Berichterstattungen anders gesehen wird“, sagte Bürgermeister Daniel Enzensperger mit Blick auf zwei Online-Blogs, deren Autorinnen die Arbeit des Integrationsteams ständig kritisierten und verfälscht darstellten.
(ibid.; Hervorhebg. K. B.)

Elke Krieg, die bei der Veranstaltung persönlich anwesend war und das Enzensperger-Lob für Meinel an sich bestätigt, schwört Stein und Bein und legt dazu auch ihre Aufzeichnungen vor, dass der Kressbronner Bürgermeister bei seiner Rede keinerlei Bezug auf irgendwelche Online-Blogs genommen habe. Inzwischen hat Krieg den exakten Wortlaut des (unberechtigten) Lobs Enzenspergers an Meinel auf ihrem Blog veröffentlicht:

„Ich wollte in diesem Gremium mal ein explizites Lob für alle aussprechen, die mit Integration befasst sind. Ich glaube, dass wir die Aufgabe insgesamt bisher sehr gut meistern. Besser als andere, das ist deutlich erkennbar. (…)  Klar hat vor einiger Zeit der Eine oder Andere einiges in der Zeitung gelesen. Das sind absolute Einzelfälle. Aber im Großen und Ganzen wird bei uns einfach wirklich gut gearbeitet. Das muss man einfach mal ganz klarstellen. Daher herzlichen Dank und großes Lob an die ganze Mannschaft.“
(Lob von Bürgermeister Daniel Enzensperger in der Veranstaltung vom 6. Oktober 2020 an das Integrationsteam des GVV EKL, zitiert nach Agora-La: „Vier gespitzte Ohren„)

Herbe Differenz, oder?

Symbolbild für die „Qualität“ der kommunalen Anschlussunterbringung Geflüchteter in den Gemeinden Eriskirch, Kressbronn, Langenargen. Aktuelles Beispiel: 4 Personen in 1 Zimmer inklusive Neugeborenes ohne Betten und Schränke auf 15 Quadratmeter. Ein Integrationsbeauftragter, der eine schwer traumatisierte Mutter mit der Wegnahme der Kinder bedroht. Alles belegte Fälle! Aber in der SchwäZ-Berichterstattung stellen Online-Blogs die Arbeit des Integrationsbeauftragten Mirko Meinel falsch dar?
Bild von Peggy und Marco Lachmann-Anke auf Pixabay

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Seit wann ist der Südkurier ein Online-Blog?
Nebenbei bemerkt ist Enzensperger mit der Nichterwähnung von Online-Blogs auch gut beraten. Grund: Die Hauptkritik an der Integrationsarbeit des GVV EKL kommt gar nicht von „zwei Internetblogs“, sondern entströmt breit, gut recherchiert und mit Fotos und Zitaten belegt zwei hervorragenden Südkurier-Artikel über die defizitären Leistungen Meinels und seines Teams, das überdies noch auffallender Personalfluktuation ausgesetzt ist. Es ist der Südkurier-Artikel „Integrationsbeauftragter droht mit Jugendamt, um Flüchtlingsfamilie zum Umzug in Notunterkunft zu drängen“ vom 11. August 2020 sowie der Südkurier-Artikel „Sind 15 Quadratmeter Privatsphäre für eine Familie mit zwei Kindern genug?“ vom 9. Oktober 2020.

Die besondere Infamie an Enzensperger Lob liegt unter anderem in der Tatsache, dass er als Verantwortlicher für die verheerenden Unterbringungsmodalitäten der Geflüchteten in Kressbronn der Südkurier-Mitarbeiterin Katy Cuko genau zu diesem Thema eine Presseauskunft (zunächst) verweigert hatte (hier). Wie passt das mit seinem Lob für Meinel zusammen? Sehr gut, wenn man dem GVV EKL, wie ich das unter dem Schutzschirm freier Meinungsäußerung und auf der Basis der erdrückenden Belege tue, institutionellen Rassismus unterstellt.
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Enzensperger ist zum Meinel-Lob gar nicht autorisiert
Überdies kann Bürgermeister Daniel Enzensperger seinen Integrationsbeauftragten gar nicht loben. Zu diesem Qualitätsurteil ermächtigt sind zuvorderst und allein die Geflüchteten im Zuständigkeitsbereich des GVV EKL. Die aber kriegen schreckweite Augen und Schweißausbrüche, sobald der Name Meinel fällt. Die Geflüchteten berichten von „Tribunalsitzungen“ im Rathaus, von massiven Drohungen Meinels und im Übrigen von Funkstille auf ihre SOS-Kommunikationsversuche mit dem Integrationsbeauftragten.

Aber die mehr als defizitäre Unterbringung und Betreuung von Geflüchteten in Eriskirch, Kressbronn und Langenargen soll nicht das Thema dieses Briefes sein. Darüber hat und darüber wird auch künftig der Südkurier wohl weiter berichten (müssen, wenn Cuko wie uns Humanität ein Anliegen ist). Wenn nicht gleich der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg eindeutige Tadel nach Langenargen sendet.

Es geht um die von der SchwäZ zitierte beziehungsweise in Zusammenhang gestellte Bürgermeister-Äußerung, die nach Angabe von der in der Sitzung anwesenden Bloggerin Krieg so gar nicht gefallen sei. Es ist auch schwer vorstellbar, dass Enzensperger den Mut und die Unverschämtheit aufbrächte, bei Anwesenheit von Elke Krieg sein alleiniges Rederecht dazu zu missbrauchen, diesen Seitenhieb auf Internetblogs und damit auf sie abzusetzen.

Um Sie als Redaktionsleiter der Schwäbischen Zeitung davon in Kenntnis zu setzen, dass oben genannter Artikel des Freien Mitarbeiters Andy Heinrich – auf diesem Blog ebenfalls schon zu traurigem Ruhm gelangt – einen Bezug hinzufügt, den Enzensperger gar nicht hergestellt habe, richtete Krieg eine Presseanfrage an Sie mit der Bitte um Richtigstellung und Stellungnahme.
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The Loser is … Martin Hennings
Anders als Bürgermeister Daniel Enzensperger auf die Presseanfragen von Katy Cuko antworten Sie Krieg prompt – vielleicht ein bisschen zu prompt? Da Sie mit Ihrer Antwort an Krieg aber ganz offensichtlich mich meinen, hat die Kollegin mir Ihre Presseauskunft (zuständigkeitshalber) weitergeleitet:

[…]
ich verstehe, das
[sic] Kritisieren [sic] mehr Freude bereitet als Kritik einstecken zu müssen. Wer das mal erlebt hat, der überdenkt möglicherweise, in welcher Art und Weise er andere angreift und versucht bloßzustellen und lächerlich zu machen (ich meine nicht in erster Linie Sie, ich meine vor allem andere Blogs). Im konkreten Fall sagt mein Mitarbeiter, er habe wiedergegeben, was gesagt worden ist. Ich glaube ihm. Auch BM Enzensberger [sic], bei dem ich nachgehakt habe, sieht keinen Grund zur Korrektur. Ich wüsste nicht, was ich nun tun sollte.

(Presseantwort Schwäbische Zeitung Redaktionsleiter und Regionalleiter Bodensee Martin Hennings an die Redaktion des Blogs Agora-La am 16.10.2020; Hervorhebg. K. B.)

Zunächst darf ich meinem Entsetzen darüber Ausdruck verleihen, dass sich ein „Redaktionsleiter und Regionalleiter“ einer Tageszeitung – auch wenn offensichtlich im emotionalem Ausnahmezustand befindlich – solche Rechtschreibfehler leistet. Sie wissen ja noch nicht einmal, wie sich „Enzensperger“, der Name des Bürgermeisters, dem Sie huldigen, schreibt! Vielleicht wäre es dann doch besser, solche Selbstentblößungsmails noch einmal Korrektur zu lesen und nicht „von meinem IPad“ aus zu senden?

Als nächstes stellt sich die Frage, warum Sie Krieg etwas schreiben, was nicht für sie bestimmt ist: „(ich meine nicht in erster Linie Sie, ich meine vor allem andere Blogs)“. Sie kleiner Feigling! Sie meinen nicht „andere Blogs“. Sie meinen auch nicht den Blog Forum Langenargen, denn der hat allenfalls Mitleid mit Bäumen und Toiletten, nicht aber mit schikanierten Geflüchteten. Sie meinen ganz konkret den Blog SatireSenf.de. Sie meinen mich.

Meine Güte, Herr Hennings. Ermannen Sie sich! Wenn Sie mir etwas mitteilen wollen, dann wenden Sie sich doch bitte direkt an mich und suchen nicht den feigen Weg über meine Kollegin Elke Krieg!

Darüber hinaus ist für mich auch klar: Eine solche, aus der Höhe männlicher Arroganz herab belehrende Mail an eine Kollegin, die Sie selbstverständlich gar nicht als solche respektieren, hätten Sie an einen männlichen Blogger nicht verschickt?

Wenn Sie sich unsicher sind, wie das mit der Kritik geht, was jeder SchwäZ-Kenner sofort verstehen wird, empfehle ich Ihnen die gründliche Lektüre dieses Blogs. Da ist jede Kritik mit Inhalt gefüllt, mit Beweisen versehen, mit Links belegt etc.
Oder es ist halt Satire …

Eigentlich hätte der SchwäZ-Redaktionsleiter Martin Hennings mit seinem eigenen Laden genug zu tun – auch ohne Bürgermeister-Zitate mit Bezügen „ergänzen“ zu lassen, die de facto gar nicht hergestellt wurden.
Bildzitat Ausschnitt Screenshot Instagram

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Schlechter Stil ist keine Kritik
Aber kommen wir mal zu den inhaltlichen Aspekten einer Mail, die Sie besser nicht rausgelassen hätten: Selbst wenn Bürgermeister Enzensperger den von Andy Heinrich hergestellten Bezug zu der Kritik am Integrationsbeauftragten auf Online-Blogs tatsächlich so geäußert hätte, erreicht diese Bemerkung noch nicht einmal ansatzweise das Niveau von „Kritik“ (Ihre Anmerkung: „Kritik einstecken müssen“). Dazu nämlich müsste diese angebliche Kritik substantiiert, mit Inhalt gefüllt werden.

Wo zum Beispiel wird die Arbeit des Integrationsbeauftragten Mirko Meinel – von Krieg und mir – „verfälscht dargestellt“? Sollen Krieg und ich die vielen Fotos gefälscht haben, mit denen wir die unwürdige Unterbringung belegt haben? Sind die Zitate der Geflüchteten nicht zutreffend? Sind die von uns zitierten ärztlichen Atteste falsch?

Nein, Herr Henning, ich glaube, Sie verwechseln da schlicht „Kritik“ mit schlechtem Stil?
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Enzensperger bestätigt die Bezugnahme eben gerade nicht!
Dann ist Ihnen noch ein weiterer peinlicher Fehler in Ihrer Furor-Mail an Elke Krieg unterlaufen. Sie schreiben: „Auch BM Enzensberger [sic], bei dem ich nachgehakt habe, sieht keinen Grund zur Korrektur.“ Ach du süße Herrlichkeit! Er „sieht keinen Grund zur Korrektur“, aber er bestätigt den von Reporter Andy Heinrich hergestellten Bezug zu den Online-Blogs mit seinem Zitat ausdrücklich nicht. Danke, das genügt! Kein Grund zu einer Korrektur zu sehen ist etwas anderes als zu bestätigen, den in der Zeitung stehenden Bezug in der Veranstaltung tatsächlich hergestellt zu haben.

Also: Enzensperger nimmt in seiner Lobrede zwar Bezug auf andere Publikationen – gemeint sind hier offensichtlich die beiden Südkurier-Artikel. Von irgendwelchen Online-Blogs allerdings ist nicht die Rede! Im dazugehörigen Artikel der Schwäbischen Zeitung jedoch kommen sie vor!

So gräbt man der eigenen Tageszeitung das Grab.
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Privilegierte Presseauskünfte von BüM Enzensperger nur für die SchwäZ
Aber ich entrichte mein aufrichtiges Kompliment an Sie, sich – und ihrem Verlag – mit einer einzigen Mail gleich mehrfach ins Knie zu schießen. Das muss man erst mal hinkriegen!

Es ist also Freitagnachmittag (13.35 Uhr), als Elke Krieg ihre Presseanfrage an Sie richtet. Das ist eine Zeit, zu der man die ohnehin gut alimentierten Bürgermeister eher nicht oder nur schwer erreicht. Die Südkurier-Mitarbeiterin Katy Cuko etwa hatte es mit mehreren Presseanfrage-Mails an Enzensperger über Tage hinweg nicht geschafft, von diesem eine Stellungnahme zum Thema Unterbringung von Geflüchteten in Kressbronn (nochmal hier) zu bekommen.

Aber Sie erhalten innerhalb von wenigen Stunden ein Statement des begehrten Bürgermeisters. Auf die Presseanfrage von Krieg um 13.35 Uhr antworten Sie um 20.11 Uhr an einem Freitagabend. Gratulation!

Der Verdacht, dass die Gemeinden des GVV EKL eben nicht die Presse allgemein, sondern exklusiv und privilegiert nur die Schwäbische Zeitung informieren, hatte sich ja schon hier ergeben: Während Krieg sich persönlich und physisch in die Sitzung des Wahlausschusses Langenargen begeben muss, berichtet die SchwäZ deren Inhalte, ohne überhaupt dort anwesend gewesen zu sein.
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Bild von Markus Bieck auf Pixabay

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Sind Sie die Katze oder die Maus?
Kehren wir noch einmal zurück zu der vielsagenden Katze-Maus-Illustration vom Artikelanfang. Sollten Sie für sich und Ihre publizistische Rolle die Katze in Anspruch nehmen wollen, drücke ich Ihnen fest die Daumen, sich dazu passend dann auch genau die Souveränität und Gelassenheit anzueignen, welche diese Zauberwesen auszeichnet.

Wenn Sie sich jedoch eher und aus meiner Sicht auch zutreffender, vor allem aber zu Ihrer Fremdscham induzierenden Opferrhetorik passend als armes Mäuschen begreifen, würde ich Sie dann doch bitten wollen, ihr Hämmerchen gegen meine Extensionen zu richten – und nicht gegen die der Kollegin! Dann wäre ich die Katze und riefe Ihnen zu: „Nur Mut! Ermannen Sie sich!“

Und bitte, Herr Hennings, ersparen Sie sich und uns diese alberne Opfer-Pose! Sie sind nicht Opfer. Sie sind „Täter“ – in leitender Position!

Mit freundlichen Grüßen

Karin Burger
Redaktion SatireSenf.de

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