HInfo14: Energiepark Hahnennest: Kein 1.000-Kühe-Stall mit Geberit?

Die Firma Geberit ist ein weltweit agierender Konzern im Sanitärbereich. Ein wesentlicher Bestandteil des Geberit-Images ist das ausgefeilte Nachhaltigkeitskonzept , wie es des Weiteren hier, hier und hier erläutert wird.

Umso verwunderlicher ist die Tatsache, dass sich die Firma Geberit, der größte Arbeitgeber unserer Region, auf dem Energiesektor mit der Energiepark Hahnennest GmbH (EPH) im nahegelegenen Ostrach zusammengetan hat. Geberit bezieht seit Jahren „Biogas“ (korrekt: Agrogas) aus dem EPH. Das Verwunderliche an dieser Kooperation ist – aus meiner Sicht – die Tatsache, dass der EPH schon einfachen Seriositätskriterien nicht genügt. Das fängt ganz lapidar mit den diversen Impressen der einschlägigen EPH-Unternehmen an (hier und hier), die nicht den gesetzlichen Vorgaben entsprechen. Und das marschiert pfeilgerade zum Thema Transparenz: Der EPH beantwortet (meine) kritischen Fragen – bisher – nicht.

Überdies besteht der Verdacht, den die EPH-Verantwortlichen trotz entsprechender Gelegenheit zur Stellungnahme bisher nicht ausräumen, dass die sogenannte Biogasanlage Hahnennest hinsichtlich der Nachhaltigkeit nicht zertifiziert ist. Das könnte die Nachhaltigkeit der EPH grundsätzlich in Frage stellen. Wie aber kann Geberit diesen fehlenden Nachweis der Nachhaltigkeit im EPH in seinen hohen Anspruch an Nachhaltigkeit integrieren?
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Geberit-Verantwortliche müssen viel mehr arbeiten als die Erdgas-Südwest-Jungs?
Den Abstand hinsichtlich Seriosität und Transparenz zwischen Unternehmen wie dem EPH oder auch der Erdgas Südwest (i. e. EnBW) und einem weltweit agierenden Konzern wie der Geberit AG, hier namentlich der Geberit Vertriebs GmbH Pfullendorf, lässt sich unschwer am Zeitfenster von Presseauskünften nachmessen. Der EPH beantwortet meine Presseanfragen bisher überhaupt nicht; die Erdgas Südwest, der seit dem 12. August 2017 ebenfalls eine detaillierte Anfrage vorliegt, vertröstet mich mit Hinweis auf die Urlaubszeit bis zum Ende der 37. Kalenderwoche, also den 15. September 2017.

Bei Geberit genießen die Verantwortlichen offensichtlich nicht derart großzügige Urlaubsabwesenheiten. Auf eine nur mündlich an die externe Pressestelle des Konzerns gerichtete Anfrage meinerseits erfolgte innerhalb einer Woche die schriftliche Stellungnahme der Geberit Vertriebs GmbH, Thomas Brückle. Und die hat es ordentlich in sich!


„Keine Gülle aus Betrieben mit Massentierhaltung“
Meine Anfrage an Geberit steht im Zusammenhang mit einer Vereinbarung, die 2011 zwischen dem EPH, dem BUND und Geberit getroffen wurde. Darin heißt es unter Punkt 5:

Keine Gülle  aus  Betrieben  mit  Massentierhaltung  (<  2  GVE/ha  bezogen  auf  gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche)  und beschränkter Zukauf von Biomasse, max. Lieferdistanzen für Gülle und Energiepflanzen vom Acker: 10[]km, für übrige Biomasse: 25[]km. (10-Punkte-Papier Biogas Ostrach Hahnennest; Hervorhebg. SaSe)

Nun ist aber schon seit mindestens zwei Jahren bekannt, dass die EPH-Unternehmer Thomas Metzler, Simon und Georg Rauch, Edwin König, Egon und Felix Kaltenbach (Übersicht hier) als Bestandteil des EPH-Gesamtprojektes einen „Milchpark Hahnennest“ mit einem 1.000-Kühe-Stall planen.

Das leitet direkt zu der Frage, wie sich dieser 1.000-Kühe-Stall, der als „Massentierhaltung“ kategorisiert wird, mit dem hochwerten Nachhaltigkeitskonzept von Geberit und vor allem mit der oben zitierten Vereinbarung – „keine Gülle aus Betrieben mit Massentierhaltung“ – verträgt.

Wann wurde die zitierte Liefervereinbarung mit Geberit von wem gekündigt? Weiß Geberit überhaupt „offiziell“ von diesem in der Planung schon weit fortgeschrittenen Projekt, das große Mengen von Gülle aus einem Betrieb mit Massentierhaltung in die Hahnennester Agrogasanlage spülen wird?


Die sprengkräftige Antwort von Geberit
Am 28. August 2017 erreicht mich über besagte externe Pressestelle in Stuttgart folgende Presseauskunft der Geberit Vertriebs GmbH, die ich hier ungekürzt wiedergebe:

Energiepark Hahnennest «1000-Kühe-Stall»
Geberit Deutschland zum Vertrag mit dem Energiepark Hahnennest

Als europäischer Marktführer für Sanitärprodukte ist sich Geberit der Verantwortung gegenüber der Umwelt bewusst. Nachhaltigkeit ist schon lange ein fester Bestandteil dieses Selbstverständnisses. Damit Geberit langfristig erfolgreich ist, müssen in allen Entscheidungsprozessen ökonomische, ökologische und soziale Gesichtspunkte ausgewogen berücksichtigt und für die wesentlichen Stakeholder ein konkreter Mehrwert generiert werden. In diesem Zusammenhang hat Geberit Deutschland eine Biogasanlage im Werk Pfullendorf eingeführt. Diese wird mit Biogas des Unternehmens Energiepark Hahnennest betrieben.
Geberit hat 2011 mit Energiepark Hahnennest (EPH) und dem BUND ein «10 Punkte Papier Biogas Ostrach-Hahnennest» für den Bezug von Biogas verabschiedet. Das Papier regelt den Liefervertrag zwischen Geberit Deutschland und dem Geschäftspartner EPH und hat nach wie vor seine Gültigkeit.
Weitere Informationen zum Nachhaltigkeitsaspekt bei Geberit finden sich im aktuellen Geschäftsbericht 2016.

Mehr Informationen und Bildmaterial erhalten Sie unter www.geberit.de
Weitere Auskünfte erteilt:
Geberit Vertriebs GmbH
Theuerbachstr. 1 DE-88630 Pfullendorf
Thomas Brückle
Tel. 07552 934 0

Über Geberit
Die weltweit tätige Geberit Gruppe ist europäischer Marktführer für Sanitärprodukte. Als integrierter Konzern verfügt Geberit in den meisten Ländern Europas über eine sehr starke lokale Präsenz und kann dadurch sowohl auf dem Gebiet der Sanitärtechnik als auch im Bereich der Badezimmerkeramiken einzigartige Mehrwerte bieten. Die Fertigungskapazitäten umfassen mehr als 30 Produktionswerke, davon 6 in Übersee. Der Konzernhauptsitz befindet sich in Rapperswil-Jona in der Schweiz. Mit mehr als 12 000 Mitarbeitenden in über 40 Ländern erzielte Geberit 2016 einen Nettoumsatz von CHF 2,8 Milliarden. Die Geberit Aktien sind an der SIX Swiss Exchange kotiert. Seit 2012 sind die Geberit Titel Bestandteil des SMI (Swiss Market Index.
(Presseauskunft der Geberit Vertriebs GmbH an Karin Burger vom 28.08.2017; Hervorhebg. KB)
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Die Konsequenzen sind nicht formuliert
Es imponiert die Professionalität dieser Auskunft. Denn die Konsequenzen, die sich aus der klaren Ansage, der zitierte Liefervertrag mit all seinen Punkten habe nach wie vor Gültigkeit, ergeben, werden nicht formuliert. Die SaSe-Leser nehmen bitte zur Kenntnis, dass nachfolgend Formuliertes die von mir gezogenen logischen Schlüsse aus oben zitierter Geberit-Auskunft sind; nicht aber Angaben von Geberit selbst!

Drei verschiedene Rückschlüsse sind meiner Meinung nach denkbar:

  1. Ein 1.000-Kühe-Stall ist kein Massentierhaltungsbetrieb.
    Ich denke, diese Option lässt sich sofort verwerfen. Es ist schwer vorstellbar, dass Geberit behaupten möchte, ein 1.000-Kühe-Stall sei kein Massentierhaltungsbetrieb. Überdies eröffnet der Klammerausdruck in der Vereinbarung die Möglichkeit, den Status der Massentierhaltung auch rechnerisch zu belegen.
    Ganz nebenbei erhebt sich die Frage, ob dieser Passus nicht schon durch die bisher von den EPH-Verantwortlichen betriebene „Massentierhaltung“ (Bestandszahlen im Vergleich zur Fläche hier) verletzt wurde?
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  2. Sobald der EPH Gülle aus dem Betrieb mit der Massentierhaltung von 1.000 Kühen bezieht, sind die Lieferbedingungen nicht mehr erfüllt. Geberit scheidet als Geschäftspartner der EPH aus.
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  3. Der 1.000-Kühe-Stall wird doch nicht gebaut. Der EPH erfüllt die mit Geberit vereinbarten Lieferbedingungen. Der Nachhaltigkeitsanspruch des Konzerns Geberit erleidet keinen Schaden. Und alles ist gut. Aber eine Menge Geld ist den hoffentlich nicht von einer Silphie gesäumten Bach hinuntergegangen.


Wieder keine Auskunft vom EPH
Selbstverständlich habe ich auch dem EPH Gelegenheit gegeben, zu dieser doch brisanten Ansage von Geberit Pfullendorf Stellung zu beziehen. Mit einer „EIL-Presseanfrage“ vom Montag, dem 28. August 2017, erhielt der EPH die Möglichkeit, bis spätestens heute, 30. August 2017, Redaktionsschluss 10.00 Uhr zu den von mir gezogenen Schlüssen Stellung zu beziehen oder sie zu korrigieren.

Es ist keine Stellungnahme vom EPH bei mir eingegangen.*
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Aktualisierung vom 02.09.2017

Fast schon eine Art „Auskunft“ vom EPH?
Mit Mail vom 1. September 2017 erreicht mich folgende Information des Energiepark Hahnennest (EPH). Angelegentlich einer Wiederholung der Einladung in die Biogasanlage (hier) sowie der Versicherung eines für mich barrierefreien Zugangs kündigt der EPH an:

[…] in Vorbereitung auf unseren gemeinsamen Termin wäre es sinnvoll, wenn Sie eine Stellungnahme vom BUND einfordern würden. Der BUND spricht von Massentierhaltung in Hahnennest und kommuniziert dies auch so auf der Homepage des BUND Pfullendorf. Es ist jedoch Tatsache, dass der BUND Ravensburg – in Absprache mit dem BUND-Landesverband –  in Zusammenarbeit mit der Firma Geberit und  dem Energiepark Hahnennest die Definition des Begriffes „Massentierhaltung“  in dem 10 –Punktepapier wie folgt festgelegt hat: < 2 GVE/ha bezogen auf gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche.
Dieses Kriterium haben wir nachweislich seit Beginn der Vereinbarung im Jahr 2011 bis heute erfüllt und werden dies auch nach dem Bau der [sic!] Milchviehstalles problemlos erfüllen. Die Erfüllung der gesamten Kriterien werden wir Ihnen bei unserem Termin in Hahnennest gerne darlegen.
(Partielle Presseauskunft des EPH in einer Mail an Karin Burger vom 01.09.2017; Hervorhebg. SaSe)

Das wird spannend und möglicherweise eine Lektion in Greenwashing? Obigen Angaben entnehme ich, dass der 1.000-Kühe-Stall a) nicht als „Massentierhaltung“ gelten soll und b) die Bestandszahlen der agierenden Landwirte insgesamt so gerechnet werden, dass sie gegen die zitierte Vereinbarung mit Geberit nicht verstoßen.

Da die Biogasanlage Hahnennest entgegen der Behauptungen anderer Gäste, die schon dort waren, nun doch barrierefrei zugänglich sei und die obige Frage zur Berechnung und Kategorisierung der Nutzviehbestände der Klärung harrt, werde ich die Einladung selbstverständlich annehmen.


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Bisher erschienene SaSe-Beiträge zum Thema 1.000-Kühe-Stall in Ostrach:
+ HInfo8: Mehr als 30.000 Unterschriften gegen den Mega-Kuhstall in Ostrach
+ TS03/17: Zu unterschreitende Grenzwerte nicht nur bei Dieselautos
+ HInfo9: 1.000-Kühe-Stall und die Technischen Werke Schussental: Massentierhaltung, wenn sie denn genehmigt
+ HInfo10: 1.000-Kühe-Stall Ostrach: Ehemaliger TWS-Aufsichtsrat appelliert an Minister Manfred Lucha und TWS-Aufsichtsratkollegen
+ HInfo11: 1.000-Kühe-Stall Ostrach: Die Position von Bürgermeister Christoph Schulz
+ TS05/11: Ein Schnäppchen auf dem Ostracher Ku’Damm und keine Massentierhaltung in Hahnennest
+ HInfo12: 1.000-Kühe-Stall: Eine dolle Einladung von und in den Energiepark Hahnennest

+ HInfo13: Feldlerche sucht neues Zuhause oder:  So spritzen und düngen Sie Ihre Lügen-Silphie richtig

 

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