SaSe43: „Kabarett-WG“ + Hallervorden-Doku-Vorab-Brechreiz + „Mann, Siebert!“ auf dem „Lanz“-Strich

TV-Kritik „3. Stock links – Die Kabarett-WG“ am 3. September 2015
Sie haben Angst? Ich habe Angst! Wir haben doch alle Angst vor dieser Flut, vor der unaufhaltsam uns entgegen strömenden Bedrohung, der die Politik offensichtlich machtlos gegenüber steht: dem Ende der Sommerpause und mithin Dieter Nuhr ante Portas!
Der Göttin sei Dank tröstet die ARD kurz vor den kabarettistisch-sittlich wieder härteren Zeiten noch einmal mit 3. Stock links – Die Kabarett-WG, dritte Folge „Legalize it!“ (Mediathek). Ob allerdings die jüngeren Zuschauer diese bekannte Forderung von Peter Tosh 1976 kennen und einordnen können? Scheißegal, sollen sie halt Google fragen.
Aus medizinischer Sicht wirkt auch diese Folge des „Sitcom-Kabarett-Klons“ wie Prophylaxe gegen das drohende Zahnfleischbluten, böswillig hervorgerufen durch die „Uns-geht’s-ja-noch-gold“-Botschaften des „humoristischen Arms von Pegida“. Oder Pocken-Impfung (also: wirkt wie …).

Kabarett-WG? Mannomannomann! Atemberaubend gutes Kabarett! Ein bündiger Plot. Pfiffige Dialoge erlesener sprachlicher Textur. Hohes Tempo. Pointenfeuerwerk. Überzeugende schauspielerische Leistungen. Und ein Darsteller-Team, dessen kongenialer Nukleus – Maike Kühl, Sebastian Pufpaff, Hannes Ringlstetter – weitere Elemente harmonisch andocken lässt: Christian Tramitz, Maxi Schafroth.

Der verblüfft in „Legalize it!“ vollständig mit einer bisher (von ihm) nie gesehenen schauspielerischen Glanznummer als Marketingexperte für Shit. Da explodiert eine Mischung aus Temperament, Echtheit und Kreativität aus diesem schmalbrüstigen Kerlchen heraus, die den Zuschauer im Sessel in die kugelaugenoffene Senkrechte zwingt. Das Thema muss Schafroth am Herzen liegen? Das kann doch unmöglich gespielt sein? Ehrlich: Ich habe den Mann bisher vollkommen unterschätzt! Der ist ja eine kabarettistische Wundertüte!

Wie geht es weiter mit dieser Sendung in der ohnehin kränkelnden ARD-Satiresparte? Da die Kritiken der „etablierten Medien“ diese Perle des kabarettistischen Donnerstagabends ziemlich unisono in die Gosse geschrieben haben (am schlimmsten: Tagesspiegel; Gegengewicht: TV-Spielfilm; Begeisterungsklimax: SaSe27), macht sich der (systemkritische) Kabarettfreund eher wenig Hoffnung? Die ARD wird sich ein Ei auf dem SatireSenf-Votum backen, aber kostet ja nix: Bitte, bitte weitermachen!

Oder werden (künftig) Kabarettisten, die noch etwas vom einst heiligen anarchischen Geist des Kabaretts in sich tragen und (deshalb?) nicht Mitglied in dieser von Schweigen ummauerten Denkfunk-Truppe sind, nicht mehr an die Krippe gelassen?
Notfalls starten wir ein Senffunk-Crowdfunding-Projekt …


Brechreiz bei der Vorankündigung zur ARD-Hallervorden-„Doku“
Der kommende Samstagabend stellt mit den angekündigten Thron-Feierlichkeiten zum 80. Geburtstag von Deutschlands problemlosesten Komiker wieder ganz hohe Anforderungen an den ARD-Zuschauer: „Das Erste feiert den 80. Geburtstag von Schauspieler Dieter Hallervorden am Samstag, den 5. September mit einem neuen Spielfilm und einer Dokumentation über sein Leben“ (Quelle). Problematisch dabei ist nicht der neue Spielfilm, sondern die angekündigte „Dokumentation über sein Leben“, wenn diese das hält, was die Vorankündigung androht.

Ab 21:45 Uhr folgt die 90-minütige Dokumentation „Dieter Hallervorden – Ein Mann mit Humor und Tiefgang“ von Cornelia Quast. Zu Wort kommen Kollegen und Weggefährten des Schauspielers, den viele einfach nur „Didi“ nennen, darunter Eckart von Hirschhausen, Til Schweiger, die Schauspielkolleginnen Brigitte Grothum und Franziska Troegner, die Kabarettisten Gabi Decker, Frank Lüdecke und Hans Scheibner und sein jüngster Sohn Johannes Hallervorden.
(DWDL.de 28.07.2015: „ARD feiert Dieter Hallervordens 80. Geburtstag“)

Die ARD feierte auch schon Dieter Hallervordens 70. Geburtstag, denn die systemstabilisierende Funktion mehrheitlich argloser Comedy (Zuckerbrot) ist nicht zu unterschätzen.

Den allabendlich in der ARD ausgestrahlten Vorankündigungen (und anderen) ist das sedierend bis narkotisierend langweilige Übliche zu entnehmen. Die zu erwartenden Strophen des immerselben Liedes:

>>>  Testimonial & Kollege Nr. 1: „Hallervorden? Das ist ganz ganz große Kunst!“
>>> Testimonial & Kollege Nr. 2: „Es ist Hallervordens Kunst, die so groß ist.“
>>> Testimonial & Kollege Nr. 3: „Wissen Sie: Die Größe von Hallervordens Kunst, das ist es, was mich wirklich ehrfürchtig macht!“
>>> Testimonial & Anverwandter X1: „Bedauerlicherweise hat das Publikum in seiner Zeit die Größe der Kunst meines Vaters / Bruders / Schwippschwagers 5. Grades (Zutreffendes bitte ankreuzen!) völlig unterschätzt!“
>>> Testimonial & Kollege Nr. 2 (2. Runde): „Wie kann Kunst nur so groß sein?“
>>> Testimonial & Kollege Nr. 1 (2. Runde): „Es klingt abgeschmackt, aber es ist die pure Wahrheit. Deshalb entblöde ich mich nicht, es immer wieder zu wiederholen: Die Kunst von Dieter Hallervorden ist soo groß!“

Ad infinitum, ad nauseam! Da Hallervorden in die Rubrik „Humor“ einzuordnen ist, wird mutmaßlich mit extensiv behauptetem „Tiefgang“ gegengewichtet. Also hautnah an Platon und Aristoteles. Palim palim!

Nicht erwähnt wird dabei sicherheitshalber, dass Dieter Hallervorden eine mediale Größe von gewissem Einfluss ist. Der ist schon soo lange dabei, der kennt Franz und Lotte im gesamten Comedy- und Kabarettbereich. Da wird kaum einer der Kabarettkollegen aus den Reihen der chinesischen Waffenschaubrüderschaft schamloser Lobhudeler ausscheren! Auch wenn die Zuschauer die Flaschen Pommes Frites schon reihenweise in die Schüssel kübeln.

Dieter Hallervorden: Der Mann ist einer der prominentesten Komiker des deutschen Fernsehens und hat in dieser Funktion zwangsläufig auch Fernsehgeschichte geschrieben. Er ist berühmt, erfolgreich, hat damit jede Menge Geld verdient, er ist gesund … und er lebt! Damit hat er mehr erreicht als viele andere. Und und vor allem: Es ist sein (gut bezahlter) Job! Was soll dieser – zumindest nach Vorankündigung zu befürchtende – widerliche und völlig unglaubwürdige Kult? Das ist eine Fernsehzumutung der medialen Steinzeit, der sich junge Zuschauer zu Recht verweigern (werden). Hier feiert sich das Fernsehen wieder selbst. Und man täusche sich nicht: auch das sind Eliten! Sie verhöhnen das Lebenswerk jedes fleißigen Dachdeckermeisters, der als Hallervordens Alterskollege nach einem arbeitsreichen Leben mit kaputtem Rücken und diagnostiziertem Prostatakrebs, schlecht alimentiert von einer  trotz 40 Jahren Beitragszahlungen knapp über der Armutsgrenze trudelnden Rente, schräg auf dem Sofa hängt und versucht, sich mit „palim palim“ über das Faktum ausbleibender bundesweiter Festlichkeiten anlässlich seines 85. Geburtstags und seines realiter viel imposanteren, aber weitaus weniger lustigen Lebenswerks hinwegzutrösten.
Aber freilich: Wer sich Anfang September 2015 am Samstagabend mit der Flasche Pommes Frites und der ARD-Urin-Unterhaltung die Birne zudröhnt, braucht schon nicht mehr darüber nachdenken, wo und warum die Flüchtlingen herkommen, derweil die „Systemmedien“ die Aufmerksamkeit gezielt und ablenkend auf die Frage fokussieren, wo die Flüchtling hinsollen!


„Mann, Sieber!“ als Vorankündigung bei Markus Lanz
Tobias Mann
und Christoph Sieber, das sind die beiden Kabarettisten, die sich ihre moralische Vorzüglichkeit durch Umtriebe in einem sogenannten Gegenöffentlichkeitsprojekt (GÖP) beweisen (müssen), zum Geldverdienen dann aber doch gern wieder bei den etablierten Medien, namentlich dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen, unterkriechen. Frohgemut demontieren sie ihre angebliche Systemkritik durch die dokumentierte Schamfreiheit, dabei auch und für die neue ZDF-Sendung Mann, Sieber! werbend vorankündigend in einer Talkshow-Monstrosität wie Markus Lanz (Mediathek) aufzutreten. Wat mutt, dat mutt! Geld regiert die Welt. Und auch Mann und Sieber müssen schließlich ihre Familien ernähren? Die Kunst geht nach Brot.

Trotzdem ist moralischer Fortschritt zu verzeichnen. War es dem hyperaktiven Denkfunk-Fürsprecher Tobias Mann in der Markus-Lanz-Sendung vom 12. März 2015 noch erlaubt, im Öffentlich-Rechtlichen für das Gewerbeunternehmen mit Abo-Verkauf „einzutreten“ (hier!), wurde das dubiose GÖP beim gestrigen Auftritt des Denkfunk-Autorenduos bei Lanz mit keiner Silbe erwähnt.

Wie viel die Prostitution im Öffentlich-Rechtlichen dabei von Kabarettisten verlangt, illustriert die Tatsache, dass Sieber und Mann stillschweigend den natürlich vor ihnen zu Worte kommenden Politikschwerverbrechern bzw. –nachkommen, Edmund Stoiber (CSU) und die Franz-Josef-Strauß-Tochter Monika Hohlmeier (CSU), zu lauschen hatten. Merkt eigentlich noch jemand etwas? Unsere angeblich linken Politkabarettisten als Garnitur und Staffage für den Fernsehauftritt zwei prominent übler CSU-Größen?

Christoph Sieber lieferte, endlich „an der Reihe“, dann standesgemäß, witzig und unterhaltsam Kabarett im Sitzen ab. Der unter permanentem ADHS-Verdacht stehende Tobias Mann hatte darüber hinaus noch Gelegenheit, seine mangelnde Erziehung zu demonstrieren, als er, schon längst nicht mehr an der Reihe, das Lanz-Gespräch mit dem Musiker Mark Foster, Gewinner des Bundesvision Song Contest 2015, unterbrach und sich wie ein unerzogenes Kind erneut in den Vordergrund spielen musste. Fremdschäm-Training!

Auch bei der dramaturgischen Ausgestaltung heute fast schon selbstverständlicher politischer und gesellschaftlicher Zynismen hielten Sieber & Mann brav und klaglos die Lampe. Gerade noch hatte Sieber durchaus überzeugende Proben seiner kabarettistischen Kunst abgegeben, darf, nach dem Foster-Intermezzo, eine Todgeweihte ihren Beitrag zur Unterhaltung der ZDF-Fernsehzuschauer liefern: Nina Zacher. Die bewundernswerte Frau leidet an der durch die völlig bescheuerte Ice-Bucket-Challange bekannt gewordenen Nervenkrankheit ALS = amyotrophe Lateralsklerose und wird vermutlich ihren nächsten Geburtstag nicht mehr erleben.  Frau Zacher sei dieser Fernsehauftritt von Herzen gegönnt. Weitergehende Kritik an der Lanz-Redaktion für die schamlose Instrumentalisierung dieses Schicksals zur Abendunterhaltung unter dem vollkommen unglaubwürdigen Aufklärungsetikettchen sei deshalb abgewürgt.

Der Kontrast hätte schärfer, bitterer und peinlicher nicht sein können: Eben noch Kabarett und Kasperei, kurz danach Tragik und Tod. Die Mischung macht die Fernsehunterhaltung. Und die intellektuelle Elite (#räusper#) in Person zweier bekannter und preisgekrönter Kabarettisten hat nicht nur keine Einwände gegen diesen schamlosen Zynismus, beteiligt sich nicht nur daran, sondern profitiert auch noch davon! Kabarettisten mit Stil und Anstand hätten an dieser Stelle und dieses Mal zu Recht das Gespräch unterbrechen müssen mit einer Kritik an der pur gewinnorientierten Pharma, die in der Vergangenheit nur deshalb diese dramatische Krankheit nicht erforscht hat, weil die geringen Patientenzahlen keinen Profit versprechen! Stattdessen patschen sie brav ihre wohl doch ziemlich geldgierigen Händchen zusammen, unsere kabarettistischen System-Claqueure!

Eins darf man beiden, sowohl Christoph Sieber wie Tobias Mann, nach diesem schockierenden Prostitutionsschaulauf bei Markus Lanz als Kulisse für CSU-Politiker und Fernsehunterhaltung mit Todgeweihten berechtigt absprechen: Haltung! Und zwar: jede!

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